mini|hochkant|Carlfriedrich Claus beim Rossendorfer Klubabend (ROK) 98 Gespräch über Sprachblätter am 2. März 1978
Carlfriedrich Claus (* 4. August 1930 in Annaberg; † 22. Mai 1998 in Chemnitz) war ein deutscher avantgardistischer Künstler auf den Gebieten der Schriftgrafik, der Visuellen und Konkreten Poesie sowie der Lautpoesie. Er schuf ein umfangreiches Œuvre an Artikulationen, Sprachblättern, Drucken und Grafiken. Sein Nachlass steht als im Länderverzeichnis für Sachsen eingetragenes Kulturgut unter Kulturgutschutz.
Leben Carlfriedrich Claus wurde als einziges Kind des Schreibwaren- und Kunstbuchhändlers Johannes Friedrich Emil Claus (1887–1944) und dessen Frau Johanna Luise Claus (1893–1969) in Annaberg/Erzgebirge geboren. 1933 zog die Familie von der Bambergstraße 6 in die Buchholzer Straße 10 (Eingang Johannisgasse, Souterrainwohnung unter dem Kino „Gloria-Palast“). Am 8. April 1937 wurde Carlfriedrich Claus in die Pestalozzi-Schule eingeschult; ab dem 28. August 1941 besuchte er das Anton-Günther-Gymnasium. Dem Bürobedarfsgeschäft in der Buchholzer Straße 21 (später zeitweilig Ernst-Thälmann-Straße 21) gliederte der Vater im Januar 1944 eine Kunsthandlung an, zwei Monate später starb er.
Claus begann sich schon früh für „fremde“ und „besondere“ Sprachen zu interessieren. Nicht zuletzt durch die „kritische Distanz zum nationalsozialistischen Regime“Günter Peters: Annäherungen an Carlfriedrich Claus. S. 5–14. In: Heinz Ludwig Arnold, Carlfriedrich Claus, Annette Gilbert: Carlfriedrich Claus (= Text + Kritik. 184). Ed. Text + Kritik, München 2009, S. 5. und aus „Solidarität zu jüdischen Freunden“ lernte er Hebräisch und wendete sich auch dem Russischen, Armenischen und Chinesischen zu. Des Weiteren erwarb er zahlreiche Sprachwörterbücher und widmete sich dem Selbststudium der Kabbala sowie den Schriften Rudolf Steiners, Ernst Blochs, Novalis’, Jacob Böhmes, Spinozas und Paracelsus’.
Durch seine Eltern lernte Claus die von den Nationalsozialisten als „Entartete Kunst“ deklarierten Werke Kandinskys, Klees, Picassos, Légers und El Lissitzkys kennen und schätzen.Brigitta Milde: Carlfriedrich Claus. Gedenkschrift. Janus Press, Berlin/Chemnitz 2000, Kunstsammlungen, S. 5 f. Während der Kriegsjahre beschäftigte er sich zudem mit Heinrich Heine, Karl Marx, Daniel Henry Kahnweiler und Carl Einstein. Angesichts des Todes seines Vaters befasste er sich verstärkt mit der Anthroposophie Rudolf Steiners. Am 8. Mai 1945 gehörte Claus zu den wenigen Annaberger Bürgern, die den Einzug der Roten Armee auf dem Marktplatz begrüßten.
Er brach das Gymnasium 1945 ab und trat eine Kaufmannslehre im Geschäft seiner Mutter an. Von Oktober 1945 bis Oktober 1948Brigitta Milde: Carlfriedrich Claus. Gedenkschrift. Janus Press, Berlin/Chemnitz 2000, Kunstsammlungen, S. 6. absolvierte er eine Lehre als Einzelhandelskaufmann/Kunsthändler an der Städtischen Handelsschule in Annaberg. Gleichzeitig beschäftigte sich Claus weiter mit sprachwissenschaftlichen und phonologischen Phänomenen und versuchte sich erstmals an experimenteller Poesie. Nach der Lehre wurde er als Bauhilfsarbeiter zur Mitarbeit am Bau der Talsperre Cranzahl verpflichtet, 1949 jedoch aus gesundheitlichen Gründen dort freigestellt. Er nahm seine Tätigkeit im Geschäft der Mutter wieder auf.
1951 entstanden seine ersten Gedichte. Im Juni 1952 erkrankte Claus an Tuberkulose. Ab Oktober ergaben sich erste Kontakte zu Galerien, u. a. zur Galerie Schüler in Berlin (West). Von Januar bis Mitte April 1953 verbrachte er einen Kuraufenthalt im Sanatorium Stubbe in Sülzhayn. Von 1953 bis etwa 1957 beschäftigte sich Claus mit Porträt- und Landschaftsfotografie, schrieb „besondere“ Theaterkritiken für die Tageszeitung Volksstimme, in der er gezielt vor allem auf „die Tiefendimensionen von Stimme und Artikulation“ einging. Weiterhin verfasste er Gedichte, die er nun Lautstudien nannte, eine Form der „Auflösung der Sprache in Vokalfarbe und Konsonantenbewegung“ (Brief an Hanni Wirth, 17. Mai 1954). Intensiv beschäftigte er sich auch (zeitlebens) mit Ernst Blochs Werk Das Prinzip Hoffnung. Ab 1955 nannte er seine Gedichte Klanggebilde und bezog zunehmend die Fläche des Papiers in die Konzeption seiner Texte ein. 1957 entstanden 80 Blätter des Automatischen Tagebuchs sowie Papiercollagen.
Die Themen in der Folgezeit sind Sprache (Claus experimentierte mit Lautbildungsprozessen), Schrift (Sprachblätter, Transparentbögen) und kommunistische Geschichtsphilosophie, sowie die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt, Bewusstsein und Materie. Claus stand unter anderem in Kontakt zu Ernst Bloch, Michel Leiris, Raoul Hausmann, Franz Mon, avantgardistischen Künstlern in Europa und dem Dresdner Maler Albert Wigand. Die Freundschaft zu Franz Mon intensivierte sich ab den 1960er Jahren stark.Günter Peters: Annäherungen an Carlfriedrich Claus. S. 5–14. In: Heinz Ludwig Arnold, Carlfriedrich Claus, Annette Gilbert: Carlfriedrich Claus (= Text + Kritik. 184). Ed. Text + Kritik, München 2009, S. 6. 1959 wurde die elterliche Buchhandlung verstaatlicht. Dies schränkte Claus einerseits materiell sehr ein, andererseits konnte er nun freier arbeiten. Zwischen 1958 und 1980 entstanden „Phasenmodelle“, „Letternfelder“ und „Sprachblätter“, „Vibrationstexte“, seine Dichter-Graphiken (Gerhard Wolf). 1975 wurde er Mitglied des Verbandes Bildender Künstler. 1977 gründete er zusammen mit Michael Morgner, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke und Gregor-Torsten Schade nach Ranfts Idee die Künstlergruppe und Produzentengalerie Clara Mosch (1977–1982) in Adelsberg, einem Stadtteil von Karl-Marx-Stadt. 1978 gewann er den 2. Preis der Grafik-Biennale in Krakau. In den 1990er Jahren arbeitete Claus an visueller Poesie im Grenzbereich von Lyrik und Grafik. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich vermehrt mit Esoterik.
Leben in der DDR Für Carlfriedrich Claus’ Kunst war in der DDR zunächst kein Platz. Er konnte, wenn überhaupt, nur im privaten Rahmen ausstellen, da der Geheimdienst „geheimschriftliche Agententätigkeit“ vermutete und so viele Kontakte kappte. 1980 durfte Claus erstmals seine Werke in einer staatlich geduldeten Ausstellung in Dresden präsentieren. Claus begriff sich zeitlebens als überzeugter Kommunist, war aber den Behörden vor allem in seiner Region suspekt. Er wurde vom Staatssicherheitsdienst der DDR überwacht und man legte ihm eine Ausreise nach Westdeutschland nahe, was er entschieden ablehnte. Darüber hinaus war er sein Leben lang entschiedener Pazifist, was dem SED-Staat ebenfalls suspekt war. Und das, obwohl er auch Texte verfasste wie zu den Grafiken des Aurora-Zyklus (1967): „Der Stern der Erde steht vor unserem Blick als ein neuer, kommunistischer. In Morgenröte…“, oder zu Bioelektrische Landschaft (1973): „Submarines im Bewußtsein. Geschrieben in Gedanken an meine noch lebenden Freunde und Genossen der Unidad Popular.“ Carlfriedrich Claus war jedoch nie ein Befürworter des DDR-Kommunismus. Er blieb in seinen Gedanken und Handlungen frei und widersetzte sich stets den Ideologien, zunächst der des Nationalsozialismus, dann der der DDR. „Obwohl er so ernsthaft und folgerichtig wie wenige die Ideen von Marx, Lenin und Bloch in seinen Denklandschaften verarbeitete, wurde sein Werk in der DDR von der marxistisch-leninistischen Staatspartei unterdrückt und ignoriert und nur von oppositionellen Kräften aufgenommen“.Werner Schmidt: Zum Gedenken an Carlfriedrich Claus. Ansprache in Chemnitz am 18. Juni 1998, S. 11–15. In: Brigitta Milde: Carlfriedrich Claus. Gedenkschrift. Janus Press, Berlin/Chemnitz 2000, Kunstsammlungen, S. 13.
Claus unterhielt Kontakte zu anderen konkreten Poeten (insbesondere zu Franz Mon) und besonders zur Avantgarde aus Tschechien. Kontakte innerhalb der Sowjetunion waren besser möglich als in den Westen. Claus konnte meistens nur besucht werden und selbst nicht auf Reisen gehen. (Franz Mon organisierte jedoch für ihn Ausstellungen im Westen.) Mehrmals wurden Dokumente abgefangen. Carlfriedrich Claus lebte nach der Philosophie Ernst Bloch, dessen Werk Das Prinzip Hoffnung ihn zeitlebens faszinierte. Er strebte nach einer konkreten Utopie, jedoch einer, die über die gesellschaftlichen Strukturen hinausging. Er sagte über sich selbst: „Ich war isoliert, aber verbunden mit den gesellschaftlichen Vorgängen. […] Es war Dialog mit sich selbst und mit den gesellschaftlichen Prozessen, politischen Prozessen und Naturprozessen. Also keine Flucht nach innen, keine Introversion. Daß ich mich mit negativen Affekten verzehrte, habe ich vor allem der intensiven Auseinandersetzung mit Bloch zu verdanken, insofern er eben die Tatsache als Prozeßmomente sieht. Das eigentliche marxistische Verhalten ist, den Blick nach vorn zu richten, auf die Lösbarkeit der nichtagnostischen Widersprüche“.Matthias Flügge: Zum Gedenken an Carlfriedrich Claus. Ansprache in Chemnitz am 18. Juni 1998, S. 23–25. In: Brigitta Milde: Carlfriedrich Claus. Gedenkschrift. Janus Press, Berlin/Chemnitz 2000, Kunstsammlungen, S. 23. Claus selbst wollte seine Stasi-Akte niemals ansehen.
Gesamtwerk mini |Carlfriedrich Claus, Rudolf Mayer und Valeri Scherstjanoi (von links) beim Rossendorfer Klubabend (ROK) 172 Erinnerung an Alexei Krutschonych 1886/1986 - Phonetisches Theater am 21. Februar 1986