mini|Dubliners, 1914
Dubliner (Originaltitel: Dubliners) ist ein Zyklus von 15 Kurzgeschichten des irischen Schriftstellers James Joyce.
Dieses erste Prosawerk des später für seinen Ulysses berühmt gewordenen Autors entstand zwischen 1904 und 1907, erschien aber erst 1914 erstmals bei Grant Richards in Buchform. Joyce behauptete später, vierzig Verleger hätten das Buch zuvor abgelehnt.
mini|Ha’(lf) Penny Bridge
Entstehung Joyce hatte im Frühherbst 1904 in Paris den Plan für das Buch entwickelt. Laut dem Literaturwissenschaftler Richard Ellmann wollte er vier Lebensphasen der Stadt darstellen, die er als eine Person ansah. Die erste sollte durch ihre Kinder, die letzte durch ihre Erwachsenen beschrieben werden.Richard Ellmann: James Joyce. Revidierte und ergänzte Ausgabe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 321 f. Gerade eben hatte er Dublin verlassen und plante, in Paris Medizin zu studieren, als der Tod seiner Mutter ihn wieder nach Dublin zurückrief. In einer landwirtschaftlichen Zeitung veröffentlichte Joyce drei der Kurzgeschichten, die später in die Dubliner aufgenommen werden sollten. Daraufhin bot ihm die später von George (A. E.) Russell geleitete Zeitschrift The Irish Homestead an, für ein Honorar von einem Pfund eine Geschichte von 1800 Wörtern zu verfassen. Es erschienen daraufhin die jeweils erste Version von Die Schwestern, Eveline und Nach dem Rennen. Nach heftigen Protesten der Leser, die eine leichter lesbare, unterhaltsame Geschichte erwartet hatten, wurde schon die vierte Erzählung abgelehnt. 1907 beendete Joyce den Zyklus in Triest.
Inhalt und Stil Die Erzählungen spielen alle in Dublin, der Geburtsstadt des Autors, mit der ihn Zeit seines Lebens eine Hassliebe verband. In ihnen wird die Welt des kleinen bis mittleren Bürgertums geschildert, eine autobiographische Komponente. In einer lockeren chronologischen Ordnung – von den Erlebnissen eines Kindes bis zu denen von Erwachsenen – geht es in der Mehrzahl der Erzählungen um die Paralyse, die Lähmung der irischen Gesellschaft. Laut dem Literaturwissenschaftler Jörg Drews ist das geheime Thema des Buches „frustration, also eine Desillusionierung, eine Enttäuschung oder ein moralisches Versagen“.Jörg Drews: James Joyce – Dubliners. In: Kindlers Literatur Lexikon. 3., völlig neu bearbeitete Auflage, Metzler, Tübingen 2009, abgerufen von Bücherhallen Hamburg am 31. Dezember 2022.
Wie oft bei Joyce sind die Texte arm an äußerer Handlung. Es geht dem Autor um eine differenzierte psychologische Darstellung der Charaktere, um ihre Innensicht. Daher arbeitet er größtenteils mit dem Stilmittel der erlebten Rede, einem Vorläufer des inneren Monologs, wobei er – dies wiederum eine spezifisch Joycesche Ausformung – die (Erzähl-)Sprache den Figuren anpasst. Der Text weist eine Vielzahl von poetischen Figuren auf: Joyce experimentiert mit Wort- und Kontext-Ellipsen sowie mit Motiv-Texturen (ein Motiv durchzieht in verschiedenen Variationen den gesamten Text), er entwickelt die Einleitung der stufenförmigen Hinführung, erprobt Pointen und schärft seine „Epiphanien“, das Aufleuchten eines wesentlichen Merkmals in einem besonderen Moment.
Erzählungen Die Schwestern (The Sisters)
Die Erzählung handelt vom Tod des Reverend James Flynn, erzählt aus der Perspektive eines Jungen, dessen väterlicher Freund und Mentor der Geistliche offensichtlich bis zuletzt gewesen war und der ihn im Gespräch in Allgemeinbildung, Ethik und Religion unterrichtet hatte. Die Handlung spielt am Abend des Todes sowie am darauf folgenden Tag.
Noch bevor er vom Tod seines Freundes erfährt, sinniert der Junge darüber, dass es für diesen nach seinem inzwischen dritten Schlaganfall wohl keine Hoffnung mehr geben wird. Als er zu Tante und Onkel nach Hause kommt, erhält er von einem dort weilenden Freund der Familie die Nachricht vom Tod des Priesters. Aus den Gesprächen der Erwachsenen wird deutlich, dass diese den Toten, der anscheinend schon seit geraumer Zeit seines Amtes enthoben war, für psychisch krank und nicht ganz richtig im Kopf hielten.
Am nächsten Tag vergewissert sich der Junge am Trauerhaus, wo eine Todesanzeige hängt, von der Richtigkeit der Nachricht vom Tod seines Freundes, traut sich aber nicht, das Haus zu betreten. Erst am Abend besucht er gemeinsam mit seiner Tante das Trauerhaus, wo sie von den beiden Schwestern des Toten in das Totenzimmer geführt werden. Wieder erhält der Junge aus den Gesprächen der Erwachsenen Einblicke in deren Sichtweise auf seinen verstorbenen Freund: „Es war dieser Kelch, den er zerbrochen hat […] Damit hat es angefangen. Natürlich, es heißt, daß es nicht schlimm war, daß nichts drin war, meine ich. Aber trotzdem …“ Es entsteht der Eindruck, dass der Reverend nach diesem Ereignis allmählich dem Wahn verfallen war: „Hellwach und wie wenn er für sich lachen täte […] also dann natürlich, als sie das sahen, da haben sie gedacht, daß irgendetwas mit ihm nicht mehr stimmte“.
Die erste Fassung der Erzählung entstand bereits im Jahr 1904 und wurde am 13. August 1904 in The Irish Homestead (unter dem Pseudonym Stephen Daedalus) veröffentlicht. Sie wurde von den überwiegend fromm-katholischen Lesern sehr gemischt aufgenommen, da das Verhalten des Priesters vor seinem Tod nicht den gängigen Erwartungen der Zeit an einen Priester entsprach. 1906 überarbeitete Joyce die Geschichte stark, um sie als Eröffnungsgeschichte in den geplanten Kurzgeschichtenzyklus Dubliners zu integrieren. So fügte Joyce unter anderem gleich zu Beginn die Reflexionen des Jungen über die Lähmung ein, die einerseits als Folge der Schlaganfälle des Priesters aufgefasst, andererseits aber zusammen mit den sonstigen später genannten Symptomen auch als Anzeichen eines geistig-spirituellen Verfalls interpretiert werden konnten. Diese überarbeitete Fassung wurde im Jahr 1914 in Buchform gemeinsam mit den anderen Erzählungen veröffentlicht.
Stil und Konstruktion arbeiten immer wieder mit einer Textur der Ellipsen, Aussparungen und suggestiven Andeutungen: direkt mit den Auslassungszeichen, mit warnend-undeutlichen Anspielungen in den Gesprächen beim Besuch im Totenhaus, mit dem Ansetzen des Priestergesichts zu einer Beichte im Traum des Jungen und in der Erinnerung an das rätselhafte Lächeln des Verstorbenen (über den Glauben, über die Gläubigen?). Zugleich wird die Lähmung der Figur des verstorbenen Paters in einer dichten Symbolik und Metaphorik zu einer Lähmung der Stadt Dublin überhöht.Richard Ellmann: James Joyce. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 258
Eine Begegnung (An Encounter) Während eines geschwänzten Schultages streifen der Ich-Erzähler und sein Freund auf der Suche nach Abenteuern durch entferntere Außenbezirke Dublins. Draußen auf einem Feld begegnen sie schließlich einem älteren Mann, der sich zu ihnen setzt und sich u. a. über das Interesse von Jungen an Mädchen, vor allem aber immer wieder über die Notwendigkeit harter körperlicher Züchtigungen von Jungen auslässt. Die Jungen sind mehr und mehr irritiert und suchen schließlich auf unterschiedliche Weise das Weite.
Die Motivation des hinzutretenden Mannes, dessen Gespräch vermutlich ein Annäherungsversuch in pädophil-sadistischer Absicht ist, bleibt undurchschaubar: Einerseits spricht er rätselhaft und wie über ein Geheimnis, andererseits „kreisten seine Gedanken […] Runde um Runde langsam auf immer der gleichen Umlaufbahn“, ohne dass der Ich-Erzähler den Kern begreifen kann. Einmal steht der Mann kurz auf und scheint in Sichtweite der Kinder zu masturbieren: „Na sowas! Guckmal, was er da macht!“, ruft der Freund des Ich-Erzählers aus.
Ein doppeltes unaufgelöstes Rätsel bestimmt die Erzählung: Einerseits will der Ich-Erzähler nicht genau hinsehen, was der ältere Mann „da macht“, andererseits ist er von den Ansichten des Mannes und von seiner Stimme fasziniert: „Ich überlegte noch, ob ich weggehen sollte oder nicht, als der Mann zurückkam und sich wieder neben uns setzte.“ In diesen widerstreitenden Tendenzen entsteht eine zeitweilige Lähmung der Figur. Während der Freund vom Anfang der Begegnung an den Mut zu frechen Fragen hat und sich bis ans andere Ende des Feldes entzieht, indem er eine Katze verfolgt, gelingt es dem Erzähler schließlich nur mit großer Willenskraft, seinem stärkeren Freund hinterherzugehen.
Wie später in anderen Erzählungen der Dubliner (Nach dem Rennen, Zwei Kavaliere, Eine kleine Wolke, Entsprechungen, Ein betrüblicher Fall) stellt Joyce in den Protagonisten Handlungskonzepte gegenüber, die in ihren Unterschieden für ihn die irische Misere erklären.
Arabia (Araby) Die Erzählung beschreibt die erste Romanze des Ich-Erzählers mit der Schwester seines Freundes und damit zugleich seinen Aufbruch in das neue Land der Pubertät. „Araby“ ist der orientalische Basar in Dublin, von dem der Erzähler seiner Angebeteten etwas mitzubringen versprochen hat und „Araby“ ist auch die Metapher für das Ferne, Unbekannte. Weil sein Onkel aber an jenem Abend sehr spät nach Hause kommt, kann der Junge erst abends nach 21 Uhr aufbrechen und ist 10 Minuten vor der Schließung in der großen Halle mit der Galerie, in der schon fast alle Stände geschlossen sind, wie er wütend geworden und sich lächerlich fühlend feststellt.
Als Grundfigur formt sich auch hier am Ende der Abbruch eines Aufbruchs: Der Basar, schon fast ohne Kunden und Verkäufe, ist nur noch eine leere, dunkle Hülle der Geschäftigkeit, eine gigantische Ellipse, in der das Vorhaben des Jungen ins Leere läuft.
Eveline Die Erzählung beschreibt die letzten Stunden vor der geplanten Abreise, ja Flucht, einer 19-Jährigen aus Dublin zusammen mit ihrem Geliebten auf einem Schiff nach Buenos Aires. Sie lässt vor ihrem inneren Auge die Spiele ihrer Jugend Revue passieren, die vertrauten Gegenstände im Elternhaus, den Wahnsinn der Mutter, die nach ihrem Tod sich steigernde Gewalttätigkeit des Vaters, ihre Arbeit als Verkäuferin… Schließlich, im allerletzten Moment, fehlt es ihr an Kraft, sich selbst von den Bindungen an ihre Heimat zu befreien: Auf der Spur ihrer im Wahnsinn geendeten Mutter klammert sie sich in Panik an das Gitter auf dem North Wall Quay – und bleibt zurück.
Schon der erste Satz lässt das Thema von Fesselung und Befreiung, von Resignation und Gewalt anklingen: „Sie saß am Fenster und sah zu, wie der Abend in die Straße eindrang.“ Dann entsteht allmählich eine Textur der Vergeblichkeit durch die folgenden Anspielungen auf das Thema einer sowohl positiv erlebten als auch negativ bzw. passiv hingenommenen Veränderung.
Nach dem Rennen (After the Race) Jimmy, der Sohn eines in Dublin reich gewordenen Fleischers, genießt nach der Mitfahrt in einem Rennwagen die Gesellschaft seiner anscheinend wohlhabenden und weltgewandten französischen Bekannten. Diese tragen ihm die finanzielle Beteiligung an einem Automobilgeschäft an und nehmen ihn bei einigen Kartenspielen auf der Segeljacht eines Amerikaners aus, wogegen er sich nicht wehrt. Der Geschäftigkeit und geschickten Steuerung der Konversation durch die kontinentalen Europäer setzt der Inselzögling Jimmy nur seine dauernde „Aufregung“ entgegen, die es den anderen leicht macht, ihn über den Tisch zu ziehen.
Das Thema der Paralyse wird hier als Verlangsamung aller Bewegungen variiert, die stufenförmig erstarren: Die Erzählung beginnt bei den ins offene Dublin hineinrasenden Rennwagen und endet in der geschlossenen Kajüte des Segelbootes, in welcher der naive Jimmy sein Geld an die Kumpane verliert. Während Jimmy dort seine durch das lange Spiel und den Alkohol verursachte „dunkle Betäubung“ genießt, machen sich die anderen trotz der durchzechten Nacht bereit für neue Abenteuer: „Der Tag bricht an, meine Herren.“
Zwei Kavaliere (Two Gallants)