Das Völkerkundemuseum der J. und E. von Portheim Stiftung (kurz: Völkerkundemuseum vPSt) ist ein traditionsreiches ethnographisches Museum in der Heidelberger Altstadt. Es befindet sich im Palais Weimar in der Hauptstraße 235 und beherbergt umfangreiche Sammlungen zu Alltag, Kunst und Religion verschiedener Weltregionen. Die Bestände werden in einer Dauer- und wechselnden Sonderausstellungen präsentiert. Das Museum entwickelte sich aus dem ethnographischen Institut der von Portheim-Stiftung, das als einziges die Enteignungen zur Zeit des Nationalsozialismus überstand. Heute arbeitet das Museum als An-Institut eng mit der Universität Heidelberg zusammen.

Geschichte

Anfänge mini|400x400px|Völkerkundemuseum (links unten) vom nördlichen Neckarufer aus betrachtet, im Hintergrund das Heidelberger Schloss Die Josefine und Eduard von Portheim-Stiftung wurde 1919 von Victor Mordechai Goldschmidt und seiner Frau Leontine in Heidelberg gegründet. Sie sollte der Förderung von Wissenschaft und Kunst dienen, insbesondere durch Aufbau und Pflege wissenschaftlicher Sammlungen und Institute sowie Unterstützung kultureller und wissenschaftlicher Einrichtungen. In den ersten Jahren entstanden so mehrere stiftungseigene Institute, die in verschiedenen Räumlichkeiten in der Heidelberger Altstadt untergebracht waren. 1921 erwarb die Stiftung drei weitere Anwesen für ihre Institute: das Gebäude in der Augustinergasse 5 a/b gegenüber dem Studentenkarzer, das Haus zum Riesen sowie das Palais Weimar, in dem das ethnographische Institut untergebracht wurde. 1924 bis '26 waren die dortigen Schausammlungen mit Voranmeldung zu besichtigen; ab 1929 wurde das Museum durch geregelte Öffnungszeiten erstmals einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

Drittes Reich mini|400x400px|Gartenanlage des Völkerkundemuseums Nach dem Tod Goldschmidts und der Machtergreifung 1933 wurde die Stiftung rasch arisiert und ab 1935/36 große Teile der Sammlungen „verwertet“, also zwangsweise enteignet, verkauft oder verschenkt. Verbliebene Institute wurden aufgelöst oder in die Universität Heidelberg eingegliedert, sodass 1942 nur noch das ethnographische Institut mit einem Teil seiner Sammlungen übrig blieb. Diese waren aus Angst vor Luftangriffen in einem eigens errichteten Luftschutzkeller unter dem Palais Weimar in Sicherheit gebracht worden. Ihre endgültige „Verwertung“ sollte aus organisatorischen Gründen erst nach Kriegsende umgesetzt werden, wozu es nicht mehr kam. Die verbliebenen Sammlungen des ethnographischen Instituts bilden heute den Grundstock des Völkerkundemuseums.

Nachkriegszeit Ab 1949 wurden die Sammlungen des Museums in wechselnden, thematisch jeweils auf eine Kultur fokussierten Sonderausstellungen präsentiert und 1960 erstmals um eine Dauerausstellung erweitert. 1964 dienten sri-lankische Ritual- und Theatermasken aus den Beständen zudem als Requisiten für den Fernsehfilm „Ceylon-Legenden“ des Hessischen Rundfunks. Insgesamt blieb die museale Tätigkeit der Institution jedoch für viele Jahre hinter ihren Möglichkeiten zurück, da zur finanziellen Absicherung der Stiftung von 1927 bis etwa 1970 Teile des Palais Weimar an die Universität Heidelberg vermietet waren, weshalb nicht das gesamte Anwesen für Ausstellungen zur Verfügung stand. Untergebracht waren dort über die Jahre unter anderem die Institute für Sozial- und Staatswissenschaft, für Erziehungswissenschaft und für Orientalistik.

1984 wurde das historische Museumsgebäude um einen modernen Anbau erweitert, das sogenannte Asmat-Haus, in dem bis Mitte der 2010er Jahre die Privatsammlung Konrad zu den Asmat in einer Dauerausstellung präsentiert wurde. Ende 2022 ging die umfangreiche Sammlung an das Ethnologische Museum in Berlin. Das Asmat-Haus wird heute für Sonderausstellungen und andere Veranstaltungen genutzt.

Neuausrichtung seit 2023 Seit dem Amtsantritt des Ethnologen und Kurators Alban von Stockhausen als Direktor im Jahr 2023, verfolgt das Völkerkundemuseum eine umfassende strategische Neuausrichtung. Ziel ist die Transformation des traditionsreichen Hauses in ein offenes, partizipatives und digital vernetztes Museum, das ethnologische Sammlungen verstärkt mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen, globalen Verflechtungen und Fragen kultureller Diversität verbindet. Im Mittelpunkt stehen die Öffnung für neue Zielgruppen, vor allem Familien, junge Menschen und die städtische Öffentlichkeit, die stärkere Einbindung externer Perspektiven sowie innovative Vermittlungsformate, z. B. app-basierte Rundgänge, partizipative Schaudepots und KI-gestützte Bildungsangebote. Die Neuausrichtung betont das Selbstverständnis des Museums als demokratischen Lern- und Begegnungsort, der historische Sammlungen in zeitgenössische Diskurse einbettet und Medienkompetenz sowie kritisches Denken fördert. mini|345x345px|Buddha-Figur vor dem Haupteingang

Sammlungen Die Sammlungen des Völkerkundemuseums umfassen rund 40.000 Objekte, überwiegend aus Asien, Afrika, Ozeanien, Mittel- und Südamerika, zu einem kleinen Teil auch aus Europa. Ein Teil geht auf die privaten Sammlungen des Stifters Victor Goldschmidt zurück, weiteres auf spätere Erwerbungen der Stiftung. Rund ein Fünftel des Bestands stammt aus Schenkungen, unter anderem von Prinz Rangsit Prayurasakdi, Vera Scholz von Reitzenstein, Richard Thunwald sowie den Nachfahren von Otto Bütschli. Für viele der frühen Schenkungen haben sich jedoch keine Informationen über die Vorbesitzer oder die Herkunft der Objekte erhalten, weshalb das Museum heute aktiv Provenienzforschung betreibt. Auch gelten nicht unerhebliche Teile der Sammlungen, die im Zuge der Arisierung enteignet wurden, bis heute als verschollen. Die prähistorische Sammlung befindet sich seit 1934 als Dauerleihgabe an der Universität Heidelberg. Den Sammlungen wird insgesamt ein außerordentlicher kulturhistorischer Wert zugeschrieben.

Leitung

1955(?)–1969: Ferdinand Herrmann 1969–1999: Walter Böhning 2000–2022: Margareta Pavaloi seit 2023: Alban von Stockhausen

Sonderausstellungen (2000 – 2026) +JahrTitel2026 Let's Play! Der spielende Mensch zwischen Kultur und KI Immersive Textiles. Naga Design aus Nordostindien Mensch oder Objekt? Human Remains zwischen Forschung, Erinnerung und Verantwortung Der Halo als Heiligenschein. Das europäische mittelalter und der Buddhismus Pieces of Life. The Philippine Collection2025 Sacred Dirt. Mother Teresa and Volunteering in Kolkata Inspirationen. Was das Hip Hop Feuer in Heidelberg entfachte Heidelberg & South Asia. Pfade durch die Stadt Sammlung Boldt. Turkmenischer Schmuck Mut zur Wut The Art of Cosplay #JapanEdition Jean Luc Cornec. TribuT Telephone Sheep2024 Bella! Nonplusultra! Greetings from Heidelberg Hunderttausend Vögel – Wilde Poesie Tierische Gefährten – Fantastische Kreaturen Art Encounter: Miljohn Ruperto. Videoinstallation Reflections of the Archive2023 Strandgut am Berg. Dinge und ihre Geschichten am Rande der Seidenstraßen Klangkörper. Moving Instruments Staub und Seide. Alte Routen – neue Perspektiven entland der Seidenstraßen Der Gurkha-Feldzug. Ein einzigartiges Gemäldefragment der Ära Qianlong (1735–1795) Multiverse. Zeitgenössische Mongolische Kunst Comics aus China. Entertainment, Realitäten, Propaganda?2022 Zeitenwende. Japans Aufbruch in die Moderne (1853–1940) Afghanistan, mon amour Zu den Ufern des Ganges. Historische Fotografie von 1862–1920 Motherland. Pushmamala N.'s Woman and Nation2021 Bambus. Werkstoff und Inspiration Dress Code – Kleidung. Stil. Identität Ragamala – Musik für die Augen2020 The Collector’s Choice: Aus Freude an den Dingen – 100 Jahre Donationen an die Sammlungen Tsuso – Chinesische Malerei auf Markpapier2019 The Scholar's Choice. Lieblingsstücke Heidelberger Wissenschaftler aus dem Völkerkundemuseum vPST Envisioning Asia. Gandhi and Mao in the photographs of Walter Bosshard 100 Jahre von Portheim-Stiftung. 100 Jahre für Wissenschaft und Kunst2018 Ägypten – Eine faszinierende Zeitreise. Fotografien von Helmut R. Schulze Nomadic Artefacts – Objektgeschichte aus der Mongolei Die Batak – Im Norden Sumatras Facetten des Erinnerns: 1968 Global – China und die Welt. Mit Werken von Ni Shaofeng und Deng Huaidong Grenzgänger – Matsuura Takeshirô auf Hokkaido (1845-58)2017 Afghanistan – Reisen hinter den Horizont. Fotografien von Helmut R. Schulze Tapa – Design Stoff Pazifik Yusuf und Zulaikha. Persische Miniaturen von Schönheit und Liebe2016 Einst gab es Rosengärten in Afghanistan Träume in Papier. Chinesische Scherenschnitte Bijin-e. Schöne Frauen im japanischen Farbholzschnitt2015 Kalighat. Malerei der frühen indischen Moderne Passage nach Konstantinopel. „Seinerzeit“ – Historische Fotografien Kachina. Pueblokunst im Kontext2014 Tscherkessen. Vom Kaukasus in alle Welt verweht Wert. Objekte Geldformen aus aller Welt Gebetswelten. Ästhetik und Varianz einer religiösen Praxis2013 Flussaufwärts… Die Borneo-Sammlung Hilde May Peaux Rouges. Die Rothäute des Prinzen Bonaparte. „Seinerzeit“ – Historische Fotografien Hoheit und Stärke. Der Löwe zum Bild Die Kunst der Miniatur. Muzaffar Platov & Shorasul Shoakhmedov2012 Tee. Aus den Sammlungen der vPST Architektur und Ritual. Tempel, Stupas und Klöster des Katmandu Tals. Zeichnungen aus der Sammlung Niels Gutschow Die Entdeckung der Farbigkeit. Frühe Meister des Ukiyo-e Uta Dorra: Rendezvous im Regenbogen. Papierarbeiten2011 Cairo – Tunis – Algier. „Seinerzeit“ – Historische Reisefotografie „Glück wie das Meer im Osten…“ Eine Ausstellung rund um das Glück Indische Malerei. Bilder von Ständen und Berufen aus Tanjore2010 Die schöne Form des Klangs. Musikinstrumente aus den Sammlungen vPST Korea. Aus den Sammlungen vPST – Schenkung Dorothea Sich Kitagawa Utamaro – Von Vögeln und Muscheln. Japanische Farbholzschnitte aus den Sammlungen vPST Afrika. Aus den Sammlungen des Völkerkundemuseums vPST KunstStoff „Lack“. Perfektion in Funktion und Ästhetik. Aus den Sammlungen vPST2009 Von Edo nach Kyoto – Unterwegs im alten Japan. Japanische Holzschnitte aus der Sammlung vPST Creative Couples – Transcultural Media. Exhibition-cum-Concert-and-Lecture-Series. Books by Gunnar A. Kaldewey and Music by Bun-Ching Lam Becoming Intense, Becoming Animal, Becoming…2008 Den Spuren der Götter folgen – Rituale und religiöse Ästhetik in Orissa, Indien. Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich Ritualdynamik und der DFG Hundert Ansichten des Mondes. Tsukioka Yoshitoshi (1839 – 1892)2007 Kunst aus Afrika Das hat Hand und Fuß – Arm- und Fußschmuck aus dem Orient In den Bergen Thailands – Die Akha Versunkene Welten oder die Mimikry von Papier2006 Friedemann v. Stockhausen: 77 Augen: Ägypten – der Rituelle Blick. Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich Ritualdynamik an der Universität Heidelberg Wasserwelten – Inselwelten – Südsee Anga Fakatonga. Ethnographische Fotografie aus Tonga. Kooperation mit dem Institut für Ethnologie der Universität Heidelberg Schöne Mittel zum Zweck. Accessoires aus dem Orient Schutzgötter Tibets. Tshag'li – Miniaturmalereien tibetischer Kunst Kaschmir – Leben zwischen Paradies und Abgrund2005 Ohrnamente. Ohrschmuck von Nordafrika bis Asien Mannheim-Madras-Heidelberg. Eine deutsch-indische Bildergeschichte, im Rahmen der internationalen Fototage, Mannheim Die vollkommene Linie – Islamische Kalligraphie Mit dem Auge des Ästheten – Kunst aus Gabun2004 Unter dem Regebogen – Die gemalte Welt der Warlis. Adivasi-Kunst aus Maharashtra, Indien Böser Blick und Liebesglück. Amulette aus Asien und dem Orient Im Zeichen des Drachen. Chinesische Textilien und Gewänder Das Leben Buddhas. Handkolorierte chinesische Holzschnitte Porzellane der Qing-Zeit Fotografisches Essay zum Chinesischen Theater. Fotoausstellung von Klaus Kühn2003 Reisenotizen – aus Afrika & Vorderem Orient. Holzschnitte und Zeichnungen von W. Taucher Khovar und Sohrai – Malen mit den Jahreszeiten. Kunst der Adivasi-Frauen aus Hazaribagh, Indien