Musik der DDR bezeichnet die Musik, die in der Deutschen Demokratischen Republik zwischen 1949 und 1990 geschaffen wurde. Die Freiheit der Kunst war im Vergleich zur Musik der BRD weniger durch privatwirtschaftliche Vorgaben, sondern durch Vorgaben von Staat und SED eingeschränkt. Gleichwohl hatten zahlreiche Musiker das Bestreben, die bestehenden Grenzen auszuloten. Trotz der staatlichen Förderung von musischer Bildung kam es besonders bei Rock-, Blues- und Folkmusikern sowie bei Liedermachern, aber auch bei Komponisten der sogenannten E-Musik zu politisch bedingten Konflikten mit der Staatsmacht.
E-Musik mini|hochkant|links|Hanns Eisler (1950) mini|Ernst Hermann Meyer spricht auf der Bachfeier 1950 im Sinne der marxistisch-leninistischen Erbetheorie über Johann Sebastian Bach – Kein Ende, ein Anfang. mini|Georg Katzer mini|Kurt Masur und die Sänger Theo Adam, Eva-Maria Bundschuh und Klaus König (von links) im Leipziger Gewandhaus (1983) mini|Der Kreuzchor in der Dresdner Kreuzkirche am 1. Januar 1963 In der DDR gab es zahlreiche Komponisten der Neuen bzw. zeitgenössischen Musik. Zu den bekanntesten zählen der Österreicher Hanns Eisler, Paul Dessau und Günter Kochan, die aus dem Exil oder West-Berlin kommend in die DDR zogen.
1948 wurde das erste „Schlüsselwerk“ der Neuen Musik in der späteren DDR komponiert, die Festouvertüre 1948 von Ottmar Gerster, deren Thema die Revolution 1848 ist und in der Kampflieder sinfonisch bearbeitet wurden.Daniel zur Weihen: Komponieren in der DDR. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1999, ISBN 3-412-09399-8, S. 50. Die Musikhochschulen in Dresden, Weimar, Leipzig und Ost-Berlin waren fortan für die Ausbildung zuständig. Eisler und der Dichter Johannes R. Becher schrieben 1949 die Nationalhymne der DDR. Ab 1950 wurde das Musikschaffen im Sinne der Doktrin des sozialistischen Realismus verstärkt reglementiert. Im selben Jahr entstanden Eislers und Bechers Neue deutsche Volkslieder, und der SED-Funktionär und Musiksoziologe Ernst Hermann Meyer komponierte das Mansfelder Oratorium. Diese beiden Werke galten als beispielhaft für die künftige Musikkultur der DDR.Daniel zur Weihen: Komponieren in der DDR. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1999, ISBN 3-412-09399-8, S. 59. Im März 1951 fasste die SED den „Formalismusbeschluss“, der die Künstler in der DDR auf einen offiziellen Kurs zwingen sollte. Im August 1951 nahm die Musikabteilung der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten, kurz „Stakuko“, ihre Arbeit auf. In der Folgezeit wurden vor allem „Massenlieder“ geschrieben. 1952 entstand Eislers ideologiekritisches Opernfragment Johann Faustus, das als „formalistisch“ bezeichnet wurde und erst 1982 in der DDR erstaufgeführt werden durfte. Nach Stalins Tod 1953 wurden die Kompositionen wieder vielfältiger. Die „Stakuko“ ging 1954 im neugegründeten Ministerium für Kultur auf. Anfang der 1960er Jahre gab es eine weitere Loslösung vom sozialistischen Realismus.Daniel zur Weihen: Komponieren in der DDR. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1999, ISBN 3-412-09399-8, S. 71 f. Zu den bekannten Komponisten dieser Epoche zählt Georg Katzer.
Die internationalen Hallischen Musiktage in Halle (Saale) widmen sich seit 1955 der zeitgenössischen Musik. In Ost-Berlin fand ab 1967 jährlich das „Internationale Festival der zeitgenössischen Musik“ statt. 1987 wurden erstmals die vom Komponisten Udo Zimmermann begründeten Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik ausgetragen. Der bedeutendste Preis für E-Musik in der DDR war von 1968 bis 1990 der Hanns-Eisler-Preis. Zu den bedeutendsten Interpreten zeitgenössischer E-Musik in der DDR gehörten ab 1966 die Bläservereinigung Berlin und ab 1970 die Gruppe Neue Musik Hanns Eisler. Ab 1971 wurden zahlreiche Langspielplatten mit Neuer Musik beim staatlichen Plattenlabel Nova veröffentlicht.Liste der Nova-Veröffentlichungen, abgerufen am 23. Dezember 2015. Zuvor waren die meisten dieser Werke bei Eterna erschienen, wofür es dort seit 1965 die Plattenreihe „Unsere neue Musik“ gab, aus der das Nova-Label hervorging.
Bedeutende Regisseure des Musiktheaters waren Walter Felsenstein und Harry Kupfer, die nacheinander an der Komischen Oper Berlin wirkten, sowie Ruth Berghaus. Zu den bekanntesten Interpretinnen gehörte Gisela May.
Klassische Musik hatte in der DDR einen breiten Raum. Wichtige Opernhäuser wurden nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut, so die Staatsoper Unter den Linden in Ost-Berlin und die Semperoper in Dresden. In Leipzig wurden ein repräsentatives Opernhaus und 1981 das wegen seiner hervorragenden Akustik weltberühmte Neue Gewandhaus errichtet. Kein anderes Land hatte so viele Sinfonieorchester im Vergleich zur Einwohnerzahl wie die DDR. Fast jedes Stadttheater besaß ein eigenes Orchester.
Neben anderen Stilrichtungen der klassischen Musik wurde die Barockmusik besonders gepflegt. In Leipzig fanden die Bachfestspiele statt, in Halle die Händelfestspiele und in Magdeburg die Telemannfesttage. Zu großem Ruhm kamen der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor in Leipzig. Bekannte Dirigenten waren Herbert Kegel und Kurt Masur. Zu den bekannten Solisten gehörten die Sänger Theo Adam und Peter Schreier und der Trompeter Ludwig Güttler. Für weitere Künstler siehe auch :Kategorie:Klassische Musik (DDR). Zahlreiche Schallplatten mit klassischer Musik wurden beim Label Eterna veröffentlicht.
Die klassische Musik wurde 1950 im Sinne der Erbetheorie für den Sozialismus vereinnahmt. Ernst Hermann Meyers Rede auf der Bachfeier 1950Vgl. Gedenkrede in Vertretung des Volksbildungsministers gehalten von Ernst Hermann Meyer, in: Bericht über die wissenschaftliche Bachtagung der Gesellschaft für Musikforschung. Leipzig 23. bis 26. Juli 1950, im Auftrage des Deutschen Bachausschusses 1950 herausgegeben von Walther Vetter und Ernst Hermann Meyer, bearbeitet von Heinrich Eggebrecht, C. F. Peters, Leipzig 1951. im Sinne der marxistisch-leninistischen Erbetheorie Johann Sebastian Bach – Kein Ende, ein AnfangÜberarbeitet und zugespitzt als Aufsatz erschienen: Ernst H. Meyer: Johann Sebastian Bach – kein Ende, ein Anfang. In: Ernst H. Meyer: Aufsätze über Musik. Henschelverlag, Berlin 1957, S. 10 ff., vgl. auch Bach Bibliography . gab für viele Jahre die Sichtweise auf Klassiker vor.
Geistliche Musik wurde überwiegend im kirchlichen Umfeld aufgeführt. Zu den Komponisten geistlicher Musik, die eher der Tradition verhaftet waren, zählen Rudolf Mauersberger und der Organist Herbert Collum. Zeitgenössische Komponisten geistlicher Musik wie Rainer Kunad, Jörg Herchet und der Kirchenmusiker Edgar Thomaschke standen mit ihren Kompositionen außerhalb der Parteilinie., abgerufen am 19. März 2011. Viele Menschen sangen in Kirchenchören. So waren in Sachsen zeitweilig rund 30.000 Menschen Mitglied eines Kirchenchores, gegenüber 17.000 im Jahr 2007. Ende der 1960er Jahre nahm die Beliebtheit von Orgelkonzerten auch in nicht-kirchlichen Kreisen zu, so dass zahlreiche Kirchenorgeln restauriert wurden. Die geistliche Musik des Barocks wurde auch von Eterna besonders gepflegt. So waren Aufnahmen einer Reihe von Bach-Kantaten auf Schallplatte erhältlich. Als einziger Kirchenchor der DDR durfte der Rostocker Motettenchor eine Langspielplatte mit geistlicher Musik, allen Bach-Motetten, aufnehmen.
Übergänge von Unterhaltungsmusik zur E-Musik Zahlreiche Künstler der Unterhaltungsmusik beschäftigten sich mit der E-Musik, was auch daran lag, dass sie meist eine akademische Musikerausbildung nachweisen mussten, um eine Berufserlaubnis zu bekommen. So setzte Holger Biege viele klassische Stilelemente in seinen Liedern ein, Scherbenglas von Lift wurde ausschließlich von Streichern begleitet, und der Rockmusiker Ed Swillms von Karat spielte Cello im Song Und ich liebe dich. Die Gruppe Bayon verband klassische Elemente und moderne E-Musik mit europäischem und kambodschanischem Folk, während electra und Stern-Combo Meißen klassische Musikstücke adaptierten und mit Elementen der Rockmusik versetzten.
Umgekehrt beschäftigten sich auch klassische Sänger wie Gunther Emmerlich mit Unterhaltungsmusik.
Unterhaltungsmusik mini|Manfred Krug und Nina Hagen (ganz links) im Friedrichstadtpalast (1976) mini|Popmusik-Veranstaltung zum 30. Jahrestag des Bestehens der DDR (1979) Die Unterhaltungsmusik in der DDR versuchte einen Spagat zwischen den verschiedenen Ansprüchen: das Verlangen der Zuhörer nach westlich orientierter Musik die Ablehnung der Beatmusik besonders von der Ulbricht-Regierung das Verarbeiten von Themen, mit denen die Menschen sich beschäftigten die staatliche Zensur der Texte.
Westliche Tänze wie Boogie-Woogie und Rock ’n’ Roll wurden in den 1950er Jahren noch als barbarisierendes Gift des Amerikanismus angesehen, der die Gehirne der Werktätigen zu betäuben drohe, der die niedrigsten geilsten Instinkte wecke.Wortwahl des maßgebenden Musiksoziologen Ernst H. Meyer: Musik im Zeitgeschehen, Seite 162 ff, Verlag Bruno Henschel und Sohn, Berlin 1952. Ersatz sollte der eigens kreierte Tanz Lipsi bieten. Doch er „war eine reine Propagandasache, die schnell in sich zusammenfiel“.Hans Bentzien, zitiert bei Johanna Metz: Der Sound des Kalten Krieges. In: Das Parlament Nr. 12 / 20. März 2006 , abgerufen am 29. September 2012. Die Twist-Welle hingegen hatte etwas unverfänglich Harmloses.Rüdiger Bloemeke: Roll over Beethoven, Wie der Rock’n’Roll nach Deutschland kam. S. 166, Hannibal Verlag, St. Andrä-Wördern, 1996. So erschienen dann 1963 in der DDR Manfred Krugs Twist in der Nacht und Susi Schusters Jodel-Twist. Nach dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 wurde hart gegen die aufkommenden Beatbands vorgegangen, bis es 1970, etwa zeitgleich mit dem Amtsantritt Erich Honeckers, zu einer bewussten Förderung junger Rockbands kam. Ab Mitte der 1980er Jahre wurden die Liedtexte direkter und freizügiger. 1988 zog der DDR-Musikwissenschaftler Georg Knepler Bilanz der DDR-Musikpolitik. „Wir haben glücklicherweise die prinzipiellen Einwände gegen die Popmusik in unserem Lande aufgegeben, doch die Förderung ist halbherzig, die Sicherstellung der instrumentalen Ausrüstung ist nicht gewährleistet, ihre Auftrittsgelegenheiten sind rar. Offensichtlich waltet das gleiche Syndrom von Überlegungen, das mich seinerzeit Jazz mit Argwohn betrachten ließ.“Georg Knepler: Musikalischer Realismus - Neue Überlegungen zu einem alten Problem. In: Beiträge zur Musikwissenschaft, Heft 4 1988 (Redaktionsschluss 9. März 1988), Verlag Neue Musik, Berlin, S. 250.
Die Vergabe einer Spielerlaubnis für Berufsmusiker (Berufsausweis) setzte eine solide musikalische Ausbildung voraus. Musiker ohne Hochschulabschluss mussten eine Prüfung bestehen, die von einer Kommission des Bezirkskomitees für Unterhaltungskunst abgenommen wurde. Teilweise war eine dem DDR-Regime unpassende politische Haltung von Musikern ein Hinderungsgrund für die Vergabe einer Spielerlaubnis.
mini|hochkant=0.8|links|Urkunde „Hervorragendes Amateurtanzorchester der DDR“ Auch die Amateurmusiker (Laienmusiker und nebenberuflich tätige Musiker) als Vertreter des „künstlerischen Volksschaffens“ benötigten für den öffentlichen Auftritt die staatliche Spielerlaubnis. Ohne diese Erlaubnis durften die als „Amateurtanzorchester“ bezeichneten Bands in der Regel keine öffentlichen Auftritte bestreiten.Anordnung Nr. 2 über die Ausübung von Tanz- und Unterhaltungsmusik vom 1. November 1965. In: Gesetzblatt der DDR, Teil II, Nr. 112 vom 15. November 1965, S. 777 f.