mini|Abbild der Außenwelt auf dem Display eines Mobil-Telefons mini|Eine perspektivische Umsetzung verbindet das Abbild mit dem Gegenstand. Abbildung aus Salomon de Caus, La perspectiue (Londres: R. Field/J. Mommart / Brussels: R Barker, 1611).

Abbild bezeichnet ein Bild und seine Beziehung zu einem darauf abgebildeten, wiedererkennbaren Gegenstand. Ein Abbild kann einen natürlichen Ursprung haben (z. B. Schatten, Spiegelbild) oder künstlich geschaffen sein (z. B. Gemälde, symbolisches Zeichen).

Mit dem philosophischen Begriff der Abbildrelation soll das Verhältnis zwischen Gegenstand und Abbild beschrieben werden. Philosophen haben im Rahmen der Erkenntnistheorie immer wieder gefragt, in welchem Verhältnis Urbild und Abbild zueinander stehen, und aus unterschiedlichen Perspektiven Abbildtheorien darüber entwickelt, inwiefern menschliche Erkenntnis ein Abbild der Wirklichkeit ist. Abbildungen sind daher mit der Konstitution von Subjekten und Objekten verbunden.

Abbildern können religiöse oder magische Bedeutungen zugewiesen werden. Seit der Antike haben monotheistische Religionen häufig Bilderverbote erlassen, die im Verlaufe der europäischen Geschichte immer wieder zu Auseinandersetzungen führten (siehe Bilderstreit, Bildersturm).

Als Abbilder gelten Sinneseindrücke, Wahrnehmungen oder Vorstellungen sowie auf der sprachlichen Ebene Begriffe, Urteile und Schlussfolgerungen bis hin zu Theorien. Im 20. Jahrhundert diskutierten Philosophen erneut darüber, inwiefern eine Aussage oder die Beschreibung eines Sachverhalts die Tatsachen in der Welt abbilden können. Der bereits in der Antike entstandene Meinungsunterschied zwischen Idealismus und Realismus hat Fortbestand bis in die Gegenwart.

Die Ideologiekritik befasst sich mit der gesellschaftspolitischen Bedeutung von Abbildern.

Philosophie Antike Die grundlegenden Positionen in der Antike unterteilen sich in solche des Materialismus, Idealismus und Realismus.

Die Verknüpfung der Erkenntnistheorie mit einem Nachdenken über Abbildungen geht weit in die antike Philosophie zurück – erste Überlegungen finden sich schon bei Heraklit: „Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, und ob du jegliche Straße abschrittest; so tiefen Grund hat sie.“Heraklit, Fragment B 45. Er behauptete, „dass die Sehkraft täuscht“Heraklit, Fragment 55. und „sich die Leute im Kennenlernen der sichtbaren Dinge irren“Heraklit, Fragment 56.

Eine frühe Theorie der Abbildung entwickelten die griechischen Philosophen Leukipp und Demokrit, deren Lehre auch als Atomismus bezeichnet wird. Nach ihrer Erkenntnis werden von den realen Gegenständen ständig unsichtbare Atome oder Bilderchen (eidola) ausgesandt, die durch die Sinnesorgane in die Seele gelangen. Diese materialistische Theorie vertraten später auch die Epikureer.Lukrez: De rerum natura IV.

Das Höhlengleichnis aus dem siebten Buch von Platons Dialog Politeia gilt als eine zentrale Formulierung des Problems, das sich ergibt, sobald man die optische Abbildung zu einer Metapher für Erkenntnis macht und darauf verweist, dass wir den Abbildungsprozess selbst nicht wahrnehmen. Platon baut sein Gleichnis so auf, dass er den Abbildungsprozess komplex gestaltet und dem Wahrnehmenden entzieht: Im Mittelpunkt steht ein in einer Höhle gefesselter Mensch. Alles, was er zu sehen bekommt, sind die Schatten von Gegenständen, die sich auf der ihm gegenüberliegenden Wand der Höhle abzeichnen. Dargeboten werden ihm dabei nicht einmal die Schatten realer Dinge – er verfolgt ein inszeniertes Schattenspiel. Welche Haltung, so lautet die philosophische Frage, wird der Gekettete zu den sich an der Wand abzeichnenden Formen entwickeln? Muss er sie nicht für die realen Objekte halten? Den Ausweg aus dem Erkenntnisdilemma zeigt Platon durch sein Gleichnis. Die einzige Chance der Erkenntnis, die der Wahrnehmende hat, liegt im philosophischen Nachdenken. Könnte er eine korrekte Idee des Abbildungsprozesses erlangen, so könnte er durchschauen, was ihm vorgespiegelt wird. Zumindest eines kann er ermessen: dass seine gegenwärtige Vorstellungen wenig mit der Welt, wie sie wirklich ist, zu tun haben. Entsprechend entwarf Platon ein Weltbild, in dem die sinnlichen Wahrnehmungen nur Abbildungen von Ideen liefern, die als Urbilder das Wesen der Welt ausmachenPlaton: Phaidros, 250 b; siehe dazu auch die Ideenlehre. Er betrachtete den gesamten natürlichen Kosmos als Abbild des Göttlichen und die Zeit als Abbild der Ewigkeit.Platon, Timaios 29b und 37c.

Gegen die idealistische Auffassung Platons opponierte sein Schüler Aristoteles, der ihm vorhielt, dass er mit der Vorstellung der Ideen die Anzahl der Gegenstände in der Welt zumindest verdoppele. Für Aristoteles entsteht Erkenntnis nicht in einer einzelnen Wahrnehmung als sozusagen „unmittelbare“ Abbildung der Wirklichkeit, sondern in der richtigen Konstellation der jeweiligen Bedeutungsinhalte (symplokä noämaton), welche er nach bestimmten Urteilsformen miteinander in Beziehung setzte.Jürgen Nieraad: Abbildtheorie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 1, 1–3. Aristoteles verwarf also ein Modell, nach welchem die richtige Abbildung der Wirklichkeit in der Erkenntnis des Menschen nur auf (materielle) Einwirkung der Außenwelt und affektive Reaktionen darauf zurückzuführen ist. Entscheidend für ein im aristotelischen Sinne „richtiges Abbild“ ist, dass der Verstand des Menschen die jeweiligen Sinneseindrücke in eine richtige Beziehung zueinander setzt. Aus der Auseinandersetzung darüber, ob es eigenständige Ideen gibt, entstand im Mittelalter der Universalienstreit.

In der Spätantike knüpfte die Stoa zwar an das naturalistische Weltbild der Atomisten an, vertrat aber wie Aristoteles die Theorie eines differenzierteren Erkenntnisprozesses. Die richtige Vorstellung vom Gegenstand setzt nicht nur die Umsetzung einer Sinnesreizung in Wahrnehmungen voraus, sondern auch die rationale Verarbeitung der Sinnesdaten und eine rationale Beurteilung (sygkatathesis).

Mittelalter Bis in die Neuzeit blieb das Nachdenken über eine Erkenntnis mittels Abbildern ein Eckstein religiöser, idealistischer und transzendentalistischer Philosophie. Es schien plausibel, dass sich menschliche Erkenntnis, solange sie sich auf Sinneswahrnehmungen beschränkte, Täuschungen ausliefert und zur höheren Erkenntnis – insbesondere der Gottes – nicht vordringt. Das Nachdenken über Abbild und Wirklichkeit stand für die Kluft zwischen unserer Vorstellung und der Wirklichkeit. Die Bibel lieferte Anknüpfungen an die antike Problemstellung mit Passagen wie jener aus 1. Korinther 13 (in Luthers Übersetzung von 1545): „Es müssen auffhören die Weissagungen, und auffhören die Sprachen, und das Erkenntnis selbst wird auffhören. Denn unser Wissen ist stückwerck, und unser Weissagen ist stückwerck […] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem tunckeln Wort, Denn aber von angesicht zu angesicht.“

Der gegenwärtige Zustand fessele den Menschen als Ebenbild Gottes an eine unvollkommene Erkenntnis. Was er von sich sieht, ist nicht mehr, als was er in einem schlechten Spiegel zu sehen bekommt. Eine wahrhaftige Erkenntnis wird erst möglich, wenn der Mensch Gott gegenübersteht.

Es war vor allem Augustinus, der um 400 n. Chr. die Abbildvorstellung in einen christlichen Rahmen übertrug. Dadurch, dass der Mensch über Geist und Verstand verfügt, hebt er sich von allen anderen Kreaturen ab und wird zum Ebenbild Gottes auf Erden.vgl. Gen. 1, 26/27 Weil er einen freien Willen hat, ist der Mensch aber auch unvollkommen und kann aus eigener Leistung die Wahrheit nicht erkennen. Zugang zu Gott als dem Urbild alles Seienden findet er nur in der Kontemplation. Die Trinität von Sein, Liebe und Erkennen als Bild Gottes offenbart sich nur im Inneren des Menschen (De Trinitate).siehe auch: Augustins Gegenüberstellung von „Mundus intelligiblis“ (Welt der Vernunft), in der es Wahrheit gibt, und „Mundus sensiblis“ (Welt der Sinne), die ein Abbild der göttlich bestimmten Welt des Geistes ist und in der man der Wahrheit nur nahekommt, in der Abhandlung Contra Academicos, Kap. 3

Die arabische, jüdische und lateinische Scholastik diskutierten viele Grundprobleme der allgemeinen Epistemologie, darunter die Frage nach dem Grund unserer Überzeugungen und ihrer Erkenntnis, vielfach unter Rückgriff auf die Metapher von Urbild und Abbild. Bereits in der Antike werden Universalien – und teilweise auch Individualbegriffe – als Ideen im göttlichen Schöpfergeist gesehen. Damit sind sowohl die Strukturen als auch die einzelnen Objekte der Realität beschreibbar als Abbilder von Urbildern im göttlichen Geiste. Nach der Vorstellung von der „absoluten Einfachheit“ des göttlichen Wesens und seiner „Einzigkeit“ als ewiges und notwendiges Sein werden diese Ideen in Gott als teilweise miteinander verbunden betrachtet. Gottes Geist gibt nach dieser Vorstellung dem begrenzten Erkenntnisvermögen die Begriffe ein, entweder spontan oder auf den Sinnen beruhend, welche Einzeldinge erkennen können, aber nicht den gesamten göttlichen Geist. Der bei Aristoteles nicht erklärte Begriff eines „aktiven Verstandes“ (intellectus agens) wird vielfach dieser Auffassung zugrunde gelegt. Auf dieser theoretischen Basis können neben der ontologischen Abhängigkeitsbeziehung auch innerhalb der Erkenntnistheorie sämtliche Begriffe als Abbilder von Urbildern im göttlichen Geiste gedeutet werden.

Spätestens sobald auch im lateinischen mittelalterlichen Westen eine genauere Kenntnis des aristotelischen Werkes vorlag, die durch arabische Übersetzungen vermittelt worden war, und sich die theologische und philosophische Diskussion akademisch professionalisiert hatte, wurde dieser Themenkreis vielfach debattiert. Zahlreiche Theologen und Philosophen sahen jetzt die menschliche Erkenntnis weniger als Abbild göttlicher, sondern eher irdischer endlicher Realität. Sie stellten die These auf, dass nichts im Intellekt ist, was nicht vordem durch die Sinne wahrgenommen worden ist. Erkenntnis oder Wahrheit beruhe auf einer Übereinstimmung des Intellekts mit der Sache; siehe dazu auch die Korrespondenztheorie.

Wirkungsgeschichtlich sind solche Konzepte sehr bedeutsam gewesen. Entgegen diesem oft als aristotelisch bezeichneten erkenntnistheoretischen Ansatz gingen im Spätmittelalter Theoretiker wie Meister Eckhart davon aus, dass der menschliche Geist direktes Abbild des göttlichen Intellekts ist: Er sei nämlich damit vollkommen identisch, und die Umsetzung dieser Identität sei für den Menschen Ziel des geistigen Weges.Vgl. zum Beispiel Mauritius Wilde: Das neue Bild vom Gottesbild, Bild und Theologie bei Meister Eckhart. Univ.-Verlag, Freiburg/Schweiz 2000, ISBN 3-7278-1298-2. Wilde analysiert Eckharts anschauliche Illustrationen zum Beispiel anhand von Spiegelbildern und befasst sich kurz mit einigen seiner Vorläufer, zunächst innerhalb der Dominikanerschule. Zum theoretischen Hintergrund insbesondere: Burkhard Mojsisch: Meister Eckhart, Analogie, Univozität und Einheit. Meiner, Hamburg 1983.

Renaissance und Neuzeit mini|Das Auge erzeugt ein Abbild vom Gegenstand (das im Gehirn gespiegelt und wieder richtig herum gestellt werden muss), Abbildung aus James Ayscough, A Short Account of the Eye and Nature of Vision (London, 1752).