mini|Die Darstellung der tengristischen Drei-Welten-Kosmologie auf einer Schamanentrommel.Vergleiche dazu auch die Darstellung im „Internet Sacred Text Archive Home“, abgerufen am 29. November 2017.Parts of a story of a world picture: Siberian world picture? Niels Bohr Institute, Kopenhagen 1996; abgerufen am 29. November 2017. Mit Verweis auf: Gerhard J. Bellinger: Mytologisk Leksikon. Übersetzt von Jørgen Hansen. Gyldendal, Kopenhagen 1993, ISBN 87-00-09996-1, S. 349 (deutsch: Knaurs Lexikon der Mythologie: 3100 Stichwörter zu den Mythen aller Völker von den Anfängen bis zur Gegenwart. Droemer Knaur, München 1989, ISBN 978-3-426-26376-1). Der Weltenbaum steht in der Mitte der Welt und verbindet Unterwelt, irdische Welt und Himmel miteinander. Die vom Horizont herabhängenden Striche symbolisieren die Erd-Wassergeister.
Tengrismus ist ein Sammelbegriff für eine alte Religion der Mongolen und Turkvölker in Zentralasien. Sie ist aus dem noch älteren altaischen Schamanismus hervorgegangen.
Seit der Auflösung der Sowjetunion 1990 nahm das Interesse am Tengrismus in intellektuellen Kreisen in Aserbaidschan, Burjatien, Kasachstan, Kirgisistan, Tatarstan, Turkmenistan und Usbekistan zu.Robert A. Saunders, Vlad Strukov: Historical Dictionary of the Russian Federation. Scarecrow Press, Lanham 2010, ISBN 978-0-8108-5475-8, S. 412 f. (Google Books)
Überblick Der Glaube vereint Animismus, klassischen Schamanismus, Ahnenverehrung und eine spezielle Form des Totemismus. Er baut sich vor allem um einen Himmelsgott auf: Tengri. Tngri, Tengri oder Tegri ist die Bezeichnung für die Götter oder höchsten geistigen Wesen im mongolischen Schamanismus. Wie viele dieser Wesen es gibt, wird verschieden interpretiert.Walther Heissig: Fragen der mongolischen Heldendichtung. Otto Harrassowitz Verlag, 1992, S. 85; books.google.deKlaus Hesse: On the History of Mongolian Shamanism in Anthropological Perspective. In: Anthropos, 1987, 82 (4–6), S. 403–413; .Walther Heissig, Geoffrey Samuel (Übersetzer): The Religions of Mongolia (1980 ), S. 49 ff.; books.google.ch Gemäß den alten mongolischen Überlieferungen ist auch Dschingis Khan eine, wenn nicht sogar die Verkörperung des höchsten Tengri.John Man: Genghis Khan: Life, Death and Resurrection. Bantam Press, London 2004, ISBN 978-0-553-81498-9, S. 402–404.
Das höchste Ziel der Anhänger der Tengris ist, mit „allem, was unter dem Himmel ist“, also mit seiner Umwelt, im Einklang zu leben. Der Mensch steht in der Mitte der Welten und sieht seine Existenz geborgen, zwischen dem „ewigen blauen Himmel“ (Mönkh khökh Tengeri auf Mongolisch), der „Mutter Erde“ (Gazar Eje auf Mongolisch, Yer Ana auf Türkisch), die ihn stützt und ernährt, und einem Herrscher, der als „Sohn des Himmels“ gilt.
Mit einer ausgeglichenen Lebensweise hält der Mensch seine Welt im Gleichgewicht. Er strahlt seine persönliche Kraft aus, sein „Windpferd“. Der Kosmos, die Naturgeister und die Ahnen sorgen dafür, dass es dem Menschen an nichts fehlt und beschützen ihn. Wenn das Gleichgewicht durch eine Katastrophe oder durch den Eingriff böser Geister außer Kontrolle gerät, wird es durch den Eingriff eines Schamanen wiederhergestellt.Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101). Golomt Center for Shamanist Studies, Ulaanbaatar, Mongolei, 3. Oktober 1997 (englisch)Peter Laut: Vielfalt türkischer Religionen. Spirita 10 (1996), S. 24–36; Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (PDF; 2,8 MB).
Heute ist die Gestalt des Himmelsgottes Tengri vorwiegend bei Mongolen, wo auch der Lamaismus von Bedeutung ist, und einigen noch naturverbunden lebenden Turkvölkern wie Chakassen, Altaier oder Jakuten erhalten geblieben. Aber auch bei Völkern, die den Tengrismus längst abgelegt haben, existieren Elemente aus dem alten Glauben immer noch in der religiösen Tradition weiter.
Name und Begriff TengriStefan Georg: türkisch/mongolisch tengri, ‚Himmel, Gott‘ und seine Herkunft. In: Studia Etymologica Cracoviensia, 6, Krakau 2001, S. 83–100; filg.uj.edu.pl (PDF; 14 MB); abgerufen am 29. November 2017. und Tengrismus werden in zahlreichen Varianten geschrieben bzw. transkribiert, was an der Vielzahl der Quellsprachen (mongolische und turkische Sprachen) und Zielsprachen und Transkriptionssystemen liegt. Verbreitet sind:
Tengri, Tengeri, Tänri, Tengre, Tenger, Tengere, Tangra, Tangar, Tangara, Tenghri, Tanrı, Tangri. Tengrismus, Tengerismus, Tänriismus, Tangriismus, Tengrianismus, Tangrismus.
Zunächst wurde das Wort Tengrismus im Rahmen der Beschreibung des klassisch sibirischen Schamanismus' verwendet. Inzwischen wird der Begriff Schamanismus allerdings auch für unterschiedliche Thesen westlicher Autoren zu schamanischen Praktiken anderer Völker verwendet. Daher setzt sich, insbesondere für die traditionelle Religion der alten Türken und Mongolen, seit einigen Jahrzehnten zunehmend die Bezeichnung Tengrismus durch, wo es nicht nur um die Tätigkeit des Schamanen geht. Julie Stewart schreibt dazu: „Dies ist sehr viel zutreffender, da dieser Glaube Tengri und die Geister als Mittelpunkt hat. Tägliche religiöse Praxis braucht den Schamanen nicht. Die Menschen können selber direkt zu den Naturgeistern beten.“Julie Stewart: A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101, Abschnitt The Shaman
Geschichte Die ältesten, schriftlichen Nachweise über die Verehrung des Himmelsgottes Tengri gibt es in chinesischer Literatur, die sich nicht nur mit den Chinesen selbst, sondern auch mit den benachbarten und verfeindeten Völkern beschäftigt. Daraus ist zu entnehmen, dass die Xiongnu schon im 4. Jahrhundert v. Chr. Tengri verehrten.
Die Xiongnu glaubten, dass das Blut ihrer Herrscher vom Gott Tengri geadelt ist. Nach der Hsiung-Nu-Legende der Wölfin Asena gilt diese als Ahnin. In einer anderen Legende vereinigt sich Tengri persönlich in Gestalt eines Wolfes mit der Tochter eines Tue’kue Herrschers. Die Herrscher der Türken führten ihre Abstammung auch nach über tausend Jahre später noch auf dieses Asena-Adelsgeschlecht zurück und wurden daher von ihren Untertanen als lebende Gottheiten verehrt.
Göktürken mini|hochkant|Eine der Steintafeln mit alttürkischen Inschriften aus Zentralasien
Die Göktürken waren die erste türkische Horde, die der Nachwelt zahlreiche schriftliche Nachweise hinterließen, die wertvolle Hinweise über ihre Kultur, Glauben und Politik enthalten. Aus den in Orchon-Runen geschriebenen Kül-Tegin-Stelen aus dem 7. Jahrhundert geht das folgende tengristische Glaubensbekenntnis hervor:
Die Herrschertitel der Göktürken enthielten den Hinweis auf ihre göttliche Verbindung zum Himmel, wie etwa kök tengri yaratmış, „von Tengri erschaffen“. In den Inschriften des Bilge Khan (reg. 716–734) heißt es:
Ein Zusatz in seinem Titel lautete:
Im Reich der Göktürken erlebte der Tengrismus eine Blütezeit, obwohl der zunehmende Einfluss fremder Religionen in jenem Vielvölkerstaat groß gewesen sein muss. In einer der Überlieferungen wird der große Khan von seinem Berater vor der zunehmenden Verbreitung des Buddhismus gewarnt; der Buddhismus würde die Türken zu unproduktiven und gleichgültigen Pazifisten werden lassen. Aber abgesehen davon war der Tengrismus anderen Religionen gegenüber sehr tolerant eingestellt. In einer Überlieferung über einen Kiptschaken-Khan heißt es, er hätte vor der Schlacht alle geistlichen Führer aus seiner Horde unterschiedlichster Glaubensrichtungen zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammengeführt und gesagt: „Je mehr Götter auf unserer Seite sind, umso besser ist es für uns!“
Mongolen mini|Dschingis Khan. Er begann seine Reden immer mit den Worten: „Auf Wunsch des ewigen blauen Himmels …“
Dschingis Khan war anderen Religionen gegenüber offen. Er suchte in Friedenszeiten regelmäßig die Ruhe abgeschieden gelegener buddhistischer Klöster auf, um mit Meditation zu sich zu finden und um sich von seinen Schlachten zu erholen. Er vereinte viele Stämme Zentralasiens zu einer mächtigen Horde und erschuf eines der größten Reiche in der Geschichte der Menschheit. Er begann seine Reden immer mit den Worten: „Auf Wunsch des ewigen blauen Himmels …“ In der Goldenen Horde erlebte der Tengrismus eine weitere Blütezeit.
Nachdem Kubilai Khan China erobert hatte, wuchs sein Interesse an den dort beheimateten Religionen. Er ahmte die chinesische Lehre des einen Himmels Tian Ming, die der Lehre von Tengri verwandt ist, nach. Er war von der hohen Bildung uigurischer Buddha-Mönche begeistert und beauftragte eine Gruppe uigurischer Mönche damit, die Lehren Buddhas auch unter den Mongolen zu verbreiten und schickte sie nach Karakorum, wo sie ein buddhistisches Kloster errichteten. Dem Buddhismus gelang es allerdings bis heute nicht, den Tengrismus in der Mongolei zu verdrängen, er wurde lediglich in diesen integriert. Diese Verbindung zeigt sich heute etwa dort, wo eine Buddha-Statue gemeinsam mit einem Bild Dschingis Khans und dem Totem an den heiligen Platz auf dem Altar des Nomadenzeltes gestellt wird.
Tengri in Europa Der Tengrismus wurde durch die Eroberungszüge der kriegerischen Hunnen, Awaren, (Proto-)Bulgaren, Kumanen, Magyaren und später auch durch die Goldene Horde Dschingis Khans auch bis nach Europa getragen.
Der Glaube war so eng mit dem Nomadenleben verknüpft, dass die Sesshaftwerdung der tengristischen Völker immer mit dem Wechsel ihres Glaubens verbunden war. Solange die Menschen als Nomaden lebten, blieben sie lange tengristisch. In Ost- und Mitteleuropa sollen bis ins späte Mittelalter noch umherziehende Nomadenstämme anzutreffen gewesen sein, die Tengri verehrten.
Die Protobulgaren nannten den Himmelsgott TangraZone Bulgaria: Alexander Tour Company Ltd.: Zone Bulgaria, abgerufen am 29. November 2017 (englisch). und benannten einen großen Berg in Bulgarien nach ihm, dessen Name erst im 15. Jahrhundert durch die Osmanen in Musala, Mashallah: „Gottes Lob“, umgeändert wurde. Sie hinterließen aber auch weitere Spuren, wie etwa Felsen, die eine Runeninschrift mit dem Gottesnamen Tangra tragen, oder das Relief mit der Abbildung der Fruchtbarkeitsgöttin Umay auf dem höchstgelegenen Felsen von Perperikon.
864 erklärte Zar Boris Michael Khan das Christentum zur offiziellen Staatsreligion. Damit wurde der Tengrismus in Bulgarien im 9. Jahrhundert aufgegeben.
Die nach Europa gewanderten Tengristen verloren mit der Sesshaftwerdung im Laufe der Zeit ihre Identität und gingen überwiegend in slawischen, germanischen und romanischen Völkern auf.
Übrige Turkvölker mini|hochkant|Uigurenfürst, Wand-/Höhlenmalerei in Bezeklik bei Turfan, 8./9. Jh.
Schon vor dem 10. Jahrhundert gab es kleinere Horden und Stämme, die mit Arabern und Persern in Kontakt gekommen waren und zum Islam übertraten. 920 traten als erstes größeres Turkvolk die Karachaniden unter ihrem Herrscher Saltuq Bughra Qara-Khan ’Abd al-Karim (reg. 920–956) geschlossen zum Islam über. Danach breitete sich der Islam unter den Turkvölkern im Südwesten Zentralasiens immer schneller aus.
Einige Turkvölker waren vor ihrer Islamisierung nestorianische Christen gewesen. Persische Überlieferungen aus dem Jahr 581 berichten von türkischen Gefangenen, die eine Kreuz-Tätowierung im Gesicht getragen haben sollen.
762 erklärte Bögü Khan im Reich der Uiguren den Manichäismus zur Staatsreligion. Da die Prinzipien des Manichäismus nicht mit denen des Tengrismus übereinstimmten, ist es nur schwer vorstellbar, dass die gesamte Bevölkerung der neuen Religion folgte. Nachdem die Uiguren mehrheitlich den Buddhismus als Religion angenommen hatten, gründeten sie auf dieser Grundlage die erste sesshafte türkische Zivilisation. Sie wurden zu Vorreitern des Buddhismus, übersetzten sanskritische und chinesische Texte ins Türkische und waren missionarisch tätig. Sie gründeten das erste buddhistische Kloster für Frauen. Nach einem Angriff der Kirgisen wurden sie zwischenzeitlich wieder in eine nomadische Lebensweise zurückgeworfen. Die heutigen Uiguren sind überwiegend muslimisch.