mini|Darwin-Ohrhöcker

Ein Atavismus (von ‚Urahn‘), veraltet auch Rückschlag, ist das Wiederauftreten von anatomischen Merkmalen bei einem Lebewesen, die bei entfernteren stammesgeschichtlichen Vorfahren ausgebildet waren, bei den unmittelbaren Vorfahren jedoch reduziert wurden, da sie für die gegenwärtige Entwicklungsstufe keinerlei Funktion mehr besitzen. Häufig werden Atavismen daher als Missbildung wahrgenommen. Sie zählen, ebenso wie die Rudimente, zu den klassischen Evolutionsbelegen und können bei allen Lebewesen gleichermaßen auftreten. In einem erweiterten Sinne wird der Begriff auch in der Ethologie für entwicklungsbiologisch ursprüngliche Verhaltensweisen gemeinsamer evolutionärer Vorfahren angewandt. Da es sich um genetisch fixierte Verhaltensweisen handelt, sind ethologische Atavismen zwingend angeboren, nie erlernt.

Anatomische Atavismen Bei Menschen Halsrippen mini|Halsrippen bei einem Menschen, links (rechte Bildseite). Computertomographie, 3D-Darstellung. Halsfisteln als Überbleibsel der während der Embryonalentwicklung angelegten Kiemenbögen die Ausbildung eines Schwanzes mit ausgeprägter Schwanzwirbelsäule durch ein herausgewachsenes Steißbein zusätzliche Brustwarzenpaare entlang der Milchleiste (Polythelie und Polymastie) mini|Überzählige Brustwarze bei einem Mann Wollige Körperbehaarung, die auch als Hypertrichose bezeichnet wird Hornzipfel Processus supracondylaris, ein knöcherner Fortsatz am Oberarmknochen Darwin-Ohrhöcker, ein Knorpelfortsatz am Außenrand der Ohrmuschel

Bei anderen Tieren

Ausbildung von überzähligen Klauen bei Rindern, Kamelen, Pferden und Ziegen, eine Form der Polydactylie

Ausbildung von Hinterextremitäten bei Meeressäugetieren wie Walen und Delphinen oder auch Schlangen Ausbildung von Zähnen in den Schnäbeln von Hühnern bei talpid2-Mutanten (könnte als künstlich induzierter Atavismus angesehen werden). spontanes Wiederauftreten von Flügeln bei Flügellosen Fluginsekten

Bei Pflanzen Weniger bekannt sind Atavismen bei Pflanzen, doch wurden solche bereits im 19. Jahrhundert erforscht. (, II. Folge: , III. Folge und Schluss: ) Dazu gehören unter anderem die Pelorienbildung bei Blütenpflanzen, Eschen mit nur ein- oder dreifach gegliederten Blättern (Einblattesche) sowie Kakteen mit auftretenden Blättern.

Bei Bakterien, Pilzen und eukaryotischen Einzellern Grundsätzlich sollten atavistische Formen auch bei Bakterien, Pilzen und Einzellern auftreten. Allerdings sind sie aufgrund der starken Variabilität dieser Lebewesen und teilweise nicht vollständig geklärter Abstammungsverhältnisse schwieriger eindeutig zu identifizieren und von Neubildungen zu unterscheiden.

Ursachen von Atavismen Die Bildung von Atavismen kann folgende Ursachen haben: Hemmungsmissbildungen (paratypischer Atavismus): die arttypische Ausdifferenzierung vorübergehend vom Embryo durchlaufener Organbildungsstadien mit Rekapitulation früherer Merkmale bricht durch exogene Störung ab; mutativer Atavismus: durch Mutation bestimmter Gene oder Änderungen der Genregulation mit erneuter Aktivierung reprimierter (latenter) Gene entsteht phänotypisch Ähnlichkeit zu einer Ahnenform; Hybrid-Atavismus (Kombinationsatavismus): Aus einer Stammform entstanden phänotypisch deutlich unterschiedliche Genotypen von Abkömmlingen. Durch deren Kreuzung (Bastardisierung) kommt es zu einer Genkonstellation, die dem Genotyp der Stammform sehr ähnelt und auch eine phänotypische Ähnlichkeit bewirkt.

Verhaltensatavismus Bei Verhaltensatavismen handelt es sich um angeborene Verhaltensweisen, die im Verlauf der Stammesgeschichte abgelegt wurden. Beispielsweise bauen einzelne Haussperlinge gelegentlich ihre Nester nicht wie üblich, sondern errichten stattdessen Kugelnester, wie sie für ursprüngliche Webervögel charakteristisch sind. Diese atavistischen Kugelnester entstehen nicht durch Nachahmung eines Vorbildes, sondern die Formgebung seines Nistplatzes ist angeboren, der Vogel handelt also rein instinktgesteuert.

Auch das Fight-or-flight-Syndrom des Menschen kann als Verhaltensatavismus gelten, denn dabei treten seine artspezifischen kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten in den Hintergrund zugunsten instinktgesteuerter häufig irrationaler Reaktionen.

Literatur Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie. 3. Auflage, Ulmer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-8318-6. Martin Brandt: Über 2 Fälle von abnormen Ursprung und Verlauf der Art. subclavia dextra, zugleich ein Beitrag zur Frage des sekundären Atavismus. Aus dem Pathologischen Institut der Universität Breslau. Breslau 1921, (Medizinische Dissertation Universität Breslau 1921, 2 Blätter, 8). Reinhard Junker: Rudimentäre Organe und Atavismen. Konstruktionsfehler des Lebens? (= Studium integrale: Biologie.) Zeitjournal Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-927390-03-8.

Weblinks

(mit Textkorpora) Atavismus in Titeln wissenschaftlicher Veröffentlichungen (Google Scholar)

Illustrationen von Atavismen beim Menschen: Außenansicht, Röntgenaufnahme und englische Erläuterung dreier Fälle des menschlichen Schwanzes (englisch, PDF, 386 KiB)

Illustrationen von Atavismen bei Tieren: Hypothetische Bindeglieder zwischen Affe und Mensch: Zur fossilarmen Frühgeschichte der Paläoanthropologie Atavismus und Rudimente

Einzelnachweise

Kategorie:Anatomie Kategorie:Evolution