mini|24-Jähriger mit lepromatöser Lepra (1886)
Lepra (auch Aussatz, seit dem 13. Jahrhundert, und bereits mittelhochdeutsch Aussätzigkeit genannt) ist eine chronische Infektionskrankheit mit langer Inkubationszeit, die durch das Mycobacterium leprae oder Mycobacterium lepromatosis ausgelöst wird und mit auffälligen Veränderungen an Haut, Schleimhäuten, Nervengewebe und Knochen verbunden ist. Entdeckt hatte den Erreger 1873 der Norweger Gerhard Armauer Hansen unter dem Mikroskop, nach dem die Krankheit auch als Morbus Hansen oder Hansen-Krankheit (englisch Hansen’s Disease, HD, oder leprosy) bezeichnet wird. In Österreich ist die Erkrankung, in Deutschland bereits der Nachweis des Erregers meldepflichtig.
Etymologie und Synonyme Die Bezeichnung Lepra wurde im Deutschen erst im 18./19. Jahrhundert gebräuchlich und ist dem griechisch-lateinischen Wort lépra entlehnt. Dieses ist vom griechischen Adjektiv leprós abgeleitet, das „schuppig, rau“ bedeutet. Das zugehörige griechische Verb lépein bedeutet „[ab]schälen“.Lepra. In: Herkunftswörterbuch. Dudenverlag, Mannheim 2007.
Der ursprüngliche deutsche Name der Krankheit ist Aussatz. Die von der Lepra befallenen Kranken mussten außerhalb menschlicher Siedlungen leben – sie waren (von der GesellschaftHans Trümpy: Die Aussätzigen in der mittelalterlichen Gesellschaft. In: Huldrych M. Koelbing, Monica Schär-Send, Antoinette Stettler-Schär, Hans Trümpy (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Lepra (= Zürcher medizingeschichtliche Abhandlungen, Neue Reihe. Band 92). Zürich 1972, ISBN 3-260-03380-7, S. 84–92, hier: S. 84.) ausgesetztAussatz. In: Herkunftswörterbuch. Dudenverlag, Mannheim 2007. und somit von der Gesellschaft ihrer Mitmenschen weitgehend ausgeschlossenFrançoise Bériac: Histoire des lépreux au Moyen Age: une société d’exclus. Paris 1988. bzw. ausgesondert.Gundolf Keil: Der Aussatz im Mittelalter. In: Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Aussatz, Lepra, Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel. Teil II: Aufsätze (= Kataloge des Deutschen Medizinhistorischen Museums. Beiheft 1). Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk, Würzburg 1986 (1987), S. 85–103, hier: S. 94. Jedoch ist die Bedeutungsgleichheit von Aussatz und Lepra erst im 13. Jahrhundert entstanden. Zuvor konnte das Wort Aussatz auch für andere Symptome und Erkrankungen, die zu einer Aussonderung, zum „Aussetzen“ der BetroffenenOrtrun Riha: Aussatz als Metapher. Aus der Geschichte einer sozialen Krankheit. 2003, S. 89 f.Ortrun Riha: Aussatz – Geschichte und Gegenwart einer sozialen Krankheit. Hirzel, Stuttgart/Leipzig 2004 (= Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. Band 129, Heft 5). führten, stehen,Märta Åsdahl-Holmberg: Die deutsche Synonymik für ‚aussätzig‘ und ‚Aussatz‘. In: Niederdeutsche Mitteilungen. Band 26, 1970, S. 25–71. wie zum Beispiel den Ergotismus oder die Schuppenflechte.Benedikt Ignatzek: Aus der Geschichte der Dermatologie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 524–527, hier: S. 524.
Deutsche Übersetzungen der hebräischen Torah übersetzen mit Aussatz das Wort Zaraat „Zaraat, soviel wie Aussatz.“ (), den „schneeweißen Aussatz“ an Haut, Kleidung und Häusern (siehe 2. Buch Mose 4:6–7 und 4:30 ; 3. Buch Mose 13:2, 13:47 und 14:34 ; 4. Buch Mose 12:10 ). Nach Maimonides bezeichnet das Wort Zaraat eine zeichenhafte Veränderung, die üble Nachrede, Verleumdung und Klatsch (hebräisch laschon hara) bestrafen und davor warnen soll.
Das heute nicht mehr geläufige Synonym Miselsucht (von mittelhochdeutsch miselsuht „Lepra, Aussatz“) ist abgeleitet vom lateinischen Wort misellus, das „arm“ und „unglücklich“ bedeutet.Aussatz. In: Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Walter de Gruyter, Berlin 1975.
Im Mittelalter wurde Lepra in Anlehnung an den Lazarus-Orden auch Lazarus-Krankheit genannt. Zur Isolierung (Absonderung) der von der Lepra befallenen Leprösen wurden außerhalb der Städte Siechenhäuser (genannt auch Sondersiechenhäuser) errichtet, die auch Lazarus-Häuser genannt wurden. Deshalb heißen heute in Frankreich einige Vorstädte Saint Lazare und in Italien San Lazzaro. Den gleichen Ursprung hat das deutsche Wort Lazarett.Stefan Winkle: Geisseln der Menschheit. Artemis und Winkler, 1997, ISBN 3-538-07049-0. Teilweise wurden die Siechenhäuser auch euphemistisch als „Gutleutehaus“ (auch: „Gutleuthaus“) bezeichnet. Die Bewohner galten als Gutleut, da sie mit ihrer Not den Wohltätern Möglichkeiten gibt, sich durch gute Werke den Himmel zu verdienen.Der Spiegel: Hunderte Skelette auf Leprafriedhof entdeckt, veröffentlicht 2011-11-24
Geschichte Ursprung Übereinstimmend mit den Wanderungsbewegungen des frühen Menschen wird der Ursprung von Lepra in Ostafrika angenommen: Vor Zehntausenden von Jahren hätten sich von dort aus die Bakterien einerseits nordwestwärts nach Europa und andererseits Richtung Osten nach Indien und dem Fernen Osten ausgebreitet. Eine zweite Annahme geht von der Möglichkeit der orientalischen Entstehung (in Indien) aus.
Der Lepraerreger hat sich in der Zeit seiner weltweiten Ausbreitung genetisch kaum verändert, was für Bakterien extrem ungewöhnlich ist. Aufgrund der sehr geringen genetischen Unterschiede ließ sich der Verbreitungsweg der Lepra nachträglich mit hoher Genauigkeit feststellen.
Altertum Lepra ist eine der ältesten bekannten Krankheiten und wurde u. a. in 4000 Jahre alten Funden in Indien nachgewiesen. Sie wird bereits in ägyptischen Papyri wie z. B. dem Papyrus Hearst (um 1500 v. Chr.) erwähnt und ist für Ägypten ab dem Mittleren Reich paläopathologischGundolf Keil: Lepra (Aussatz, Hansen-Krankheit). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 841–844, hier: S. 841. gesichert. Gebete bei den Hethitern, aber auch Pestgötter des Orients werden teilweise mit der Lepra in Verbindung gebracht, so dass Lepra wohl auch im eisenzeitlichen Orient bekannt und verbreitet war. Um 250 v. Chr. soll die Krankheit „Lepra“ erstmals von griechischen und ägyptischen Ärzten genau beschrieben worden sein.Horst Kremling: Historische Betrachtungen zur präventiven Heilkunde. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 222–260, hier: S. 227–228.
Die hebräische Bezeichnung Zaraat (oder Ṣaarʿat) umschreibt im Buch Leviticus (im 13. und 14. Kapitel) leichtere Hauterkrankungen. Ob es sich dabei um Lepra handelt, ist fraglich.Gundolf Keil: Lepra (Aussatz, Hansen-Krankheit). 2005, S. 841. Ob in der Bibel überhaupt von Lepra berichtet wird, ist nach wie vor strittig (siehe oben). Zu der bekannten Erzählung aus den Evangelien gehört die Heilung eines Aussätzigen.
Man nimmt an, dass aufgrund des unvollständigen medizinischen Wissens viele Hautkrankheiten früher unter Begriffen wie Lepra oder „Aussatz“ zusammengefasst wurden, da man nicht streng zwischen den verschiedenen Hauterkrankungen wie z. B. Lupus (Schmetterlingsflechte) oder Psoriasis (Schuppenflechte) unterscheiden konnte. Woran ein in Überlieferungen erwähnter Aussätziger tatsächlich erkrankt war, kann daher fast nie mit Sicherheit festgestellt werden.
Auch in der Römerzeit ist Lepra eine häufige Erkrankung, vorzugsweise in ärmeren Schichten der Bevölkerung. Zur Zeit von Cicero, im ersten vorchristlichen Jahrhundert, war Lepra in Griechenland und in Italien in weiten Teilen der Bevölkerung belegt. Ansteckung war hier bereits ein bekanntes und gefürchtetes Phänomen. Erkrankte wurden daher oft aus der Gemeinschaft verstoßen und der Kontakt mit ihnen vermieden, was letztendlich auch zur deutschen Bezeichnung „Aussatz“ führte.Otto Betz: Der Aussatz in der Bibel. In: Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Aussatz, Lepra, Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel. Teil II: Aufsätze. Würzburg 1986, S. 45–62.
Mittelalter und frühe Neuzeit mini|Dreiteilige hölzerne Lepra-Klapper: ein im Mittelalter und der Frühen Neuzeit in vielen Regionen verpflichtend vorgeschriebenes Kennzeichen und Warn-Instrument der Lepra-Kranken, das die übrige Bevölkerung auf Distanz halten sollte
mini|hochkant=0.7|links|Frau mit Eichhörnchen (Gemälde von Hans Holbein d. J.) Lange wurde angenommen, dass nur zwei Lepra-Bakterienstämme im Mittelalter auftraten, doch ließ sich 2017 die Existenz aller zehn bekannten Stämme auch schon in dieser Zeit nachweisen. Das älteste sequenzierte Genom stammt vom Friedhof von Great Chesterford in England. Es wird in die Zeit zwischen 415 und 545 datiert und gehört zum gleichen Leprastamm, der in heutigen Eichhörnchen nachgewiesen wurde. Dies könnte darauf hinweisen, dass sich die Lepra mit dem Fellhandel ausgebreitet hat.Verena J. Schuenemann, Charlotte Avanzi, Ben Krause-Kyora, Alexander Seitz, Alexander Herbig, Sarah Inskip, Marion Bonazzi, Ella Reiter, Christian Urban, Dorthe Dangvard Pedersen, G. Michael Taylor, Pushpendra Singh, Graham R. Stewart, Petr Velemínský, Jakub Likovsky, Antónia Marcsik, Erika Molnár, György Pálfi, Valentina Mariotti, Alessandro Riga, M. Giovanna Belcastro, Jesper L. Boldsen, Almut Nebel, Simon Mays, Helen D. Donoghue, Sonia Zakrzewski, Andrej Benjak, Kay Nieselt, Stewart T. Cole, Johannes Krause: Ancient genomes reveal a high diversity of Mycobacterium leprae in medieval Europe. In: PLOS., 10. Mai 2018 (online) In der Neuzeit gab es bisher keinen einzigen gesicherten Fall von Übertragung des Erregers von Eichhörnchen auf den Menschen. Im Mittelalter waren Pelze aus Eichhörnchenfell jedoch ein beliebtes Kleidungsstück und Felle wurden in großer Menge aus Skandinavien und Osteuropa importiert. Historische Unterlagen dokumentieren beispielsweise für das Jahr 1384 den Import von 377.200 Eichhörnchenfellen nach England. Außerdem war das Eichhörnchen ein beliebtes Haustier.
Für das 7. und 8. Jahrhundert wurde Lepra bei den Langobarden nachgewiesen, war aber auch im Frankenreich verbreitet. Die ersten deutschen Leprosorien entstanden laut dem Medizinhistoriker Gundolf Keil in Metz und in Verden an der Maas.Gundolf Keil: Umgang mit AIDS-Kranken als Herausforderung an eine humane Gesellschaft. „Statement“ zum Akquirierten Immun-Defizienz-Syndrom aus fachhistorischer Perspektive. In: Johannes Gründel (Hrsg.): AIDS. Herausforderung an Gesellschaft und Moral. 2. Auflage. Düsseldorf 1988 (= Schriften der Katholischen Akademie in Bayern. Band 125), S. 31–41, hier: S. 35. Das Leprosorium an der Königsstraße nach Maastricht in Aachen-Melaten kann nach Ausgrabungsergebnissen auf das 8. Jahrhundert datiert werden. Ein Aussatz-Kapitel findet sich (auf Blatt 21v bis 22v) im Lorscher ArzneibuchGundolf Keil: Einleitung. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 7–14, hier: S. 14. aus dem ausgehenden 8. Jahrhundert.
Im Umfeld größerer Städte entwickelte sich ab dem 11. Jahrhundert mit den Leprosenhäusern eine eigene Hospizform. In Würzburg wurde im 11. Jahrhundert ein Hospital für Leprakranke gegründet (weitere Würzburger Leprosorien folgten). Das Bremer Leprosenhaus St.-Remberti-Hospital, das dem Heiligen Rembert gewidmet war, fand erstmals im 13. Jahrhundert urkundlich Erwähnung.Werner Kloos: Bremer Lexikon. Hauschild, Bremen 1980, Lemma Leprosenhaus. Ein komplettes Ensemble aus Siechenhaus, Kapelle, Bildstock zum Almosensammeln und Leprosenfriedhof hat sich in Trier erhalten.siehe: und Eine schrittweise Reintegration der zuvor ausgegrenzten Leprösen wurde durch Bestimmungen des Dritten Laterankonzils im Jahr 1179 ermöglicht.Gundolf Keil: Umgang mit AIDS-Kranken als Herausforderung an eine humane Gesellschaft. „Statement“ zum Akquirierten Immun-Defizienz-Syndrom aus fachhistorischer Perspektive. 1988, S. 36.