Agnes Bernauer (* um 1410 wohl in Augsburg; † 12. Oktober 1435 bei Straubing) war die Geliebte und vielleicht auch erste Ehefrau Albrechts, des Thronfolgers und späteren Herzogs von Bayern. Durch diese nicht standesgemäße Verbindung geriet er in Konflikt mit seinem Vater Herzog Ernst von Bayern-München, der Agnes 1435 in der Donau ertränken ließ. Albrecht versöhnte sich wenig später wieder mit seinem Vater und heiratete 1436 Anna von Braunschweig-Grubenhagen.
Leben und Sterben der Agnes Bernauer wurden in zahlreichen literarischen Werken verarbeitet. Zu den bekanntesten zählen Friedrich Hebbels Trauerspiel Agnes Bernauer und Die Bernauerin von Carl Orff. Alle vier Jahre finden in Straubing Agnes-Bernauer-Festspiele statt, bei denen die Geschichte von Laienschauspielern in Szene gesetzt wird.
mini|hochkant=1.2|Agnes Bernauer (Gemälde eines unbekannten Augsburger Malers des 18. Jahrhunderts nach einer Vorlage aus dem 16. Jahrhundert)
Leben
mini|Agnes Bernauer in Augsburg, Illustration von Rudolf Alfred Jaumann für Arthur Achleitner, Bayern wie es war und ist
Agnes Bernauer wurde wohl um 1410 geboren. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Sie gilt traditionell als Tochter des Augsburger Baders Kaspar Bernauer, dessen Existenz jedoch bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Da der bayerische Herzogssohn Albrecht III. im Februar 1428 in Augsburg an einem Turnier teilnahm, wird oft angenommen, dass er Agnes bei dieser Gelegenheit kennenlernte und kurz darauf zu sich nach München holte.Zur Herkunft der Bernauerin: Diskussion zu Kaspar Bernauer bei Marita Panzer, Agnes Bernauer, S. 11–15. Zum Fastnachsturnier siehe die Claudia Märtl, Straubing, S. 154, vermutet unter Berufung auf die spärlichen Belege für eine Herkunft aus Augsburg, dass Agnes als Dienstmagd am Münchner Hof die Aufmerksamkeit Albrechts erregte. Panzer, Agnes Bernauer, S. 36–37 und S. 170, Anm. 32, weist diese Vermutung zurück. In einer auf 1428 datierten Münchner Steuerliste wird bereits eine pernawin als Mitglied seines Hofstaats genannt, bei der es sich wahrscheinlich um Agnes Bernauer handelt.
Spätestens im Sommer 1432 war Agnes Bernauer eine feste Größe am Münchner Hof. Sie betrieb die Festnahme des Raubritters Münnhauser, der in die Alte Veste geflohen war, und erregte durch ihr selbstbewusstes Auftreten den Zorn der Pfalzgräfin Beatrix, der Schwester Albrechts.Zu Agnes Bernauer in München: Stadtarchiv München, Steueramt Nr. 584, fol. 42r (nach Marita Panzer, Agnes Bernauer, S. 36–37). Stadtarchiv München, Kammerrechnung Stadt München 1431/32, fol. 50v (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 13). Vgl. dazu Panzer, Agnes Bernauer, S. 38–39. Stadtarchiv München, Kammerrechnung Stadt München 1431/32, fol. 51r (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 15). Vgl. dazu Panzer, Agnes Bernauer, S. 41. Möglicherweise waren Agnes und Albrecht zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet, konkrete Beweise für eine Eheschließung existieren allerdings nicht. Albrechts häufige Aufenthalte auf Schloss Blutenburg seit Anfang 1433 und der Verkauf zweier in der Nähe gelegener Höfe an Agnes im Januar dieses Jahres lassen vermuten, dass das Paar zusammen dort lebte.Kaufurkunde aus der Pfarrei Aubing. In: Dazu Panzer, Agnes Bernauer, S. 43–45, mit Verweis auf Belege für gemeinsame Aufenthalte in Albrechts Grafschaft Vohburg fehlen, auch Nachkommen sind nicht bekannt.Gegen eine Eheschließung argumentierte Für eine heimliche Ehe, die nur wenigen Eingeweihten bekannt war, plädierte Die immer wieder als Kinder der beiden genannten Sibilla Neufarer und Albert vom Hof können nicht von Agnes Bernauer stammen: Sibilla hatte zwar wohl Albrecht III. zum Vater, heiratete aber 1444 schon zum zweiten Mal und hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Sohn, Albert vom Hof war ein unehelicher Sohn Albrechts IV., der erst 1447 geboren wurde. Vgl. dazu ausführlich Panzer, Agnes Bernauer, S. 52–56.
Herzog Ernst, Albrechts Vater, konnte die Gefährdung der Erbfolge durch die unstandesgemäße Verbindung seines einzigen Sohnes offensichtlich nicht akzeptieren. Während Albrecht auf einer Jagdveranstaltung seines Verwandten Heinrich von Bayern-Landshut weilte, ließ der alte Herzog Agnes verhaften und am 12. Oktober 1435 bei Straubing in der Donau ertränken. Albrecht begab sich zunächst zu Herzog Ludwig nach Ingolstadt, versöhnte sich aber nach einigen Monaten wieder mit seinem Vater und heiratete im November 1436 Anna von Braunschweig-Grubenhagen.Kammerrechnungen zu den Ereignissen bis zur Hochzeit zwischen Albrecht und Anna: Kammerrechnung Stadt München 1435/36, fol. 45r; 1434/35 (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 26). Kammerrechnung Stadt München 1434/35 (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 26). Kammerrechnung Stadt München 1435/36, fol. 57 (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 32, 40). Kammerrechnung Stadt München 1435/36, fol. 59v (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 44). Kammerrechnung Stadt München 1435/36, fol. 49v; Kammerrechnung Stadt München 1436/37, fol. 56v (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 47–48). Zu der befürchteten militärischen Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn kam es nicht, vielleicht wirkte Kaiser Sigismund mäßigend auf Albrecht ein.Herzogsurkunden von 1435: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Fürstensachen IV, fol. 213–214 (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 24–25). Fürstensachen IV, fol. 300–301 (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 26–32). Dazu Marita Panzer, Agnes Bernauer, S. 89–92. Fürstensachen IV, fol. 307 (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 32, 38).
Andenken
mini|Grabstein in der Agnes-Bernauer-Kapelle mit Agnes-Darstellerin der Straubinger Festspiele von 2007 mini|Kolorierter Holzstich der Agnes-Bernauer-Kapelle (aus Johann Sporschils Geschichte der Deutschen, 1850)
Albrecht stiftete Agnes Bernauer noch im Dezember 1435 eine ewige Messe und einen Jahrtag im Straubinger Karmelitenkloster. 1447 erweiterte er diese Stiftung zu Ehren der „ersamen frauen Agnesen der Pernauerin“ noch einmal. Sein Vater hatte bereits 1436, wohl um ihn zu besänftigen, im Friedhof von St. Peter zu Straubing eine Agnes-Bernauer-Kapelle errichten lassen.Stiftungsurkunden der Herzöge Ernst und Albrecht:
Ob Agnes, wie von ihr selbst gewünscht, im Kreuzgang des Karmelitenklosters bestattet wurde oder Albrecht die Überführung der Gebeine in die ihr gewidmete Kapelle veranlasste, ist ungewiss. In den Boden der Kapelle wurde jedenfalls ein Grabstein aus rotem Marmor eingelassen, auf dem Agnes Bernauer nahezu in Lebensgröße dargestellt ist. Das Relief zeigt die Verstorbene mit dem Kopf auf einem großen Kissen liegend. Mit der rechten, von zwei Ringen geschmückten Hand hält sie einen Rosenkranz, zwei kleine Hunde zu ihren Füßen sollen ihr den Weg ins Jenseits weisen. Wohl aufgrund eines Versehens ist auf dem Stein der 12. Oktober 1436 als ihr Todestag angegeben.Beschreibung und Abbildung des Grabsteins bei Marita Panzer, Agnes Bernauer, S. 118–121.
Aus den folgenden drei Jahrhunderten gibt es nur spärliche Nachrichten über die Gedenkstiftungen für Agnes Bernauer. 1508 war ein Johannes Haberlander als Kaplan für die Bernauer-Kapelle zuständig. Für deren Instandhaltung und die tägliche Lesung der Messe erhielt er aus der Kasse des Herzogs 17 Pfund Regensburger Pfennige. Bis 1526 war sein Amt an Leonhard Plattner übergegangen, der für seine Tätigkeit 48 Gulden und 4 Schilling Wiener Pfennige erhielt.Zur Visitation von 1508: Zur Visitation von 1526: Wie lang diese Kaplansstelle aufrechterhalten wurde, ist unklar. Bekannt ist nur, dass der Kirchenverwalter Franz von Paula Romayr den Grabstein 1785 mit Genehmigung des bayerischen Kurfürsten Karl Theodor an der Wand der Kapelle anbringen ließ, um ihn vor weiterer Beschädigung „durch verwüstende Menschentritte“ zu schützen. Das Grab selbst konnte bei der Umbettung des Decksteins nicht gefunden werden.Zur Umbettung des Grabsteins: Briefwechsel zwischen Romayr und dem Kurfürsten bei Zum nicht gefundenen Grab:
Die Agnes-Bernauer-Kapelle entwickelte sich dennoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Touristenziel. Die Bayerische National-Zeitung sah in ihr sogar den einzigen Grund dafür, in Straubing Halt zu machen. Die Einheimischen gaben den Besuchern bereitwillig, aber nicht immer ganz zuverlässig Auskunft. Ein besorgter Leser schrieb 1813 an das Königlich-Bairische Intelligenzblatt, der Mesner habe ihm mitgeteilt, dass österreichische Truppen die Gebeine der Bernauerin mitgenommen hätten. Als der Dichter August von Platen den Grabstein 1822 in Augenschein nahm, erfuhr er von der Mesnerin, dass Agnes und Albrecht nach ihrer Geburt vertauscht worden und somit in Wirklichkeit Herzogstochter und Baderssohn gewesen seien. Ein Buch, das diese Vertauschung belege, hätten allerdings französische Soldaten mitgenommen. Der englische Dramatiker James Planché verließ sich bei seinem Besuch in Straubing 1827 lieber auf das Handbuch für Reisende auf der Donau von Joseph August Schultes.Zur Kapelle und ihren Besuchern:
Nachdem die Grabungen in der Kapelle bei St. Peter keine Ergebnisse zu Tage gefördert hatten, ließ Bernauer-Biograph Felix Joseph Lipowsky 1807 im Karmelitenkloster nach dem Grab Agnes Bernauers suchen. Er hatte im Archiv des Klosters eine Notiz entdeckt, der zufolge es sich in der ehemaligen Nikolauskapelle der Klosterkirche befand. Die unter der nach 1692 zur Sakristei umgebauten Kapelle vermutete Gruft war jedoch verschüttet und Lipowsky konnte nur mutmaßen, dass die Gebeine im Zuge des Umbaus umgebettet worden waren. Trotz weiterer Untersuchungen bleibt das Grab bis heute unentdeckt.Zu den Grabungen im Karmelitenkloster: Anniversar-Register im Archiv des Karmelitenklosters für 1447, S. 29. In:
Weitere Vermutungen zum Ort des Grabes bei Marita Panzer, Agnes Bernauer, S. 122–126. Der bayerische König Ludwig I., der selbst 1812 als Kronprinz die Agnes-Bernauer-Kapelle besucht hatte und später der Bernauerin ein Gedicht widmete, sorgte 1831 dafür, dass zumindest die Messen für Agnes und Albrecht in der Karmelitenkirche wieder gefeiert wurden. Seit 1922 wird aus finanziellen Gründen nur noch ein Jahrtag gefeiert, für den der Freistaat Bayern aufkommt. Für 2006 betrugen die Zahlungen 7,67 Euro.Zu Ludwig I. und Agnes Bernauer:
Zum heutigen Stand der Zahlungen Marita Panzer, Agnes Bernauer, S. 116 mit Anmerkungen.
Quellen
Herzogsurkunden
Unter den zeitgenössischen Quellen zu Agnes Bernauer sind zunächst einmal die in deutscher Sprache geführten Korrespondenzen der Herzöge Albrecht, Ernst und Heinrich zu nennen. Ein Hinweis Ernsts an seinen erkrankten Sohn, er solle sich vor Frauen hüten, vom September 1433 wird meist auf die Bernauerin bezogen. Wahrscheinlich war Agnes auch eines der Themen, über die Ernst mit Albrecht im Mai 1435 sprechen wollte.Zu den Frauen: Fürstensachen V, fol. 378–379 (nach Alfons Huber, Agnes Bernauer im Spiegel der Quellen, S. 27–32). Zur Aussprache: Am 6. Oktober lud Heinrich von Bayern-Landshut Albrecht zur Jagd ein. Dieser nahm die Einladung trotz einer bevorstehenden Gedenkfeier für seinen kurz zuvor verstorbenen Onkel Wilhelm an und war somit am 12. Oktober, dem Tag der Hinrichtung, nicht in Straubing. Eine Notiz auf Heinrichs Schreiben legt nahe, dass noch weitere Briefe existierten, die aber auf Anweisung eines der Herzöge aus dem Archiv entfernt wurden.
mini|hochkant=1.2|Herzog Ernst mit seinen Räten Aichstätter, Gundelfingen und Notthafft (Illustration von R. A. Jaumann, 1899)