Das Valle Maira (Val Maira, früher auch Valle Macra) ist ein etwa 60 km langes,Giacomo Pettenati: Area 3. Valle Maira, in: Federica Corrado, Giuseppe Dematteis, Alberto Di Gioia (Hrsg.): Nuovi montanari. Abitare le Alpi nel XXI secolo: Abitare le Alpi nel XXI secolo, FrancoAngeli, 2014, S. 87–99, hier: S. 87. von West nach Ost verlaufendes Tal in der italienischen Provinz Cuneo, Region Piemont. Das Mairatal ist Teil der Cottischen Alpen. Sein Talschluss grenzt an Frankreich. Das seit mindestens 4000 Jahren besiedelte Tal ist eine der am stärksten von Landflucht und Abwanderung betroffenen Regionen des Alpenraums und ganz Italiens.
Geographie Lage mini|Lage des Valle Maira im Piemont
Das Tal wird von dem 67 km langen Gebirgsfluss Maira durchflossen, die in den Po mündet. Der Talausgang ist bei Dronero, am anderen Ende des Tales erheben sich der 3389 m hohe Chambeyron und der 3166 m hohe Sautron, Berge, die das Tal von den französischen Tälern der Ubayette und der Ubaye trennen. Dabei verengt sich das Tal beim Aufstieg immer wieder, so dass es im unteren Tal erst vor zwei Jahrhunderten gelang, eine befahrbare Straße zu errichten, die nur bis San Damiano reichte. Das durch Gletscher der Vergangenheit erweiterte obere Tal war praktisch nur von der französischen Seite über zwei bis auf 2600 m Höhe ziehende Pfade aus zu erreichen.
Die Paralleltäler sind im Norden das Valle Varaita, das durch die Massive Chersogno und Elva vom Mairatal getrennt ist, und das über den Colle di Sampeyre (2284 m) im Sommer erreichbar ist. Im Oberlauf hingegen erreicht man dessen Seitental Bellino. Im Süden liegt das Valle Grana (das nicht bis an den Alpenhauptkamm reicht) sowie im Oberlauf das Valle Stura. Zwischen diesen befinden sich Pfade, die die drei Täler über Colle del Mulo, Col Valcavera, Passo della Gardetta und Colle di Esischie verbinden.
Administrative Gliederung mini|Das Maira-Tal mit den wichtigsten Bergrücken (orangefarben), Talböden (blau) und Siedlungen (schwarz) Das Tal gehört zur Unione Montana Valle Maira. Es handelt sich hierbei um eine so genannte Comunità Montana, die Verwaltungseinheit zwischen Provinz- und Gemeindeebene. Sie umfasst ein Gebiet von etwa 630 km² Fläche.
In dem Tal liegen, flussaufwärts und in Nebentälern, die 13 Ortschaften Villar San Costanzo (609 m), Dronero (622 m), Roccabruna (700 m), Cartignano (690 m), dann San Damiano Macra (743 m), Macra (875) und Celle di Macra (1270 m), Stroppo (1087 m), Marmora (1225 m), Canosio (1225 m), Elva (über 1600 m), Prazzo (1030 m) und Acceglio (1200 m).Höhenangaben nach Giacomo Pettenati: Area 3. Valle Maira. In: Federica Corrado, Giuseppe Dematteis, Alberto Di Gioia (Hrsg.): Nuovi montanari. Abitare le Alpi nel XXI secolo: Abitare le Alpi nel XXI secolo. FrancoAngeli, Mailand, 2014, ISBN 88-204-7111-6, S. 87–99, hier S. 88. Zu diesen 14 Orten kommen mehr als 200 borgate (Weiler), von denen viele im Zuge der im frühen 19. Jahrhundert einsetzenden Landflucht aufgegeben worden sind. Ihre Ruinen finden sich noch an zahlreichen Stellen.
Dabei erwies eine Untersuchung mit Blick auf Dronero, „dass der Marktort am Alpenrand eine Mittelpunktfunktion für das alpine Umland wahrnimmt und die Zukunft des Mairatales (Cottische Alpen) eng mit diesem kleinen Zentrum verknüpft ist.“Michael Kleider: Der Marktort Dronero (Piemont): Zentraler Ort für das alpine Hinterland oder Vorort von Cuneo? In: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 49 (2002), S. 177–191, hier. S. 177 (Zusammenfassung einer Magisterarbeit, Erlangen-Nürnberg aus dem Jahr 2001). Diese Funktion füllt auf mittlerem Niveau auch Busca aus, wo es beispielsweise ein Krankenhaus gibt, während höhere Dienstleistungen erst nach Verlassen des Tales in Cuneo anzutreffen sind. Ein weiteres Krankenhaus entstand auf Initiative des Mediziners und Chirurgen Alessandro Riberi (1794–1861) in Stroppo, genauer gesagt in der Frazione Bassura.
Landschaft und Geologie mini|links|Geologie der Westalpen mit dem Dora-Maira-Massiv (DM) mini|Blick auf den Monviso vom Colle dell'Intersile im Valle Maira mini|Riserva naturale dei Ciciu del Villar, zwischen Dronero und Busca gelegen Das Tal bildet den südlichen Teil des Dora-Maira-Massivs, das sich im inneren Bereich des westlichen Alpenbogens erstreckt und einen kuppelförmigen Gesteinsgürtel darstellt, der sich aus paläozoischen Kristallineinheiten zusammensetzt. Das Massiv erstreckt sich über 70 km vom Susatal im Norden bis zum Mairatal.
Es bildet zusammen mit dem Monte-Rosa- und dem Gran-Paradiso-Massiv die penninischen Internmassive der Westalpen. Die drei kristallinen Massive ergeben zusammen eine strukturelle Fenstereinheit in den metaophiolithischen Abfolgen der Bündnerschieferdecke, die dem oberen Penninikum (Piemont-Zone) zugeordnet wird. Die überlagernden Gesteine des Monte Viso und des Rocciavrè bilden dabei die westliche Grenze des Dora-Maira-Massivs. Dieses stellt eine gestapelte Sequenz der drei tektonischen Haupteinheiten dar, nämlich der Pinerolo-, der Venasca- und der Dronero-Einheit. Diese drei Einheiten sind voneinander durch diffus-duktile Deformationszonen getrennt und von jüngeren spät-eozänen Prozessen überprägt (näherungsweise vor 38-35 Millionen Jahren). Die Dronero-Einheit wird als vulkano-sedimentäre Sequenz gedeutet, die zwischen Karbon und Perm-Trias entstand, also grob gesagt vor 350 bis 250 Millionen Jahren.Hans-Peter Schertl, Werner Schreyer: Geochemistry of coesite-bearing "pyrope quartzite" and related rocks from the Dora-Maira Massif, Western Alps, in: European Journal of Mineralogy 20,5 (2008) 791–809. Geobarometrische Schätzungen (35 kbar) deuten darauf hin, dass die Subduktion bis in eine Tiefe von 100 km reichte (Ultrahochdruckgesteine, dort wurde 1984 erstmals Coesit entdeckt).Michael R. W. Johnson, Simon L. Harley: Orogenesis. The Making of Mountains, Cambridge University Press, 2012, S. 134. In diesem Prozess wurde ein vor Europa gelegener Terran unter die Adriatische Platte gezwungen, dann löste sich ein Teil ab, der zwischen den beiden Platten aufstieg – wobei dieser ein Stück ozeanischer Kruste samt ihrem Mantel aufsammelte und mit sich zog. Letztere landeten im Monviso-Massiv. Nach Bewegungen durch erneute Kollision wurden sie durch Erosion freigelegt.Florian Neukirchen: Bewegte Bergwelt. Gebirge und wie sie entstehen, Spektrum-Springer, 2011, S. 135.
Fauna und Flora Die Viehhaltung, bis um 1900 mit Wölfen und Bären vertraut, veränderte sich mit dem Verschwinden der großen Prädatoren. 1921 wurde der letzte Wolf im Piemont erschossen. Im Val Barbera wurde 1985 erstmals wieder ein Wolf gesichtet, doch erst ab 1991 breitete sich die Art wieder in den Seealpen aus. Noch 2005 vermutete man zwar Wölfe im Mairatal, doch gab es noch keine stabilen Rudel.Progetto Lupo - Regione Piemonte. Report 2005, S. 10 (, PDF). Die Anwesenheit der Rudel veränderte die Systeme der Transhumanz, etwa die Bewachung der Schafherden durch Hunde, Esel oder Lamas, oder mobile Elektroweidezäune, erheblich. Allein zwischen 1999 und 2001 töteten Caniden in den Tälern um Cuneo 586 Tiere, in zwei Dritteln der Fälle waren die Jäger Wölfe; 2009 töteten Wölfe in den Tälern um Cuneo mindestens 195 Tiere. So musste die Praxis, die Herden in den Sommermonaten weitgehend sich selbst zu überlassen, wieder aufgegeben werden; andererseits werden Herden wieder zusammengelegt und gemeinsam gehegt. So konnten die Verluste drastisch reduziert werden. Dabei gewöhnten sich manche Wölfe zunehmend an die Anwesenheit von Menschen. So wurde 2010 in Ormea ein Wolf registriert.Dieser Abschnitt nach: M. Verona, M. Corti, L. M. Battaglini: L’impatto della predazione lupina sui sistemi pastorali delle valli cuneensi e torinesi, in: Quaderni SoZooAlp 6 (2010) 149-167 (online, PDF).
Der ansonsten schwer nachweisbare Sperlingskauz ist nach einer Untersuchung der Jahre 2006 bis 2009 im Mairatal belegt.Pierluigi Beraudo, Bruno Caula, Massimo Pettavino: La civetta nana, Glaucidium passerinum, nelle valli della provincia di Cuneo (alpi sud-occidentali), in: Rivista italiana di Ornitologia 80,2 (2012) 73-78.
Aus dem im Tal kultivierten Lavendel wird Öl gewonnen, auch wurde Absinth destilliert, wozu eine Reihe von Kräutern eingesetzt wird.Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 169-170 (1989), S. 81.
Bereits 1932–33G. Gola: Le piante vascolari della val Maira (Alpi Cozie). Teil I. Atti del Reale Istituto Veneto di Scienze Lettere e Arti, 2, Scienze Matematiche, 92 (1932-33) 1283-1335. wurde der Binsen-Rot-Schwingel (sub Festuca rubra L. var. genuina Hack. subvar. juncea Hack.) nachgewiesen,A. Selvaggi, A. Soldano, M. Pascale, R. Dellavedova: Note floristiche piemontesi n. 604-705, in: Rivista piemontese di Storia naturale, 36, 2015: 275-340, hier: S. 285. 1999 der Haarblättrige Rot-Schwingel (Festuca trichophylla subsp. asperifolia), die zu den Süßgräsern zählen. Letzterer wird bis zu 80 cm hoch und war bis dahin nur im Süden (1982) nachgewiesen, seither auch im Apennin.Bruno Foggi, Graziano Rossi: A survey of the genus Festuca L. (Poaceae) in Italy. I. The species of the summit flora in the Tuscan-Emilian Apennines and Apuan Alps In: Willdenowia. 26, 1996, S. 183, doi:10.3372/wi.26.2605.
Geschichte Ur- und Frühgeschichte Bei Roccabruna fanden sich über 20.000 Felsritzungen aus der Bronzezeit, die um 2000 v. Chr. auf einer kaum 2 ha großen Fläche entstanden.Coppelle e Antropomorfi. Valle Maira - Cuneo - Italia. Sito Ufficiale dell'Associazione Amici del RocceRe'. Auch in der frazione San Martino fanden sich Artefakte der Spätbronzezeit.Daniela Cabella, Dimitri Brunetti, Daniela Bello (Hrsg.): Archivio storico. Inventario (1266-1967), Busca 2006, S. 9.
Spätestens in römischer Zeit entstand im Tal eine Straße als Verbindung nach Gallien, an der als Abgabe die Quadragesima Galliarum erhoben wurde, eine Abgabe von einem Vierzigstel des Warenwerts.Näheres findet sich bei Giovanni Mennella: La Quadragesima Galliarum nelle Alpes Maritimae, in: Mélanges de l'Ecole française de Rome. Antiquité 104,1 (1992) 209-232 (online). Aus etruskischer Zeit stammt eine ältere Inschrift, die bei Busca entdeckt wurde,CIL 42 = TLE 721. Vgl. Giovanni Mennella: La Quadragesima Galliarum nelle Alpes Maritimae, in: Mélanges de l'Ecole française de Rome. Antiquité 104,1 (1992) 209-232, hier: S. 231 Anm. 38. auch fand sich in der Kirche von Marmora eine lateinische Inschrift (CIL V 7833), vielleicht des 1. oder 2. Jahrhunderts, mit Hinweisen auf die besagte Abgabe.Giovanni Mennella: La Quadragesima Galliarum nelle Alpes Maritimae, in: Mélanges de l'Ecole française de Rome. Antiquité 104,1 (1992) 209-232, hier: S. 220 f. Diese Abgabe wurde wohl in der Nähe des späteren Dronero eingezogen.Giovanni Mennella: La Quadragesima Galliarum nelle Alpes Maritimae, in: Mélanges de l'Ecole française de Rome. Antiquité 104,1 (1992) 209-232, hier: S. 231.
Bereits 1777, womöglich noch früher, wurde erstmals eine römische Inschrift aus dem Tal wissenschaftlich publiziert.Francesco Agostino Della Chiesa: Corona reale di Savoia, Bd. II, 1777, S. 229 (Bd. I ist digital verfügbar.). Es handelte sich um eine Inschrift aus augusteischer Zeit, die sich seinerzeit in Elva befand. Eine weitere wurde bei Pagliero entdeckt und in das 2. Jahrhundert datiert.
Am Monte Pagliano entdeckte man 1950 eine römische Nekropole. Die Kolonisierung des unteren Tals erfolgte ausgehend von der Colonia Julia Augusta bei Centallo. Dabei wurden die breiteren Talböden in Latifundien aufgeteilt, wobei Oliven und Wein angebaut wurden. Die Herren dieser großen Agrarflächen lebten in Attissano (benannt nach einem Atticius) und in Bovignano (Bebennius).Daniela Cabella, Dimitri Brunetti, Daniela Bello (Hrsg.): Archivio storico. Inventario (1266-1967), Busca 2006, S. 9 f. Die archäologischen Funde aus dem Tal befinden sich im archäologischen Museum von Cuneo und Turin.