Reitwein ist eine Gemeinde im Landkreis Märkisch-Oderland (Brandenburg). Sie wird vom Amt Lebus verwaltet. Die an der Oder verlaufende östliche Gemeindegrenze bildet gleichzeitig die deutsche Grenze zur Republik Polen.

Geografie mini|links|Durchleiter Reitwein an der Oder Reitwein am Südrand des Oderbruches liegt am nördlichen Ende des Reitweiner Sporns, auch Reitweiner Nase genannt. Es handelt sich dabei um eine langgezogene Hügelkette, die steil zum Oderbruch abfällt. Entstanden ist sie als Prallhang der Uroder. Der Boden ist lehmig, und das Gebiet ist von kleinen Tälern durchzogen. Dadurch gibt es kleinräumig sehr unterschiedliche Vegetation: vom schattigen Laubmischwald mit vielen Frühjahrsblühern (Kleines Schneeglöckchen, Windröschen, Lungenkraut, Maiglöckchen, Schattenblumen, echte Schlüsselblume usw.) bis zu Trockenrasen mit den für das Gebiet berühmten Adonisröschen. Auch finden sich hier seltene Tierarten wie Biber, Kranich und Schwarzstorch.

Einige Wanderwege durchziehen den Reitweiner Sporn, besonders die Frankfurter Straße, eine alte Handelsstraße. Ein Teil dieser alten Handelsstraße ist ein Hohlweg. Bis zum Bau der neuen befestigten Chaussee (heutige B112) war sie Teil der direkten und kürzesten Verbindung zwischen Frankfurt (Oder) und Küstrin.

Nachbargemeinden

Angrenzende Gemeinden sind Podelzig, Alt Tucheband, Küstriner Vorland und die Stadt Lebus. Nachbarort auf der polnischen Seite der Oder ist das ehemalige Göritz (Oder) (Górzyca).

Gemeindegliederung Zu Reitwein gehört der Wohnplatz Reitweiner Loose.

Geschichte 14. bis 19. Jahrhundert mini|hochkant|Reitweiner Siegel

1316 wurde der Ort erstmals in einer Urkunde als Ruthewyn genannt. Nach Heinrich Berghaus ist der Name wahrscheinlich abgeleitet von dem slawischen Wort Rutewina für Weg durch den Morast. Der Name lässt sich aber auch vom Wort rudowina = Raseneisenstein herleiten.Geschichte und Namen der Orte im Oderbruch Bis zur Trockenlegung des Oderbruchs unter Friedrich dem Großen war der Ort ein Fischerdorf. Das Fischereigewerbe war so bedeutend, dass selbst der Pfarrer es zum Nahrungszweck betrieb. Die Fischer des Ortes verkauften ihren Fischfang bis nach Müllrose.

Der Markgraf von Brandenburg Waldemar „der Große“ verkaufte Ruthewyn 1316 mit allem Zubehör, mit dem See Prisszenesken und 5 Pfund Pfeffer für 147 Mark Brandenburgischen Silbers an die Frankfurter Bürger Jacob von Gummer und Johann Schyele. Sie wurden damit zu gesamter Hand belehnt. Aber schon 1336 trat Markgraf Ludwig I. das Dorf Ruthewyn und den See Piscenige an den Stadtrat von Frankfurt (Oder) tauschweise gegen das halbe Dorf Tucheband und das halbe Dorf Maatzinova ab. Der See Prisszenesken oder Piscenige ist im Zuge der Eindeichung der Oder verschwunden.

Im Jahre 1414 erhielt Lorenz Beier, ein Frankfurter Ratsherr, Hebungen zu Ruthewyn neben den Orten Gusow und Platkow. Im gleichen Jahr wurde die erste Kirche erbaut deren Kirchenpatronat der Rat zu Frankfurt innehatte. Die Einwohner bezahlten für das Recht an Lebus 32 Schock Böhmische Groschen. Denn bisher war der Ort nach Lebus eingepfarrt. Lorenz Beier starb nach wenigen Jahren ohne Lehnserben.

1572 erhielt der Rat zu Frankfurt die landesherrliche Erlaubnis, sein Dorf Reuthwein im Tausch dem Caspar von Platow erblich zu überlassen und dafür seine Anteile am Dorf Booßen samt 500 Taler anzunehmen. Bei diesem Kauf blieb der Rat dem Kurfürsten lehnspflichtig wegen Reitwein und Caspar von Platow wurde Afterlehnsmann des Rates von Frankfurt. 1578 kauft er eine Hufe und Hof aus und wandelte seinen neuen Besitz in ein Rittergut.Siegmund Wilhelm Wohlbrück: Geschichte des ehemahligen Bisthums Lebus und des Landes dieses Nahmens. S. 403–407.

Die Familie von Platow, welche auch Prötzel besaß, erhielt sich fast ein Jahrhundert den Besitz von Reitwein. Doch 1590 gewann der Hofmarschall Hans von Thümen den Ort als Pfandbesitz, den er auf seinen Sohn Hans Georg von Thümen weitervererbte.

1666 kaufte Joachim Erdmann von Burgsdorff aus der Linie Ratstock das Gut Reitwein. Das Reitweiner Schloss (Gutshaus) entstand zwischen 1697 und 1700 als zweigeschossiger Putzbau mit einem reich ornamentiertem Hauptportal. Friedrich der Große verbrachte auf dem Schloss die Zeit unmittelbar nach der Niederlage in der Schlacht bei Kunersdorf im Jahr 1759. Auch schlug er sein Hauptquartier hier vor der Schlacht von Zorndorf auf. Ein anderer berühmter Gast war Theodor Fontane, der einen der fiktiven Handlungsorte seines historischen Romans Vor dem Sturm in der Nähe Reitweins ansiedelte.

Das Geschlecht Finck von Finckenstein übernahm das Schloss 1842 und baute es in der Folgezeit aus und legte einen englischen Park an. Durch Heirat 1842 der Erbtochter Erdmuth Amalie von Burgsdorff mit dem Grafen Rudolf Finck von Finckenstein (1813–1886) kam der Ort im Jahr 1849 nach ihrem Tod an ihren Gemahl. Günther Graf Finck von Finckenstein wird dann 1879 im erstmals amtlich publizierten Generaladressbuch der Ritterguts- und Gutsbesitzer für das Königreich Preussen, Provinz Brandenburg, als Eigentümer des Rittergutes Reitwein mit Ziegelei, auf 756 ha ausgewiesen, davon 150 ha Wald.

Zweiter Weltkrieg mini|Schloss Reitwein vor 1945

Letzter Gutsbesitzer auf Reitwein war der Oberstleutnant Curt von Wittich (1873–1952), Sohn des Generaloberst im Feldmarschallsrang, Adolf von Wittich. Curt von Wittich hatte 1919 in Reitwein Gertrud Graf Finck von Finckenstein geheiratet, die Tochter des Hauses. Wittich war auch Rechtsritter des Johanniterordens, Mitglied dort seit 1918. Das Ehepaar von Wittich-Reitwein hatte zwei Töchter und drei Söhne, die alle im Schloss geboren wurden. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs erreichten im Laufe des 2. Februar 1945Ein leidgeprüftes Land: Der brandenburgische Kreis Lebus in den Wirren der Jahre 1945–1952, S. 52ff. die ersten sowjetischen Truppen den Ort Reitwein. Sie konnten aber noch durch deutsche Verstärkungen und eine auf dem Reitweiner GutTony LeTissier: Durchbruch an der Oder. Der Vormarsch der Roten Armee 1945. S. 61, 84 ff. weilende Einheit des Reichsarbeitsdienstes aus dem Ort zurückgedrängt werden. Dies ermöglichte die Flucht eines großen Teils der Einwohner. Teile der Gehöfte von Reitweiner und Göritzer Loose außerhalb des Ortes und die bewaldeten Reitweiner Höhen wurden aber von den sowjetischen Kräften gehalten und laufend verstärkt.Ein leidgeprüftes Land: Der brandenburgische Kreis Lebus in den Wirren der Jahre 1945–1952. S. 114f. Im April 1945 war die Umgebung Reitweins Schauplatz erbitterter Kämpfe während der Schlacht um die Seelower Höhen. Auf deutscher Seite kämpfte die Panzergrenadier-Division „Kurmark“ mit Einheiten der Kriegsschulen aus Potsdam (Grenadier-Regiment 1234) und Dresden (Grenadier-Regiment 1235) um Reitwein. Laufgräben und Erdbunker auf dem Reitweiner Sporn sind noch heute erhalten und stehen zum Teil unter Denkmalschutz.

Dazu zählt der sowjetische Gefechtsstand der 8. GardearmeeVon der Faszination eines versperrten Bunkers. In: Lausitzer Rundschau, 15. Oktober 2003. (vormals 62. Armee) unter dem Befehlshaber Wassili Tschuikow, von dem er zusammen mit dem Befehlshaber der 1. Weißrussischen Front Georgi Schukow den Sturm auf die Seelower Höhen führte.Wilhelm Tieke: Das Ende zwischen Oder und Elbe – Der Kampf um Berlin 1945. S. 93.

Reitwein nach 1945 mini|Zerstörter Bahnhof von Reitwein (1945)

Das im Zweiten Weltkrieg leicht beschädigte Schloss wurde 1962 von den örtlichen Behörden abgerissen und die Fläche komplett eingeebnet. Heute erinnern Schautafeln sowie eine Hecke an die Umrisse des Schlosses.

Reitwein gehörte seit 1817 zum Kreis Lebus in der Provinz Brandenburg und ab 1952 zum Kreis Seelow im DDR-Bezirk Frankfurt (Oder). Seit 1993 liegt die Gemeinde im brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland.

Oderhochwasser 1947

In der Nacht zum 22. März bildete das Treibeis infolge des Eisganges in der Nähe des Umflutkanals bei Küstrin-Kietz eine Eisbarriere. Sie staute binnen kurzer Zeit riesige Wassermengen, die den Oderdeich nördlich von Reitwein an 2 Stellen in einer Länge von über 100 m überfluteten.Ein leidgeprüftes Land: Der brandenburgische Kreis Lebus in den Wirren der Jahre 1945–1952. S. 264ff. Das Hochwasser erreichte sogar das mehrere Kilometer vom Fluss entfernte Bad Freienwalde (Oder). Mehr als 20.000 Menschen wurden damals obdachlos. Im Zuge des Wiederaufbaus des zerstörten Oderdammes 1947 wurde auch eine Feldbahn eingesetzt. Sie machte den Transport der Sandmassen möglich, die am Reitweiner Sporn abgebaut wurden. Noch heute ist die Deichauffahrt der Kleinbahn am Reitweiner Triftweg deutlich erkennbar.

1997 Während des Oderhochwassers 1997 bildete der Deich bei Reitwein eine besonders kritische Stelle. Am 29. Juli wurde bei Deichkilometer 4,8 und 5,2 ein kritischer Riss (0,5 m breit, 50 m lang) in der Deichberme erfolgreich verbaut. Dazu wurden auch Bundeswehr-Hubschrauber zum Sandsacktransport eingesetzt. In der Nacht zum 1. August 1997 wurde mit dem Bau eines Notdeichs bei Reitwein begonnen.Immer neue Risse gefährden die Deiche an der Oder. In: Berliner Zeitung, 2. August 1997. Hierzu waren in den ersten Stunden ca. 80 LKW der Straßenbauverwaltung Brandenburgs für die Errichtung des Querdeiches im Einsatz.Neue Risse in den aufgeweichten Deichen am Oderbruch – Reitwein ist keine Idylle mehr. In: Die Welt, 2. August 1997. Der Bau des NotdeichesHochwasserschutz an der Oder; Zukunft des Reitweiner Notdeichs. (PDF; 45,5 kB) Landtag Brandenburg, Wortlaut der Kleinen Anfrage 1468 vom 8. September 1997. wurde vorzeitig beendet und im folgenden Jahr zurückgebaut. Im Volksmund bekam der Schutzdamm den Namen Meyerdamm in Anspielung auf Hartmut Meyer, den damaligen brandenburgischen Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr.

Eingemeindungen Nach Reitwein eingemeindet wurden die Gemeinden Reitweiner Loose, die Hathenower Wiesen (1959)Jürgen Bensch, Dietmar Schädler: 600 Jahre Hathenow, 2005, S. 22.Paul Schroeder: Reitweinische Merkwürdigkeiten, S. 134 und das Odervorwerk samt Göritzer Loose sowie ein Großteil der Wuhdener Loose (1. Juli 1950).Klaus Vetter: Wuhden 1252–2002. Wuhdener Heimatverein, 2002, S. 33.

Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner 1875 957 1890 1 006 1910 831 1925 909 1933 857 1939 835 Jahr Einwohner 1946 859 1950 1 100 1964 788 1971 775 1981 577 1985 525 Jahr Einwohner 1990 509 1995 475 2000 534 2005 535 2010 503 2015 463 Jahr Einwohner 2020 459 2021 449 2022 456 2023 468 2024 458 2025 462 Gebietsstand des jeweiligen Jahres, Einwohner: Stand 31. Dezember (ab 1991)Historisches Gemeindeverzeichnis des Landes Brandenburg 1875 bis 2005. Landkreis Märkisch-Oderland. S. 34–37Bevölkerung im Land Brandenburg von 1991 bis 2015 nach Kreisfreien Städten, Landkreisen und Gemeinden, Tabelle 7Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Statistischer Bericht A I 7, A II 3, A III 3. Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstand im Land Brandenburg (jeweilige Ausgaben des Monats Dezember), ab 2011 auf Basis des Zensus 2011, ab 2022 auf Basis des Zensus 2022

Politik Gemeindevertretung Die Gemeindevertretung von Reitwein besteht aus acht Gemeindevertretern und dem ehrenamtlichen Bürgermeister. Die Kommunalwahl am 26. Mai 2019 führte zu folgendem Ergebnis:Ergebnis der Kommunalwahl am 26. Mai 2019

Wählergruppe Sitze 2008Ergebnis der Kommunalwahl am 28. September 2008 Sitze 2014!Ergebnis der Kommunalwahl am 25. Mai 2014! Sitze 2019 Stimmenanteil 2019 Freunde des Sports 2 2 2 28,2 % Soziales 1 2 2 26,5 % Aktiv für Reitwein – – 2 24,2 % Feuerwehr 1 1 1 9,6 % Einzelbewerber Michél Schröder – – 1 6,4 % Einzelbewerber Paul-Christoph Richert – 1 – 5,1 % Pro Reitwein 3 2 – – Einzelbewerber Kurz 1 – – – Insgesamt 8 8 8 100 %

Bürgermeister 1990–1993: Jürgen Schulz 1993–2008: Karl-Friedrich TietzNeue Wählergruppen sind am Start. In: Märkische Oderzeitung, 1. April 2014. 2008–2014: Renate KurzKommunalwahlen im Land Brandenburg am 28. September 2008. Bürgermeisterwahlen (PDF) S. 9