Feministische Philosophie bezeichnet verschiedene Ansätze in der Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Gegenwartsphilosophie, die sich mit den natürlichen sowie den soziokulturell und sozial konstruierten Unterschieden der Geschlechter (Gender) auseinandersetzen.Für einen aktuellen Überblick vgl. Noëlle McAfee, Ann Garry u. a.: Feminist Philosophy, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy 2023. Als kritische philosophische Praxis untersucht sie, wie dominante Konzepte und Praktiken der Wissensproduktion – insbesondere hinsichtlich Zuschreibung, Aneignung und Legitimation von Wissen – zur Benachteiligung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen beitragen, und zielt darauf, diese Strukturen zu transformieren.
Feministische Philosophie analysiert beispielsweise, inwiefern geschlechtsspezifische Vorannahmen wissenschaftliche Forschung beeinflussen, und zeigt auf, dass vermeintlich universale Kategorien wie Rationalität, Objektivität oder Vernunft historisch häufig als männlich codiert wurden. Beispielsweise geht das Konzept des situierten Wissens (Donna Haraway), davon aus, dass jede Erkenntnis aus bestimmten sozialen und historischen Standpunkten hervorgeht. Die Standpunkttheorie (u. a. Sandra Harding, Patricia Hill Collins, Alison Wylie) argumentiert, dass epistemische Perspektiven aus marginalisierten sozialen Positionen unter bestimmten Bedingungen ein kritisches Potenzial und erkenntnistheoretische Vorteile bieten können. Dabei stellt feministische Philosophie nicht nur klassische Begriffe und Theorien in Frage, sondern entwickelt auch alternative Konzeptionen, die der Vielschichtigkeit geschlechtlicher, rassifizierter, klassenbasierter und anderer sozialer Machtverhältnisse Rechnung tragen.
Feministische Philosophie hat eine Vielzahl methodologischer Zugänge hervorgebracht – von empiristisch-analytischen über poststrukturalistische bis hin zu materialistisch-intersektionalen Ansätzen. Sie ist ausgeprägt interdisziplinär und bewegt sich an den Schnittstellen von Erkenntnistheorie, Ethik, politischer Philosophie, Wissenschaftstheorie und Ontologie.
Erste Ansätze feministischer Philosophie Die kritische philosophische Reflexion der Geschlechterverhältnisse und der Rolle der Frau in Gesellschaft, Philosophie und Kultur hat eine lange und vielschichtige Vorgeschichte, die bis in die Antike zurückreicht. Im Einzelnen ist umstritten, inwieweit historische Philosophinnen proto-feministisch oder feministisch im weiteren Sinne betrachtet werden können, insofern sie etwa aus einer weiblichen Perspektive schrieben, sich kritisch mit weiblichen Rollen und Erfahrungen auseinandersetzten, explizit Frauenrechte und -bildung einforderten, zumal Philosophinnen die unterschiedlichsten Themenfelder der Philosophie bearbeiteten.Für eine differenzierte Diskussion siehe bspw. Mary Ellen Waithe (Hrsg.): A History of Women Philosophers: Ancient Women Philosophers 600 B.C. — 500 A.D. Springer, Dordrecht 1987. Fest steht allerdings, dass Frauen in der Geschichte trotz ihrer Leistungen systematisch aus dem philosophischen Diskurs gedrängt wurden. Die feministische Philosophie hat es sich daher auch zur Aufgabe gemacht, die Werke vergangener Philosophinnen wiederzuentdecken und bekannt zu machen.
Bereits Hipparchia (um 300 v. Chr.), eine Vertreterin der kynischen Schule, stellte durch ihr Leben und Denken konventionelle Geschlechterrollen infrage. Sie lehnte traditionelle weibliche Lebensweisen bewusst ab, übernahm den kynischen Lebensstil und verteidigte ihr Recht, Philosophie zu betreiben, statt sich häuslichen Tätigkeiten zu widmen. Auch Frauen bzw. Texte aus dem Kreise der Pythagoreer, wie Theano I, Myia, Aesara, Phintys und Periktione I, wandten philosophische Prinzipien wie die Harmonia auf spezifisch weibliche Lebensbereiche wie Ehe, Haushalt und Kindererziehung an und reflektierten über weibliche Tugenden und Pflichten innerhalb der gegebenen sozialen Ordnung. Hypatia von Alexandria (um 355/370–415 n. Chr.), eine bedeutende Mathematikerin, Astronomin und neuplatonische Philosophin, gilt als frühes Beispiel weiblicher intellektueller Autorität. Sie leitete eine philosophische Schule in Alexandria und wurde Opfer eines gewaltsamen politischen Konflikts, der später oft als Symbol für die Unterdrückung weiblicher Gelehrsamkeit gedeutet wurde. Seit 1986 erscheint Hypatia, eine nach ihr benannte Zeitschrift für feministische Philosophie.
Im Mittelalter formulierte Christine de Pizan (1364–1430) in Le Livre de la Cité des Dames (1405) eine systematische Kritik an frauenfeindlichen Schriften und entwickelte die Utopie eines intellektuellen Zufluchtsorts für Frauen. Isotta Nogarola (1418–1466) argumentierte in einem Dialog über Adam und Eva gegen die traditionelle Zuschreibung weiblicher Schuld am Sündenfall. Laura Cereta (1469–1499) verteidigte in ihren Briefen das Recht auf weibliche Bildung und kritisierte die Ehe als Mittel zur Unterdrückung von Frauen. Ihre Schriften können als frühe feministische Kritik am Humanismus gelesen werden.
In der frühen Neuzeit verfasste Marie de Gournay (1565–1645) mit De l’égalité des hommes et des femmes (1622) eine grundlegende Abhandlung über die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Anna Maria van Schurman (1607–1678) argumentierte in ihrer Dissertatio de ingenii muliebris für den Zugang von Frauen zu höherer Bildung auf der Grundlage rationalistischer und theologischer Prinzipien. Margaret Cavendish (1623–1673) kritisierte nicht nur die Ausgrenzung von Frauen aus der Wissenschaft, sondern entwickelte in ihren naturphilosophischen Schriften auch eine eigenständige, monistisch geprägte Philosophie der Materie.
Im 18. Jahrhundert verband Mary Astell (1666–1731) cartesianische Erkenntnistheorie mit einer Kritik der Ehe als sozialer Institution und forderte eigenständige Bildungsräume für Frauen. Émilie du Châtelet (1706–1749) verfasste bedeutende Arbeiten zur Metaphysik und Physik und argumentierte für den gleichberechtigten Zugang von Frauen zur Wissenschaft. Mary Wollstonecraft (1759–1797) argumentierte in A Vindication of the Rights of Woman (1792), dass Frauen und Männer moralisch, politisch, ökonomisch und legal gleich bzw. gleich zu behandeln seien. Olympe de Gouges (1748–1793) forderte in ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (1791) die rechtliche und politische Gleichstellung von Frauen während der Französischen Revolution.
Auch im 19. Jahrhundert traten Frauen zunehmend als eigenständige philosophische Stimmen in Erscheinung. Harriet Taylor Mill (1807–1858) beeinflusste maßgeblich das Werk von John Stuart Mill und formulierte liberale Argumente für die Gleichstellung der Geschlechter. Margaret Fuller (1810–1850) verband in Woman in the Nineteenth Century (1845) transzendentalistische Philosophie mit sozialer Reform. Harriet Martineau (1802–1876) war eine Pionierin der Soziologie, die Geschlechterverhältnisse empirisch untersuchte und ihre theoretischen Analysen mit politischen Forderungen verband.
Entwicklung der feministischen Philosophie Die Geschichte der feministischen Theorie und Philosophie wird häufig in „Wellen“ beschrieben – ein umstrittenes Modell, das interne Differenzen innerhalb jeder Phase sowie die historische Kontinuität feministischer Kritik mitunter verwischt.Vgl. bspw. Susan Archer Mann, Douglas J. Huffman: The Decentering of Second Wave Feminism and the Rise of the Third Wave. In: Science & Society. Band 69, Nr. 1, 2005, S. 56–91, . Die „erste Welle“ (etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) konzentrierte sich demnach vor allem auf bürgerlich-liberale Forderungen wie das Frauenwahlrecht, Zugang zu Bildung und Eigentum sowie rechtliche Gleichstellung. Der britische Philosoph und Politiker John Stuart Mill (1806–1873) gilt als ein Vertreter des Liberalismus, seine Ansichten zur Situation der Frau in der Gesellschaft können als liberaler Feminismus bezeichnet werden. Beeinflusst durch seine spätere Frau Harriet Taylor Mill (1807–1858), forderte er – seit 1865 als Repräsentant der Gesellschaft für das Frauenwahlrecht ins Parlament gewählt – das Frauenwahlrecht und das Scheidungsrecht.
Eine „zweite Welle“ (späte 1960er- bis frühe 1980er-Jahre) setzte sich kritisch mit patriarchalen Strukturen in Gesellschaft, Familie, Arbeitswelt, Sprache und Körperpolitik auseinander. In diesem Kontext etablierte sich feministische Philosophie als akademische Disziplin, die klassische philosophische Konzepte einer grundlegenden Revision unterzog und insbesondere die Männerdominiertheit und den allgegenwärtigen Sexismus des philosophischen Kanons kritisierte.
Ein bedeutendes Werk an der Schwelle zwischen erster und zweiter Welle ist Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht (1949). Ihre These, dass die Frau nicht als autonomes Subjekt, sondern als „das Andere“ des Mannes konstruiert werde, wurde zu einer grundlegenden Inspirationsquelle für die feministische Theorie. Auf der Basis des Existentialismus und der existenzialistischen Phänomenologie fragte sie nach der Bedeutung des Konzepts des Geschlechts für Gesellschaft und Diskurs und zeigte die Unterdrückung der Frau im Patriarchat auf.
Eine „dritte Welle“ (seit den 1990er-Jahren) wandte sich gegen die teils normativen Vorstellungen früherer Feminismen und rückte Intersektionalität in den Fokus – also die Verschränkung von Geschlecht mit anderen Kategorien wie Ethnizität, Klasse, Religion oder Sexualität. Die Verschränkung von feministischer Philosophie und Intersektionalität führte dazu, dass Frauen nicht mehr als homogene Gruppe gesehen wurden. Vielmehr wurde deutlich, dass FLINTA* je nach ihrer sozialen Position unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen machen können.
Fragestellungen Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie Die feministische Wissenschaftstheorie untersucht, wie Geschlecht unsere Konzeptionen von Wissen, Wissenden und Praktiken der Erforschung und Rechtfertigung beeinflusst. Sie identifiziert, wie dominante Konzeptionen und Praktiken der Wissenszuschreibung, -aneignung und -rechtfertigung Frauen und andere untergeordnete Gruppen benachteiligen und versucht, sie zu reformieren, um den Interessen dieser Gruppen zu dienen. Sandra Harding hat für die feministische Erkenntnistheorie die Einteilung in drei Ansätze vorgeschlagen: Empiristische Ansätze: Diese gehen davon aus, dass die Praktiken und Normen der gegenwärtigen Naturwissenschaften ausreichen, um angemessene Forschungsresultate zu erreichen. Erst eine falsche oder fehlende Anwendung führt zu sexistischen oder androzentrischen Theorien. Standpunkt-Theorien: Diese gehen davon aus, dass keine Theorie von speziellen Interessen und Werten unabhängig ist, halten aber eine richtige Darstellung der Welt durch solche Theorien dennoch für möglich. Der Standpunkt marginalisierter Gruppen (insbesondere Frauen) wird dabei als epistemisch privilegiert angesehen. Postmoderne Ansätze: Diese weisen allgemeine Wissensansprüche über Wissen, Fortschritt und Identität überhaupt zurück und betonen die Lokalität, Partikularität und Kontingenz jeder besonderen Sichtweise.
Ein zentrales Konzept feministischer Erkenntnistheorie ist das des situierten Wissens, welches von Donna Haraway entwickelt wurde. Es besagt, dass Wissen immer die spezifischen Perspektiven des Wissenden widerspiegelt und niemals völlig unparteiisch oder objektiv sein kann.
Feministische politische Philosophie