mini|„Und am Ende sind wir ja beide Idealisten und würden uns schämen uns nachsagen zu lassen, dass die Dinge uns formten und nicht wir die Dinge.“ – Schiller in seinem letzten Brief an Wilhelm von Humboldt. Idealismus (abgeleitet von griechisch „Idee“, „Urbild“) bezeichnet in der Philosophie die Grundposition, nach der die gesamte Realität auf Bestimmungen des Geistes zurückzuführen ist, unabhängig davon, ob es sich um Ideen, Anschauungen oder eher subjektive Bestimmungen wie „Sinneserfahrungen“ oder Gefühle handelt. Der philosophische Idealismus ist eine theoretische Position über das Wesen der Welt (Ontologie) und des Wissens (Erkenntnistheorie). Der Begriff „Idealismus“ wird semantisch vielfältig verwendet, zu Beginn des 18. Jh. grenzte er sich ab gegenüber dem Materialismus, dem Realismus und dem Empirismus. Philosophischer Idealismus ist nicht mit ethischem Idealismus gleichzusetzen, d. h. dem Streben nach einem ethischen Ideal in Bezug auf die Gesellschaft.Oswald Schwemmer: Artikel Idealismus. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2. Auflage. Bd. 3, S. 506 f. Im alltäglichen Sprachgebrauch kann „Idealismus“ auch eine altruistische, selbstlose Haltung bezeichnen.
Man unterscheidet für gewöhnlich zwischen ontologischem Idealismus und erkenntnistheoretischem Idealismus. Der erste wendet sich gegen den Materialismus, der behauptet, dass nur Materie existiere. Der zweite steht im Gegensatz zum naiven Realismus, der behauptet, dass die Welt so existiert, wie sie sich uns darstellt. Während der ontologische Idealismus historisch den „objektiven Idealismus“ umfasst, für den die „objektive“ Welt spiritueller (Spiritualismus) oder intellektueller (Intellektualismus) Natur ist, bildet der erkenntnistheoretische Idealismus die Grundlage des „subjektiven Idealismus“, für den die Welt durch unsere Anschauungen von ihr geformt ist.
Sehr unterschiedliche Philosophen wurden als idealistisch bezeichnet, darunter Platon, Berkeley, Kant, Fichte, Schelling und Hegel. Ihnen ist gemeinsam, dass sie die Bedeutung des Begriffs der Idee unterstreichen, obwohl sie sich in der konkreten Bedeutung voneinander unterscheiden. Leibniz ist in Deutschland der erste Philosoph, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Erbe des Idealismus für sich beanspruchte, über das er hinauszugehen behauptet. Er führe den Begriff des Idealismus zunächst zu didaktischen Zwecken ein, um die platonische Ideenlehre dem Materialismus von Epikur gegenüberzustellen. Immanuel Kant ist der erste Philosoph, der sein Denken als Idealismus bezeichnet und begründet damit die Tradition des Deutschen Idealismus.
Definition
Ontologischer Idealismus mini|Christian Wolff Der ontologische Idealismus wurde von Christian Wolff – wenige Jahre, nachdem sein Lehrer Leibniz den Begriff geprägt hatte – als explizite philosophische Position eingeführt. Es handelt sich dabei um eine ontologische Position, die sich auf die Realität bezieht, und nicht um eine erkenntnistheoretische Position, die sich auf das Wissen bezieht. Der Idealismus ist definiert als ein ontologisches Prinzip, nach dem Geistiges eine Realität (Beständigkeit und damit „Sein“) hat. Das Gegenteil dieser Position ist der Materialismus, der nur die materielle Realität anerkennt.
Der ontologische Idealismus ist per definitionem eine neutrale Position auf erkenntnistheoretischer Ebene, da er etwas über die Natur der Realität aussagt und nicht über den Inhalt der Anschauung, die wir von der Realität haben können. Der epistemische Idealismus impliziert nicht notwendigerweise einen ontologischen Idealismus, da es möglich ist, eine rein materielle Außenwelt zu denken, ohne zu bestreiten, dass wir nur durch unsere geistigen Anschauungen darauf Zugriff haben. Das Gegenteil ist allerdings nicht der Fall: Der ontologische Idealismus scheint notwendigerweise einen epistemischen Idealismus zu implizieren. Die idealistische Position besteht aber nicht darin, die objektive Realität als Ganzes zu leugnen, und schon gar nicht die Existenz einer Außenwelt. Stattdessen gehen Idealisten davon aus, dass sich die Kategorie des Seins auf etwas anderes als bloße Materialität oder auf etwas anderes als die einzelnen, konkreten Existenzen bezieht, denen wir in unserer unmittelbaren Umgebung begegnen.
Historisch gesehen sind die meisten Philosophen, die eine idealistische Position auf ontologischer Ebene vertreten, auch Idealisten auf erkenntnistheoretischer Ebene: Platon, Leibniz, Fichte und Hegel sind die berühmtesten Vertreter eines Idealismus, der sowohl ontologischer als auch erkenntnistheoretischer Natur ist, obwohl sich ihre Philosophien sehr voneinander unterscheiden.
Erkenntnistheoretischer Idealismus Der erkenntnistheoretische Idealismus besagt, dass es bei unserem Wissen oder Anschauungen nicht um „reale“ Objekte geht, die völlig unabhängig von unserem Geist sind, sondern dass unsere Anschauungen immer auch durch unseren Geist produziert werden. Was wir von einem Objekt wissen, existiert daher nur in Bezug auf unseren Geist. Der erkenntnistheoretische Idealismus entsteht aus dem Dialog mit dem Skeptizismus, der die Unmöglichkeit der Erkenntnis überhaupt postuliert, und steht im Gegensatz zum naiven erkenntnistheoretischen Realismus. Der naive erkenntnistheoretische Realismus behauptet, dass sich Wissen auf „reale“ Objekte bezieht, die außerhalb des wissenden Subjekts liegen und von ihm völlig unabhängig sind. Diese Position bleibt als indirekter Realismus mit dem erkenntnistheoretischen Idealismus vereinbar. Demnach sind die Vorstellungen, die uns die Welt erkennen lassen, tatsächlich auf die eine oder andere Weise mit der Realität verbunden, entweder durch Ähnlichkeits- oder Kausalitätsbeziehungen (Descartes) oder allgemeiner durch Kategorien und Schemata (Kant).
Der erkenntnistheoretische Idealismus ist per definitionem eine ontologisch neutrale Position, da er nichts über die Natur der Realität aussagt, sondern über den Inhalt der Anschauung, die wir von ihr haben können.
Der erkenntnistheoretische Idealismus ist historisch vor allem mit Autoren wie René Descartes und Immanuel Kant verbunden.
Idealismus und Realismus mini|Ernst Mach veröffentlichte diese Zeichnung 1886 in seinen „Antimetaphysischen Vorbemerkungen“ und wollte „zeigen, wie die Selbstprüfung des Ichs wirklich ‚erreicht‘ werden kann“. Mach kommt zu dem Schluss: „Das Ich ist unrettbar.“ Heutzutage wird der Idealismus im Allgemeinen dem Realismus gegenübergestellt, doch der Idealismus bezeichnete ursprünglich eine realistische Position. Der Begriff wurde 1702 von Gottfried Leibniz zur Beschreibung von Platons Ideenlehre eingeführt und erstmals rückwirkend auf Philosophen angewendet, die ihn nicht beanspruchten. Der Idealist, definiert als „der Anhänger der Ideenphilosophie“, ist derjenige, der den „Ideen“, die die „übersinnliche Welt“ bilden, Realität und Vorrang einräumt. Leibniz unterscheidet den Idealismus dabei von den „Materialisten“ wie Epikur und den Atomisten, die nur die Existenz der Materie oder die Mechanismen der Natur anerkennen. Idealisten sind diejenigen Philosophen, die der „Welt der Ideen“ eine Dauerhaftigkeit und eine Beständigkeit verleihen, im Gegensatz zu unseren psychologischen Anschauungen, die als individuell und spezifisch betrachtet werden. In dieser Konzeption steht der Idealismus also keineswegs im Gegensatz zum Realismus im Allgemeinen, sondern zu einer anderen, besonderen Form des Realismus – dem Materialismus. Im Gegensatz zu den Materialisten schreiben die Idealisten die Existenz etwas anderem als der bloßen Materialität zu und betrachten diese als eine sekundäre oder degradierte Realität.
Der Gegensatz zwischen Idealismus und Realismus ist laut Isabelle Thomas-Fogiel auf eine Fehlinterpretation zurückzuführen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auftrat. Diese Fehlinterpretation sei sowohl mit der materialistischen Philosophie Diderots und den Enzyklopädisten verbunden, bei denen die Realität allein auf Materie reduziert wird und daher im Idealismus einen Antirealismus sieht, als auch mit den „Verteidigern des gesunden Menschenverstands“ in Deutschland, die der philosophischen Strömung des „Eklektizismus“ angehören. Diese deutschen Eklektiker, beeinflusst von der britischen Philosophie des „common sense“ (James Beattie, Thomas Reid), vertreten nicht wie Diderot eine metaphysische These, die sich auf die Natur der Realität bezieht („Das Sein wird auf Materie reduziert“), sondern schlagen vor, auszusteigen aus aller Metaphysik, ob dualistisch, materialistisch oder idealistisch, indem man das Wissen wieder in eine intuitive Beziehung zur Realität bringt. Diese beiden philosophischen Handlungen, jene der Identifizierung zwischen Realität und Materie durch die Materialisten der Aufklärung sowie die Ablehnung der Metaphysik durch die Eklektiker zugunsten einer intuitiven Beschreibung der Dinge, wären der Ursprung der Umwandlung der Opposition von Idealisten/Materialisten in die Opposition von Idealisten/Realisten. Von dort her entstand auch die karikaturistische Figur des Idealisten als „Leugner der Realität der Außenwelt“.
Historische Einführung (bis Kant)
Antike
Platon mini|In der abendländischen Tradition wird der platonische Idealismus dem angeblichen Empirismus von Aristoteles entgegengestellt, wie die Gesten der beiden Philosophen in diesem Detail des berühmten Freskos von Raffael zeigen Im Jahr 1702 prägte der deutsche Philosoph Leibniz den Begriff Idealismus, um die Philosophie Platons zu charakterisieren. Platons Werk reicht zurück bis in die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. Aufgrund seiner Bedeutung für die europäische Philosophie wird der englische Philosoph Whitehead sagen, dass „die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.“
Platons Philosophie ereignet sich in Form verschiedener Dialoge, deren Protagonist, meist Sokrates, der Sprecher von Platons Thesen und insbesondere seiner Ideenlehre ist. Diese wird von Platon nie explizit dargelegt, aber es wird durch einen großen Teil seines Denkens untermauert, insbesondere in der Politeia, dem Phaidon, dem Symposion und dem Parmenides. Der späte Platon, der immer mehr vom pythagoräischen Denken beeinflusst wird, tendiert dazu, die Ideen und die Zahlen zu identifizieren, was er in seinen früheren Schriften nicht tut. In der Politeia ist die höchste Idee das Gute im Sinne von Anstand, nicht von moralischer Güte. Im Symposion ist die höchste Idee das Schöne.
Platon nennt „Idee“ oder „Form“ (Übersetzung von ἰδέα [Idee] und εἶδος [Eidos]) alle intelligiblen Realitäten, also alle denkbaren und erkennbaren Dinge. Aus der Unmöglichkeit, sich eine Definition vorzustellen und durch die Sinne zu erfahren, leitet er ab, dass Ideen die wahren Objekte der Definition und des Wissens sind. Ideen sind immateriell und unveränderlich, bleiben ewig mit sich selbst identisch, universell, wenn sie sich im Sinnlichen manifestieren und sind einzig wirklich existierend und unabhängig vom Denken. Im Gegensatz zu sinnlichen Erscheinungen, die zufällig, inkonsistent und veränderlich sind, sind Ideen wirklich real. Platon unterstreicht ihre Realität durch Hinzufügung von Adjektiven: „wahre“ Realität zum Beispiel, oder durch Komparative: „was am realsten ist“, im Gegensatz zur sinnlichen Erscheinung, die keine Realität hat, außer insofern sie eine gewisse Beziehung zum Intelligiblen besitzt.