Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg ist ein Kunstgewerbemuseum in Hamburg. Es wurde 1877 als fünftes Kunstgewerbemuseum im deutschsprachigen Raum (nach LiegnitzMuseum of industrial art at Liegnitz, Journal of the Society of Arts, London, Vol. 2 (357-359), 1853, Leipzig, Wien und Berlin) gegründet. Das Museumsgebäude am Steintorplatz im Stadtteil St. Georg am Hauptbahnhof beherbergte bis 1970 auch eine Gewerbeschule und von 1876 bis 1905 das Realgymnasium des Johanneums. Das Museum wird von einer Stiftung des öffentlichen Rechts getragen und hat den Zweck einer „Einrichtung der Kultur, insbesondere der Kunst und angewandten Kunst, mit seinen Sammlungen aus den europäischen, antiken und asiatischen Kulturkreisen“.Satzung der Stiftung öffentlichen Rechts „Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg“, HmbGVBl. 2013, S. 168, § 2 Abs. 1. PDF

Die Sammlung umfasst über 600.000 Objekte und ist in vierzehn Bereiche aufgeteilt. Hervorzuheben sind mehrere Period Rooms, darunter der Spiegelsaal aus dem Budge-Palais, das „Pariser Zimmer“ und Verner Pantons Spiegel-Kantine. 2015 kamen 241.000 Besucher,Julika Pohle: Museum hat die Jugend im Visier. Welt Online, 14. Januar 2016 im Jahr 2023 waren es 213.000 Gäste.

Geschichte Geschichte des Museums Gründung Die erste Anregung zur Gründung des Museums kam 1861 von der Patriotischen Gesellschaft, Gewerbeschulen sowie eine Mustersammlung zur Förderung des städtischen Gewerbes einzurichten. Über Jahre hinweg verfolgte die Patriotische Gesellschaft diese Idee und brachte sie in die Hamburger Politik ein, 1865 beschloss dann der Senat die Eröffnung einer Gewerbeschule und einer Schule für Bauhandwerker.

1868 sammelte ein aus der Patriotischen Gesellschaft heraus gegründeter „Gewerbe-Verein“ private Mittel in Höhe von 13.000 Mark, mit denen der Schriftführer des Vereins, der damals 25-jährige Justus Brinckmann, erste Ankäufe für ein Museum tätigte, unter anderem auf der Weltausstellung 1873 in Wien.

1869 veröffentlichte die Gesellschaft einen Aufruf zur Gründung eines Museums:

Auch „Die Commission zur Errichtung eines Museums für Kunst und Gewerbe“ und deren Mitglieder veröffentlichten diesen Text. Er erschien in einer Anzeige am 14. November 1869.Anzeige: Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. In: Hamburgischer Correspondent. 14. November 1869, Erste Beilage, S. , (Digitalisat) Anlass hatte eine „Ausstellung kunstgewerblicher Erzeugnisse älterer und neuerer Zeit“ in den Börsen-Arkaden geboten, die wenige Tage zuvor am 5. November eröffnet worden war.Local-Bericht. Die Ausstellung Kunstgewerblicher Erzeugnisse älterer und neuerer Zeit … In: Die Reform. 7. November 1869, S. 1

Das Museum wurde am 15. September 1874 als fünftes Kunstgewerbemuseum im deutschsprachigen Raum gegründet. Es befand sich zunächst in einem „provisorischen Ausstellungslocal“ bei St. Annen. Im gleichen Jahr erkannte der Senat den Standortnachteil Hamburgs im Kunstgewerbe und bewilligte die Finanzierung des Museums zur Förderung des regionalen Kunstgewerbes.

Im September 1876 bezog die „Allgemeine Gewerbeschule“, zu der auch die „Staatliche Baugewerkschule“ gehörte,Daniel Schreiber: Höger als Erzieher In: Claudia Turtenwald (Hrsg.): Fritz Höger (1877–1949). Moderne Monumente. – Katalog zur Ausstellung „Fritz Höger – Architekt des Chilehauses. Moderne Monumente.“ Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2003, ISBN 3-935549-56-3. den neu errichteten Schul- und Museumsbau am damaligen Lämmermarkt. Am Ende des Monats wurde dann das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg eröffnet. Dort teilte es sich zunächst 18 Räume im Erdgeschoss mit dem Botanischen Museum und dem Völkerkundemuseum.

Im Juli 1897 gelangten die ersten Benin-Bronzen über den deutschen Kolonialisten Eduard Schmidt an das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg.Bronzen aus Benin im Museum für Kunst und Gewerbe (Kunst, Wissenschaft, Theater, Musik). In: Hamburger Nachrichten. 13. März 1898, S. , (Digitalisat)Centralblatt für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 2. Jg. Heft 4, 1897 S. 347. Die 28. Allgemeine Versammlung der Deutsche Anthropologischen Gesellschaft in Lübeck vom 3.–6. August 1897

Ziel des Gründungsdirektors Justus Brinckmann war es, „den Geschmack zu bilden und das künstlerische Niveau des Handwerks zu steigern“. Regionalen Kunsthandwerkern sollten Beispiele vorbildlicher Gestaltung aus der ganzen Welt gezeigt werden. Vorbilder waren das South Kensington Museum (gegründet 1852, heute Victoria and Albert Museum, London), das Österreichische Museum für Kunst und Industrie (gegründet 1863, heute Museum für angewandte Kunst Wien) und das Deutsche Gewerbemuseum (gegründet 1867, heute Kunstgewerbemuseum Berlin).

Erste Jahre mini|Ansicht von Osten (Hauptfassade) von 1885 Der Jurist Brinckmann leitete das Museum bis 1915. Er besuchte die Weltausstellungen in Antwerpen (1885) und Paris (1900) und erwarb als vorbildlich empfundenes Kunsthandwerk. Aus der Zeit seiner Leitung stammen vor allem Fotografien, Plakatkunst, Jugendstilobjekte und japanische Kunst. Ab 1879 fand eine jährliche Messe für Kunst und Handwerk statt, die heute noch durchgeführt wird. In der Frühzeit des Museums verlieh das Museum auch Objekte an Handwerker zur Inspiration.

Brinckmanns Nachfolger Max Sauerlandt (1919–1933) ergänzte die Sammlung zu einer umfassenden historischen Darstellung. Gleichzeitig wurde zeitgenössische Kunst angekauft, darunter ein namhafter Bestand an Werken des Expressionismus.

Im April 1933 wurde Sauerlandt nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wegen seines Eintretens für die „Entartete Kunst“ als Museumsleiter entlassen.Marlis Roß: Der Ausschluss der jüdischen Mitglieder 1935. Die Patriotische Gesellschaft im Nationalsozialismus. (PDF; 1,7 MB) Hamburg 2007, S. 30. 1937 wurden in der Aktion „Entartete Kunst“ aus der Sammlung 279 Werke von Karl Ballmer, Eduard Bäumer, Alwin Blaue, Fortuna Brulez-Mavromati (1893–1953), Otto Dix, Otto Freundlich, Willem Grimm, Richard Haizmann, Karl Hartung, Erich Heckel, Walter Heisig (1902–1984), Eduard Hopf, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Kluth, Moissey Kogan, Fritz Kronenberg, Fritz Kuhr, Elfriede Lohse-Wächtler, Ewald Mataré, Hans Meier (mutmaßlich der Schweizer Bildhauer; 1910–2002), Ernest Misztrick de Monda, Amedeo Modigliani, Henry Moore, Willi Nass, Rolf Nesch, Emil Nolde, Franz Radziwill, Oskar Schlemmer, Karl Schmidt-Rottluff, Naum Slutzky, Heinrich Stegemann, Fritz Winter, Gustav Heinrich Wolff (1886–1934), Klaus Wrage (1891–1984) und zwei nicht identifizierten Künstlern beschlagnahmt. Viele wurden danach vernichtet.mini|Ansicht von Westen – der heute davor liegende Hauptbahnhof wurde 1906 eröffnet

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1943 wurde das Gebäude von Bomben teilweise zerstört. Der Wiederaufbau war 1959 beendet. Die ebenfalls im Gebäude befindlichen Schulen wurden nach und nach ausgelagert. Die Gewerbeschule im Museumsgebäude wurde 1975 geschlossen.

1996 wurde eine umfassende Sanierung begonnen, die erst 2012 abgeschlossen wurde. 2000 wurde mit dem „Schümann-Flügel“ ein Erweiterungsbau eröffnet. 2006 wurde der Mittelbau als „Hartog-Flügel“ wiedereröffnet. mini|Die Westfassade 2014, darunter die Gleisanlagen des Hauptbahnhofs. Die 2006 berufene Direktorin Sabine Schulze gestaltete das Museum um. Anlass war der Abschluss der Umbau- und Sanierungsmaßnahmen. Im Zuge der Umgestaltung wurden zeitlich oder thematisch passende Abteilungen zusammengelegt. Darüber hinaus soll eine thematische, epochenübergreifende Präsentation erfolgen. Die Umgestaltung wurde von der Fachpresse gelobt. Die Aufteilung der Porzellan- und Fayenceabteilung erntete jedoch Kritik bei Keramikliebhabern. Ein Schwerpunkt des Museums liegt heute auf kulturgeschichtlichen Aspekten.

Direktoren 1874–1915 Justus Brinckmann 1919–1933 Max Sauerlandt 1933–1934 (kommissarisch) Hermann MaetzigDavid Klemm: Das Museum für Kunst und Gewerbe. Band 1: Von den Anfängen bis 1945, 2004, S. 327ff. 1934–1937 (kommissarisch) Wilhelm Kleinschmit von Lengefeld 1937–1945 (kommissarisch) Konrad Hüseler 1947–1961 Erich Meyer 1962–1971 Lise Lotte Möller 1971–1988 Axel von Saldern 1988–2008 Wilhelm Hornbostel 2008–2018 Sabine Schulze seit 1. Dezember 2018 Tulga Beyerle

Baugeschichte mini|Luftbild von Südwesten 2013, im Vordergrund das ehemalige Bahnpostamt, die heutigen Bücherhallen.Das Museumsgebäude wurde 1873–1875 nach den Plänen von Carl Johann Christian Zimmermann als Mehrzweckbau erbaut.Architekten und Ingenieur Verein Hamburg (Hrsg.): Hamburg und seine Bauten 1890, Selbst-Verlag des Vereins, 1890, (online, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg), S. 97–100. Für Zimmermann bot sich angesichts der vorgefundenen Größe und Form des Grundstücks bei dieser Bauaufgabe eine Vierflügelanlage mit zwei Innenhöfen an, wie sie bereits in Wien beim Bau der Akademie der bildenden Künste, der Kunstgewerbeschule und des Kunsthistorischen Museums zur Anwendung gekommen war. Denselben Aufbau verwendete er später beim Hamburger Strafjustizgebäude und dem Ziviljustizgebäude. Wenige Jahre Zeit später (Einweihung am 17. September 1891) entstand ähnlich wie in Wien als Pendant zum Haus am Steintorplatz ein Naturhistorisches Museum am Anfang der späteren Mönckebergstraße (heute „Saturn-Immobilie“). Architekten waren Semper und Krutisch. Das Naturhistorische Museum wurde 1943 zerstört.

Im Erdgeschoss befand sich das Museum, in den oberen Stockwerken lagen die Klassenräume einer Allgemeinen Gewerbeschule, einer Kunstgewerbeschule und einer Realschule.

Zu den im heutigen Museumsgebäude untergebrachten Schulen gehörten die Folgenden: Allgemeine Gewerbeschule mit der Schule für Bauhandwerker und gewerbliche Vorschulen, Abend- und Sonntagsschulen, Schule für Maschinenbauer und Techniker, Schule für Bauzeichen und Freihandzeichnen, Staatliche Hauptgewerbeschule mit Tages- und Abendunterricht, Kunstgewerbeschule (bis zum Umzug 1913 in den Neubau am Lerchenfeld), Technische Lehranstalten (Schiff- und Maschinenbau, Elektrotechnik, Schiffsingenieurschule). Die Realschule (später Realgymnasium) des Johanneums (bis zum Umzug 1905 in den Neubau in der ArmgartstraßeRealgymnasium des Johanneums Hamburg: Festschrift zur Einweihung des neuen Schulgebäudes an der Armgartstrasse am 13. Oktober 1905. Baumann, Hamburg 1905, (online, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg).), dann Realschule St. Georg (bis zum Umzug 1907 in den Neubau in der Rostocker Straße), Büro der Oberschulbehörde (bis 1887, erkennbar am großen Staatswappen an der Nordfassade). In alten Adressbüchern finden sich außerdem die Schmiedeschule und die Fachschule der Dentisten, die landwirtschaftliche Fortbildungsschule, staatliche Fortbildungsschulen und das archäologische Seminar. Nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich noch die Bauschule und die Schule für Verfahrenstechnik im Haus. mini|Schnitt durch das Gebäude aus dem Jahr 1890: Links die Aula, in der Mitte die Turnhalle mini|Blick in den Innenhof 2015, deutlich sichtbar sind die nachträglichen Anbauten mini|Treppenhaus des Museums für Kunst und Gewerbe