Herbert Grundmann (* 14. Februar 1902Kaspar Elm: Grundmann, Herbert. In: Deutsche Biographische Enzyklopädie. Bd. 4, S. 220. gibt abweichend den 20. Februar 1902 als Geburtsdatum. in Meerane; † 20. März 1970 in München) war ein deutscher Historiker, der vor allem die Geschichte des Mittelalters und insbesondere die religiösen Bewegungen dieser Epoche erforschte.

Grundmann lehrte als Professor für mittelalterliche Geschichte an den Universitäten Königsberg und Münster. Von 1959 bis 1970 war er Präsident der Monumenta Germaniae Historica. In den 1950er Jahren war er Herausgeber des Archivs für Kulturgeschichte sowie der 8. und 9. Auflage des Gebhardt-Handbuchs. Die Mediävistik erhielt in der Erforschung des kalabrischen Zisterzienserabtes und Theologen Joachim von Fiore vor allem durch die Studien von Grundmann maßgebliche Impulse. Grundmann gilt als eine der zentralen Personen in der bundesdeutschen Nachkriegsmediävistik.

Leben

Jugend Die Vorfahren von Herbert Grundmann waren kleine Bauern und Handwerker im östlichen Sachsen. Sein Vater stieg als gelernter Kaufmann vom Garnhändler zum Mitinhaber einer Strumpffabrik auf. Herbert Grundmann soll seinem Vater eher distanziert gegenübergestanden haben und sich besser mit seiner Mutter verstanden haben. Mit ihr teilte er das Interesse für Musik, Theater und Literatur. Ab dem zweiten Lebensjahr wuchs der konfessionslose Grundmann in Chemnitz auf. In seiner Schulzeit wurde er von Oswald Spenglers Vision eines kulturellen Niedergangs in der Weltgeschichte und näheren Zukunft stark beeinflusst. Möglicherweise teilte er auch den Antidemokratismus und das Elitedenken Spenglers.Anne Christine Nagel: „Mit dem Herzen, dem Willen und dem Verstand dabei“: Herbert Grundmann und der Nationalsozialismus. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Bd. 1: Fächer, Milieus, Karrieren. Göttingen 2004, S. 593–618, hier: S. 598. Er besuchte seit 1908 die Höhere Knabenschule und seit 1912 das Städtische Realgymnasium. In seiner Jugend suchte er im Freundeskreis und im Christlichen Verein Junger Männer seinen eigenen Zugang zum Evangelium. Nach seinem späteren akademischen Schüler Arno Borst lag hier die „tiefste Wurzel für sein Lebenswerk“.Arno Borst: Herbert Grundmann (1902–1970). In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 26 (1970), S. 327–353, hier: S. 328. 1920 bestand Grundmann das Abitur mit Auszeichnung. Im selben Jahr starb seine Mutter. Dadurch löste er sich weiter vom Elternhaus. Nach der Schule beabsichtigte Grundmann zunächst, Journalist zu werden, verwarf diesen Gedanken jedoch zugunsten eines Universitätsstudiums.

Studium Sein Vater wünschte, dass sein einziger Sohn einmal das Geschäft übernehmen werde. Zum Sommersemester 1921 begann Grundmann daher widerwillig ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Sein Interesse galt jedoch schon im ersten Semester der Geschichte bei Walter Goetz, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte bei Alfred Doren, der Soziologie bei Hans Freyer, der idealistischen Philosophie bei Theodor Litt, dann bei Hans Driesch und Johannes Volkelt. Im Sommer 1922 ging Grundmann für ein Semester nach Heidelberg und im Sommer 1923 für ein Semester nach München. Sein Schwerpunkt verschob sich auf die Literaturwissenschaften, die in Heidelberg durch Friedrich Gundolf, in München durch Karl Vossler und Fritz Strich auf ihn wirkten. In Heidelberg wurde ihm Geschichte von Hermann Oncken, Eberhard Gothein und Friedrich Baethgen sowie in München wieder durch Oncken und Paul Joachimsen nähergebracht. Eine Vorlesung von Joachimsen zur „Vorgeschichte der Reformation“, begann ihn für die geistigen und religiösen Bewegungen des Mittelalters zu begeistern und wurde zum Kernthema seines späteren Lebenswerks.Arno Borst: Herbert Grundmann (1902–1970). In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 26 (1970), S. 327–353, hier: S. 329.

Im Herbst 1923 kehrte er nach Leipzig zurück. Grundmann wollte das väterliche Geschäft nicht mehr übernehmen; wenige Jahre später ging der Betrieb in der Wirtschaftskrise in Konkurs. Grundmanns Interesse verschob sich vielmehr auf die spätmittelalterliche Geisteswelt. Er begann sich, angeregt durch Walter Goetz und Johannes Kühn, mit den religiösen Idealen der spiritualistischen Frommen des 14. und 15. Jahrhunderts zu beschäftigen. Am 8. März 1926 wurde er mit einer theologiegeschichtlichen Schrift über den Gelehrten Joachim von Fiore bei Goetz in Leipzig summa cum laude promoviert.Herbert Grundmann: Studien über Joachim von Floris (= Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance, Bd. 32, ). Teubner, Leipzig u. a. 1927 (Zugleich: Leipzig, Universität, phil. Diss., 1926). Mit Joachim von Fiore sollte er sich ein ganzes Leben beschäftigen. Bereits in seiner Dissertation kündigte er eine Edition der drei Hauptwerke Fiores an. Diese Edition konnte er jedoch bis zu seinem Lebensende nicht zum Abschluss bringen. Nach seiner Promotion vertiefte Grundmann sich thematisch in Orden und Sekten des 13. Jahrhunderts, ohne jedoch mit seiner Arbeit einen konkreten beruflichen Lebensplan zu verfolgen. Von seinem Doktorvater Goetz wurde er zur Habilitation gedrängt. 1926 wurde er Stipendiat des von Karl Lamprecht gegründeten Instituts für Kultur- und Universitätsgeschichte der Universität Leipzig. Mit diesem Institutsstipendium konnte Grundmann ausgedehnte Reisen nach Frankreich und Italien unternehmen. Es folgten Studien über joachimitische Geschichtsprophetien und Bibelkommentare. Auf Vermittlung von Erich Brandenburg erhielt Grundmann 1928 eine Editorenstelle bei der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Diese begehrte Position brachte ihm die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Er bearbeitete in Leipzig die Akten des Augsburger Reichstags von 1530 und seiner Vorgeschichte. 1937 heiratete er Annelies Scherrmann, die ebenfalls bei der Historischen Kommission arbeitete.

1931 veröffentlichte Grundmann als Vorarbeit zu seinem Hauptwerk über die mittelalterlichen religiösen Bewegungen eine Studie zur Geschichte der mittelalterlichen Beginen.Herbert Grundmann: Zur Geschichte der Beginen im XIII. Jahrhundert. In: Archiv für Kulturgeschichte 16 (1931), S. 292–320, aufgenommen in: MGH-Schriftenreihe 25,1, München 1976, S. 201–221. Grundmann konnte durch eine Auswertung der Urkunden der Kölner Erzdiözese sowie der Bistümer Münster, Osnabrück und Paderborn nachweisen, dass sich das Beginentum in Niederdeutschland durch Schutz und Förderung päpstlicher Legaten schon vor Mitte des 13. Jahrhunderts wesentlich stärker ausgebreitet hatte, als bis dahin angenommen wurde.Robert Büchner: Religiosität, Spiritualismus, geistige Armut. Herbert Grundmanns geistesgeschichtliche Studien. In: Innsbrucker Historische Studien 1 (1978), S. 239–251, hier: S. 241. Das Werk Religiöse Bewegungen des Mittelalters wurde 1933 nach neunjähriger Forschungsleistung in Leipzig als Habilitationsschrift angenommen. Die ebenfalls von Goetz betreute Darstellung gilt bis heute als Standardwerk.Martina Wehrli-Johns: Voraussetzungen und Perspektiven mittelalterlicher Laienfrömmigkeit seit Innozenz III. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 104 (1996), S. 286–309. Eine ganze Reihe weiterer und ergänzender Studien begleiteten die Habilitationsschrift und befassten sich mit der deutschen MystikHerbert Grundmann: Die geschichtlichen Grundlagen der Deutschen Mystik. In: Deutsche Vierteljahrschrift 12 (1934), S. 400–429, aufgenommen in MGH-Schriftenreihe 25,1, München 1976, S. 243–268., Meister Eckhart oder den Frauen in der Literatur des Mittelalters.Herbert Grundmann: Die Frauen und die Literatur im Mittelalter. Ein Beitrag zur Frage nach der Entstehung des Schrifttums in der Volkssprache. In: Archiv für Kulturgeschichte 26 (1936), S. 129–161, aufgenommen in MGH-Schriftenreihe 25,3, München 1978, S. 67–95. Außerdem forschte Grundmann zur politischen Bedeutung des mittelalterlichen Reichsgedankens für die deutsche Geschichte. Sein Interesse galt dabei der Frage, warum sich im Westen Europas „deutsche Volkstumsgrenzen“ gebildet hatten, im Osten jedoch nicht.Anne Christine Nagel: „Mit dem Herzen, dem Willen und dem Verstand dabei“: Herbert Grundmann und der Nationalsozialismus. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Bd. 1: Fächer, Milieus, Karrieren. Göttingen 2004, S. 593–618, hier: S. 600.

Forschung und Lehrtätigkeit im Nationalsozialismus Im November 1933 unterzeichnete Grundmann das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler.Johannes Piepenbrink: Das Seminar für mittelalterliche Geschichte des Historischen Instituts 1933–1945. In: Ulrich von Hehl (Hrsg.): Sachsens Landesuniversität in Monarchie, Republik und Diktatur. Beiträge zur Geschichte der Universität Leipzig vom Kaiserreich bis zur Auflösung des Landes Sachsen 1952. Leipzig 2005, S. 363–383, hier: S. 373. In einem Brief vom März 1936 an Johannes Kühn bekundete er, überzeugter Anhänger der nationalsozialistischen „Bewegung“ und Verehrer Adolf Hitlers zu sein.Anne Christine Nagel: „Mit dem Herzen, dem Willen und dem Verstand dabei“: Herbert Grundmann und der Nationalsozialismus. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften, Bd. 1: Fächer, Milieus, Karrieren. Göttingen 2004, S. 593–618, hier: S. 601. Grundmann war 1934 der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) beigetreten, 1936 „Blockwalter“ und 1937 „Zellwalter“ geworden. Von 1934 bis 1937 war er im NS-Lehrerbund und trat 1937 dem NS-Dozentenbund bei. Im Juli 1937 stellte er einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP.Letha Böhringer: Entstehung und Aufnahme eines Meilensteins der Mediävistik. Herbert Grundmanns Monographie „Religiöse Bewegungen im Mittelalter“ von 1935. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 130 (2022), S. 102–132, hier: S. 128. Eine Aufnahme in die NSDAP erfolgte jedoch nicht. Ohne Mitgliedschaft in der NSDAP war er eine seltene Ausnahme unter den in Deutschland bleibenden Historikern, die 1933 noch Privatdozenten waren.Christoph Nonn: Theodor Schieder. Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2013, S. 80f. Seit Oktober 1936 war er nach einem Gutachten des Leipziger Dozentenbundführers bei der NSV aktiv.Anne Christine Nagel: „Mit dem Herzen, dem Willen und dem Verstand dabei“: Herbert Grundmann und der Nationalsozialismus. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Bd. 1: Fächer, Milieus, Karrieren. Göttingen 2004, S. 593–618, hier: S. 603. Auch zahlreiche Rundfunkbeiträge sollten nach Meinung des Dozentenbundführers die „positive weltanschauliche Einstellung“ Grundmanns verdeutlichen. Der Inhalt der Rundfunkbeiträge konnte allerdings noch nicht ermittelt werden.Anne Christine Nagel: „Mit dem Herzen, dem Willen und dem Verstand dabei“: Herbert Grundmann und der Nationalsozialismus. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Bd. 1: Fächer, Milieus, Karrieren. Göttingen 2004, S. 593–618, hier: S. 603, Anm. 29.