Der Kosmos Band II ist der 1847 erschienene zweite Band von Alexander von Humboldts Werk „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“. Humboldt steigt darin aus dem im ersten Band durchschrittenen „Kreise der Objecte“ in den Kreis der Empfindungen. Er betrachtet „den Reflex des durch die äußeren Sinne empfangenen Bildes auf das Gefühl und die dichterisch gestimmte Einbildungskraft“ der Menschen.
Allgemeine Einführung Schon in der Vorrede seines ersten Bandes beschrieb Humboldt als Hauptantrieb für seine Arbeit „das Bestreben die Erscheinungen der körperlichen Dinge in ihrem allgemeinen Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes aufzufassen.“ Es ist vielleicht dieses Bestreben nach geschlossener Ganzheit, welches auch die Gliederung des zweiten Bandes seines Kosmos sehr grob ausfallen lässt. Das mehr als 500 Seiten starke Buch, gliedert sich, neben dem Inhaltsverzeichnis des ersten und zweiten Bandes am Schluss, nur in zwei große Abschnitte: A. Anregungsmittel zum Naturstudium. Reflex der Außenwelt auf die Einbildungskraft (S. 3–103) und B. Geschichte der physischen Weltanschauung. Hauptmomente der allmäligen Entwicklung und Erweiterung des Begriffs vom Kosmos, als einem Naturganzen (S. 135–400).
Anregungsmittel zum Naturstudium Einleitung In seinem ersten Band stellte Humboldt eng aneinandergereiht die Hauptresultate der von der Phantasie entblößten Beobachtung des Naturganzen in Form einer rein objektiven, wissenschaftlichen Natur- bzw. Weltbeschreibung vor. Im zweiten Band seines Kosmos entfernt er sich alsdann aus „dem Kreise der Objecte“ und tritt in den Kreis der Empfindungen. So wird aus seinem Entwurf einer physischen Weltbeschreibung in diesem „Buch der Natur“ ein Entwurf der Beschreibung einer physischen Weltanschauung. Humboldt will in diesem Band die Einbildungskraft der Menschen erforschen, „die Quelle lebendiger Anschauung, als Mittel zur Erhöhung eines reinen Naturgefühls“ schildern und den Ursachen nachspüren, welche so mächtig auf Liebe zum Naturstudium und auf den Hang zu fernen Reisen wirken. Humboldt verallgemeinert dabei drei Anregungen, die nach seinen eigenen Worten bei ihm das Fernweh entzündet und ihn zum Naturstudium gereizt haben. mini|William Hodges Gemälde des Gangesufers. Eines von Humboldts ganz persönlichen Anregungsmitteln zum Naturstudium. „Wäre es mir erlaubt,“ schreibt er in der Einleitung, „eigene Empfindungen anzurufen, mich selbst zu befragen, was einer unvertilgbaren Sehnsucht nach der Tropengegend den ersten Anstoß gab, so müßte ich nennen: Georg Forsters Schilderungen der Südsee-Inseln; Gemälde von Hodges, die Gangesufer darstellend, im Hause von Warren Hastings zu London; einen kolossalen Drachenbaum in einem alten Turm des Botanischen Gartens bei Berlin.“
In diesem Sinne unterscheidet Humboldt zwischen dreierlei Anregungsmitteln zum Naturstudium: ästhetische Behandlung von Naturszenen, in belebten Schilderungen der Thier- und Pflanzenwelt als sehr moderner Zweig der Litteratur, Landschaftsmalerei, besonders insofern sie angefangen hat die Physiognomik der Gewächse aufzufassen und Cultur von Tropengewächsen und kontrastierende Zusammenstellung exotischer Formen.
Die Dichterische Naturbeschreibung Die ästhetische Behandlung von Naturszenen, in belebten Schilderungen der Thier- und Pflanzenwelt, als Naturgefühl nach Verschiedenheit der Zeiten und Völkerstämme
Humboldt verfolgt die Geschichte der Naturbeschreibung, beginnend im griechischen Altertum, wo die Äußerungen zum Naturgefühl noch sehr selten sind, weil der Mensch als Maß aller Dinge gilt (Homer, Hesiod u. a.). „Ein […] Beweis für das Dasein himmlischer Mächte aus der Schönheit und unendlichen Größe der Werke der Schöpfung steht in dem Altertume sehr vereinzelt da.“ (Aristoteles). Bei den Römern, so Humboldt, sei die literarische Produktivität in Sachen Naturbeschreibungen noch sparsamer als schon bei den Griechen gewesen. Seiner Zeit entsprechend subjektiv wertend setzt er hinzu: „Eine Nation, die nach alter sikulischer Sitte dem Feldbau und dem Landleben vorzugsweise zugetan war, hätte zu anderen Hoffnungen berechtigt“ (Naturbeschreibungen bei Lukrez, Vergil, Ovid, Tacitus und Plinius dem Älteren u. a.) Erst mit der Geburt des Christentums, so Humboldt, wäre ein Hang nach Naturbeschreibung in die Welt gekommen, da die Christen aus der Schönheit der Natur die Größe und Güte des Schöpfers beweisen wollten (Basilius der Große, Gregorius von Nyssa u. a.). Nur kurz spricht er den Minnesang, die Tier-Epen und Reiseberichte des europäischen Mittelalters an und wendet sich dann in den Nahen und Mittleren Osten zur Naturbeschreibung der Inder, Perser und der „sinnbildlichen aber klaren Naturpoesie“ der Hebräer, in welcher sich der Monotheismus spiegelt (das Ganze der Welt als eine Einheit). Zurück in Europa spricht er von Dante Alighieri, Petrarca, Vittoria Colonna. Auch der von Humboldt hochgeschätzte Christoph Kolumbus wird als Beschreiber der Natur angeführt, dessen Schönheit und Einfachheit im Ausdruck allerdings, so Humboldts persönliche Einschätzung, nur der schätzen kann, dem die alte Kraft der damaligen Sprache vertraut ist. Es folgt die Spanische Poesie, die lebensfrischen Bilder des Cervantes im Gegensatz zu den frostig ermüdenden Hirtenromanen, Calderon, Don Alfonso de Ercilla. In Betrachtung des englischen Raumes spricht er von Milton, Thomson und Shakespeare. Letzterer habe im Drang nach bewegter Handlung zwar fast nie die Zeit und Gelegenheit gehabt, Naturschilderungen abzugeben, seine Andeutungen jedoch hätten die Landschaft in der Phantasie des Lesers jedoch stets lebendig werden lassen. Obwohl in der Neuzeit die Masse des Erkannten übermäßig angewachsen ist, kann sie dennoch nicht die intellektuelle Anschauung unter dem materiellen Gewichte des Wissens erdrücken. Beispielhaft dafür in Frankreich Buffon, großartig und ernst, Rousseau mit größerer Tiefe der Gefühle und frischerem Lebensgeist, Bernardin de St. Pierre, Chateaubriand. Für Deutschland nennt er den gefühlvollen Ewald Christian von Kleist, Hagedorn, Salomon Gessner, außerdem Reisebeschreibungen von Paul Fleming und natürlich Georg Forster, der mit seinem Werk zeigt, dass Naturbeschreibungen scharf begrenzt sein können und wissenschaftlich genau, „ohne daß ihnen darum der belebende Hauch der Einbildungskraft entzogen bleibt“.
Landschaftsmalerei Graphische Darstellung der Physiognomik der Gewächse
Bei der Landschaftsmalerei geht Humboldt ähnlich vor. Er zeigt den verschiedenen Umgang mit der Landschaftsmalerei im Verlauf der Geschichte. Beginnend im Altertum, wo die Landschaftsmalerei ebenso wenig als die dichterische Schilderung ein für sich bestehendes Objekt der Kunst sein konnte (Philostrat, Herculaneum, Pompeji), über Spuren der Landschaftsmalerei in Indien und die Christliche Malerei unter Konstantin bis zum Anfang des Mittelalters gelangt er endlich ins 17. Jahrhundert, „die glänzende Epoche der Landschaftsmalerei“ (Ruysdael, Gaspard und Nicolaus Poussin, Everdingen u. a.).
Mit dem späteren Streben nach Naturwahrheit der Vegetationsformen und den Darstellungen der Tropenvegetation (etwa Franz Post) kommt er in der Gegenwart an und stellt die Voraussage, dass mit der zunehmenden Entwicklung der Kulturen auch die Landschaftsmalerei einen neuen Schwung und großartigen Charakter bekommen werde. „Der Begriff eines Naturganzen, das Gefühl der harmonischen Einheit im Kosmos wird um so lebendiger unter den Menschen werden, als sich die Mittel vervielfältigen die Gesammtheit der Naturerscheinungen zu anschaulichen Bildern zu gestalten.“
Cultur exotischer Gewächse. Contrastierende Zusammenstellung von Pflanzengestalten
Hier beginnt Humboldt mit der Landschaftsgärtnerei, den frühen Parkanlagen im mittleren und südlichen Asien und kommt dann vor allem auf die chinesischen Gärten unter der Han-Dynastie und die chinesischen Gartenberichte aus dem 11. Jahrhundert zu sprechen. Überdies betrachtet er den Einfluss des Zusammenhangs buddhistischer Mönchsanstalten auf die Verbreitung schöner und charakteristischer Pflanzenformen.
Geschichte der physischen Weltanschauung Einleitung Begriffsklärung Für Humboldt ist die Geschichte der physischen Weltanschauung ebenso wenig die ganze Kulturgeschichte der Menschheit, als auch eine Geschichte der Naturwissenschaften, sondern die Geschichte der Erkenntnis, der allmählichen Auffassung des Begriffs von dem Zusammenwirken der Kräfte in einem Naturganzen. Die Geschichte der physischen Weltanschauung ist somit der Weg der Erkenntnis dessen, was Humboldt im ersten Band seines Kosmos beschreibt. Er betrachtet diesen Weg nicht mit den oft wiederkehrenden Schwankungen zwischen Wahrheit und Irrtum, sondern beschränkt sich auf die Hauptmomente der allmählichen Annäherung an die Wahrheit, von einer frühen ahnenden Phantasie, bis hin zum wirklichen Wissen.
Der Ursprung des Strebens nach dem Kosmos „Die Geschichte kennt kein Urvolk, keinen einzigen ersten Sitz der Kultur, keine Urphysik oder Naturweisheit, deren Glanz durch die sündige Barbarei späterer Jahrhunderte verdunkelt worden wäre.“ Nach Humboldts Meinung haben sich alle Geschlechter und Völker durch die bewusste oder unbewusste Förderung unterschiedlichster Wissensbereiche auf ihre Art für die Geschichte des der physischen Weltanschauung verdient gemacht. Die Vorstellung eines Urquelles lehnt er ab.
Hilfsmittel für die Entwicklung der physischen Weltanschauung Die rationalen Hilfsmittel der sich entwickelnden Lehre vom Kosmos waren und sind nach Humboldts Meinung äußerst vielfältig. Die wichtigsten allerdings wären die Erforschung des Sprachraums, die Entzifferung alter Schriftzüge und historischer Monumente in Hieroglyphen und Keilschrift und die Vervollkommnung der Mathematik, besonders des mächtigen, Erdgestalt, Meeresflut und Himmelsräume beherrschenden analytischen Kalküls.
Voraussetzungen für die Erkenntnis des Weltganzen Weltbegebenheiten, welche plötzlich den Horizont der Beobachtung erweitert haben oder aber gegebene natürliche Voraussetzungen, die die Erweiterung des Ideenkreises der Menschen förderten (etwa die geologische Beschaffenheit, Erwärmung der Länder in Abhängigkeit von der relativen Lage). Beispielsweise macht Humboldt gleich zu Beginn seiner Beschreibung die Feststellung, dass Europa sich zwar in seiner Gestalt von Südwesten nach Nordosten ausdehne, aber wiederholt von dazu fast rechtwirklich verlaufenden Spalten und Erhöhungen durchzogen werden würde (Rotes Meer, Tiefland mit dem Doppelstrom Euphrat und Tigris, Adria, Ägäis u. a.). Er führt sie auf Erschütterungen aus dem Erdinneren zurück und behauptet, dass gerade die Kreuzung der beiden Systeme durch die Erleichterung des Völkerverkehrs von zentralem Einfluss auf die Schicksale der Menschheit gewesen sei. Die Erfindung neuer Mittelsinnlicher Wahrnehmung, gleichsam die Erfindung neuer Organe, welche den Menschen mit den irdischen Gegenständen wie mit den fernsten Welträumen in näheren Verkehr bringen, welche die Beobachtung schärfen und vervielfältigen (etwa Kompass, Baro- und Thermometer, hydrometrische und elektrometrische Apparate, Telegraph und natürlich vor allen das Fernglas, ermöglichte es doch, so Humboldt, die Erforschung des Makro- und, als Mikroskop, jene des Mikrokosmos). Das selbstständige Streben der Vernunft nach Erkenntnis von Naturgesetzen, also eine denkende Betrachtung der Naturerscheinungen.
Inhalt der Geschichte der physischen Weltanschauung Humboldt verfolgt die Geschichte der Erkenntnis des Weltganzen durch den Menschen in acht Schritten.
Das Mittelmeer als Ausgangspunkt Das Mittelmeer als Ausgangspunkt der Versuche ferner Schifffahrt gegen Nordosten (Argonauten), gegen Süden (Ophir), gegen Westen (Phönizier und Coläus von Samos). Anreihung dieser Darstellung an die früheste Cultur der Völker, die das Becken des Mittelmeeres umwohnten.