Kammersrohr (im lokalen Dialekt Chammersrohr) ist eine politische Gemeinde im Bezirk Lebern des Kantons Solothurn in der Schweiz. Das am Jurasüdhang gelegene Dorf ist mit Einwohnern und 0,95 Quadratkilometern in Bezug auf seine Fläche und Einwohnerzahl die kleinste Gemeinde des Kantons. Gemessen an der Einwohnerzahl ist Kammersrohr (neben Rebévelier im Kanton Bern) auch die kleinste Gemeinde der Schweiz. Bereits in der Jungsteinzeit hielten sich auf dem Gebiet von Kammersrohr Menschen auf, wie Funde aus dieser Zeit bezeugen. Die erste urkundliche Erwähnung datiert auf das Jahr 1374 und 1840 wurde das Dorf als eigenständige Gemeinde anerkannt. Markantestes Gebäude der Streusiedlung ist ein unter Denkmalschutz stehendes Herrenhaus.

Geographie Kammersrohr liegt auf , etwa 6,5 Kilometer Luftlinie nordöstlich des Kantonshauptortes Solothurn. Die aus einzelnen Höfen bestehende Gemeinde erstreckt sich an aussichtsreicher Lage am Südhang der vordersten Jurakette, in der Region Unterleberberg rund 170 Meter über der Ebene des Solothurner Mittellandes.

Die Fläche des nur 0,95 Quadratkilometer grossen Gemeindegebiets umfasst einen kleinen Abschnitt des Jurasüdhangs. Die westliche Grenze verläuft entlang des Teuffelenbachs und des Mettlenbachs, die das Gebiet zur Siggern, einem linken Seitenbach der Aare, entwässern. Nach Nordosten erstreckt sich der Gemeindeboden an den Südhang der Weissensteinkette und erreicht im Wald unterhalb des Reckenackers mit die höchste Erhebung von Kammersrohr. Im Jahr 2011 entfielen 2,1 % der Gemeindefläche auf Siedlungen, 39,4 % auf Wald und Gehölze und 58,5 % auf Landwirtschaft.

Solothurnische Nachbargemeinden von Kammersrohr sind das südlich gelegene Hubersdorf und Günsberg im Westen und Norden. Im Osten grenzt die zum Kanton Bern gehörende Gemeinde Attiswil an Kammersrohr.

Bevölkerung Mit 32 Einwohnern (Stand Ende 2019) ist Kammersrohr bevölkerungsmässig die kleinste Gemeinde des Kantons Solothurn und auch die kleinste Gemeinde der Schweiz. Mit dem Stand von 2000 waren 95,0 % der Bewohner deutschsprachig. Eine Person war englischsprachig und eine sprach polnisch (je 2,5 %). Die Bevölkerungszahl von Kammersrohr belief sich 1850 auf 68 Einwohner, 1900 auf 51 Einwohner. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts pendelte die Bevölkerungszahl im Bereich zwischen 35 (Tiefststand nach der Erhebung von 1941) und 53 Einwohnern (Höchststand, 1990). Kammersrohr hat nur geringe Wachstumsmöglichkeiten, da die in der Juraschutzzone gelegene Gemeinde praktisch über kein Bauland verfügt. Trotz seiner geringen Einwohnerzahl hat Kammersrohr 958 Ortsbürger, von denen jedoch keine in der Gemeinde wohnhaft sind (Stand 2010).

Bildung

Kammersrohr verfügt über keine eigene Schule, so dass der Kindergarten und die Primarschule der Nachbargemeinde Günsberg besucht werden. Im Bereich der Sekundarstufe I gehört die Gemeinde dem Zweckverband Kreisschule Unterleberberg an, der in Hubersdorf eine Oberstufe betreibt.Gemeinsame Schule Unterleberberg, abgerufen am 6. Mai 2016. Von 30 Einwohnern ab 15 Jahren hatten mit dem Stand der eidgenössischen Volkszählung des Jahres 2000 als höchste abgeschlossene Ausbildung: Vier Personen ein universitäres Studium, drei eine Höhere Fachschule, vier eine höhere Fach- und Berufsausbildung (Tertiärstufe), eine Person die Matura und zwölf eine Berufslehre (Sekundarstufe II). Fünf Personen hatten nur die obligatorische Schule besucht und eine verfügte über keine abgeschlossene Ausbildung.

Religionen Mit dem Stand der Volkszählung 2000 gehörten von 39 Einwohnern 14 der evangelisch-reformierten Kirche und 18 der römisch-katholischen Kirche an, während sieben Einwohner konfessionslos waren. Andere Kirchen und Religionsgemeinschaften waren nicht vertreten. Kammersrohr gehört zur römisch-katholischen Pfarrei St. Pantaleon Günsberg und zur evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Solothurn.

Politik Stärke der Parteien bei den Nationalratswahlen in Kammersrohr Partei 2019 2015 2011 2007 2003 FDP 23,15 % 52,63 % 56,00 % 32,03 % 38,46 % CVP 24,07 % 25,26 % 14,29 % 41,18 % 35,16 % SVP 11,11 % 13,68 % 9,71 % 9,80 % 15,38 % GPS 7,41 % 1,05 % 6,29 % 9,15 % 5,49 % SP 10,19 % 1,05 % 0,57 % 3,92 % 5,49 % EVP — — — 3,92 % — GLP 10,19 % — 2,29 % — — BDP 0,93 % 6,32 % 0,47 % — — SD 11,11 % — — — — Übrige 1,85 % — 10,29 % — —

In den Nationalratswahlen 2011 erhielt die FDP. Die Liberalen in Kammersrohr 56 % der abgegebenen Stimmen. Zweitstärkste Partei war die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) mit 14,3 % der Stimmen. 10,3 % gingen an «Übrige» (beim Bundesamt für Statistik nicht näher aufgeschlüsselt). Danach folgten die Schweizerische Volkspartei (SVP) mit 9,7 %, die Grünen mit 6,3 % und die Grünliberale Partei (GLP) mit 2,3 % sowie die Sozialdemokratische Partei und die Bürgerlich-Demokratische Partei (BDP) mit je 0,6 %. Die Wahlbeteiligung betrug 61,9 %.

In den Nationalratswahlen 2015 erhielt die FDP 52,6 % der abgegebenen Stimmen, während sich bei den anderen Parteien grössere Änderungen ergaben: Die CVP als immer noch zweitstärkste Partei erhielt 25,3 % der Stimmen, die SVP 13,7 %, die BDP 6,3 % und SP und Grüne je 1,1 %. Auf andere Parteien entfielen keine Stimmen mehr, insbesondere auch nicht mehr auf «Übrige». Die Wahlbeteiligung betrug noch 45,7 % (16 Wählende von 35 Wahlberechtigten).

Der Gemeinderat, die Exekutive von Kammersrohr, besteht aus drei Mitgliedern. Die Legislative der Gemeinde ist die Gemeindeversammlung. Nach dem überraschenden Tod des langjährigen Gemeindepräsidenten Terry Spillmann am 22. Dezember 2015 sollte am 5. Juni 2016 ein neuer Gemeindepräsident oder eine Gemeindepräsidentin gewählt werden. Da sich jedoch nur ein einziger Kandidat, der Landwirt Ueli Emch, für das Amt gemeldet hatte, wurde der Wahlgang abgesagt und Emch Ende April 2016 in stiller Wahl zum Gemeindepräsidenten erklärt.

Wirtschaft und Verkehr Kammersrohr ist immer noch ein vorwiegend durch die Landwirtschaft geprägtes Dorf. Der Ackerbau und der Obstbau sowie die Viehzucht haben einen wichtigen Stellenwert in der Erwerbsstruktur der Bevölkerung. Ausserhalb des primären Sektors gibt es keine Arbeitsplätze im Dorf. Kammersrohr verfügt weder über Läden noch über eine eigene Poststelle. Einige Erwerbstätige sind Wegpendler, die hauptsächlich in der Region Solothurn arbeiten. Kammersrohr weist mit 65 % den niedrigsten Steuerfuss des Kantons Solothurn auf, danach folgt Feldbrunnen-St. Niklaus mit 72 % (Stand 2020). 2011 lag Kammersrohr noch gleichauf mit Feldbrunnen-St. Niklaus mit einem Steuerfuss von je 60 %.

Die Wasserversorgung wird von der Gemeinde Kammersrohr selbst betrieben, während die Stromversorgung von der BKW Energie geleistet wird.

Die Gemeinde liegt abseits der grösseren Durchgangsstrassen; die Hauptzufahrt verläuft von Hubersdorf. In Hubersdorf befindet sich mit der Bushaltestelle Siggern der Linie von Solothurn nach Balm bei Günsberg auch der nächstgelegene Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Zu Fuss ist Kammersrohr von dieser Haltestelle aus in ca. 30 Minuten zu erreichen.

Geschichte mini|links|Feld in Kammersrohr mit Blick auf die Berner Alpen Jungsteinzeitliche Funde (Scherben, Holzkohle), die in den 1950er Jahren gemacht wurden, bezeugen, dass sich bereits zu vorgeschichtlicher Zeit Menschen im Gebiet von Kammersrohr aufhielten. Zwei Scherben wurden der Bronzezeit zugeordnet. Funde aus der Römerzeit oder dem Frühmittelalter wurden in Kammersrohr bisher nicht gemacht.

Im Mittelalter war Kammersrohr ein Steckhof, also ein Hof, der keiner Gemeinde angehörte, und unterstand ab etwa 1050 der Herrschaft Balm des Adelsgeschlechts von Balm. Nachdem Rudolf II. von Balm sich 1308 an der Ermordung des Königs Albrecht I. beteiligt hatte, wurde 1309 gegen ihn die Reichsacht verhängt und die gesamte Herrschaft konfisziert. Die Herrschaft Balm und damit Kammersrohr kam danach als Reichslehen an Otto von Strassberg. Die erste urkundliche Erwähnung des heutigen Kammersrohr erfolgte 1374 als ze Rore. Weitere Erwähnungen waren Ror, Rore oder Hof ze Ror. Nach verschiedenen Besitzerwechseln gelangte die Siedlung 1414 an die Stadt Solothurn, die bereits 1411 die angrenzenden Herrschaften Bipp, Erlinsburg und Wiedlisbach erworben hatte.

Schon seit 1344 hatte die Stadt die hohe Gerichtsbarkeit über Kammersrohr inne. Der Hof Rore wurde mehrmals Bürgern von Solothurn zum Lehen gegeben. 1428 entspann sich ein Rechtsstreit zwischen einem Heini Kammer von Rore und dem Solothurner Bürger Jakob von Wengen, in dessen Folge Kammer, der den halben Hof als Erblehen derer von Wengen besass, seine Lehenschaft verlor, da er den Hof unerlaubt weiterverliehen hatte. Der heutige Gemeindename leitet sich von der Familie Kammer ab, ist aber erst in Dokumenten aus dem 16. Jahrhundert nachweisbar. Der Namenforscher Rolf Max Kully stellt in Solothurnische Ortsnamen die Möglichkeit zur Diskussion, dass der Name der Familie Kammer mit dem im Kanton Solothurn verbreiteten Familiennamen Kamber gleichzusetzen und von den oberhalb Kammersrohrs auf Günsberger Boden liegenden Felsen Chambenflüe abgeleitet sein könnte. Andererseits könnten laut Kully die Chambenflüe auch als Kamm(b)erflühe zu verstehen sein.

mini|Mittlerer Mattenhof im 18. Jahrhundert, Kopie einer Vedute, ca. 1800–1830 Im 15. Jahrhundert unterstand das Dorf der Vogtei Balm, ab 1487 war es Teil der Vogtei Flumenthal. Um die Grenze zwischen Kammersrohr und dem bernischen Attiswil beziehungsweise dem Amt Bipp kam es dabei immer wieder zu Unklarheiten und Streitigkeiten. Von der letzten grossen Grenzbereinigung 1762 zeugen erhalten gebliebene Grenzsteine. Nach dem Franzoseneinfall im März 1798 und dem folgenden Zusammenbruch des Ancien Régime gehörte Kammersrohr während der Helvetik zum Verwaltungsbezirk Solothurn und ab 1803 zum Bezirk Lebern.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb vorerst ungeklärt, ob die Ortschaft Kammersrohr als Gemeinde gelten sollte. Aus der Mediationszeit liegt einerseits ein Entscheid des solothurnischen Kleinen Rats vor, in dem von der Gemeinde Kammersrohr gesprochen wird, andererseits hielt er in einem anderen Entscheid fest, dass Kammersrohr keine eigentliche Gemeinde sei. Urs Peter Strohmeier behandelte in seiner Beschreibung des Kantons Solothurn 1836 Kammersrohr zusammen mit Hubersdorf unter Flumenthal. In dieser Zeit wurde mehreren Personen vom Rat das Bürgerrecht von Kammersrohr bewilligt. Nachdem 1839 anlässlich eines weiteren Einbürgerungsgesuchs diskutiert wurde, ob Kammersrohr Bürger aufnehmen dürfe, wurden schliesslich die Verhältnisse zwischen Hubersdorf und Kammersrohr geklärt und Kammersrohr 1840 ausdrücklich als selbständige Gemeinde anerkannt. In der Folge waren die Einbürgerungen in Kammersrohr zahlreich, da die Einbürgerungswilligen so zu verhältnismässig geringen Kosten das Solothurner Kantonsbürgerrecht erlangen konnten. Da die Stadt Solothurn für die Einbürgerung von Kantonsbürgern deutlich niedrigere Gebühren verlangte als für Fremde, wurde dadurch die Erlangung des begehrten Bürgerrechts der Stadt Solothurn wesentlich verbilligt. Noch 1904 schrieb das Geographische Lexikon der Schweiz: «Hier pflegen sich der billigen Gebühren wegen oft Fremde einzubürgern.»