Wohlstand (auch Wohl, Wohlergehen) ist ein positiver Zustand, der individuell unterschiedlich wahrgenommen wird. Wohlstand setzt sich aus immateriellem und materiellem Wohlstand (siehe auch Lebensstandard) zusammen. Der Lebensstandard ist leichter zu messen. Umgangssprachlich ist mit Wohlstand gemeint, dass jemand mehr Geld als „normal“ zur Verfügung hat bzw. dass es ihm in materieller Hinsicht an nichts mangelt.
Im Rahmen politischer Entscheidungen und Wirkungsweisen wird bislang meist der materielle Wohlstand bzw. das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Indikator für materiellen Wohlstand berücksichtigt. Als „Wohlstandsindikatoren“ werden Faktoren des Engelschen Gesetzes und Indizes der menschlichen Entwicklung verwendet.
Im Rahmen der Veränderungen unserer Gesellschaft wird gefordert, dass auch andere Aspekte von Wohlstand wahrgenommen und in den politischen Diskurs aufgenommen werden, z. B. die geistige Entwicklung und das seelische Gleichgewicht.
Geschichtliche Entwicklung Der Ethnologe Marshall Sahlins bezeichnete die Wildbeuterkulturen (der warmen Länder) als die ursprünglichen Wohlstandsgesellschaften, denn alle Bedürfnisse wurden erfüllt und es blieb viel Zeit für die Muße. Im Durchschnitt mussten sie nur zwei bis fünf Stunden täglich für die Jagd, das Sammeln und die Nahrungszubereitung aufwenden.. Website der Organisation Survival International. Abgerufen am 7. September 2013.Georg Kneer, Armin Nassehi, Klaus Kraemer (Hrsg.): Spezielle Soziologien – Zugänge zur Gesellschaft. LIT Verlag, Münster, Hamburg 1995.Die materielle Kultur der australischen Aborigines – eine „Stein“zeit? (PDF; 104 kB). Website des Ethnologischen Büros Corinna Erckenbrecht. Abgerufen am 7. September 2013.Wie die Menschen fleißig wurden. Website der FAZ. Artikel vom 5. November 2011. In der modernen Konsumgesellschaft indes erzeugt die Werbung ständig neue Bedürfnisse, die jedoch ohne Geld und Job oftmals nicht erfüllbar sind. Sahlins weist ausdrücklich darauf hin, dass es vermessen wäre, unsere modernen Vorstellungen von einem guten Leben als einzig wahren Maßstab anzusehen.Marshall Sahlins, zitiert bei Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität Reinbek 1977.
Die Interpretation von Wohlstand hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Im Altertum und Mittelalter war Wohlstand im Wesentlichen durch ethische und religiöse Normen bestimmt.Issing: Geschichte der Nationalökonomie, 1988, S. 169. Das Oberziel des Merkantilismus (in Deutschland Kameralismus) war das Wohlergehen des Herrschers. Für Physiokraten (18. Jahrhundert, Quesnay) galten die Erzeugnisse aus der Landwirtschaft als einzige Quelle des Wohlstandes.Alfred Eugen Ott, Harald Winkel: Geschichte der theoretischen Volkswirtschaftslehre, 1985, S. 24. Der Faktor Arbeit und das Prinzip der Arbeitsteilung gewannen in der Zeit der Klassik an Relevanz (Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen; David Ricardo, Malthus).Issing: Geschichte der Nationalökonomie, 1988, S. 170.
Im Rahmen des Utilitarismus war die individuelle Wahrnehmung des Wohlstandes nach dem „Prinzip des größten Glücks für die größte Zahl“ von Bedeutung. Alfred Marshall führte Anfang des 20. Jahrhunderts die Theorie der Konsumentenrente ein, die den ökonomisch-materiellen Wohlstandsaspekt berücksichtigt. Schon Pigou hat Anfang des 20. Jahrhunderts die Messbarkeit des Geldes und die Kriterien für Wohlstandssteigerung aufgefasst.Issing: Geschichte der Nationalökonomie, 1988, S. 173 ff. In der New Welfare Economy basierte Wohlstand auf dem Prinzip des Pareto-Optimums, das durch das individuelle Wohlbefinden der einzelnen Haushalte gekennzeichnet war. Das heutige Verständnis von Wohlstand wird über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ermittelt. Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts wurde diese erstmals durch die Schätzung des Volkseinkommens von Petty erfasst. In Deutschland geht diese auf Leopold Krug zurück. Im Laufe der Zeit haben Keynes und Föhl die Theorie des Wirtschaftskreislaufs weiterentwickelt. Ihre Arbeiten dienten als Grundlage für internationale Systeme wie das der OECD. Heutzutage liegt die 3. Auflage des System of National Accounts (Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 1993) vor, in europäischer Version ESVG 1995 (Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung).Dieter Brümmerhoff: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, 2007, S. 40 ff. Bis heute ist es die Basis für die Berechnung von volkswirtschaftlichen Kennzahlen.
Glücksforschung Wirtschaftswissenschaftler wie Bruno S. Frey haben unter anderem den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Einkommens und dem Wohlbefinden untersucht und dabei die These aufgestellt, dass es wichtiger sei, sich mit den Bedingungen des Glücklichseins als mit dem durchschnittlichen Glücksniveau zu beschäftigen. In Happiness Research in Economics beschreibt Frey vier Probleme der Ökonomie: das Einkommen, die Arbeitslosigkeit, die Inflation und die Ungleichheit. Er versucht zu zeigen, dass Arbeitslosigkeit den größten negativen Effekt auf das Glücksempfinden hat, da sie das Einkommen begrenzt. Durch die Inflation wird das Glücksempfinden laut Frey eher weniger beeinflusst. In dem Buch wird außerdem die Bedeutung der Sozialnormen hervorgehoben. So scheinen die negativen Effekte der Arbeitslosigkeit auf das Wohlergehen der Menschen geringer zu sein, wenn dieser Zustand sozial akzeptiert wird.Frey: Happiness, a Revolution in Economics. CES, London 2008, ISBN 978-0-262-06277-0. Neben der Arbeitslosigkeit beeinflussen Frey zufolge auch andere wirtschaftliche Faktoren das Wohlbefinden des Menschen. So werde das Glücksempfinden durch die Steigerung des Einkommens positiv beeinflusst.Bruno Frey: Was uns glücklich macht. FAZ vom 28. September 2009, Nr. 225, S. 12. (Vergleiche aber: Ökonomische Glücksforschung.)
Der asiatische Staat Bhutan hat zur Glücksforschung eine Staatskommission eingesetzt, die regelmäßig das „Bruttonationalglück“ der Bevölkerung ermittelt. Das Land hat ein nicht wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell in seiner Verfassung verankert und wird von Vertretern der wachstumskritischen Bewegung als ein Beispiel genannt, andere Staatsziele als Wirtschaftswachstum zu verfolgen.Voß, Elisabeth: Solidarische Ökonomie. Möglichkeiten und Beispiele selbstorganisierter Projekte und Unternehmen, ihre Grenzen, Widersprüche und Ambivalenzen. Soziale Arbeit in der Ökonomisierungsfalle? Springer VS, Wiesbaden 2016, S. 225–244.
Einflussfaktoren Die Einflussfaktoren lassen sich in positive und negative Aspekte unterteilen. Negative Einflussfaktoren können die Steigerung des Wohlstands verhindern oder ihn senken. Dagegen tragen positive Einflussfaktoren zum Anstieg des Wohlstandes bei.Hardes/Schmitz/Uhly: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 2002.Lachmann: Volkswirtschaftslehre I Grundlagen, 2003.
Einflussfaktoren positive negative Politische Situation Frieden, Sicherheit, Freiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Krieg, Flucht, Einfluss des Militärs, Isolation, geschlossene Grenzen, Blockaden, Korruption, unkontrollierte Macht, Populismus, Terrorismus Wirtschaftliche Situation steigende Arbeitsproduktivität, Steigung der realen Löhne, homogene Einkommensverteilung, technischer FortschrittInflation, Geldentwertung, Verlust von Eigentum, Arbeitslosigkeit, häufige Streiks, Rechtsunsicherheit, zu hohe Staatsverschuldung Ökologische Situation saubere Luft und sauberes Wasser, wenig Lärm, Zugang zu Natur- und GrüngebietenNaturkatastrophen, Umweltverschmutzung Gesellschaftliche Situation Bildungsmöglichkeiten, Kinderbetreuung, Kulturangebot, soziales und politisches Engagement, FreizeitEpidemische Krankheiten, Sucht, Analphabetismus, professionelle Kriminalität, mafiöse Strukturen, kollektive Angst
Wohlstand in Deutschland Wohlstand entsteht durch eine hohe inländische Produktion von Gütern und Dienstleistungen, weil dadurch das Versorgungsangebot verbessert wird. Wichtige Voraussetzung ist damit ein wachsender Binnenabsatz oder zunehmende Exporte. Hinsichtlich der stagnierenden Bevölkerungszahlen und der zunehmenden Überalterung ist ein Wachstum der Binnennachfrage in Deutschland nur begrenzt möglich. Damit Außenhandelspotenziale ausgenutzt werden können und der Binnenmarkt nicht durch Konkurrenz-Länder bedroht wird, ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Inlandes von Bedeutung. Dass deutsche Unternehmen international konkurrenzfähig sind und damit hochpreisige Produkte auf dem Weltmarkt absetzen können, zeigen die hohen Exportumsätze des Landes.Schneider: Standort Deutschland – Grundlagen des Wohlstands. 2006, S. 382–387. Diese betrugen im Jahr 2008 nach den vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes 1.157,18 Mrd. € (nominal/preisbereinigt).Statistisches Bundesamt: Datenbank Genesis, abgerufen am 17. November 2009. mini|Wohlstand Deutschlands 1950–2008 gemessen am BIP pro Kopf in € Für diese Betrachtung ist das Bruttoinlandsprodukt je Kopf eine gute Messgröße, die durch Produktivität und Beschäftigung beeinflusst wird. Hier wird die Produktivität als Bruttoinlandsprodukt pro geleistete Arbeitsstunde gemessen. In Deutschland ist die Entwicklung beider Größen jedoch ungünstig. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Produktivität betrug von 2000 bis 2005 nur 1,2 % und es zeichnet sich ein negativer Trend ab. Das Beschäftigungswachstum verringerte sich in diesem Zeitraum durchschnittlich um 0,4 %. Aus diesem Grund zielen politische Maßnahmen auf die Schaffung von mehr Beschäftigung ab.Bornmann, Dauderstädt u. a.: Wohlstand durch Produktivität – Deutschland im internationalen Vergleich, 2009, S. 6–18.
Entscheidend für den Wohlstand des Landes ist das System der Sozialen Marktwirtschaft. Deutschland profitiert damit von der Effizienz der Märkte. Gleichzeitig werden im Sinne der Gesellschaft soziale Aspekte berücksichtigt.Gries: Internationale Wettbewerbsfähigkeit, eine Fallstudie für Deutschland. 1998, S. 31 ff.
Aus Sicht der Bevölkerung führen steigende Einkommen zu mehr Wohlstand. In Deutschland liegt die Haupteinkommensquelle in der abhängigen Beschäftigung. Der Nettoverdienst ist über einen Zeitraum von 60 Jahren deutlich schneller gestiegen als die Preise. Die durchschnittlichen Stundenlöhne lagen in Westdeutschland bei 1,31 DM = 0,67 € im Jahr 1950 und stiegen bis 2007 auf 13,59 €. Diese positive Entwicklung spiegelt sich auch in der Lohnquote wider, die 2008 aufgrund der steigenden Löhne immer noch ein hohes Niveau von 65 % erreichte. Durch den zunehmenden Einsatz des Produktionsfaktors Kapital hätte diese auf lange Sicht eigentlich sinken müssen.
Ein weiteres Merkmal für den bisherigen Anstieg des Wohlstands der Deutschen ist die zunehmende Freizeit. Die tarifliche Wochenarbeitszeit im Land ist von durchschnittlich 47 auf 37 Stunden gesunken. Mit zirka 30 Urlaubstagen im Jahr liegt Deutschland auf einem hohen Niveau. Diese tragen ebenfalls zu mehr Wohlstand bei.Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (2009): Wohlstandsbilanz Deutschland. Abgerufen am 11. November 2009.
Neben dieser Auswahl sind weitere Aspekte von Bedeutung. Dazu gehören beispielsweise eine intakte Umwelt sowie kulturelle und gesellschaftliche Werte. Diese Wohlstandsdimensionen werden jedoch bei der Messung von Wohlstand durch das Bruttoinlandsprodukt – das lediglich materiellen Wohlstand erfasst – nicht berücksichtigt. Denkwerk Zukunft (Hrsg.): . Memorandum des Denkwerks Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung. Bonn 2010.