mini|Vier Elemente nach Empedokles, kolorierter Holzschnitt von 1472. mini|Die vier Elemente bei Isidor von Sevilla (De natura rerum), Abbildung aus einer Handschrift des 9. JahrhundertsDigitalisat.

Nach der von der Antike bis in die Frühneuzeit maßgeblichen Vier-Elemente-Lehre (auch Vierelementelehre) besteht alles Sein in bestimmten Mischungsverhältnissen aus vier Urstoffen bzw. Grundelementen: „Erde“, „Wasser“, „Luft“ und „Feuer“ als Prinzipien des Festen, des Flüssigen, des Gasförmigen und des glühend Verzehrenden.Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Medizin in der griechischen und römischen Antike. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 915–920, hier: S. 915–916 (Die Elementenlehre).

Griechische Philosophen Vorläufer: Thales, Anaximander, Anaximenes und Heraklit Der griechische Philosoph Thales von Milet (624–546 v. Chr.) in Ionien vertrat die Ansicht, dass alle Stoffe nur verschiedene Aspekte des Urstoffes Wasser darstellen, denn Wasser war seiner Ansicht nach in größter Menge vorhanden. Er stellte sich vor, dass die Erde als flache Scheibe auf Wasser schwimme und dass auch über dem Himmelsgewölbe Wasser vorhanden sei, eine Annahme, die stark an den kosmischen Urozean der Sumerer erinnert. Thales’ Theorien fanden große Anerkennung, jedoch wurde auch kritisch in Frage gestellt, ob das Wasser – seiner materiellen Beschaffenheit wegen – den Urgrund von allem repräsentieren kann.

Anaximander (um 610-547 v. Chr.) – Thales’ Schüler oder Nachfolger – setzte daher dem Wasser das Apeiron entgegen, das als per se „Unbegrenztes“ der Ursprung aller materiellen Dinge sei.Vgl. Diels: Die Vorsokratiker. Feuer, Wasser, Erde und Glutluft (in Form einer sie umhüllenden Röhre) traten in Anaximanders Denken als zentrale Elemente des kosmischen Werde-Vergehens auf, indem eine anfänglich aus Wasser bestehende Welt durch stetige Hitzezufuhr zunehmend vertrocknet und damit zu fester Erde wird.

Anaximenes (585–525 v. Chr.) – ebenfalls aus Milet – kam zu dem Schluss, dass die Luft der Urstoff sei. Indem sie zum Mittelpunkt des Universums hin zusammengepresst werde, entstünden aus ihr die Elemente Wasser und Erde.

Heraklit (ca. 540–475 v. Chr.) aus der Nachbarstadt Ephesus war der Ansicht, dass ein Feuer der Urstoff sein müsse. Zuerst als Wasser materiell werdend, ist dieses innerlich weiter nach Erde und Glutwind unterscheidbar und alles in stetiger Umwandlung begriffen:

„Feuers Umwende: Wasser. Vom Wasser aber die eine Hälfte ist Erde, die andere Hauch der Glut. […] Wechselseitiger Umsatz: Der Welt gegen das Feuer und des Feuers gegen die Welt, wie beim Tausch des Goldes gegen die Waren und der Waren gegen das Gold.“ (Aphorismen 31 u. 91, nach H. Diels)

Empedokles Die breiteste Wirkung der klassischen Elementenlehre hatte ihre Formulierung durch den griechischen Naturphilosophen Empedokles aus Akragas im 5. Jahrhundert v. Chr. Die Vorgänger von Empedokles haben den vier Elementen – ergänzend zu basalen kosmogonischen Sachverhalten wie bei Heraklit oder Anaximander die reversible Weltentstehung aus dem Feuer bzw. Apeiron – auch eine Eigenschaft zugeschrieben, die heute dem Wechsel der Aggregatzustände zugewiesen wird. Ein Beispiel dafür ist die unter Druck erfolgende Verflüssigung der Gase (Luft) bei Anaximenes. Auch dass andere Vorsokratiker die festen Stoffe dem Element Erde zugeordnet haben, flüssige dem Wasser und gasförmige der Luft, erinnert an das Konzept der Aggregate.

Dieses Schema der gestuften Transformation eines phänomenalen Zustandes in den nächsten behielt Empedokles bei. Zusätzlich schrieb er den vier Elementen aber noch eine Eigenart zu: Er nahm an, dass sie ewig existierende und in sich unveränderlich Grundsubstanzen seien, erst aus deren Zusammenkommen in jeweils verschiedener Mischung sich die ganze Vielfalt der dem Werde-Vergehen unterliegenden Dinge ergibt.

Diese Sicht wird in Teilen einem modernen wissenschaftlichen Denken gerecht (vgl. Elementarteilchen, Leukips Atomismus, auch die These der nicht weiter reduzierbaren Kategorien bei Plato, Aristoteles und Kant), doch darf für eine Beurteilung der griechischen Philosophie nicht unberücksichtigt bleiben, dass Empedokles die vier Elemente zunächst als „Götter“ eingeführt hat. Welchem Gott er welches Element zuordnete, ließ sich bislang nicht eindeutig klären. Einige Autoren gehen davon aus, dass das Feuer dem Zeus, die Luft der Hera, die Erde dem Aidoneus (Hades) und das Wasser der Nestis (Persephone) entsprochen habe, andere deuten Empedokles Texte in dem Sinne, dass Hera der Erde und Aidoneus der Luft zugeordnet gewesen sei.Ingrid Straube: Die Quellen der Philosophie sind weiblich: Vom Einfluss weiser Frauen auf die Anfänge der Philosophie. ein-FACH-Verlag, Aachen 2001, S. 31–32, ISBN 978-3-928089-29-6Walter Bröcker: Die Geschichte der Philosophie vor Sokrates. 2. Auflage. Klostermann, Wiesbaden 1986, ISBN 978-3-465-01706-6.Egon Gottwein: Vorsokratische PhilosophieArthur Fairbanks: Empedocles Fragments and CommentaryWalter L. Strauss/John T. Spike (Hrsg.): The Illustrated Bartsch. New York 1978 -: Zahlreiche Darstellungen der vier Elemente von verschiedenen Künstlern aus dem 15. bis 19. Jahrhundert in mehreren Bänden

Durch die assoziative Verbindung der Elemente mit je einem dieser anthropomorphen Götter erhielten sie weitere Eigenschaften, die sich über den Bereich der bloßen Physik hinaus in den der Psychologie und Medizin (vgl. Humoralpathologie) erstrecken. Dem Feuer wurde Zielstrebigkeit, Ehrgeiz, Engagement zugeordnet. Wasser ist das sanfte Element, das nachgiebige und weiche, das Luftelement ist quirlig, flexibel und veränderungorientiert und letztlich steht Erde für das Festgefügte, Starre und Beständige. Die spezifischen Eigenschaften der Dinge sind damit charakterisiert durch das jeweilige Mischungsverhältnis der vier Elemente. Federn bestehen dieser Sicht zufolge vorwiegend aus dem Luft-Element, Steine aus einem hohen Anteil an dem der Erde. Dabei besitzt Bimsstein wiederum vergleichsweise viel Luftelement, Bergkristall weist einen hohen Anteil vom Wasser auf und Pyrit (da als Zünder geeignet) viel vom Feuer.Gernot Böhme, Hartmut Böhme: Feuer, Wasser, Luft, Erde. Eine Kulturgeschichte der Elemente. Beck, München 1996, ISBN 3-406-41292-0. Auch für den Menschen ergibt sich danach eine jeweils individuelle Mischung dieser vier Elemente, so führt Heraklit die Trunksucht auf eine feucht gebliebene Seele zurück und nennt eine trockenstes Seele jene, die am feurigsten brennt (Diels, Aph. 117–118). Krankheiten deuten mithin auf ein Ungleichgewicht der Elemente hin. Der Mediziner früherer Zeit behandelte Krankheiten durch Zufuhr eines fehlenden Elements über die Nahrung (Diät; Heilpflanzen) oder er leitete ein Zuviel ab. Ausleitungsverfahren, die heute von Heilpraktikern angewendet werden, beruhten ursprünglich auf dieser Vorstellung. Insbesondere auf die Viersäftelehre des Corpus Hippocraticum (v.a. De natura hominis, verfasst von dem koischen Arzt Polybos) nahm die empedokleische Lehre von den vier Elementen Einfluss,Hermann Grensemann: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (In Kommission bei Franz Steiner Verlag, Wiesbaden), Mainz 1968 (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse. Jahrgang 1968, Nr. 2), S. 91–94 (Empedokleischer Einfluß). worauf dann auch der Ausbau der Humoralpathologie (die Krankheitslehre der Körpersäfte) durch Galenos und spätere Mediziner wie Avicenna beruhte.

Nachfolger: Platon, Aristoteles, Stoiker Die Vier-Elemente-Lehre wurde von späteren griechischen Philosophen weiterentwickelt.

Platon (ca. 428-347 v. Chr.) ordnete im Timaios jedem der vier Elemente sowie dem Äther je einen regelmäßigen Körper zu und stellte die vier Elemente als Kreislauf dar.

mini|Der etwa von Alchemisten gedachte Zusammenhang der vier Elemente mit den vier Primäraqualitäten Aristoteles (384–322 v. Chr.), ging wie Platon davon aus, dass die Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser entstanden, indem eine formbare Urmaterie von den vier Qualitäten heiß, kalt, feucht und trocken geprägt wurde.Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 16–18. Er gab, die im Lehrgedicht Über die Natur geschilderte Lehre des Empedokles übernehmend, entsprechend den auf dem Gegensatzpostulat Anaximanders aufbauenden Gegensatzpaaren Zenons den vier Elementen (elementa) die Eigenschaften (Primärqualitäten, den gegensätzlichen inneren Qualitäten bei AlkamionVgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 7–88. vergleichbar) warm/kalt und trocken/feucht (worauf im Mittelalter die vier qualitates warm/feucht, warm/trocken, kalt/trocken und kalt/feucht, die vier humores Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim sowie die vier temperamenta sanguinisch, cholerisch, melancholisch und phlegmatisch zurückgehenVgl. etwa Bernhard D. Haage: Studien zur Heilkunde im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. Kümmerle Verlag, Göppingen 1992 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 565), ISBN 3-87452-806-5, S. 130 f.) und bezeichnete den Äther als den anderen vier Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) zugrunde liegende Quintessenz.

Die Stoiker entwickelten die Lehre weiter, indem sie das Pneuma einführten. Das rohe Pneuma wird über die Atmung aufgenommen und durch das Feuer der Leber „verkocht“, das heißt für den Körper verwendungsfähig gemacht. Alle Elemente, die vom Körper aufgenommen werden, müssen erst durch das Feuer der Verdauung (insbesondere der Leber) aktiviert werden, Luft und Feuer gehören zu den aktiven Elementen. Dementsprechend wurden Luft und Feuer als aktive pneumaartige Elemente und Erde und Wasser als passive Elemente angesehen. Pneuma erfüllte viele Funktionen, die Aristoteles dem Äther zuordnete.Ulrich Stoll: Das Lorscher Arzneibuch. Steiner, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-05676-9 (zugleich Diss. 1989).

Diese Theorie wurde in dieser Form in Europa über das Mittelalter erhalten und blieb in der Medizin bis zur Aufklärung die bestimmende Grundlage.

Die Elemente galten als Bestandteile der sex res naturales im Konzept des Regimen sanitatis.Peter Assion: Altdeutsche Fachliteratur. Berlin 1973 (= Grundlagen der Germanistik. Band 13), S. 139 f.Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und „Regimen sanitatis“ im Mittelalter. Medizinische Habilitationsschrift Heidelberg 1973, S. 32 f.

Alchemie Vermittlung über Ägypten und Arabien Alexander der Große eroberte das Persische Reich, das nach seinem Tod 323 v. Chr. auseinanderbrach. Ptolemäus, einer von Alexanders Generälen, ließ in Alexandria den Musen einen Tempel, ein „Museum“ bauen, das in seiner Funktion etwa einer Universität entspricht. Das Museum mit der Bibliothek von Alexandria wurde in der Folgezeit zu einem Zentrum wissenschaftlicher Forschung. Dort verband sich die griechische Philosophie mit der ägyptischen Lehre von der angewandten Chemie. Da in Ägypten chemische Kenntnisse eng mit der Religion verbunden waren, hatte das zwei Auswirkungen: Eine spirituelle Note kam in die Elementelehre, die Beschäftigung mit dem „Feinstofflichen“, die die jetzige Alchemie im Gegensatz zur jetzigen Chemie kennzeichnet. Man ordnete den Elementen jeweils bestimmte charakteristische Metalle zu; durch Aufnahme der Metalle oder durch Tragen von entsprechendem Schmuck konnten diese Elementenenergien auf den Menschen übergehen.

Gold gehört zum Feuer, Silber zum Wasser, Quecksilber gehört zum Luftelement und Blei gehört zum Erdelement.