mini|Neubau in der Heinz-Galinski-Straße
Das Jüdische Krankenhaus Berlin (JKB) ist ein Krankenhaus im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen. Es hat die Rechtsform einer Stiftung des bürgerlichen Rechts und dient der Charité als akademisches Lehrkrankenhaus. Das Krankenhaus verfügt über 384 Betten und beschäftigt 840 Mitarbeiter. Nach einer Insolvenzanmeldung im Dezember 2025 konnte zum Juli 2026 ein neuer Eigentümer und Betreiber gefunden werden.
Geschichte Vom 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts 1756 wurde in Berlin das erste „Juden-Lazarett“ an der Oranienburger Straße in der Spandauer Vorstadt errichtet. Seit seiner Gründung stand das Krankenhaus Patienten unabhängig von ihrer Religion offen und entwickelte sich zu einem sichtbaren Symbol jüdischer Integration in Berlin. Getragen von der jüdischen Gemeinde Berlin, war es zu dieser Zeit das einzige größere Hospital in Deutschland, das von Juden geführt wurde. Aus Platzmangel erfolgte 1861 die Verlegung in die Auguststraße, in die unmittelbare Nähe der 1866 eingeweihten Neuen Synagoge. Eduard Knoblauch errichtete dort aus Klinkern einen Neubau im klassizistischen Stil. Wegen der am Krankenhaus tätigen international renommierten Mediziner, der modernen Behandlungsmethoden und wohl auch wegen der Nachbarschaft zum etwa einen Kilometer entfernt liegenden Universitätskrankenhaus Charité wurde das Jüdische Krankenhaus gelegentlich „Kleine Charité“ genannt. Das Jüdische Krankenhaus genoss auch bei Nichtjuden einen guten Ruf. So wuchs die Patientenzahl stetig und machte 1914 einen Umzug notwendig, der von Berlin-Mitte nach Berlin-Gesundbrunnen in einen im Stil der beginnenden Moderne gehaltenen, zeitgemäßen Klinikneubau an der Exerzierstraße (seit 1935: Iranische Straße) führte. Architekten des Neubaus waren Konrad Reimer und Friedrich Körte, deren Klinikbauten heute unter Denkmalschutz stehen.
Zeit des Nationalsozialismus bis zum Ende des Krieges 1945 Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde 1933 zunächst die Behandlung von „Ariern“ verboten; nichtjüdische Angestellte wurden in der Folge gezwungen, ihre Mitarbeit aufzugeben. Dem Krankenhaus drohte wiederholt die Schließung; mehrfache Plünderungen und eine schlechte Versorgungssituation ließen immer weniger einen geregelten Krankenhausbetrieb zu. Auch die Errichtung von Gestapo- und Polizeidienststellen erschwerte die Lage erheblich. Im Dezember 1941 richteten die Nationalsozialisten im Krankenhaus eine sogenannte Prüfstelle für Transportbeschwerden ein, die über die Transportfähigkeit von Juden für Deportationen entschied. Im Oktober 1942 wurde Walter Lustig als ärztlicher Direktor des Jüdischen Krankenhauses eingesetzt. Lustig war 1891 in Ratibor geboren worden, hatte seit 1927 in Berlin gelebt, war 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Polizeidienst entlassen worden und hatte nach dem Entzug seiner Approbation 1938 die Gesundheitsabteilung der von den Nationalsozialisten kontrollierten Reichsvereinigung der Juden in Deutschland geleitet. Die Reichsvereinigung war nach dem 1941 verhängten Auswanderungsverbot gezwungen, Vorarbeiten für die Deportation von Juden in Ghettos, Zwangsarbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager zu leisten. Neben der Sperrung für die Allgemeinheit wurde das Haus zudem schrittweise in ein Ghetto umfunktioniert und als Sammellager zur Deportation von Berliner Juden in die Vernichtungslager missbraucht. Kranke Juden, die als nicht transportfähig galten, erhielten im Krankenhaus nur einen Aufschub von bis zu drei Monaten; hochschwangere Frauen wurden erst unmittelbar vor der Geburt zurückgestellt und nach sechs Wochen gemeinsam mit ihren Neugeborenen deportiert. Während der Fabrikaktion Ende Februar 1943 wurden in Berlin und Umgebung mehr als 10.000 Juden festgenommen, und auch mehrere jüdische Ärzte, darunter Ärzte des Krankenhauses, wurden aus ihren Wohnungen in ein innerstädtisches Sammellager gebracht. Nach der offiziellen Auflösung der Reichsvereinigung im Juni 1943 richteten die Nationalsozialisten im Jüdischen Krankenhaus die Rest-Reichsvereinigung ein, die unter direkter Kontrolle der Gestapo stand und von Lustig geleitet wurde. Im Juni 1943 wurde außerdem das zentrale Heim für jüdische Waisenkinder auf das Krankenhausgelände verlegt; im März 1944 kam Berlins letztes verbliebenes Durchgangslager für zur Deportation bestimmte Juden hinzu. In diesem Lager mussten annähernd 50 jüdische Männer und Frauen arbeiten; einzelne von ihnen wurden als sogenannte „Greifer“ eingesetzt, um untergetauchte Juden aufzuspüren.
In den letzten Kriegstagen verhinderte der jüdische frühere Bankangestellte Curt Naumann die Liquidierung des Durchgangslagers auf dem Krankenhausgelände. Nachdem er am 19. April 1945 von einem Gestapo-Befehl zur Erschießung aller Juden in den Lagern erfahren hatte, überzeugte er telefonisch einen SS-Offizier im Krankenhaus, es handele sich stattdessen um einen Befehl zur Freilassung der Gefangenen, und rettete so etwa 180 Lagerinsassen. Als Angehörige der Roten Armee und des Roten Kreuzes am 24. April 1945 das Jüdische Krankenhaus erreichten, hielten sich dort rund 370 Patienten, knapp 1000 Internierte, 93 Kinder sowie 76 Gefangene der Polizeistation auf. Das Personal bestand zu diesem Zeitpunkt überwiegend aus Menschen in sogenannten „Mischehen“ sowie aus sogenannten „Geltungsjuden“; hinzu kamen Juden, die nach Erkrankungen aus der Haft von Gestapo, SS oder Polizei zur Behandlung dorthin gebracht worden waren. Das Fortbestehen des Krankenhauses wird historisch nicht als einfache Widerstands- oder Rettungsgeschichte verstanden, sondern als Folge einer von der Gestapo kontrollierten Instrumentalisierung jüdischer Einrichtungen, die für den nationalsozialistischen Vernichtungsapparat weiter nutzbar blieben. Gemeinsam mit dem Jüdischen Friedhof Weißensee gilt das Jüdische Krankenhaus als einzige jüdische Institution Berlins, die die Zeit des Nationalsozialismus durchgehend überdauerte. Walter Lustig verschwand im Juni 1945 nach seiner Festnahme durch sowjetische Stellen; er galt als Kollaborateur und wurde wahrscheinlich kurz darauf erschossen.
Von Mai 1945 über den Mauerfall 1989 bis Juni 2026 mini|Gedenktafel am Haus Heinz-Galinski-Straße 1, in Berlin-Gesundbrunnen Sofort nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der reguläre Krankenhausbetrieb für die Allgemeinheit – wenn auch eingeschränkt – wieder aufgenommen. Seitdem hat es auf dem Gelände zahlreiche bauliche Um- und Neubauten gegeben. So wurde 1998 etwa ein neues Wirtschaftsgebäude mit einer Cafeteria errichtet. Am 27. Juni 2022 fand die Grundsteinlegung für ein neues Bettenhaus mit 214 Betten statt. Es ist 2025 bezogen worden.
Im Juni 2025 wurde bekannt, dass das Jüdische Krankenhaus künftig noch enger mit der Charité kooperieren wolle. Geplant seien neben optimierten Behandlungspfaden eine engere Verzahnung der Angebote und der Ausbau digitaler, telemedizinischer Möglichkeiten der Partnerkliniken. Zudem sei die Gründung gemeinsamer Kompetenzzentren vorgesehen.
2025 konnte der für rund 60 Millionen Euro errichtete Bettenhaus-Neubau wegen eines Wasserschadens nicht in Betrieb gehen. Das Bettenhaus hätte dem Krankenhaus mehr Einnahmen bringen sollen. Das finanziell bereits angeschlagene Krankenhaus geriet so vollends in wirtschaftliche Schieflage. Im Dezember 2025 meldete das jüdische Krankenhaus Insolvenz in Eigenverwaltung an. Die Zukunft der Einrichtung war offen; eine Übernahme durch den kommunalen Berliner Krankenhausbetreiber Vivantes oder der Einstieg eines ausländischen Investors wurden geprüft. Auch eine Schließung des Jüdischen Krankenhauses konnte nicht ausgeschlossen werden.Der Tagesspiegel: Recherchen zu den Übernahmeangeboten, den Vivantes-Kalkulationen und Reaktionen aus der Belegschaft, Juli 2026.
Seit Juli 2026 Am 9. Juli 2026 informierte das Management darüber, dass der türkische Krankenhausbetreiber Medicana, der bereits in etlichen europäischen Ländern Kliniken erfolgreich betreibt, nun das Jüdische Krankenhaus erwirbt und damit dann sein erstes Krankenhaus in Deutschland unterhalten wird.Türkische Medicana-Gruppe übernimmt Jüdisches Krankenhaus, abgerufen am 10. Juli 2026. Der Senat muss diesem Vertrag noch zustimmen. Die medizinische Versorgung, die Arbeitsplätze und auch die jüdische Identität der historischen Einrichtung sollen erhalten bleiben.Jüdische Allgemeine: Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus, Pressemitteilung vom Juli 2026 (online), abgerufen am 10. Juli 2026.
Behandlungsschwerpunkte Das JKB ist ein Akutkrankenhaus mit 384 Betten und ist in den Krankenhausplan des Landes Berlin eingebunden (Stand Ende 2025).
Es verfügt über folgende Fachabteilungen: Rettungsstelle Interdisziplinäre Intensivstation Chirurgie Innere Medizin (inkl. Zentrum für Herzinsuffizienz; mehrere Abteilungen, u. a. Kardiologie, Angiologie (inkl. Gefäßzentrum), Gastroenterologie, Diabetologie) Psychiatrie und Psychotherapie (u. a. mit dem Schwerpunkt Suchtmedizin) Neurologie (u. a. mit Multiple-Sklerose-Schwerpunkt) Anästhesiologie Radiologie eigene Krankenpflegeschule bis September 2005; danach über die Kooperative der Akademie der Gesundheit Berlin/Brandenburg e. V.
Außerdem: Plastische Chirurgie (Abteilung mit Belegärzten)
Rechtsform Nach dem Holocaust stellte sich die Finanzierung des Krankenhauses zunehmend als Problem für die Jüdische Gemeinde zu Berlin dar. So war in Berlin jüdisches Leben fast gänzlich vernichtet worden, die Mitgliederzahl der Gemeinde nur noch gering. Vor der Shoah hatten in Berlin mehr als 172.000 Juden gelebt – 1945 waren es nur mehr etwas über 6.000. Daher wurde der Krankenhausbetrieb 1963 in eine Stiftung des bürgerlichen Rechts umgewandelt, deren Träger neben der Jüdischen Gemeinde auch das Land Berlin war.
Mit dem Kauf durch die Medicana Medicana Health Group wird die Klinik eine Privateinrichtung.
Siehe auch Jüdisches Leben in Berlin
Literatur Eva Brinkschulte, Thomas Knuth (Hrsg.): Das medizinische Berlin – Ein Stadtführer durch 300 Jahre Geschichte. Be.bra, Berlin 2010, ISBN 978-3-8148-0178-0. Rivka Elkin: Das Jüdische Krankenhaus in Berlin zwischen 1938 und 1945. Hrsg. vom Förderverein „Freunde des Jüdischen Krankenhauses Berlin e. V.“. Aus dem Hebräischen von Andrea Schatz. Edition Hentrich, Berlin 1993, ISBN 3-89468-049-0 (= Deutsche Vergangenheit, Band 77). Dagmar Hartung-von Doetinchem: Zerstörte Fortschritte: Das Jüdische Krankenhaus in Berlin 1756 – 1861 – 1914 – 1989. Dagmar Hartung-von Doetinchem, Rolf Winau (Hrsg.): (= Reihe Deutsche Vergangenheit. Band 35). Edition Hentrich, Berlin 1989, ISBN 3-926175-61-3. Daniel B. Silver: Überleben in der Hölle. Das Berliner Jüdische Krankenhaus im „Dritten Reich“. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2006, ISBN 978-3-86650-580-3. Patricia-Charlotta Steinfeld (Hrsg.): 250 Jahre Jüdisches Krankenhaus Berlin. Seine zivilgesellschaftliche Rolle in Deutschland und Europa. Hentrich & Hentrich, Berlin 2008, ISBN 978-3-938485-58-3 (= Gegen Verdrängen und Vergessen: Berichte, Band 5). Karl Esse, Das neue Krankenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin, 1861. Christian Brückner (Hrsg.): «Spreche morgen Rolf». Ein jüdisches Familienschicksal zwischen Berlin und Basel, 1933 bis 1945. Christoph Merian Verlag, Basel 2025, ISBN 978-3-03969-039-8.
Weblinks
Website des Krankenhauses
Einzelnachweise
Kategorie:Krankenhaus in Berlin Kategorie:KZ-Sammellager Krankenhaus Kategorie:Berlin-Gesundbrunnen Kategorie:Kulturdenkmal (Berlin) Kategorie:Unternehmensgründung 1756 Kategorie:Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité