Als Jähzorn (von „jäh“ ~ „plötzlich“, von mittelhochdeutsch gāch, „eilig, plötzlich, eil-“Vgl. etwa Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 128 („gaech-“/„gaeh-“ unter gāchlīche und gāchmuotec).) bezeichnet man einen aus kleinstem Anlass oder unvermittelt ausbrechenden Zorn gegen eine bestimmte Person oder Sache. Er wird als Affekt angesehen.

Im weiteren Sinne ist Jähzorn (im Althochdeutschen zornmuot genanntGundolf Keil: Wut, Zorn, Haß. Ein semantischer Essai zu drei Ausprägungen psychischer Affektstörung. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 183–192, hier: S. 185.) die psychische Disposition, zu derartigen Wutanfällen zu neigen. Einen solchen Menschen nennt man jähzornig. Adolph Freiherr Knigge widmete 1788 in seinem Buch Über den Umgang mit Menschen dem „Umgang mit Jähzornigen“ ein eigenes Kapitel und rät zu Nachgiebigkeit, damit die Person wieder vernünftig wird.

Vorkommen Bei Kleinkindern kann es mitunter zu spontanen Wutanfällen kommen, vor allem in der so genannten Trotzphase. Jähzorn bzw. Wut ist auch ein Merkmal einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Pathologische Jähzornigkeit wird in der klinischen Psychologie beschrieben als Intermittierende explosible Störung (IES). Sie ist eine Impulskontrollstörung, unter ICD-11 mit dem Code 6C73 verzeichnet und wird „gekennzeichnet durch wiederholtes Versagen, einem starken Impuls, Antrieb oder Drang zu widerstehen, eine Handlung auszuführen, die kurzfristig belohnend ist, längerfristig jedoch mit negativen Folgen für die Person selbst oder andere, starkem Leidensdruck oder erheblichen Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verbunden ist.“

Zorn gilt als primäres Gefühl wie Liebe, Hunger und Angst. Im Jähzorn äußert sich unterdrückter Zorn. Als Auslöser können leichte Irritationen (wie z. B.: jm. lässt einen Löffel fallen) bis hin zu starken Gefühlen vorkommen (wie z. B.: Ohnmacht).

Laut Coccaro et al. (2016) zeigen sich in Studien an Menschen mit derartigem Verhalten Veränderungen im Gehirn (verkleinertes Volumen im präfrontalen Cortex oder der Amygdala, Verringerung der grauen Substanz).

Auch körperliche Veränderungen wie ein schnellerer Herzschlag und Atmung sowie eine Anspannung der Muskulatur treten auf.

Laut Itten (2007) sind fast ein Viertel der Schweizer Bevölkerung selbst jähzornig (24 %) oder erleben sich als Opfer derartiger Personen (22 %). Das familiäre Umfeld ist Schauplatz für über 2/3 der Ausübenden und für über 1/3 der Erlebenden.

Umgang mit jähzornigem Verhalten Neben dem Umlernen des eigenen Verhaltensrepertoires in einer Psychotherapie kann Aktivität wie Musizieren, Bewegung oder Verändern des Fokus durch Meditation oder auf die Wahrnehmung des Innenlebens mit den vorhandenen Gefühlen helfen.

Eine dauerhafte Veränderung eingeübter Muster aus der Vergangenheit benötigt allerdings eine Zeit des kontinuierlichen Üben.

Siehe auch Choleriker Aus den Notizen eines Jähzornigen, Erzählung des russischen Schriftstellers Anton Tschechow

Literatur

Adolf Freiherr von Knigge, Über den Umgang mit Menschen, Reclam Verlag: Ditzingen 1991, ISBN 978-3-15001-138-6.

Theodor Itten: Jähzorn. Psychotherapeutische Antworten auf ein unberechenbares Gefühl. Springer-Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-211-48622-1, , E-Book: ISBN 978-3-211-48623-8, Buchbeschreibung und Download des Inhaltsverzeichnisses bei springer.com.

Einzelnachweise

Kategorie:Affekt