Das Universalienproblem (auch Universalienstreit, Universalienfrage, Nominalismusstreit, selten auch Realienstreit) ist eines der zentralen Themen der Philosophie und betrifft die Frage, ob es ein Allgemeines wirklich gibt oder ob Allgemeinbegriffe menschliche Konstruktionen sind.

Als Universalien werden Allgemeinbegriffe wie beispielsweise „Mensch“ und „Menschheit“ oder mathematische Entitäten wie „Zahl“, „Relation“ und „Klasse“ bezeichnet. Ein Allgemeinbegriff bezieht sich auf Merkmale, die mehrere Gegenstände gemeinsam haben, etwa deren rote Farbe, oder erfasst eine gemeinsame Gattung von Individuen, wie etwa „Lebewesen“. In der Philosophie wird seit der Antike eine grundlegende Diskussion darüber geführt, ob Universalien eine ontologische Existenz beigemessen werden kann (Realismus) oder ob es sich um rein verstandesmäßige Begriffsbildungen handelt (Nominalismus). Diese Kontroverse fand in der mittelalterlichen Scholastik einen Höhepunkt und reicht bis in die Gegenwart.

Grundproblem Begriffe haben die Funktion, Gegenstände, Vorgänge oder Eigenschaften zu kennzeichnen. Sie tragen eine Bedeutung, und konventionell wird anerkannt, dass der Satz „Die Rose ist rot“ auf Wahrheit überprüft werden kann, also sinnvoll ist. Sowohl „Rose“ als auch „ist rot“ (sogenannte Prädikatsausdrücke) können auf mehrere Gegenstände bezogen werden. Allgemeine Anwendbarkeit gilt für alle Begriffe mit Ausnahme von Namen, die ein Besonderes, ein Individuum, vom Allgemeinen unterscheiden sollen.

Wer an die Herstellung eines Tellers denkt, kann sich einen Gegenstand aus Porzellan, Keramik, Holz, Glas oder Metall vorstellen. Der Gegenstand kann kreisförmig, eckig oder oval sein. Diese Merkmale bestimmen die konkrete Gestalt eines singulären Tellers. Um einen Teller produzieren zu können, muss aber vorher schon die Vorstellung von der Funktion und den Prinzipien eines Tellers vorhanden sein. Die Idee vom Wesen eines Tellers muss bekannt sein.

Ausgangspunkt der Debatte über die Universalien ist die Ideenlehre Platons, der z. B. im Phaidon die These vertrat, dass Ideen eine eigenständige Existenz haben. Als Universalien wurden im Lauf der Auseinandersetzungen sehr unterschiedliche gedankliche Prinzipien gekennzeichnet. Neben den angesprochenen Ideen Platons waren das vor allem Regeln, Tugenden, Transzendentalien, Kategorien oder Werte. Die Position, die von der Existenz solcher abstrakter Entitäten ausgeht, wird Realismus genannt. Es handelt sich dabei wohlverstanden um den sogenannten semantischen Realismus, dessen Bedeutung in einem gewissen Sinn derjenigen des ontologischen Realismus entgegengesetzt ist (vgl. Realismus).

Die Vertreter der Gegenposition, des Nominalismus (lateinisch nomen = Name) sind der grundsätzlichen Auffassung, dass alle Allgemeinbegriffe gedankliche Abstraktionen sind, die als Bezeichnungen von Menschen gebildet werden. Sie würden nicht von der Idee eines Tellers reden, sondern den Begriff „Teller“ als Namen für eine Gruppe von Gegenständen auffassen. Realität kommt nach Auffassung von Nominalisten nur den Einzeldingen zu.

Da der Nominalismus der historisch neuere Standpunkt ist, entstand im Mittelalter dafür die Bezeichnung Via moderna, während die entgegengesetzte Position Via antiqua genannt wird.

Im christlichen und islamischen Monotheismus des Mittelalters spitzte sich das Universalienproblem zu. Dabei handelte es sich nicht um eine vom Alltag losgelöste, „rein philosophische“ Problematik, sondern es ging um sehr konkrete Fragen der Machtkonzentration und ihrer Legitimierung, wenn zum Beispiel über die Einheit der Dreifaltigkeit diskutiert wurde. Wenn Verallgemeinerungen wirklich sind, haben sie eine viel größere Autorität, als wenn sie von Interpretationen abhängen. Die zunehmende Abkehr vom Realismus im Lauf des Spätmittelalters bedeutete zugleich eine Emanzipation von Autoritäten, die das Göttliche für sich in Anspruch nahmen. In diesem Sinne förderte der Nominalismus die Naturwissenschaften und den säkularen Staat.

Das Grundproblem wird in abgewandelter Form auch in der Gegenwart erörtert. So beschäftigt sich die Sprachphilosophie mit der Frage, ob Eigenschaften („Röte“) und Klassen („Lebewesen“) eigenständig existieren. In der Philosophie der Mathematik wird darüber diskutiert, ob logische Klassen, Zahlen, Funktionen eine eigenständige Existenz haben, was im Platonismus beziehungsweise im semantischen Realismus bejaht wird. Abgelehnt wird diese Sicht von Vertretern der konstruktiven Mathematik und des Intuitionismus. Während Charles S. Peirce, Edmund Husserl, Bertrand Russell und in der jüngeren Zeit David Armstrong einen Universalienrealismus vertraten, zählen Ludwig Wittgenstein, Rudolf Carnap, Willard Van Orman Quine, Peter Strawson, Nelson Goodman oder Wilfrid Sellars zu den Vertretern eines Nominalismus. Der zeitgenössische Soziologe Pierre Bourdieu nimmt Aspekte des Realismus und des Nominalismus in seine Theorie auf und versucht, beide Anschauungen miteinander zu verbinden.

Begriff der Universalien Schon die Bestimmung des Begriffs der Universalien ist problematisch. Universalien können Sammelbegriffe sein, mit denen Arten oder Gattungen bezeichnet werden, sie können für Eigenschaften wie z. B. Rundheit stehen oder sie können eine Beziehung (Verwandtschaft, Kausalbeziehungen, räumliche oder zeitliche Beziehungen) ausdrücken. Allgemeinbegriffe wie Röte oder Lebewesen beziehen sich auf mehrere Gegenstände. Sie sind im Gegensatz zu Einzeldingen (Partikularien) wiederholbar und mehrfach realisierbar. Handelt es sich um Eigenschaften, können sie manchen Gegenständen dauerhaft oder nur zeitlich begrenzt zukommen oder bei anderen Gegenständen ganz fehlen (Akzidenzien). Sie werden mehreren Gegenständen zu Recht oder zu Unrecht zugeschrieben. Sollen mathematische Größen wie zum Beispiel die Zahl Pi mit erfasst werden, ist es besser, von abstrakten Gegenständen zu sprechen. Andere Bezeichnungen für Universalien sind Formen, Ideen (z. B. bei Platon) oder Begriffe (vor allem seit Gottlob Frege in der analytischen Philosophie).

Kriterien für Universalien: Zeitunabhängigkeit reine Begrifflichkeit fehlende Wahrnehmbarkeit fehlende kausale Wirkung Keines der Kriterien reicht alleine, um Universalien zu bestimmen. Ob auf einzelne Kriterien verzichtet werden kann, ist nicht eindeutig geklärt. Dabei gibt es Begriffe, die mehrere Elemente einer Klasse bezeichnen (Mensch), und solche, die der Bezeichnung einer Klasse selbst dienen (Menschheit). Die Begriffe „Mensch“ wie „Menschheit“, aber auch „Gerechtigkeit“ oder „die Menge der geraden Zahlen“ sind ohne konkrete Bezugnahme (dieser Mensch; die Menschheit zu jenem Zeitpunkt) zeitunabhängig, rein begrifflich, nicht wahrnehmbar und auch nicht kausal.

Das unterschiedliche Verständnis des Universalienbegriffs kommt bereits in den Begriffsbestimmungen der verschiedenen Anschauungen zum Ausdruck, die nachfolgend dargestellt werden:

Thomas von Aquin (Realismus)

Johannes Duns Scotus (Konzeptualismus)

Wilhelm von Ockham (Nominalismus)

Pierre d’Ailly (Nominalismus)

Die Frage der Universalien kann theoretisch unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden:Jan Peter Beckmann verwendet diese Struktur zur Kennzeichnung des Nominalismus in: Ders.: Wilhelm von Ockham, Beck, München 1995, S. 121–122. logisch: Sind im wissenschaftlichen Diskurs alle Dinge durch Individuenvariablen auszudrücken oder gibt es Größen, die nicht in Einzeldinge zu gliedern sind und doch Allgemeines ausdrücken? semantisch: Benennen Allgemeinbegriffe als Zeichen etwas, was es in den Einzeldingen nicht gibt? ontologisch: Gibt es in der Wirklichkeit nur Einzelseiendes oder hat auch Allgemeines eine eigene Existenz? erkenntnistheoretisch: Beruhen Erkenntnis und Wissen, die auf Allgemeinheit und Notwendigkeit ausgerichtet sind, auf einem Erfassen von Realitätsstrukturen oder auf der Zusammenführung von Einzeldingen nach den Regeln der Logik und Grammatik?

Ideenlehre in der Antike mini|hochkant=1.4|Schaubild Urbild-Abbild

Eines der Kernthemen der Philosophie Platons ist das Verhältnis der sogenannten ‚Ideen‘ (ideai) zu den empirischen Gegenständen und den Handlungen der Menschen. In den Platonischen Dialogen fragt Sokrates nach dem, was gerecht, tapfer, fromm, gut usw. ist. Die Beantwortung dieser Fragen setzt die Existenz der Ideen, die in den Allgemeinbegriffen ausgedrückt werden, voraus. Die Idee ist das, was in allen Gegenständen oder Handlungen dasselbe bleibt, so sehr sich diese auch voneinander unterscheiden mögen. Sie ist die Form (eidos) oder das Wesen (ousia) der Dinge.

Die Ideen sind das „Urbild“ (paradeigma) aller Dinge. Sie sind unveränderlich und den Einzeldingen vorgeordnet (universale ante rem), die an ihnen nur teilhaben (methexis). Nur sie sind im wahren Sinn des Wortes seiend. Die sichtbaren Einzeldinge stellen nur mehr oder minder vollkommene Abbilder der Ideen dar. Einzeldinge entstehen, verändern sich und vergehen. Ihr Ort ist zwischen Sein und Nicht-Sein.

Gegenüber seinen frühen und mittleren Schriften hat Platon seine Ansicht in den Spätschriften (Parmenides) relativiert und auf Probleme der Ideenlehre hingewiesen.

Aristoteles milderte in seiner Metaphysik den idealistischen Ansatz Platons mit einer neuen Abstraktionslehre ab. Er vertrat aber ebenso einen Universalienrealismus. Auch er hielt Erkenntnis nur für möglich, wenn das Allgemeine (katholou) Existenz (on he on) hat. Diese Existenz war für ihn jedoch nicht unabhängig von den Einzeldingen. Universalien sind nichts Abgetrenntes (chorismos). Allgemeines gibt es nur, wenn auch Einzeldinge existieren. Das Allgemeine entsteht, „wenn sich aus vielen durch Erfahrung gewonnene Gedanken eine allgemeine Auffassung über Ähnlichkeit bildet.“ (Met. I, 1, 981 a 5-5). Das Allgemeine ist eine Abstraktion, etwas aus den Einzeldingen „Abgezogenes“. Damit hat das Sein der Einzeldinge Priorität vor dem Allgemeinen. In den Kategorien fasste Aristoteles Universalien als „zweite Substanz“. Sie kennzeichnen das Wesen (eidos) eines Einzeldings, einer „ersten Substanz“ (ousia). Ideen und das Sein der wahrgenommenen Gegenstände fallen in den Objekten noch zusammen (universale in re) und werden erst durch intellektuelle Akte von ihnen getrennt.

Gegen Platons Lehre vom unabhängigen Sein der Ideen wandte Aristoteles ein (insb. Met. XIII, 6–9, siehe auch Chorismos),Gottfried Martin: Platons Ideenlehre, de Gruyter, Berlin 1973, S. 133ff dass die platonischen Ideen keine Bewegung erklären können, weil sie unveränderlich sind. die Vorstellung einer eigenständigen Existenz der Ideen zu einer unnötigen Verdopplung der Gegenstände in der Welt führt. für die Bestimmung der Ähnlichkeit der Idee „Mensch“ mit einem individuellen Menschen ein anderer Mensch als Vergleichsmaßstab benötigt wird (Argument „des dritten Menschen“), für den als Maßstab wiederum ein weiterer Mensch erforderlich ist und so fort, sodass ein unendlicher Regress entsteht.

Der neuplatonische Philosoph Porphyrios verfasste im 3. Jahrhundert eine Einführung zur Kategorienlehre des Aristoteles in griechischer Sprache mit dem Titel Isagoge. Darin erklärt er auch die aristotelischen Prädikabilien: die Art und Weise, über etwas zu sprechen. Die von Boethius angefertigte ausführlich kommentierte lateinische Übersetzung dieser Schrift wurde während des gesamten Mittelalters gelesen und war eine Voraussetzung für die Diskussion des Universalienproblems in der scholastischen Philosophie. Darin heißt es (Buch I, 2. Kommentar):

Scholastik Starker Realismus In der Frühscholastik findet sich zunächst die Position des Universalienrealismus, da der Neuplatonismus der Spätantike (5. Jahrhundert) die vorherrschende philosophische Grundlage war. Dieser Weg führte über Boethius und vor allem über Augustinus, der die Ideen als Gedanken Gottes vor der Schöpfung ansah.