Rotwelsch ist ein Sammelbegriff für sondersprachliche Soziolekte bzw. „Dialekte“ gesellschaftlicher Randgruppen: Nach einer frühen Erwähnung im Narrenschiff von 1494 als Sprach- und Charaktereigenschaft von BettlernSebastian Brant: Das Narrenschyff. Johann Bergmann von Olpe, Basel 1494 ist der 1510 erschienene Liber vagatorum die wohl erste gedruckte größere Darstellung und stellt mit den drastischen Wörtern des späten Mittelalters die (Sprach-)Welt von Bettelnden, fahrendem Volk (Vaganten), „unehrlichen Berufen“ und Kriminellen in den Vordergrund.

In der Folge sind mit der Ansiedlung von Gruppen vormals Nichtsesshafter in den entsprechenden Regionen über den Sprachkontakt seit dem 17. Jahrhundert insbesondere lexikalische Einflüsse entstanden; zahlreiche Wörter des Rotwelschen wurden in die Umgangssprache aufgenommen:Jasmina Cirkic: Rotwelsch in der deutschen Gegenwartssprache. Dissertation, Gutenberg-Universität Mainz, 2008 (online) Das Universalwörterbuch der deutschen Sprache aus dem Dudenverlag führt z. B. in seiner 5. Auflage mehr als 70 Wörter rotwelscher oder gaunersprachlicher Herkunft mit entsprechenden Lemmata auf.Duden – Deutsches Universalwörterbuch. Hrsg. v. Anette Auberle u. Kathrin Kunkel-Razum. Brockhaus, Mannheim 2003, 5., überarb. Aufl., s. a. Duden: Rotwelsch, Rotwelsche

Bezeichnungen Eine ausführliche Diskussion zu Herkunft und Begriff des Rotwelschen findet sich bei Hansjörg Roth.Hansjörg Roth: Jenisches Wörterbuch. Aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz. Huber, Frauenfeld 2001, S. 70–88, ISBN 3-7193-1255-0 Die Herkunft des Wortes Rotwelsch, das schon um 1250 in der Form rotwalsch („betrügerische Rede“) bezeugt ist, ist nicht ganz sicher. Das Wort welsch, mit der eigentlichen mittelhochdeutschen Bedeutung „romanisch“ (französisch und italienisch), hat auch die übertragenen Bedeutungen „fremdartig“, „unverständliche Sprache“ wie in der Zusammensetzung „Kauderwelsch“. Der Bestandteil rot wird dagegen mit dem rotwelschen Wort rot für „Bettler“ erklärt, das seinerseits mit rotte („Bande“) oder mit mittelniederländisch rot („faul, schmutzig“) in Verbindung gebracht wird. Zunächst eine abwertende Fremdbezeichnung, wurde diese bereits nach den ersten Quellen des 15. Jahrhunderts von den Sprechern selbst zur Bezeichnung ihrer Sprache adaptiert. Die zunächst insbesondere in der älteren Literatur neben Rotwelsch am meisten verbreitete Fremdbezeichnung ist Gaunersprache, das jedoch in der neueren Literatur wegen seiner Fokussierung auf delinquente Sprechergruppen gemieden wird. Dies besonders deshalb, weil der soziale Kontext des Sprachgebrauches über die Sprache auch der Diskriminierung der Sprecher diente, wie es sich an der oft zitierten Definition des „Sprachpuristen“ Eduard Engel von 1916 zeigen lässt:

Im sogenannten Kampf gegen die „sprachliche Entvolkung Deutschlands“ sieht da Eduard Engel die vermeintliche „Verherrlichung des Gaunertums und dessen Sprache“ durch Lehnworte flankiert und durch den Fremdsprachengebrauch der Intellektuellen aufgehübscht. Er stellt diesen sein Kampfmotto „Sprich Deutsch!“ entgegen, das gerade mit der Bezugnahme auf Rotwelsch schon antisemitische Züge trägt.Anton Hafner: Xenophobie des feinen Mannes. Der Sprachpurismus und seine falschen Prämissen. In: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 141, Nr. 192 (19. August 2000), Zeitzeichen S. 65

Entstehung Die Gründe für Entstehung und Gebrauch des Rotwelschen ergeben sich aus der besonderen Bedürfnislage der Sprechergruppen und ihrer sozialen Ausgrenzung und Sonderstellung. Eine zentrale Rolle spielt die Geheimhaltung, d. h. das Anliegen, die Kommunikation zwischen den Mitgliedern gegen Außenstehende abzuschirmen. Hinzu kommt bei Gruppen gemischter sozialer, regionaler und sprachlicher Herkunft der auch bei sonstigen Fachsprachen gegebene Zweck, die Verständigung in den für die gemeinsame Berufsausübung oder Lebenspraxis wichtigen Angelegenheiten durch die Einhaltung eines vereinbarten Codes mit relativ festgelegten Bedeutungen zu sichern. Indem die Sprecher durch den Erwerb der Sondersprache zu Mitgliedern der Sprechergemeinschaft werden und sich untereinander als Mitglieder einer Gruppe von Eingeweihten zu erkennen geben, besitzt das Rotwelsch außerdem eine besonders bei sozial ausgegrenzten Gruppen wichtige identitätsbildende und integrative, den Zusammenhalt der Gruppe und das Zugehörigkeitsgefühl stärkende Funktion.Wolfgang Krischke: Geheimhaltung gegenüber der Obrigkeit war das Ziel, Der sperrt die flippflappen op: Klaus Siewert legt ein eindrucksvolles Wörterbuch über Rotwelschdialekte vor. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. August 2024, Seite 12

Der hohe Anteil an jiddischen und hebräischen Lehnwörtern erklärt sich dadurch, dass Juden von den meisten landwirtschaftlichen und bürgerlichen Berufen ausgeschlossen waren und darum bis ins 19. Jahrhundert einen bedeutenden Teil der Träger mobiler Berufe, besonders der fahrenden Händler und Hausierer, stellten. Walter Benjamin beschreibt den sozialgeschichtlichen Zusammenhang in einer Radiosendung vom 23. September 1930 so:

Daraus ergibt sich dann auch der Anteil an Sprachelementen des Romanes. Da es sich durch die permanente Migration bei den nicht sesshaft lebenden Menschen um eine multi-ethnische Population handelte, weist das Rotwelsch weitere Einflüsse auch aus anderen europäischen Sprachen auf, so aus dem Französischen und Italienischen. Überschneidungen und wechselseitige Beeinflussungen bestanden besonders noch mit folgenden Gruppen und ihren jeweiligen Sondersprachen: Handwerker, die ihren Beruf als Fahrende ausübten oder, wie z. T. noch heute, einen Teil ihrer Ausbildung als reisende Handwerker auf der Walz erwerben. Händler und Schausteller, die ihren Beruf selbst als Fahrende ausübten oder auf Messen und Jahrmärkten, wichtigen Sammelpunkten für Bettler und andere Fahrende, mit diesen in Kontakt kamen. Landsknechte und Soldaten, die als Deserteure oder Ausgemusterte, sozial Entwurzelte und Invalide den „classes dangereuses“ stetigen Zulauf boten. Schüler und Studenten, die im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zu den Vaganten zählten und auch lateinisches Wortgut in das Rotwelsch einbrachten.

Unter den von der Ständegesellschaft geächteten Berufen, die vielfach von Fahrenden oder auch sesshaft gewordenen Fahrenden ausgeübt wurden, sind außer den Bettlern, Prostituierten und (nur bedingt als Unehrliche einzustufenden) Schankwirten noch die Schinder und Scharfrichter zu nennen, aber auch die Müller und Köhler, deren außerhalb der festen Siedlungen gelegene Wohn- und Arbeitsstätten wichtige Anlaufpunkte für Fahrende und Kriminelle waren.

Sprachbestand Rotwelsch als Sonderwortschatz Rotwelsch unterscheidet sich hauptsächlich lexikalisch von der deutschen Umgangssprache und ihren Dialektvarianten, es handelt sich insofern nicht um eine eigenständige Sprache, sondern um einen Sonderwortschatz (Jargon), der sich in sozial, regional und zeitlich verschiedenen Varianten ausgeprägt hat. Er beruht auf Entlehnungen, oft in Verbindung mit Umdeutungen, aus dem Westjiddischen in Form von Hebraismen in aschkenasischer Lautung, aus dem Romani vorwiegend der Sinti (Sintitikes) und aus Nachbarsprachen des Deutschen, insbesondere dem Niederländischen und Französischen, ferner auf Veränderung oder Umdeutung gemeinsprachlich bekannter deutscher Wörter durch Bedeutungsübertragung und Bedeutungsverschiebung, Bildung neuer Komposita, Affigierung und Permutation (vergleiche u. a. Verlan, Kedelkloppersprook). Der spätere Weimarer Bibliothekar Carl Ludwig Fernow bereiste 1794 Oberitalien. Zu seinen KulturstudienCarl Ludwig Fernow: Römische Studien. Dritter Theil. Gessner, Zürich 1808, hier S. 295f gehörte ein umfangreicher Korpus zum „Jargon“ der Unterschichten, bei dem er viele lautmalerische Verballhornungen, Volksetymologien und Buchstabenverdrehungen beobachtete.

Das Kapitel über die Bettler im Narrenschiff zitiert zahlreiche rotwelsche Begriffe, die nur aus dem Kontext verstehbar sind, ansonsten als „närrische Rede“ gelesen werden:

„Zu Basel auf dem KohlenbergKohlenberg: Ein verrufener Stadtteil, der als Freistätte der Bettler diente Da treiben sie ihr Bubenwerk. Ihr Rotwelsch sie im Terich haben, Ernährn bequem sich von den Gaben; Jeder StabilStabil: Brotsammler ein HornlütenHornlüten: Zuhälterin hat, Die foppt, färbt, ditzetfoppt, färbt, ditzet: lügt durch die Stadt, Wie sie dem PredgerPredger: Bettler Geld gewinne, Der lugt, wo sei der Joham grimmewo sei der Joham grimme: Wo der Wein gut sei Und läuft durch alle SchöchelboßSchöchelboß: Wirtshäuser. Wo Rübling junenRübling junen: Würfel spielen ist recht los; Hat er beseveltbesevelt: betrogen hier und dort, So schwänztschwänzt: Macht sich davon er sich dann wieder fort, VeralchendVeralchend: wandernd über den Breithartüber den Breithart: über die Heide. Stiehlt er die BreitfüßBreitfüß: Gänse, Enten und FlughartFlughart: Hühner. Damit er sie flößleflößle: ertränke und LüßlingLüßling: Hals abschneide; Grantner, KlantvetzerGrantner, Klantvetzer: Bettler, die Krankheiten vortäuschen geben ihm Geleite. Gar wunderlich gehts jetzt in der Welt.“Übersetzung von H. A. Junghans, Reclam, Stuttgart 1964 vom Kapitel Von bettleren, S. 162 im Digitalisat Eine umfassende Wortliste hat Siegmund A. Wolf,Siegmund A. Wolf: Deutsche Gaunersprache. Wörterbuch des Rotwelschen. Buske, Hamburg 1983. der 6436 Grundbegriffe mit jeweils oft mehreren Ableitungen auflistet und dazu genaue Quellenangaben macht. Etymologien besonders zu Wörtern jiddischen Ursprungs hat Hans Peter Althaus erarbeitet.

Da Rotwelsch eine stark lokal bzw. dialektal geprägte (auch teils fachsprachlich beeinflusste) Sprachvarietät ist, findet man zwischen originalen rotwelschen Wortlisten verschiedener Autoren oft nur kleinere Schnittmengen.Siehe dazu die Beiträge von Sievert, Treimer und Ingversen in der Literaturliste Karl Kraus charakterisiert das so: Karl Kraus: Die Handelssprache. In: ders: Die Sprache. Die Fackel, Wien 1937 Ein großer Teil der veröffentlichten Arbeiten über Rotwelsch wurden ohne Quellenangabe kompiliert. Friedrich Christian Benedikt Avé-Lallemant hat diesen Epigonen und Plagiatoren in seinem Werk über das deutsche Gaunertum einige Kapitel gewidmet. Beispielsweise ist die Rotwellsche Grammatik von 1755 solch ein Werk ohne Eigenwert.Das deutsche Gaunerthum in seiner social-politischen, literarischen und linguistischen Ausbildung zu seinem heutigen Bestande. […] Vierter Theil. Brockhaus, Leipzig 1858–1862, (), (Digitalisate: Erster Theil; Zweiter Theil; Theil 3; Vierter Theil).

Heute hört man Rotwelsch noch bei reisenden Handwerkern sowie bei Landstreichern, Berbern und Bettlern. Bedingt durch die Ansiedlung von Nichtsesshaften nach dem Dreißigjährigen Krieg sowie später durch Landflucht und den Übergang Fahrender ins städtische Proletariat haben sich in einigen Städten wie Berlin und in oberrheinischen, fränkischen und schwäbischen Gemeinden wie Schillingsfürst und Schopfloch lokale, z. T. nur auf bestimmte Wohnviertel beschränkte Mundarten herausgebildet, deren Wortschatz noch heute besondere Anteile von Rotwelsch aufweist.

Für den Dramatiker Heiner Müller war die Beschäftigung mit dem Rotwelsch auch ein Eintauchen in die Gegenwelten von Identität und Fremdheit der Vagabunden, die er als Seelenverwandte des Dichters sah.Heiner Müller: Rotwelsch. Merve, Berlin 1982, S. 81ff, siehe dazu Frank Hörnig: Heiner Müller im Dialog mit sich selbst . In: Ian Wallace (Hrsg.): Heiner Müller. Probleme und Perspektiven. Bath-Symposion 1998. Rodopi, Amsterdam 2000, S. 309–321

Beispiele aus dem Vokabular ausbaldowern bzw. baldowern: „auskundschaften“, von jidd. baal „Herr“, und jidd. dowor „Sache, Wort“, also „Herr der Sache“ „baal davar“ sein Bimbes: „Geld“, von bims, „Brot“ und „Geld“ Bock: „Hunger, Gier“, von romani bokh „Hunger“, daraus auch dt. umgangsspr. Bock haben „Lust haben“ Bulle: „Kriminalbeamter, Polizist“, aus niederl. bol, „Kopf, kluger Mensch“