mini|Heinz-Josef Bontrup, 2008 Heinz-Josef Bontrup (* 8. Februar 1953 in Haltern, heute Haltern am See) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor.

Leben Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bremen mit Abschluss 1981 zum Diplom-Ökonom erfolgte dort 1985 auch seine Promotion zum Dr. rer. pol. mit dem Thema Preisbildung bei Rüstungsgütern. Von 1985 bis 1990 war er Wissenschaftlicher Abteilungsleiter am Progress Institut für Wirtschaftsforschung mbH Bremen und von 1990 bis 1995 Arbeitsdirektor in der Stahlwerke Bochum AG, einer Thyssen-Tochter. Von 1996 bis 2019 war er Professor für Wirtschaftswissenschaft mit dem Schwerpunkt Arbeitsökonomie im Fachbereich Wirtschaftsrecht an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen am Campus Recklinghausen.Heinz-Josef Bontrup: Abschiedsvorlesung Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup, 24. Januar 2019, abgerufen am 29. Mai 2020. Von 2018 an bis 2024 war er Gast-Professor an der Universität Siegen, Fakultät III, Plurale Ökonomik.

Bontrup war Mitverfasser und Mitherausgeber der jährlichen Memoranden der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memorandum-Gruppe) sowie deren Sprecher. Außerdem war er von 2010 bis 2021 Direktor am Westfälischen Energieinstitut der Westfälischen Hochschule und ist heute Vorstandsmitglied. Er ist ökonomischer Berater und Part der Kanzlei Leifeld/Niechoj/Scholten, Fachanwälte für Arbeitsrecht in Bochum. Von 2011 bis 2014 war er Mitglied im Expertenrat zur Reform der Wirtschafts- und Währungsunion der Europaministerin des Landes Nordrhein-Westfalen (organisiert von der Forschungs-Initiative NRW in Europa, FINE) an der Universität Düsseldorf sowie von 2013 bis 2015 Wissenschaftlicher Sachverständiger in der Enquete-Kommission III des Landtags Nordrhein-Westfalen zur Bewertung der Tragfähigkeit öffentlicher Haushalte in Nordrhein-Westfalen unter den Bedingungen der Schuldenbremse und des demographischen Wandels. Bontrup ist auch Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung und war von 2016 bis 2021 Mitglied im Aufsichtsrat der VGH Versicherungen Hannover. Schließlich ist er Sachverständiger im Deutschen Bundestag und verschiedenen Landtagen sowie Präsidiumsmitglied des gemeinnützigen Instituts für Wissenschaft und politische Bildung (iWiPo).

Seit 2015 schreibt Bontrup zudem regelmäßig wirtschaftspolitische Kolumnen in der Frankfurter Rundschau. Auch in taz, junge Welt,Siehe etwa: Schwimmen in Gewinnen, in: junge Welt, 17. Juli 2019. Oxi, Ossietzky, Neues Deutschland, der Freitag, Makroskop und auf den NachDenkSeiten sowie in Surplus finden sich seine Beiträge.

Im Januar 2019 wurde Bontrup emeritiert und hielt am 24. Januar 2019 seine Abschiedsvorlesung. Er ist verheiratet und lebt in Witten.

Auszeichnung/Ehrung Am 21. März 2018 wurde Bontrup für sein „lebenslanges Engagement im wirtschaftswissenschaftlich-sozialpolitischen Bereich und seine umfangreiche ehrenamtliche und bundesweite Aufklärungsarbeit in sozialpolitischen und wirtschaftlichen Fragen“ das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.Recklinghäuser Professor erhält Bundesverdienstkreuz bei w-hs.de

Wirtschaftspolitische Positionen

Bontrup gilt als kritischer sowie wortgewandter links-keynesianischer Ökonom. Deutschlandfunk Zwischentöne. Musik und Fragen zur Person vom 11. August 2019 vgl. htt://lecture2go.uni-hamburg.de, vgl. Ralf-M. Marquardt, Peter Pulte (Hrsg.), Mythos Soziale Marktwirtschaft. Festschrift für Heinz-J. Bontrup, Köln 2019, ISBN 978-3-89438-692-4 Er vertritt dabei als ausgebildeter promovierter Dipl.-Ökonom eine interdisziplinäre Ökonomik zwischen BWL (Einzelwirtschaft) und VWL (Gesamtwirtschaft). Nur ein holistisches Denken zwischen Einzel- und Gesamtwirtschaft ist dabei für ihn gesellschaftlich zielführend. Seine wirtschaftspolitischen Positionen wenden sich deutlich gegen den neoliberalen Mainstream vgl. Bontrup, H.-J., Arbeit, Kapital und Staat. Plädoyer für eine demokratische Wirtschaft, 6. Aufl., Köln 2021 . Er kritisiert hier die unheilvolle einseitige (naive) Marktgläubigkeit auf Güter-, Arbeits- und Finanzmärkten als eine ökonomische Irrlehre. Die sogenannten „Selbstheilungskräfte der Märkte“ hält er in diesem Duktus für eine Mär. Auch der Wettbewerb führe ohne strenge staatliche Kontrollen am Ende nur zu einer nicht mehr kontrollierbaren Kapital- und Machtkonzentration, die immanent den Wettbewerb zerstört und zu engen Oligopolen und Monopolen führt. vgl. Bontrup, Heinz-J., Wettbewerb und Markt sind zu wenig, in: APuZ, Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung: Das Parlament, 13/2007, ISSN 0479-611X. Außerdem unterminiert privatwirtschaftliche Macht den Primat der Politik und gefährdet dadurch die indirekte (parlamentarische) Demokratie. vgl. Bontrup, Heinz-J., Wo geht es hier bitte zur Marktwirtschaft? Marktwirtschaftliche Ordnung, Wettbewerb und Wirtschaftsmacht, Bergkamen 2012, Bontrup, Heinz-J., Konzentrationsprozesse in der Europäischen Union, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 40. Jg., Heft 11/1995, ISSN 0006-4416

Bontrup spricht sich in vielen Veröffentlichungen für mehr direkte politische Demokratie durch Volksentscheide und eine Demokratisierung der Wirtschaft aus. In der Wirtschaft sieht er ein System, das primär dem arbeitenden Menschen zu dienen hat und nicht einer kleinen Schicht von Kapitaleigentümern. Er fordert eine paritätische Mitbestimmung zwischen Kapital und Arbeit in den Unternehmen. Die heute vorliegende autokratische Herrschaft der Kapitaleigentümer in den Unternehmen führt laut Bontrup nur zu suboptimalen Ergebnissen sowohl in der Einzel- als auch in der Gesamtwirtschaft. vgl. Bontrup, Heinz-J. (2020): Arbeit, Kapital und Staat. Plädoyer für eine demokratische Wirtschaft. 6. Aufl., Köln: PapyRossa Verlag, Bontrup, Heinz-J., Wirtschaftsdemokratie und sozialökologischer Fortschritt, in: WISO, Wirtschafts- und Sozialpolitische Zeitschrift, 35. Jg., Heft 2/2012 ISSN 1012-3059

Bontrup vertritt die Arbeitswerttheorie, wonach nur die Arbeitskraft in der Lage ist einen Mehrwert zu produzieren. Das im Produktionsprozess eingesetzte Kapital (Produktionsmittel) sind dabei lediglich ein derivativer Produktionsfaktor, der ohne das Zutun lebendiger Arbeit nicht hätte entstehen können. Die Verteilung der arbeitsteilig geschaffenen Wertschöpfungen auf Arbeitsentgelte (Lohnquote) und Mehrwert (Zins, Grundrente, Gewinn) (Mehrwertquote) spielen hier deshalb für Bontrup auch eine bedeutende Schüsselrolle für eine wissenschaftlich fundierte Wirtschaftspolitik. vgl. Bontrup, Heinz-J., Nur menschliche Arbeit schafft wirtschaftlichen Wert, in: Surplus, Das Wirtschaftsmagazin vom 25. Januar 2026

Auf den Arbeitsmärkten prangert er die Ausweitung des Niedriglohnsektors und prekarisierte Beschäftigungsverhältnisse an. Die seit langem bestehende chronische Arbeitslosigkeit mit hohen fiskalischen und gesellschaftlichen Kosten verbunden, sieht Bontrup als ein politisches Disziplinierungsinstrument gegenüber Arbeitslosen und abhängig Beschäftigten zum Vorteil der Kapitaleigentümer. Er fordert einen gesetzlichen und armutsfreien Mindestlohn (auch wegen späterer Rentenzahlungen) sowie Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohn- und Personalausgleich. vgl. Bontrup, Heinz-J. (2021): "Verwirrung um Arbeitslosigkeit und ihre Statistik", in: GWP – Gesellschaft. Wirtschaft. Politik, 1/2021, Bontrup, Heinz-J., Niggemeyer, L., Melz, Jörg, Arbeitfairteilen, Massenarbeitslosigkeit überwinden!, Hamburg 2007, ISBN 978-3-89965-249-9

In der Finanzpolitik lehnt Bontrup eine auf Austerität fokussierte Wirtschaftspolitik strikt ab. Er fordert verstärkte staatliche Investitionen statt kontraproduktiver Schuldenbremsen. vgl. Bontrup, Heinz-J., Der diskreditierte Staat. Alternativen zur Staatsverschuldung und zu Schuldenbremsen, Bergkamen 2012, ISBN 978-3-88515-238-5, Bontrup, Heinz-J., Staatsschulden erlassen - aber wie?, in: ReWir, Recklinghäuser Beiträge zu Recht und Wirtschaft, Nr. 56/2021, Westfälische Hochschule, Fachbereich Wirtschaftsrecht, ISSN 2191-866X Er spricht sich deutlich für Staatsverschuldung als ein wichtiges antizyklisches Kriseninstrument aus. Staatliche Ausgaben für Rüstungsgüter haben hier für ihn aber einen parasitären wirtschaftlichen Charakter. Die multiplikativen Effekte auf das Bruttoinlandsprodukt und auf das Volkseinkommen sich im Vergleich zu zivilen Staatsausgaben um ein Vielfaches kleiner. vgl., Bontrup, Heinz.-J., Preisbildung bei Rüstungsgütern, Köln 1986, ISBN 3-8046-8677-X. Auf der staatlichen Einnahmenseite fordert Bontrup eine höhere Besteuerung von hohen Einkommen und die Wiedereinführung einer Vermögensteuer für hohe Vermögensbestände sowie eine drastische Anhebung der Erbschaftssteuersätze und nicht zuletzt eine wirkungsvolle Bekämpfung der Steuerkriminalität. vgl. Bontrup, Heinz-J.,, Pikettys Kapitalismus-Analyse. Warum die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, Bergkamen 2014, ISBN 978-3-88515-260-6, Bontrup, Heinz-J., Durch Umverteilung von unten nach oben in die Krise, in: Expertise, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2010, ISBN 978-3-86872-504-9

Wichtig ist zum Zusammenhalt der Gesellschaft für Bontrup ein Sozialstaat. Hier müssen bei den Sozialversicherungen die hohen Einkommen, wie bei der Steuer, relativ bei den Beitragssätzen durch höhere Bemessungsgrenzen in der Kranken- und Pflegeversicherung mehr belastet werden, als die niedrigen Einkommen. Eine grundsätzliche klassenimmanente Umverteilung lehnt Bontrup hier aber ab. vgl. Bontrup, H.-J., Erbeuteter Reichtum. Wege aus der neoliberalen Zerstörung, Köln 2025

In jüngerer Zeit hat sich Bontrup auch durch viele Veröffentlichungen zur Energiewende hervorgetan. Hier spricht er sich deutlich für eine Energiewende auf Basis erneuerbarer Energieträger bei notwendiger technischer Machbarkeit aus, die aber im Wesentlichen eine Versorgungssicherheit von Energie gewährleisten muss. Die Umwelt habe jetzt endlich einen Preis bekommen. Die dadurch notwendig gewordenen Preiserhöhungen müssten jedoch auch sozial ausgesteuert und abgefedert werden. Energie muss bezahlbar bleiben, sonst käme es zu volkswirtschaftlichen Fehlallokationen und gesellschaftlichen politischen Verwerfungen. vgl. Bontrup, Heinz-J., Marquardt, Ralf-M., Die Zukunft der großen Energieversorger, Konstanz, München 2015, ISBN 978-3-86764-636-9. Auch hier will Bontrup den Energiesektor nicht ausschließlich den Marktgesetzen überlassen. vgl. Bontrup, H.-J., Marquardt, R.-M., Die Energiewende. Verteilungskonflikte, Kosten und Folgen, Köln 2015, Bontrup, H.-J., Socio-Economic Framework Conditions - The Macroeconomic Effects of the Energy Transition and the Resulting Political Challenges, in: Edited by Jörg Böttcher, Carbon Free, The Way Forward, Berlin 2025, ISBN 978-3-110-78417-6

Schriften (Auswahl) Nachfragemacht von Unternehmen. Ursachen und Wirkungen sowie Bekämpfungsmöglichkeiten der Nachfragemachtausübung von Handelsunternehmen auf den Wettbewerbsprozess. Köln 1983, ISBN 3-7609-5159-7. Preisbildung bei Rüstungsgütern. Zugleich Dissertation Universität Bremen. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1986, ISBN 3-8046-8677-X. Zur Erfassungsproblematik der Arbeitslosigkeit. In: Das Wirtschaftsstudium (WISU). 27. Jg., Heft 1/1998, ISSN 0340-3084. Mit Norbert Zdrowomyslaw: Die deutsche Rüstungsindustrie. Vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Ein Handbuch. Distel-Verlag, Heilbronn 1988, ISBN 3-923208-18-9. Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie. Oldenbourg, München/Wien 1998, ISBN 3-486-24233-4; 2. Auflage. ebd., 2004, ISBN 3-486-57576-7. Konzentrationsprozesse in der Europäischen Union. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 40. Jg., Heft 11/1995. Mit Peter Pulte: Handbuch Ausbildung. Zur Berufsausbildung im dualen System. Oldenbourg Verlag, München/Wien 2001, ISBN 3-486-25150-3.