Eine Big Band oder Bigband (früher häufig auch Jazz Orchestra genannt) ist eine große Jazz-Band mit mehrfach besetzten Blasinstrumenten und der sogenannten Rhythmusgruppe. Big Bands kamen in den USA der 1920er Jahre auf und waren stilprägend für die Swing-Ära. Der Begriff wird auch allgemein für große Tanzorchester verwendet, unabhängig von deren Stilrichtung.
mini|400px|Brussels Jazz Orchestra mit Sängerin Tutu Puoane (2014)
Besetzungen Swing- oder Jazz-Bigband mini|In der SWR Big Band sieht man bei den Musikern in der ersten Reihe Flöten, Klarinetten und die Instrumente aus der Saxophon-Familie, in der zweiten Reihe die Posaunen, in der dritten Reihe sitzen leicht erhöht die Trompeter (2011) In der Big Band wurden ursprünglich die Parts der verschiedenen Einzelinstrumente des frühen Jazz (New Orleans Jazz) größeren Sektionen, das heißt Gruppen von gleichartigen Instrumenten, zugeteilt. Die Standard-Sektionen einer modernen Big Band sind:
Rhythmusgruppe (Rhythm-)section: Klavier/Keyboard, Gitarre, Kontra- oder E-Bass (auch Tuba), Schlagzeug und weitere Perkussionsinstrumente, Holzbläser (Reed-Section): Saxophone, manchmal auch durch Klarinetten*/Bassklarinette* oder Querflöten/Altflöten ergänzt bzw. komplett ersetzt, Blechbläser (Brass-Section): Trompeten* und Posaunen.
*in der Regel in B gestimmt
Jede Bläsersektion wird normalerweise von vier bis fünf Instrumenten der jeweiligen Gruppe gebildet, die nach maximal spielbarer (oder arrangementmäßig gesetzter) Tonhöhe gestaffelt sind: mini|Eine übliche Aufstellung der Musiker in einer Big Band Saxophone: 1., 2. Altsaxophon; 1., 2. Tenorsaxophon; Baritonsaxophon (Nebeninstrumente: Sopransaxophon, Querflöte/Altflöte, Klarinette/Bassklarinette) Trompeten 1. bis 4. (gelegentlich 5.) Trompete (Nebeninstrumente: Flügelhorn; für extrem hohe Partien auch Piccolotrompete) Posaunen: 1. bis 4. Posaune, 4. üblicherweise Bassposaune. (5 Posaunen sind eher unüblich)
Dabei übernehmen die ersten Stimmen jeweils die Führungs- oder Lead-Stimme ihrer Sektion und ebenso meist auch alle anfallenden Soli. Bei Tutti- oder Shout-Phrasen ist in der Regel die erste Trompete als das höchste und durchdringendste Instrument die Leadstimme.
Bis in die 1960er Jahre geläufig waren Tanzorchester, in denen eine Bigband-Formation mit einem Streichensemble (Violinen, Bratschen, Celli – keine Kontrabässe) kombiniert wurde, auch wenn diese hier im Gegensatz zu den Streichern im Sinfonieorchester häufig nicht das komplette Stück durchspielen bzw. deutlich punktueller eingesetzt werden.Vereinzelt trifft man noch auf derartige Formationen wie das niederländische Metropole Orkest. Auch andere Instrumente, die ursprünglich eher der klassischen Orchesterliteratur entstammen, werden gelegentlich eingebunden, so z. B. Harfe, Hörner, Oboe/Englischhorn oder Pauken. Seltener wird auch das Bassregister mit Tuba oder Fagott verstärkt. All diese Ergänzungen zählen allerdings im Gegensatz zur obigen (fast immer ähnlich besetzten) Rhythmus- und Bläsergruppe nie zur Standardformation. Wie bereits erwähnt wechseln die Alt- und Tenor-Saxophonisten häufig zur Flöte bzw. Klarinette, teilweise bleiben die Saxophonstimmen aber auch bestehen und es kommen eigenständige Flötisten und/oder Klarinettisten hinzu. Durch diese gegebenen Ergänzungsmöglichkeiten kann der Übergang von einer Big Band hin zu einem eher symphonisch-ausgelegten Ensemble (oder gar Orchester) fließend sein.
Der Klang des Ensembles wird wesentlich vom Arrangeur bestimmt, der die mögliche Stimmführung und die technischen Möglichkeiten der Bigband-Instrumente und Instrumentalisten sehr genau kennen muss, um den gewünschten Gesamtklang möglichst effektvoll zu gestalten.
Mambo-Bigband Eine besondere Ausprägung der Big Band ist die Mambo-Bigband, ein großes Ensemble von Musikern, das sich musikalisch auf den Mambo spezialisiert hat.
Eine typische Mambo-Bigband setzt sich zusammen aus: Rhythmusgruppe: Klavier, Bass und Schlagzeug (evtl. Gitarre) Perkussion: Congas, Bongos, Timbales Blechbläser: 2–4 Trompeten 2–4 Posaunen Holzbläser 2–5 Saxophone (Alt-, Tenor-, Baritonsaxophon) evtl. Flöten und/oder Klarinetten
Alle Instrumente – mit Ausnahme von Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug – sind stets mehrfach besetzt. Oft kommen mehrere Sänger dazu, meist bestehend aus einem Solisten und einer Begleitgruppe. Gelegentlich kommen weitere Instrumente wie etwa das Vibraphon zum Einsatz.
Im Gegensatz zur klassischen Jazz-Bigband liegt hier der Schwerpunkt auf der Rhythmusgruppe, während im Gegenzug Holzbläser vernachlässigt werden. Bei den Blechbläsern spielen die Posaunen eine untergeordnete Rolle.
Akkordeon-Bigband Eine weitere Ausprägung der Big Band ist die Akkordeon-Bigband, eine Big Band, in der das Akkordeon die Rolle der eigentlichen Blasinstrumente übernimmt.
Eine typische Akkordeon-Bigband setzt sich zusammen aus: Akkordeonsektion in 3–4 Stimmen: je Stimme 2–4 Akkordeons
Rhythmusgruppe: Klavier, Bass und Schlagzeug (evtl. Gitarre) Weitere optionale Instrumente: Blasinstrumente als Soloinstrumente (z. B. Saxophon, Posaune, Trompete) Gesang Percussion Keyboards für Effekte oder um seltene Instrumente zu imitieren
Die Akkordeon-Bigband hat sich seit Ende der 1980er Jahre aus der Form des Akkordeonorchesters entwickelt. Sie grenzt sich vom Akkordeon-Orchester einerseits durch Stil und Repertoire ab, aber vor allem durch den konsequenten Einsatz einer klassischen Rhythmusgruppe: Statt eines Bassakkordeons und einer Stimme, die vornehmlich mit Akkorden begleitet, wird zur Begleitung ein Kontra- oder E-Bass zusammen mit Klavier oder Gitarre eingesetzt. In der Regel müssen dazu existierende Arrangements aus der Akkordeon- oder Bigband-Literatur angepasst werden.
Da das Akkordeon wegen seines Tonerzeugungsprinzips der durchschlagenden Zunge eng verwandt mit (eigentlichen) Blasinstrumenten ist, lassen sich insbesondere vergleichbare dynamische Effekte erreichen. Durch die Möglichkeit, die Instrumente/Stimmen individuell zu registrieren, können verschiedene „klassische“ Instrumentengruppen klanglich nachgeahmt werden (Streicher, Blech- oder Holzbläser, s. o.). Da auf einem Instrument mehrstimmig gespielt werden kann, ist man beim Einsatz von drei Stimmgruppen nicht auf dreistimmige Sätze beschränkt.
Stilbildende Originalliteratur und Übertragungen für Akkordeon-Bigbands wurden insbesondere durch die Akkordeon-Komponisten Hans-Günter Kölz und Wolfgang Ruß-Plötz geprägt.
Spezifische Klangeigenheiten und Kompositionstechniken
Viele Stücke der Bigband-Musik basieren größtenteils auf der sich in der Swing-Ära gebildeten Jazzharmonik. Allerdings gibt es auch Bigband-Arrangements bzw. -Kompositionen, bspw. aus Pop oder Lateinamerikanischer Musik, welche anderen harmonischen Gesetzmäßigkeiten als denen des Jazz folgen können oder nur teilweise auf der Jazzharmonik basieren.
Neben den swingtypischen spezifisch-harmonischen sowie melodischen Eigenheiten kommen in der Bigband-Musik insbesondere bei den Bläsern zahlreiche „moderne“ Techniken zum Einsatz, die in klassisch-konservativer Musik eher selten zu hören sind. Zu nennen sind hier hauptsächlich: mini|293x293px Fall: eine herab-glissandierende Figur (meist ohne feste Zielnote) Doit: eine hinauf-glissandierende Figur (meist ohne feste Zielnote) Bend: das Auf- und Abglissandieren auf einem gehaltenen Ton Scoop/Slide-in: das Hineingleiten in eine feste Zielnote (für gewöhnlich von unten) Rip: eine meist forte gespielte, weit von unten nach oben glissandierende Figur in eine vorgegebene Zielnote Glissando/Portamento: längeres Gleiten von einer festen Ausgangsnote hin zu einer festen Zielnote Shake: quasi eine „wildere“ Variante des klassischen Trillers Flatterzunge: eine Art Tremolo auf einem Blasinstrument, das durch das Zungenrollen des Spielers entsteht Growls: ein eher rauer, ungestümer Klang, der durch eine komplexere Kombination von mehreren Techniken bei den Bläsern entsteht
Für die Notation dieser Spielarten gibt es mehrere, verschiedene Arten. Für glissandierende Techniken (Fall, Doit, Scoop, Bend, Rip) wird gerne eine ab- bzw. aufsteigende wellenförmige oder gerade Glissandolinie, aber teilweise auch ein Bindebogen eingezeichnet, während bei anderen Techniken (wie dem Shake, Flatterzunge oder Growl) auch vom Arrangeur häufig (zusätzlich) der Name der auszuführenden Spielart über den entsprechenden Noten geschrieben wird.
Hinzu kommt, dass generell im Jazz und somit auch in der Bigband-Literatur der Umfang der Trompeten teilweise bis an die äußersten Grenzen ausgereizt wird, was in klassischer E-Musik generell nicht der Fall ist. So spielt besonders die erste Trompete teilweise bis zum g′′′ oder, je nach Expertise des Spielers, sogar noch höher. Als weitere spezielle Technik gilt die Subtone-Technik der Saxophone.
Einsatz von Dämpfern mini|Ein Trompeter mit gedämpftem Instrument; auf dem Bild kommt der im Jazz beliebte Harmon-Dämpfer zum Einsatz Auch kommen in der Bigband-Musik bei den Blechbläsern (Trompeten und Posaunen) gerne zahlreiche Arten von Dämpfern zum Einsatz, z. B. Straight-, Harmon-, Cup-, Plunger-, Bucket- oder Pixiemute. Die Wahl des Dämpfers kann maßgeblich die Klangfarbe und Wirkung des Klanges verändern. So erzeugt z. B. ein aufgesetzter Harmon-Mute ohne „Stem“ auf der Trompete den scharfen, nasalen „Miles-Davis-Sound“ und der Harmon-Mute gespielt mit zusätzlichem „Stem“ den typischen „Wah-Wah“-Sound, welcher häufig für humorvolle Klangwirkungen eingesetzt wird, während demgegenüber der Bucket- oder die Cup-Mutes den Klang und die Strahlkraft des Bleches deutlich mindern und für einen eher dumpfen, verschleierten Klang sorgen, der sich z. B. dem Gesamtklang eines eher leiseren Arrangements mit Flöten und Klarinetten statt Saxophonen besser anpassen lässt. Auch Straight-Mutes werden gerne verwendet, diese ergeben, einen scharfen und fokussierten Klang.
Als Alternative zum Spiel mit Dämpfer, bzw. falls dieser nicht vorhanden ist, kann auch „in stand“ gespielt werden. Hierbei wird der Schalltrichter des Instruments direkt vor das Notenpult gehalten, was die allgemeine Strahlkraft des Klangs abmindert.Elisa Koehler: A Dictionary for the Modern Trumpet Player. Scarecrow Press, 2015, ISBN 978-0-810-88658-2, S. 117 ().
Extrem hohe Lage mini|Differenzierte Klangfarben kommen auch durch den Einsatz verschiedener Instrumente mit unterschiedlichen Mensuren und Materialien zur Geltung. Das Bild zeigt drei versilberte Trompeten und zwei Flügelhörner des Zurich Jazz Orchestra Eine weitere typische Gegebenheit in vielen Bigband-Arrangements ist das Fordern sehr hoher Stimmpartien für die erste Trompete. Im Gegensatz zu Trompetern in klassischen Symphonieorchestern, denen (bei der Verwendung einer gewöhnlichen B-Trompete) für gewöhnlich, zumindest bei ersten Trompetern mit hoher Expertise, Töne bis ungefähr zum c''' (notiert) oder im Extremfall e''' (notiert) zugemutet werden können, werden von Jazztrompetern teilweise Töne bis zum g''' (notiert) oder sogar noch höhere Töne erwartet. Bei solch hohen Noten ergibt sich ein, besonders wenn im Fortissimo gespielt wird, sehr durchdringender Klang, der fähig ist, durch die restliche Bigband zu schneiden (für länger andauernde Passagen, welche zudem in einem sehr hohen Register stattfinden, kann auch von der B-Trompete zur Piccolotrompete gewechselt werden).
Als ein Beispiel für teils extrem hohe Trompetenpartien ist z. B. das Arrangement zu Michael Bubles Version des Jazz-Standards Feeling Good zu nennen; hier schießt die erste Trompete teils bis zum viergestrichenen c (c'''') hoch.
Partiturbild Auch das Partiturbild unterscheidet sich von der klassischen Musik, denn im Gegensatz zu letzterer, bei welcher insbesondere die Blechstimmen normalerweise in Trompete 1–2, Trompete 3–4 etc. kategorisiert werden, wird in der Bigband-Literatur für jede einzelne Instrumentenstimme auch ein komplett eigenes System verwendet (also Trompete 1, Trompete 2 etc.).