Neukantianismus ist die vor allem von Otto Liebmann und Friedrich Albert Lange in den 1860er Jahren eingeleitete philosophische Bewegung, welche sich unter Berufung auf die transzendentale Logik und erkenntnistheoretische Schriften Immanuel Kants gegen den Materialismus wendet.
Hierbei wurde die Forderung erhoben, wieder direkt auf Immanuel Kant zurückzugehen und eine Philosophie zu entwickeln, die den Ansprüchen der damals modernen Wissenschaften genügte. Charakteristisch ist für den Neukantianismus außerdem das neu erwachte Interesse an einer geltungstheoretischen Begründung der Geisteswissenschaften und das Interesse an einer philosophischen Begründung der politischen Theorie. So liefert etwa der Marburger Neukantianismus die theoretische Grundlage für den Revisionismus Eduard Bernsteins und für den Austromarxismus Max Adlers. Auch im Bereich der russischen Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts hatte der Neukantianismus eine erhebliche Bedeutung, da er die Mitte zwischen orthodox-mystischer Metaphysik und atheistischem Materialismus hielt.
Entstehung Für die Entstehung des Neukantianismus ist vor allem die Neudeutung der kantischen Moralphilosophie, insbesondere der Kritik der praktischen Vernunft, im Kontext einer zunehmenden philosophischen Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert von zentraler Bedeutung.
Die Philosophie Kants galt in den ersten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund idealistischer und spiritistischer Deutungen der Morallehre in der Kritik der praktischen Vernunft, etwa durch Johann Heinrich Jung-Stilling oder Johann Friedrich Immanuel Tafel, für viele Rezipienten als Autorität der Verteidigung christlicher oder swedenborgianischer Positionen. Auch Arthur Schopenhauer, dessen Philosophie zu dieser Zeit jedoch noch kaum Beachtung geschenkt wurde, setzte sich bereits in der ersten Auflage seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung (1819) in kritisch-erweiternder Art und Weise mit der Erkenntnistheorie Immanuel Kants auseinander. Noch in seinem bekannten Alterswerk Parerga und Paralipomena, im Kapitel „Versuch über Geistersehn und was damit zusammenhängt“, bezeichnete Schopenhauer Kants Morallehre als „faktische Bestätigung“ für die Sehergabe von Somnambulen und den Mesmerismus.
Ein Jahr nach dem Tod von Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte Friedrich Eduard Beneke mit der Schrift Kant und die philosophischen Aufgaben unserer Zeit (1832) dann einen durchaus Kant-kritischen Schritt zur Wiedererinnerung an Kants Erkenntnislehre getan. Christian Hermann Weisse hielt 1847 eine Rede mit dem Titel In welchem Sinne die deutsche Philosophie jetzt wieder an Kant sich zu orientieren hat. Auch Jakob Friedrich Fries hatte sich stark auf Kant bezogen.
Indem eine größer werdende Gruppe von Naturforschenden, prominent der Zoologe Ernst Haeckel, einen Primat des Materiellen vor dem Geistigen postulierte, forderten sie eine Relektüre der bis dahin tonangebenden kantischen Morallehre. Die in Kants Kritik der praktischen Vernunft formulierten Postulate der Unsterblichkeit der Seele und des Daseins Gottes seien, so Haeckel, durch die neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnisse widerlegt.
Derartige Positionen waren bereits 1854 im Materialismusstreit formuliert worden. In dieser wissenschaftlichen Debatte verteidigte der Göttinger Physiologe Rudolf Wagner das Christentum als geistiges Fundament der Naturwissenschaft, während der Gießener Zoologe Carl Vogt die Materie als Voraussetzung für die Existenz des Geistigen und eines Gottes betrachtete. In den Folgejahren weitete sich der Materialismusstreit mit dem Erscheinen von Charles Darwins Über die Entstehung der Arten (1859) geradezu zu einem „Weltanschauungskampf“ aus, in dem das gesamte christliche Weltbild materialistisch bzw. monistisch umgedeutet und als protestantische Wissenschaft gegen als katholisch gebrandmarkte Positionen in Stellung gebracht werden sollte.
Zeitgleich zum Materialismusstreit geriet die sich auf Kant beziehende Moralphilosophie mit ihrem Fokus auf die Postulate der praktischen Vernunft in eine Glaubwürdigkeitskrise, die wiederum den Erfolg von Naturwissenschaftlern wie Vogt, Moleschott und Büchner sowie später Haeckel und dem von ihnen propagierten Monismus vor allem in moralischen Fragen bedingte. Infolge der Angriffe auf die kantische Morallehre war es somit das Hauptprojekt sich als neukantianisch verstehender Autoren, die von der Warte einer (philosophisch verallgemeinerten) Naturwissenschaft aus monierten Aussagen der Kritik der praktischen Vernunft zur Unsterblichkeit der Seele zu relativieren und umzudeuten. Zentral in diesen Debatten war der später an der Universität Halle lehrende Philosoph Hans Vaihinger. Vaihinger hatte bereits in den 1870er Jahren die Schriften Langes und Liebmanns als fundamentale Marksteine für eine neue Interpretation der kantischen Philosophie bezeichnet. Dabei war für Vaihinger aber gerade die strikt antimetaphysische Kantdeutung dieser beiden Autoren zentral, weil nach Vaihingers Diagnose diese Position die Ausbreitung mystischen Gedankenguts eindämme, wie es etwa von Eduard von Hartmann, dem seinerzeit überaus bekannten Verfasser der Philosophie des Unbewussten, vertreten werde. Für Vaihinger war Hartmanns Konzept nichts weiter als eine Ausgeburt des seinerzeit europaweit populär werdenden Spiritismus. Vaihinger entwickelte in der Auseinandersetzung mit Haeckels Positionen und in Abgrenzung zum Spiritismus eine neue, naturwissenschaftlich kompatible und antispiritistische Interpretation der kantischen Lehre, aus der dann seine Philosophie des Als Ob (1911) hervorging, die moralische Postulate bei Kant als reine Fiktionen deutete. Der literarische Ort, an dem diese Kantdeutung prominent vertreten und schließlich als Kanon der neukantianischen Deutung der Moralphilosophie formuliert wurde, waren um 1900 die Kant-Studien, die Vaihinger selbst begründet hatte.
Der Neukantianismus ging aus einer Frontstellung gegen diese materialistischen Standpunkte einerseits und metaphysisch-spiritistische Philosopheme andererseits hervor und präsentierte sich als wissenschaftliches Gegenprogramm zu einer mystischen Philosophie, aber auch zum radikalen Materialismus. Indem er eine wissenschaftstheoretische Methode propagierte, durch eine kritische Erkenntnistheorie den Absolutheitsanspruch des Materialismus relativieren zu können, wurde der Neukantianismus als eine akademische Bewegung inszeniert, die sich vor allem in der Umdeutung der kantischen Morallehre in Fiktionen charakterisiert. Da der naturwissenschaftlichen Erkenntnis der Materie gegenüber ein fiktionales Reich des Geistes behauptet wird, das nicht in der Materie aufgehe, setzte in kritischer Auseinandersetzung mit Vaihingers Fiktionsthesen etwa der Südwestdeutsche Neukantianismus mit Wilhelm Windelband eine Zweiteilung der Welt in eine „Welt des Geistes“ (Geisteswissenschaft) als idiographische Wissenschaft und eine „Welt der Natur“ (Naturwissenschaft) als nomothetische Wissenschaft durch. Infolge dieser bis heute vorherrschenden Logik werden Geistes- und Naturwissenschaft methodisch strikt voneinander getrennt und von Materialismus und Spiritismus abgegrenzt.
Vertreter Der eigentliche Beginn des Neukantianismus wird mit den Namen Friedrich Albert Lange, Otto Liebmann, Eduard Zeller und Hermann von Helmholtz verbunden. Lange hatte in seiner Geschichte des Materialismus (1866) diese Position ausführlich und dezidiert kritisiert. Liebmann hatte in seinem Werk Kant und die Epigonen (1865) in vier Kapiteln jeweils den Deutschen Idealismus, den Realismus des Johann Friedrich Herbart, den Empirismus der Naturwissenschaften, philosophisch vertreten etwa von Jakob Friedrich Fries, und die Transzendentalphilosophie Schopenhauers zurückgewiesen und am Ende dieser Kapitel und des Schlusskapitels wie einen Schlachtruf in verschiedenen Varianten notiert: „Also muß auf Kant zurückgegangen werden“.
Helmholtz als führender Naturwissenschaftler exponierte sich gegen den Materialismus. In einer Rede von 1877 führte er aus: Ich bitte Sie nicht zu vergessen, dass auch der Materialismus eine metaphysische Hypothese ist, eine Hypothese, die sich im Gebiet der Naturwissenschaften allerdings als sehr fruchtbar erwiesen hat, aber doch immer eine Hypothese. Und wenn man diese seine Natur vergisst, so wird er ein Dogma und kann dem Fortschritt der Wissenschaft ebenso hinderlich werden und zu leidenschaftlicher Intoleranz treiben wie andere Dogmen. Diese Gefahr tritt ein, sobald man Tatsachen zu leugnen, oder zu verdecken sucht. (Holzhey, 2004, 29). Weiteren Einfluss hatten der Philosophiehistoriker Kuno Fischer, der den Kritizismus mit dem Fichteschen Idealismus verband, sowie Jürgen Bona Meyer mit seinem Werk Kants Psychologie (1870).
Seit ca. 1875 wird der Begriff des Neukantianismus in der Fachliteratur verwendet. Zentral ist hierbei Eduard von Hartmann, der diesen Begriff zuerst in den Diskurs brachte, nämlich als einen Kampfbegriff, der Langes und Liebmanns antimetaphysische Interpretation der kantischen Morallehre, entgegen deren Intention, als morallosen Materialismus abkanzelte. Als besonders herausragend gelten die Vertreter der Marburger Schule sowie der Südwestdeutschen Schule (Heidelberg). Daneben gab es einige unabhängige Philosophen, die heutzutage manchmal unter der Überschrift Kritizismus zusammengefasst werden.
Marburger Schule
Hermann Cohen (1842–1918) gilt als der Begründer der sog. Marburger Schule, die stark mathematisch und wissenschaftsorientiert ausgerichtet war. Er kritisierte den Psychologismus vom kantischen Standpunkt. Dass es ein von der Psyche unabhängiges Wissen gibt, erklärt sich schon daran, dass Mathematik in Lehrbüchern unabhängig vom Subjekt existiert. Entsprechend kann die Erkenntnis nicht allein an ein Subjekt gebunden werden. In Bezug auf Kant entwickelte Cohen nach einer zunächst philologischen Darstellung im Laufe der Zeit eine eigenständige Position, die eher den idealistischen Standpunkt einnahm und insbesondere nicht Begriffe, sondern Urteile als Basis des menschlichen Denkens zugrunde legte. Nicolai Hartmann studierte in Marburg und wurde zumindest von einigen Gedanken der Marburger Schule beeinflusst. Auch Paul Natorp (1854–1924) befasste sich vor allem mit den logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften. Allerdings lehnte er die Existenz eines Dings an sich und von vom Verstand unabhängigen Anschauungen ab. Zur Marburger Schule zählten u. a. auch Karl Vorländer, mit dem Schwerpunkt der Geschichtsphilosophie in Verbindung mit dem Marxismus, und Rudolf Stammler, der sich vor allem mit sozial- und rechtsphilosophischen Fragen befasste, sowie der Völkerrechtler Walther Schücking (1875–1935), der bei Kants Friedensgedanken ansetzte und entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Friedensvölker- und Verfassungsrechts im 20. Jahrhundert ausübte. Wie Cohen versuchte Benzion Kellermann die jüdische Philosophie mit der Philosophie Kants zu verbinden.
Ernst Cassirer (1874–1945) steht einerseits der Tradition der Marburger Schule nahe, ist vom Alter her und mit der Aufnahme sprachphilosophischer Themen wie der Frage der Bedeutung sowie der Philosophie der symbolischen Formen andererseits schon voll dem 20. Jahrhundert zuzurechnen. Für ihn gewährten nicht nur die Kategorien einen Bezug zur Welt, sondern verschiedene eigenständige symbolische Formen, wie Sprache, Religion, Kunst, Technik, Geschichte und Recht.