mini|Hinweis auf eine niedergelassene Tierärztin mit Äskulapstab

Die Tiermedizin, Tierheilkunde oder Veterinärmedizin (vom französischen Wort vétérinaire) beschäftigt sich mit den Krankheiten und Verletzungen von Tieren, mit dem Tierschutz und begleitender Forschung, aber auch mit Lebensmitteln tierischer Herkunft und verwandten Themen.

Geschichte Anfänge mini|Der veterinärmedizinische Papyrus Kahun LV. 2 Der erste überlieferte Tierheilkundige war Urlugaledinna, der 2200 v. Chr. im sumerischen Lagaš in Mesopotamien lebte.Ilse Fuhr: Ein sumerischer Tierarzt. In: Archiv orientalni. Band 34, 1966, S. 570. Der ägyptische Papyrus von Kahun von 1900 v. Chr. ist eines der ersten Dokumente, das Tierheilkunde belegt.Michael Thrusfield: Veterinary epidemiology. Wiley-Blackwell, 2007, ISBN 978-1-4051-5627-1. Google Books, 21. November 2011

Der buddhistische König Aśoka hatte gemäß Iwan Bloch bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. Krankenhäuser für Menschen und Tiere eingerichtet.Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell Füssli, Zürich 1922, S. 88. In den Edikten des Ashoka (3. Jahrhundert v. Chr.) steht:Stanley Finger: Origins of neuroscience: a history of explorations into brain function. Oxford University Press, 2001, ISBN 978-0-19-514694-3, Google Books, 21. November 2011.

Die Darstellung des Asklepios auf einer provinzialrömischen Münze aus Parium in Mysien z.Zt des römischen Kaisers Alexander Severus, auf der er den Huf eines Stiers untersucht, deutet darauf hin, dass Asklepios nicht nur als human-, sondern auch als veterinärmedizinisch tätiger Heilgott angesehen wurde. Daneben galt auch Herkules als Schutzgott der Tierherden und ihrer Gesundheit.Jost Benedum: „Aesculapius veterinarius“. Zu einer unbekannten Münze aus Parion an der Propontis. In: Medizinhistorisches Journal. Band 7, 1974, S. 301–311; Hermann Junghans: Asklepios als Veterinär? In: Geldgeschichtliche Nachrichten. März 2020, S. 39.

mini|Asklepios einen Stier untersuchend, Münze aus Parium z. Zt. Alexander Severus’

Das umfangreichste tierärztliche Werk des Altertums stellten die kurz Mulomedicina („Mulomedizin“) oder Ars veterinaria genannten vier Bücher Artis veterinariae sive mulo-medicinae libri quatuor des Publius Vegetius Renatus aus dem 4. Jahrhundert dar.Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell Füssli, Zürich 1922, S. 31 und 33–34.

Im 5. oder 6. Jahrhundert erschien die Zusammenstellung antiker Schriften zur Pferdeheilkunde, die Hippiatrica. Im Mittelalter war das um 1250 verfasste sechsteiligen Handbuch der Pferdeheilkunde Hippiatria des Jordanus Ruffus, dem Oberhofmarschall Friedrichs II., verbreitet und wurde seit dem 13. Jahrhundert auch in verschiedene Sprachen übersetzt.Gundolf Keil: Ruffus, Jordanus. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 8, Sp. 377–378. mini|Shalihotra Dokumente, etwa 1500 n. Chr.

Deutscher Sprachraum Vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit sind auch im deutschsprachigen Raum tierheilkundliche Texte bezeugt.Gundolf Keil: ‚Liber de cura equorum‘ (‚Practica equorum‘, ‚Roßarzneiliche Albertus-Magnus-Vorlage‘). In: Verfasserlexikon. Band V, Sp. 752–756.Gerhard Eis: Zwei Tierheilmittel aus Arnold Doneldeys Arzneibuch von 1382. In: Deutsche tierärztliche Wochenschrift. Band 63, 1956, S. 62–63.Gerhard Eis: Deutsche Heilmittel für Haustiere aus dem Jahre 1321. In: Deutsche tierärztliche Wochenschrift. Band 65, 1958, Nr. 4, S. 115–116.Wilhelm Tzschacher: Salzburger Tierheilkunst um 1520. In: Veterinärhistorische Mitteilungen. Band 10, Nr. 9, 1930, S. 71–72.Willy Louis Braekman: Zestiende-Eeuwse Veterinaire Literatuur uit de Nederlanden. Brüssel 1987 (= Scripta: Mediaeval and Renaissance texts and studies. Band 20). Die tierärztliche Literatur des Mittelalters befasste sich vor allem mit der Pferdeheilkunde.Bernhard Schnell, William Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 246–247: Veterinärmedizin (›Roßarznei‹). Eine der am weiträumigsten verbreiteten und vom 13. bis zum 18. Jahrhundert in viele Sprachen übersetzten, pferdeheilkundlichen Schriften war das sogenannte Rossarzneibuch des Meister Albrant, der unter anderem in Neapel als Marstaller Kaiser Friedrichs II. wirkte.Rainer Rudolf: Meister Albrant. In: Verfasserlexikon. Band I, Sp. 157–158. Man unterschied zum Teil Rossärzte und Viehärzte. Die älteste veterinärmedizinische Hochschule im deutschen Sprachraum ist die 1765 als Lehrschule zur Heilung der Viehkrankheiten gegründete Veterinärmedizinische Universität Wien. Auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland geht die akademische Ausbildung in der Veterinärmedizin ins Jahr 1771 zurück und hat ihre Wurzeln an der Universität Göttingen. Zu dieser Zeit erhielt Johann Christian Polycarp Erxleben die Genehmigung, das „Vieharzney-Institut“ an der Universität zu gründen. Das heutige Tierärztliche Institut der Georg-August-Universität Göttingen ist somit die älteste und erste universitäre Bildungsstätte für Veterinärmedizin in Deutschland, an der allerdings heute kein Studium der Tiermedizin mehr möglich ist.

Die älteste, noch bestehende, eigenständige tiermedizinische Hochschule in Deutschland ist die 1778 unter der Regentschaft von Georg III. als Roßarzney-Schule gegründete Tierärztliche Hochschule Hannover (seit 2003 Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover). Der Anatom Henryk Kadyi (1851–1912) setzte um 1900 im Österreichischen Lemberg ein Reifezeugnis und ein vierjähriges Studium der TiermedizinJ. Stahnke: Ludwik Teichmann (1823–1895). Anatom in Krakau. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 2, 1984, S. 205–267, hier: S. 216. als Voraussetzungen für die Zulassung von Tierärzten durch.

Ältere verbreitete tierheilkundliche Werke (Auswahl) Georg Friedrich Sick: Unterricht fuer den Landwirth so wie fuer jeden Pferde- und Viehbesitzer zur Abwendung und Heilung der in Kriegszeiten eben so gewöhnlich als häufig vorkommenden Vieh-Krankheiten und ansteckenden Vieh-Seuchen. Berlin 1807; Neudruck, mit einer Nachbemerkung von Dieter Lösch, Leipzig 1990. Georg Friedrich Sick: Über die Natur der Rinderpest und die Gefahren, mit welchen ganz Deutschland von dieser verheerenden Pestseuche im Laufe des gegenwärtigen Krieges bedrohet wird […]. Berlin 1813. Johann Nicolaus Rohlwes: Allgemeines Vieh-Arzneibuch oder Unterricht, wie der Landmann Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine, Ziegen und Hunde aufziehen, warten und füttern, und deren Krankheiten erkennen und heilen soll. 17. Auflage (anastatischer Nachdruck) Reutlingen 1879. Johann Christian Polycarp Erxleben: Praktischer Unterricht in der Vieharzneykunst. Göttingen/Gotha 1771. Publius Vegetius Renatus: Artis veterinariae sive mulo-medicinae libri quatuor. [Original: 4. Jahrhundert] Mit einem Vorwort von Graf Hermann von Neuenahr. Johan Faber, Basel 1528.

Tiermedizinische Fachkräfte Der Tierarzt ist ein Beruf, der einen Hochschulabschluss und eine staatliche Zulassung (Approbation) erfordert. Darüber hinaus gibt es die tiermedizinischen Ausbildungsberufe Tiermedizinischer Fachangestellter (TFA, früher Tierarzthelfer) und Veterinärmedizinisch-technischer Assistent (VMTA, heute auch als Medizinischer Technologe für Veterinärmedizin bezeichnet). In der DDR gab es noch einen Fachschulabsolventen, den Veterinäringenieur, der vor allem für Routinetätigkeiten in der industriemäßigen Tierproduktion in den von einem Tierarzt geleiteten Veterinärmedizinischen Brigaden und Abteilungen zum Einsatz kam.Wörterbuch der Veterinärmedizin. 2. Auflage. 1980, S. 1292.

Studium in Deutschland Die Ausbildung zum Tierarzt ist durch die Verordnung zur Approbation von Tierärztinnen und Tierärzten (TAppV) staatlich geregelt.

Das Studium der Tiermedizin ist in Deutschland an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, in Berlin (Freie Universität Berlin), Gießen (Justus-Liebig-Universität), Leipzig (Universität Leipzig) und München (Ludwig-Maximilians-Universität) möglich. In der Republik Österreich ist das Studium nur in Wien, in der Schweiz an den Universitäten Bern und Zürich möglich. Es gliedert sich in die Abschnitte Vorphysikum, Physikum und klinischer Abschnitt und endet mit dem Abschlussexamen und der Approbation als Tierarzt.

Je nach Universität erfolgt die Ausbildung in zwei Varianten. Bei der klassischen Methode wird nach Fächern gelehrt (Chirurgie, Innere Medizin, Theriogenologie etc.), bei der nordamerikanischen Methode wird nach Tierarten unterschieden und innerhalb dieser dann alle Fächer zusammen gelehrt (Klinik für Wiederkäuer, Pferde, kleine Haustiere usw.).

Anschließend folgen gegebenenfalls eine Dissertation mit dem Erwerb des akademischen Grades Doctor medicinae veterinariae (Dr. med. vet.), eine zusätzliche tierärztliche Prüfung im Rahmen einer Qualifikation als Fachtierarzt für öffentliches Veterinärwesen (sog. KreisexamenAmtstierarzt, amtl. Tierarzt, Begriffe und Qualifikation – eine Stellungnahme) oder eine Weiterbildung als Fachtierarzt. Europaweit ist in jüngerer Zeit nach amerikanischem Vorbild ein standardisierter Weiterbildungsgang zum Diplomate of the European College für viele Fachrichtungen entstanden (z. B. Diplomate of the European College of Veterinary Surgery, Dipl. ECVS). Dieser wird durch das European Board of Veterinary Specialisation koordiniert.

Ähnlich wie in der Humanmedizin gibt es unter Tierärzten diverse Spezialisierungen im Rahmen der postgradualen Weiterbildung zum Fachtierarzt. Dabei gibt es sowohl disziplinabhängige Fachtierärzte (z. B. Chirurgie, Pathologie, Innere Medizin), tierartenbezogene Spezialisierungen (z. B. Kleintiere, Pferde, Rinder, Schweine, Geflügel) und neben den eigentlichen Fachtierärzten Gebietsbezeichnungen (z. B. Augenheilkunde, Akupunktur) (→ Liste medizinischer Fachgebiete). mini|Fachliteratur in einer tierärztlichen Praxis In der Landwirtschaft spielt die Veterinärmedizin eine große Rolle.vgl. exemplarisch: G. C. Haubner: Landwirthschaftliche Thierheilkunde …, 2. Aufl. Anklam 1847. Hier geht es unter anderem um den Tierseuchenschutz, so dass auch die Tötung von Tierherden bei Infektionen (MKS, BSE u. Ä.) und der Schutz des Menschen vor Tierkrankheiten (Zoonosen wie Tollwut u. Ä.) in den Bereich der Veterinärmediziner fallen.

Während bei „Luxustieren“ wie Pferden sowie kleinen Haus- und Heimtieren wie Hunden, Katzen oder Meerschweinchen eine der Humanmedizin vergleichbare Versorgung möglich ist, unterliegt die medizinische Betreuung landwirtschaftlicher Nutztiere hauptsächlich den Aspekten der Wirtschaftlichkeit.

Ein weiterer Schwerpunkt der Veterinärmedizin ist die Sicherung der Lebensmittelhygiene. Zu diesem Zweck wird beispielsweise die Schlachttier- und Fleischuntersuchung durch Tierärzte bzw. unter ihrer Aufsicht durchgeführt. Dazu gehört die Kontrolle von Tiertransporten und der Hygiene in Lebensmittelbetrieben wie z. B. in Schlachthöfen. Die Lebensmittelkunde ist ein wesentlicher Bestandteil der tierärztlichen Ausbildung.

Die einstige Männerdomäne ist mehr und mehr zu einem Beruf für Frauen geworden. An manchen Hochschulen stieg die Prozentzahl der Studentinnen der Veterinärmedizin auf über 90 %; im bundesdeutschen Durchschnitt betrugen die Zahlen bei den Studienanfängern: 1974 24 %, 1980 50 %, 1990 74 %, 2001 87 %.