mini|Archäologische Staatssammlung, 2024
Die Archäologische Staatssammlung in München ist das zentrale bayerische Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte. Sie sammelt und präsentiert Hinterlassenschaften von Menschen im süddeutschen Raum, von der Altsteinzeit über die vorrömische und römische Zeit bis zum frühen Mittelalter, dazu eine eigene Abteilung „Mittelmeergebiet und Orient“, in der die Einbindung Bayerns in die Vor- und Frühgeschichte Mitteleuropas sowie der mediterranen und vorderasiatischen Kulturen aufgezeigt wird.
Struktur und Zielsetzung In ihrem Aufbau und in ihrer Zielsetzung ist die Einrichtung Sammlung und Museum in einem. Die Sammlung enthält Kunst- und Alltagsobjekte, Grabbeigaben und Schatzfunde, ein Wissenschafts- und Restauratorenteam sammelt, bewahrt und erforscht archäologische Funde von Ausgrabungen in ganz Bayern. Aufbewahrt ist das alles in den Depots der Staatssammlung.
Das Museum ist das Schaufenster nach außen, in dem die bayerische Geschichte von vor 250.000 Jahren bis heute beleuchtet wird. Präsentiert wird stets nur ein kleiner Teil der insgesamt 20 Millionen archäologischer Funde der Archäologischen Staatssammlung. Die 15.000 ausgestellten Objekte bieten einen Blick in die Vergangenheit Bayerns und erlauben Rückschlüsse auf das Wirken menschlichen Handelns hinsichtlich Identität, Macht und Herrschaft, Kommunikation, Religion, Kunst und Technologie, Wirtschaft und Handel. Der Archäologischen Staatssammlung sind zudem acht Zweigmuseen zugeordnet, die sich über ganz Bayern verteilen.
Geschichte 1885: Vorgänger-Einrichtungen Als Gründungsdatum der Archäologischen Staatssammlung gilt der 14. Oktober 1885. Zunächst fungierte sie als Prähistorische Sammlung und war eine selbständige Abteilung des Conservatoriums der Paläontologischen Sammlung (heute Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie). Am 7. Februar 1889 wurde diese Prähistorische Sammlung dem Generalkonservatorium der naturwissenschaftlichen Sammlungen im Königreich Bayern direkt unterstellt.
Der Gründer des Conservatoriums war der Physiologe und Anthropologe Johannes Ranke (1836–1916), ein Neffe des Historikers Leopold von Ranke. Als Mediziner und Naturwissenschaftler hatte er im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität München Originale und Nachbildungen prähistorischer Objekte aus Bayern gesammelt, die er nach einer von ihm organisierten, erfolgreichen Ausstellung vom 11. März bis zum 7. April 1885 dem bayerischen Staat schenkte.
Zu der Zeit gab es in München drei Museen bzw. Museumsabteilungen, die vor- und frühgeschichtliche Funde in Bayern sammelten. Johannes Rankes Pläne für eine einheitliche Lösung waren vorerst gescheitert. Erst 1927 entschlossen sich der Historische Verein von Oberbayern und 1934 das Bayerische Nationalmuseum, ihre urgeschichtlichen Bestände dem staatlichen Spezialmuseum zu überlassen. Ab 1939 konnten die Bestände, deren Museumsräume in der Alten Akademie (auch Wilhelminum, in der Neuhauser Straße) 1944 zerstört wurden und die danach bis 1975 im Bayerischen Nationalmuseum untergebracht waren, nicht mehr der Öffentlichkeit in einer Dauerausstellung präsentiert werden.
Als ehrenamtlicher Leiter der Prähistorischen Sammlung hatte Ranke Anfang 1885 den Museums-Verein für Vorgeschichtliche Alterthümer Baierns ins Leben gerufen. Im Herbst 1885 wurden der Prähistorischen Sammlung die Bestände des Königlichen Ethnographischen Museums eingegliedert. Mit Mitteln der Bayerischen Akademie der Wissenschaften konnte in den Jahren 1885 und 1886 eine Sammlung wichtiger Höhlen- und Grabhügelfunde aus der Fränkischen Schweiz erworben werden.
1976: Neubau und Umbenennung Ab Februar 1976 zogen nacheinander die verschiedenen Abteilungen der Prähistorischen Staatssammlung um, und zwar zum Englischen Garten in den von den Architekten Helmut von Werz (1912–1990), Johann-Christoph Ottow (1922–2012), Erhard Bachmann (* 1939) und Michel Marx (* 1939) konzipierten Museumsneubau aus Stahlbeton mit einer Fassadenverkleidung aus rostbildendem Cortenstahl. Hans-Jörg Kellner, Leiter der Prähistorischen Staatssammlung von 1960 bis 1984, hatte sich viele Jahre, zuletzt mit der von ihm 1973 initiierten Vereinigung der Freunde der Bayerischen Vor- und Frühgeschichte, für ein modernes archäologisches Landesmuseum mit eigenem Gebäude eingesetzt. Am 11. Mai 2000 wurde das Museum unter seinem Leiter Ludwig Wamser (seit 1995) in Archäologische Staatssammlung – Museum für Vor- und Frühgeschichte umbenannt. Bei der Eröffnung der Landesausstellung Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer begründete Kultusminister Hans Zehetmair die Umbenennung damit, dass die alte Bezeichnung das Museum nicht mehr zutreffend charakterisiere. Es gebe in der Sammlung auch Funde jüngeren Datums, die jedoch wie alle Objekte der Sammlung ebenso mit Hilfe der Archäologie gefunden wurden.Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst:
2016: Schließung und Generalsanierung 2009 erhielt die Archäologische Staatssammlung vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst die Zusage für die Generalsanierung des Museumsgebäudes und für den Neubau eines zusätzlichen Sonderausstellungsraumes. Mit dem Beginn der Sanierungsmaßnahme 2016 schloss das Museum. Den Entwurf für die Erweiterung erstellte das Architekturbüro Nieto Sobejano Arquitectos. Neben der energetischen Sanierung erfolgte auch eine Erweiterung des Museums um eine 600 m² große unterirdische Sonderausstellungshalle. Der Haupteingang des Museums wurde in einen neuen Gebäudekubus verlegt, die Fassade aus Cortenstahl wurde beibehalten. Auf der Dachfläche des unterirdischen Neubaus entstand ein Garten mit Spielplatz für die benachbarte Kindertagesstätte. Die Dächer wurden insgesamt begrünt, dies auch im Hinblick auf Vögel und Insekten aus dem benachbarten Englischen Garten. Sanierung, Umbau und Erweiterung haben 66 Millionen Euro gekostet.
2024: Wiedereröffnung Nach achtjähriger Schließung fand am 16. April 2024 die Wiedereröffnung der Archäologischen Staatssammlung statt. Eingerahmt und bedeckt von den rostfarbenen Stahlplatten erhebt sich nach wie vor der stufenförmig gestaffelte Baukörper, ein großer Teil der Archäologischen Staatssammlung liegt wie bisher unter der Erde. Im Zuge der Generalsanierung gestaltete das auf Museen und Ausstellungen spezialisierte Atelier Brückner das gesamte Innenleben des Museums neu. Das Foyer bietet nun Platz für Museumspädagogik und Vorträge. Das Café im Eingangsbereich und die Dachterrasse mit Bar sind ohne Ticket frei zugänglich. Insgesamt stehen 2.100 m² Ausstellungsfläche zur Verfügung, 1400 m² Dauerausstellungsfläche und 700 m² für Sonderausstellungen.
Gemäß dem neuen Museumskonzept sollen nicht mehr die archäologischen Funde nach verschiedenen Epochen aneinandergereiht werden, betonte der Museumsleiter Rupert Gebhard bei der Eröffnung. Ihm sei wichtig, soziale und wirtschaftliche Aspekte zwischen Mensch und Natur sowie gesellschaftliche Entwicklungen im Laufe der Geschichte deutlich zu machen. Ausgerichtet ist das Konzept auch auf Kinder und Jugendliche. Neben klassischen Texttafeln gibt es Mitmach-Stationen, Klanginstallationen und Gegenstände, die zum Anfassen einladen. Via Handy kann man über QR-Codes Informationen, Audiodateien oder Filme abrufen.
Abteilungen der Archäologischen Staatssammlung
Kernaufgaben der Archäologischen Staatssammlung sind das Sammeln, Bewahren und Präsentieren archäologischer Funde und Befunde aus Bayern. Untergliedert ist die Staatssammlung in verschiedene Fachabteilungen. Beginnend mit der umfangreichen Abteilung für Vor- und Frühgeschichte, die auch die Völkerwanderungszeit, unterteilt in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit, wozu auch Keltenepoche zählt, in die Römerzeit, und die Abteilung Mittelalter/Neuzeit. Ein eigener Bereich ist die Einbindung von Bayern in die historischen Geschehnisse im Bereich „Mittelmeer und Vorderer Orient“. Alle Epochen übergreifende Abteilungen sind das Depot der Staatssammlung, die Numismatik und die Restauration mit eigenen Werkstätten. Hinzu kommen die von mehreren Fachabteilungen betreuten Zweigmuseen. Diese Aufteilung spiegelt sich in der administrativen Struktur der Staatssammlung wider, und auch in der wissenschaftlichen Arbeit der in der Sammlung und im Museum tätigen 68 Mitarbeiter.
Vorgeschichte Die Vor- und Frühgeschichte ist der früheste in der Staatssammlung dargestellte Abschnitt der Geschichte Bayerns. Er erstreckt sich über rund 250.000 Jahre, von den ersten Funden aus der Altsteinzeit – wie beispielsweise Steinwerkzeugen und einer Flöte aus Rehknochen – bis hin zu ersten Schriftzeugnissen in der Latènezeit. Die Epoche erstreckt sich vom Auftreten des Neandertalers und des Homo sapiens sapiens bis zur Kultur der Kelten während der Eisenzeit. Zu den Höhepunkten der Sammlung gehören figürliche Darstellungen aus der Alt- und Jungsteinzeit, Grab- und Depotfunde der Bronzezeit (Ende 2. Jahrtausend – 8. Jahrhundert v. Chr.) und Grabausstattungen der Eisenzeit (800 – 15 v. Chr.).
Im 2. Jahrtausend v. Chr. tritt mit einer technologischen Neuerung ein tiefgreifender Wandel ein: Eine neuartige Legierung aus Kupfer und Zinn wird zur Bronze (Ende 2. Jahrtausend – 8. Jahrhundert v. Chr.). Die archäologischen Funde zeigen, wie Bronze weite Teile des Lebens – Waffen, Geräte und Schmuck – prägt. Deutlich wird auch, wie die während der Bronzezeit vorherrschenden Kulturen nach der verbreiteten Bestattungsform unterschieden werden: in Flachgräber der Frühbronzezeit, Hügelgräber der Mittelbronzezeit und Urnenfelderbestattungen der Spätbronzezeit.
Die latènezeitliche, sogenannte keltische Kunst verarbeitet Anregungen aus Etrurien, Griechenland, dem Nahen Osten und dem skythischen Raum. Am Ende der Eisenzeit entstehen mit den Oppida die ersten Städte nördlich der Alpen. Das Oppidum von Manching ist eine der bedeutendsten keltischen Ausgrabungsstätten Europas. Bedeutsam sind die keltischen Münzschätze und die Werke der keltischen Kleinkunst, darunter aus dem Oppidum von Manching.
Mittelmeer und Vorderer Orient Gegründet wurde dieser Bereich im Jahr 1973 von dem damaligen Direktor Hans-Jörg Kellner als „Abteilung für Vorgeschichte des Mittelmeerraumes und des Vorderen Orients“. Er wollte damit die Beziehungen Bayerns zu Kulturen des mitteleuropäischen und mediterranen Raumes belegen und die überregionalen kulturgeschichtlichen Zusammenhänge aufzeigen. Die ältesten Funde in diesem Bereich wie jungsteinzeitliche Steinwerkzeuge oder Keramikgefäße stammen aus Frankreich, Italien oder Afrika, speziell aus der Sahararegion. Fundorte der Kupfer- und Bronzezeit sind Anatolien, der Levante und Zypern. Bestände römischer Terra Sigillata aus nordafrikanischen Werkstätten werden in Bezug zu Produkten aus nordalpinen Werkstätten gesetzt, um den Handel sowie den Technologie- und Ideentransfer zu veranschaulichen.Harald Schulze, Über die Archäologie Bayerns hinaus. Die Abteilung «Mittelmeerraum und Vorderer Orient» an der Archäologischen Staatssammlung in München, in: Antike Welt 2/2024, S. 84–87. In der neuen Dauerausstellung ergänzen Objekte mit außerbayerischem Fundkontext die Themenschwerpunkte. So zeigt eine tönerne Bau-Urkunde aus Mesopotamien, wie durch Inschriften – hier als Text in Keilschrift – exakte archäologische Datierungen gewonnen werden können. Ein Goldmedaillon aus dem Reich Urartu macht die Verbindung von Gottesvorstellungen mit kosmischen Symbolen anschaulich und ein Relief mit dem stiertötenden Gott Mithras verdeutlicht die Ausbreitung monotheistischer Religionen in der römischen Kaiserzeit.
Römerzeit