mini|Gerhart Baum (1980) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.7|Unterschrift von Gerhart Baum
Gerhart Rudolf Baum (* 28. Oktober 1932 in Dresden; † 15. Februar 2025 in Köln) war ein deutscher Politiker (FDP) und Rechtsanwalt.
Baum war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister in den Kabinetten Schmidt II und Schmidt III. Zuvor war er von 1972 bis 1978 Parlamentarischer Staatssekretär bei den damaligen Bundesinnenministern Hans-Dietrich Genscher und Werner Maihofer.
Auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik galt Baum neben Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als einer der letzten profilierten Vertreter des linksliberalen Freiburger Kreises der FDP.
Leben Frühe Jahre, Beruf und Privates mini|Baum (links) mit dem Parteisprecher Josef M. Gerwald auf dem FDP-Bundesparteitag 1976 Baums Familie stammte väterlicherseits aus Plauen im Vogtland, der Urgroßvater war Hufschmied und gründete ein Fuhrunternehmen. Bereits sein Großvater Rudolf Baum, der 1915 im Ersten Weltkrieg in Belgien als Soldat ums Leben kam, und sein Vater Werner Baum waren Rechtsanwälte in Dresden.Gerhart Baum: Meine Wut ist jung. Bilanz eines politischen Lebens, München 2012, S. 7. Der Gesangspädagoge Günther Baum war sein Onkel.
Baums Mutter war Russin, in Moskau geboren, wo ihr in Charkow geborener Vater ein florierendes Textilunternehmen hatte; ihre Mutter war Polin und in Łódź geboren;Gerhart Baum, Burkhard Hirsch: Der Baum und der Hirsch. Deutschland von seiner liberalen Seite, Berlin 2016, S. 14 f. im Revolutionsjahr 1917 floh ihre Familie aus Moskau.„Die mussten Mut haben“. In: Süddeutsche Zeitung, 19. August 2016, S. 6. Als Zehnjähriger musste Baum zum Jungvolk, obwohl seine Mutter ihn gerne ferngehalten hätte. Als erst Zwölfjähriger wurde er zum Volkssturm gemustert, was sich aber nach der Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 erledigt hatte: Seine Mutter floh mit ihren drei Kindern – Gerhart und seinen sechsjährigen Zwillingsgeschwistern – zunächst an den Tegernsee, wo Gerhart das Gymnasium Tegernsee besuchte.Hans-Herbert Perlinger: „Es bleibt eine Bescheidenheit, die ich später in unserem Land oft vermisst habe.“ In: Tegernseer Tal, Nr. 174 (Frühjahr/Sommer 2021), S. 38–41 (Gerhart Baum über den Sommer 1945 und seine Erinnerungen an den Tegernsee). Prägender politischer Mentor wurde dort sein Lehrer Adolf Grote.Die Zeit vom 5. August 2021; Beilage Christ und Welt, S. 2. 1950 zogen sie nach Köln um. Der Vater starb in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Nach dem Abitur 1953 am Gymnasium Köln-Nippes (heutiges Leonardo-da-Vinci-Gymnasium) absolvierte Baum ein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität zu Köln, das er 1957 mit dem ersten Staatsexamen beendete. Nach dem juristischen Vorbereitungsdienst machte er 1961 das zweite Staatsexamen. Von 1962 bis 1972 war er Mitglied der Geschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Nach zehn Jahren als Regierungsmitglied war er ab ca. 1983 wieder als Rechtsanwalt tätig, ab ca. 1990 neben Julius Reiter als Seniorpartner in der Kanzlei Baum, Reiter & Collegen in Düsseldorf und Berlin,Gerhart Baum auf der Website der Kanzlei Baum Reiter & Collegen, abgerufen am 15. Februar 2025. Dazu auch Julius Reiter: Väterlicher Freund und Anwalt der Freiheit. In: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Hrsg.): In liberaler Mission. Gerhart Baum und die deutsche Demokratie. NZZ Libro, Basel 2022, ISBN 978-3-907396-07-0, S. 185–192. die sich auf Anleger-, Verbraucher- und Datenschutz spezialisiert hat.
Baum hat die Opfer des Ramstein-Unglücks, die Angehörigen des Concorde-Unglücks und anderer Flugzeugunglücke wie dem von Lockerbie vertreten. Er war Anwalt der sowjetischen Zwangsarbeiter gegen die Bundesregierung und vertrat die Mehrzahl der Betroffenen der Loveparade-Katastrophe. Nach 1990 übernahm er Beratungsaufträge der Europäischen Kommission zur Erneuerung des Luftverkehrsrechts in Osteuropa. Gemeinsam mit Herta Däubler-Gmelin (SPD) leitete Baum 2008/09 die Ermittlungen zu den Datenskandalen bei der Deutschen Telekom und zur Datenschutzaffäre der Deutschen Bahn AG.
Im Sommer 2022 übernahm er das Mandat zur Vertretung der Hinterbliebenen der Opfer des Münchner Olympia-Attentats. Im Ergebnis der Verhandlungen erhielten jene Hinterbliebenen eine Anerkennungsleistung in Höhe von 28 Millionen Euro.
Baum, der evangelisch warmunzinger.de: Gerhart Baum, abgerufen am 15. Februar 2025., war in zweiter Ehe mit Renate Liesmann-Baum verheiratet, hatte drei Kinder aus erster Ehe und lebte in Köln und Berlin. Er veröffentlichte bis zu seinem Tod politische Publikationen und gelegentlich auch Gastbeiträge in Zeitungen, nahm häufig an Fernseh-Talkshows und anderen öffentlichen Diskussionen teil und schreckte dabei auch nicht vor Kritik an seiner Partei zurück.
Baum starb im Februar 2025 im Alter von 92 Jahren in der Kölner Universitätsklinik.Edo Reents: Zum Tod von Gerhart Baum. Licht ins Dunkel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Feuilleton – Debatten vom 15. Februar 2025, abgerufen am 15. Februar 2025.Frankfurter Allgemeine Zeitung, Politik Inland vom 15. Februar 2025: FDP-Politiker Gerhart Baum ist tot, abgerufen am 15. Februar 2025. Am 25. Februar 2025 fand eine öffentliche Trauerfeier mit mehreren Hundert Trauergästen und einer Gedenkrede von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in der ehemaligen Klosterkirche Heilig Kreuz in Köln statt.Joachim Frank: Trauerfeier in Köln. Mehrere Hundert Menschen nehmen Abschied von Gerhart Baum. In: Kölner Stadt-Anzeiger vom 25. Februar 2025, abgerufen am 26. Februar 2025. Er wurde auf dem Melaten-Friedhof neben seinem jüngeren Bruder Peter Baum (1938–2002) beigesetzt.
Im Januar 2026 fand zum Gedenken Baums an der Universität zu Köln von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät ein wissenschaftliches Kolloquium (Liberale Demokratie 2030. Das Erbe von Gerhart Baum) mit einer Festrede von Jean Asselborn sowie anschließender Feierstunde statt.Universität zu Köln Veranstaltungen: Erinnerung an Bundesminister a. D. Dr. h.c. Gerhart Baum - Feierstunde, abgerufen am 31. Januar 2026WDR 3 (Westdeutscher Rundfunk) Resonanzen vom 29. Januar 2026: Symposium zum Gedenken an Gerhart Baum, abgerufen am 1. Februar 2026
Partei mini|Baum (Mitte) am 30. August 1980 auf einer Wahlveranstaltung in Bonn zur Bundestagswahl 1980 Baum engagierte sich zunächst bei den Jungdemokraten, deren Bundesvorsitzender er von 1966 bis 1968 war. Dort trat er insbesondere für die Durchsetzung der Grundrechte und für eine neue Deutschland- und Ostpolitik in einer sozialliberalen Koalition ein.
Seit 1954 war er Mitglied der FDP. Von 1962 bis 1972 war er Kreisvorsitzender der FDP in Köln und von 1966 bis 1998 Mitglied im FDP-Bundesvorstand. Von 1970 bis 1990 gehörte er außerdem dem Landesvorstand der FDP Nordrhein-Westfalen an. Von 1978 bis 1991 war er Mitglied im FDP-Präsidium und von 1982 bis 1991 einer der stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden.
Baum gehörte dem von ihm gegründeten linksliberalen Freiburger Kreis an, dessen Mitglieder sich auf die Grundsätze der Freiburger Thesen, das auf dem FDP-Bundesparteitag 1971 verabschiedete Parteiprogramm der FDP, berufen und der sich für den Schutz von Bürgerrechten einsetzt und deren Einschränkung durch staatliche Überwachungsmaßnahmen zu verhindern sucht.
Abgeordneter Von 1969 bis 1973 war er Mitglied im Rat der Stadt Köln und hier Vorsitzender der FDP-Fraktion. Von 1972 bis 1994 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Baum ist stets über die Landesliste Nordrhein-Westfalen in den Deutschen Bundestag eingezogen.
Im Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Gummersbach lagern umfangreiche Unterlagen von Baum, vor allem über seine Tätigkeit als Mitglied des Deutschen Bundestages.
Öffentliche Ämter mini|Baum als Bundesinnenminister (1979) Am 15. Dezember 1972 wurde er als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern in das Kabinett Brandt II berufen. Dieses Amt behielt er zunächst auch unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. Nach dem Rücktritt von Werner Maihofer wurde er am 8. Juni 1978 zum Bundesminister des Innern ernannt. Während seiner Amtszeit als Innenminister führte Baum eine Liberalisierung des von allen Parteien eingeführten Radikalenerlasses herbei, indem er einen „Verzicht auf die Regelanfrage“ durchsetzte.
Als Bundesinnenminister bremste er in einer Phase „neuer Nachdenklichkeit“ den Übereifer der Strafverfolgungsbehörden, suchte den Dialog mit dem Umfeld der Terroristen (u. a. durch ein Spiegel-Gespräch mit dem RAF-Mitglied Horst Mahler) und förderte die politikberatende, sozialwissenschaftliche Ursachenforschung sowie die geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Terrorismus. Als Innenminister hatte er seinerzeit auch die Zuständigkeit für Umweltpolitik (es gab noch kein separates Bundesministerium für Umwelt).
Als Innenminister war Baum für die Einführung der Sommerzeit in der Bundesrepublik Deutschland im April 1980 verantwortlich.Antonia Kleikamp: Wie es zum „Zeitsalat“ in Deutschland kam. In: Die Welt, 28. März 2021, abgerufen am 29. März 2021.
Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition trat er am 17. September 1982 zusammen mit den anderen FDP-Bundesministern zurück, kritisierte aber in einer Bundestagsrede die Art des Koalitionswechsels und sprach Bundeskanzler Schmidt nicht das Misstrauen aus.
Danach widmete er sich dem Menschenrechtsschutz. Von 1992 bis 1998 hatte er die Leitung der deutschen Delegation bei der UN-Menschenrechtskommission inne. Im Jahr 1993 leitete er die deutsche Delegation bei der UN-Weltkonferenz über Menschenrechte in Wien, die von Menschenrechtsverletzungen auf dem Balkan geprägt war. Anschließend war er für die UNO tätig, zum Beispiel von 2001 bis 2003 als UNO-Beauftragter für die Menschenrechte im Sudan.
Von 1969 bis 1977 gehörte er dem Beirat der Friedrich-Naumann-Stiftung an.
mini|Gerhart Baum, 2008 bei der Verleihung des Humanismus-Preises an Leoluca Orlando in Göttingen Er war Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (zuletzt abgerufen am 17. Oktober 2017). und in verschiedenen Gremien von Amnesty International und Human Rights Watch. Baum war Mitorganisator des jährlich vergebenen Dresden-Preises für internationalen Frieden.
Verfassungsbeschwerden Am 3. März 2004 entschied das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) nach Verfassungsbeschwerde – unter anderem von Baum, neben Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Burkhard Hirsch –, dass große Teile des Gesetzes zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität (Großer Lauschangriff) gegen die Menschenwürde verstoßen und deshalb verfassungswidrig sind.BVerfG, Urteil vom 3. März 2004, Az. 1 BvR 2378/98, 1084/99, Volltext = – Großer Lauschangriff. Baum erhoffte sich durch das Urteil auch eine Einschränkung der Telefonüberwachung, insbesondere bei Journalisten.
Auch mit einer weiteren Verfassungsbeschwerde (mit Burkhard Hirsch und weiteren vier Klägern) hatte er Erfolg. Das Luftsicherheitsgesetz wurde am 15. Februar 2006 vom Ersten Senat des BVerfG im zentralen Punkt für verfassungswidrig und nichtig erklärt. Ein Abschuss von Passagiermaschinen im Entführungsfall verstoße gegen das Grundgesetz, da dies weder mit dem Grundrecht auf Leben noch mit der Garantie der Menschenwürde vereinbar sei.BVerfG, Urteil vom 15. Februar 2006, Az. 1 BvR 357/05, Volltext = – Luftsicherheitsgesetz.
2008 hatte eine Verfassungsbeschwerde gegen die durch das nordrhein-westfälische Verfassungsschutzgesetz legalisierte Online-Durchsuchung ebenfalls Erfolg: Am 27. Februar 2008 wurde die betreffende Regelung für verfassungswidrig erklärt.BVerfG, Urteil vom 27. Februar 2008, Az. 1 BvR 370, 595/07, Volltext = – Online-Durchsuchungen.