Die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (kurz: GSSD; ) bezeichnet Gliederungen der Land- und Luftstreitkräfte der Sowjetarmee, die von 1945 bis 1994 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) sowie in West-Berlin und seit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland stationiert waren. Von 1988 an, über die Auflösung der Sowjetunion 1991 hinaus, bis zum Abzug der dann russischen Truppen 1994 war die offizielle Bezeichnung Westgruppe der Truppen (kurz: WGT, russisch: ). Am Ende wurde für die Kennzeichnung der Militärfahrzeuge das rot/gelbe Logo mit ‚ЗГВ‘ und russischer Fahne benutzt. In der Bundesrepublik bezeichnete man sie auch als Gruppe der Sowjetischen Truppen in Deutschland (GSTD).

Die sowjetischen Truppen in der DDR stellten das größte Truppenkontingent dar, das jemals über einen so langen Zeitraum von einer Besatzungs- bzw. Stationierungsmacht im Ausland unterhalten wurde.

Kampfführung Die Militärdoktrin der GSSD, deren Kampfkraft von der Führung des Warschauer Paktes als hoch eingeschätzt wurde, war durch hohe Geschwindigkeit und hohe Beweglichkeit der vollmotorisierten Verbände, zusammen mit den Luftsturmtruppen, stark offensiv ausgelegt. Die stärkste Massierung fand sich im Bereich der 2. Garde-Panzerarmee und 3. Stoßarmee, ausgehend vom Truppenübungsplatz Altmark über Neuruppin bis Schwerin, und bedrohte damit die gegenüberliegenden NATO-Verbände, insbesondere von NORTHAG. Im Falle eines Angriffes sollte durch einen zügigen VorstoßBeispielsweise mithilfe einer Operativen Manövergruppe (OMG). die Verteidigung der NATO durchbrochen und ihre Versorgungslinien zerschnitten werden. Vorwärts eingesetzte taktische Atomwaffenanlagen galt es zu überrennen und Gegenangriffe des Gegners möglichst frühzeitig zu zerschlagen. In der zweiten Phase sollten Räume besetzt werden, in denen kanadische, US-amerikanische oder britische Reserven angelandet werden können, um deren Eingreifen auf dem Kriegsschauplatz zu unterbinden (vergleiche Return of Forces to Germany). Ähnlich wie die NATO war die GSSD dazu befähigt, ein Gefecht der verbundenen Waffen im Kampf zu führen.

Ausrüstung Im Jahr 1982 war die GSSD mit modernen Waffensystemen wie dem T-72, T-64 und BMPIm hinteren Kampfraum hat eine aufgesessene mot. Schützengruppe von zehn Mann Platz. für eine hochbewegliche Kriegsführung ausgestattet. Sie verfügte über insgesamt 5000–7000 Kampfpanzer sowie 2350 Schützenpanzerwagen.Nach Adelbert Weinstein: Die Konzeption für den Einsatz der sowjetischen Truppen in Deutschland. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. März 1979.Andere Quellen gingen von 10.500 mittleren bis schweren Panzern oder 5000–6000 Kampfpanzern aus. Die motorisierten Schützenregimenter verfügten seit 1976 über jeweils ein Panzerartilleriebataillon mit 18 Stück 122-mm-Panzerhaubitzen vom Typ 2S1.drei Batterien zu je sechs Panzerhaubitzen Dazu kamen zu jedem Panzer- oder motorisierten Schützenregiment je acht Flugabwehr-Selbstfahrlafetten ZSU-23-4. Die Feld- und Raketenartillerie wurde bis Mitte der 1970er Jahre modernisiert, darunter Raketenwerfer.

Ein Artillerieregiment bestand seit 1977 aus dem Regimentsstab und 18 152-mm-Kanonenhaubitzen M1955, Feldhaubitzen und zwei Bataillonen mit 122-mm-Kanonenhaubitzen M1963. Sämtliche GSSD-Divisionen verfügten seit 1978 über ein Raketenbataillon für die Fernbekämpfung von Zielen bis 300 km.

Die taktische Luftflotte verfügte über 120 Aufklärungsflugzeuge, 680 Jäger und Jagdbomber, 100 leichte Bomber und 120 Transporter und Hubschrauber. Die Masse der Jagdverbände bestand aus Allwetterjägern MiG-21, teilweise MiG-25, Jak-28P.

Das Rückgrat der Jagdbomber bildeten die Su-7BM und MiG-21SMT. Hinzu kamen Schwenkflügel-Jagdbomber wie die MiG-23B und der Fernaufklärer MiG-25R. Die Frontfliegerkräfte konnten zur Unterstützung der Bodentruppen auf Mi-24-Kampfhubschrauber zurückgreifen.

Geschichte mini|hochkant|Abschiedsstele auf dem Flugplatz Großenhain, versehen mit dem Orden des Vaterländischen Krieges

Die GSSD ging am 26. März 1954 aus der Gruppe der Sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland (GSBT bzw. GSBTD; russisch: ) hervor, die in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) seit dem 29. Mai 1945 bestand. Die GSBT setzte sich nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs aus Truppenteilen der Ersten Weißrussischen Front, der Zweiten Weißrussischen Front sowie der Ersten Ukrainischen Front der Roten Armee zusammen. Der Sitz des Oberkommandos befand sich bis wahrscheinlich 1951/1952 in Potsdam-Babelsberg und wurde dann nach Wünsdorf verlegt.

Besatzung

Diese Truppen hatten die Aufgabe, für die Einhaltung der Bestimmungen des Potsdamer Abkommens zu sorgen. Sie sicherten dabei neben der innerdeutschen Grenze (zunächst Zonengrenze genannt) auch die Demontage von Industrieanlagen und nahmen während der Berlin-Krise 1948/1949 Polizeiaufgaben wahr. Sie dienten vor allem zur Durchsetzung der militärischen und politischen Interessen der Sowjetunion.

Die Stärke der GSBT sank von ursprünglich etwa 1,5 Millionen Mann bis Ende 1947 auf 350.000 Mann. Ab 1949/1950 wurde die Truppe wegen des durch Berlin-Krise und Koreakrieg verschärften Ost-West-Konflikts verstärkt und aufgerüstet; die Personalstärke der sowjetischen Besatzungstruppen wuchs auf 500.000–600.000 Soldaten. Bis 1953 war das Personal der GSBT eng mit der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (bis 1949) und danach mit der Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) verbunden.

Mit der Auflösung der SKK am 28. Mai 1953 wurden Besatzungstruppen und Verwaltung voneinander getrennt. Der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und der sowjetische Botschafter waren die höchsten sowjetischen Repräsentanten in der DDR.

Beim Aufstand vom 17. Juni 1953 verhängte die sowjetische Militärführung den Ausnahmezustand (Kriegsrecht). Die GSBT setzte in Ost-Berlin hierzu die 1. und 14. Mechanisierte Division und die 12. Panzerdivision mit insgesamt 600 Panzern vom Typ T-34 ein und in anderen Teilen der DDR weitere 13 Divisionen.

Am 25. März 1954 gab die sowjetische Staats- und Parteiführung unter Nikita Chruschtschow bekannt, die DDR solle die volle staatliche Souveränität erhalten. Einen Tag später wurde die GSBT in Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) umbenannt, was das Ende der Besatzungszeit signalisierte. Mit der formalen Souveränitätserklärung war zudem der Weg frei, die DDR in den Warschauer Pakt aufzunehmen. Am 20. September 1955 unterzeichneten die Sowjetunion und die DDR einen Staatsvertrag.

Die Hauptaufgabe der GSSD war angeblich die Sicherung der DDR gegen die NATO. Ihre starke personelle und materielle Ausstattung, ab Mitte/Ende der 1950er Jahre einschließlich Atomwaffen, ließ unverkennbar ihre offensive Ausrichtung gemäß der sowjetischen Militärdoktrin erkennen, was westliche Länder als Bedrohung wahrnahmen (siehe Kalter Krieg).

Stationierungsabkommen mini|Karte mit Armeestandorten

Am 12. März 1957 wurde zwischen den Regierungen der Sowjetunion und der DDR in einem Abkommen über den zeitweiligen Aufenthalt sowjetischer Streitkräfte auf dem Territorium der DDR vereinbart, dass die zahlenmäßige Stärke der sowjetischen Truppen, ihre Stationierungsorte und Übungsräume mit den Staatsorganen der DDR abgestimmt werden. In diesem Abkommen wurde ferner festgelegt, dass sich die sowjetischen Streitkräfte nicht in die inneren Angelegenheiten der DDR einmischen.

1956/1957 zogen die 18. Armee und zwei Divisionen mit insgesamt rund 33.000 Soldaten ab. Von April bis September 1959 wurden zudem sowjetische Mittelstreckenraketen vom Typ R-5M (NATO-Codename SS-3 Shyster) in der DDR in Fürstenberg/Havel und in Vogelsang (südöstlich dieser Stadt) mit der 72. Ingenieurbrigade stationiert.

1963 betrug die Mannschaftsstärke der GSSD 386.000 Soldaten, davon gehörten 46.000 zur 16. Luftarmee. Zur Ausrüstung zählten 7.500 Panzer, 100 Taktische Raketen, 484 Jagdflugzeuge, 146 Jagdbomber, 101 Aufklärungsflugzeuge, 122 Bomber und 80 Hubschrauber.

1968 waren die Truppen der GSSD an der Niederschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei beteiligt. Es kamen hierbei die 1. Gardepanzerarmee (Dresden) mit vier Divisionen, die 20. Gardearmee mit drei Divisionen (insgesamt rund 2000 Panzer) und Teile der 16. Luftarmee zum Einsatz.

Auf Beschluss der Regierung der UdSSR wurden 1979/1980 rund 20.000 Armeeangehörige, 1000 Panzer und zahlreiche Einrichtungen vom Territorium der DDR abgezogen.

In den Sonderwaffenlagern Himmelpfort und Stolzenhain verwahrte die GSSD von 1968 bis 1990 Kernwaffen, die im Kriegsfall an Einheiten der NVA ausgegeben werden sollten. Auf bedeutenden Militärflugplätzen, wie beispielsweise Großenhain und Altenburg, waren Kernwaffen eingelagert. Diese Standorte wurden gegenüber der Bevölkerung der DDR stets geheim gehalten.

Im Zuge der Perestroika und dem damit verbundenen Schwenk der sowjetischen Politik unter Michail Gorbatschow begann die Reduzierung der GSSD. Bereits zwischen 1989 und 1991 wurden alle atomaren Kurzstreckenraketen (NATO-Bezeichnung: SS-12, SS-23), drei Panzerdivisionen sowie eine Luftsturmbrigade und Pionierübersetzkräfte abgezogen, dazu 1991 die 3. Garde-Speznas-Brigade.

Während der friedlichen Revolution in der DDR 1989/1990 blieben die sowjetischen Truppen in ihren Kasernen und griffen nicht ein, was Grundvoraussetzung für das Gelingen der friedlichen Revolution war.

Spätestens am 29. Juni 1991 sollen in Deutschland keine sowjetischen Atomwaffen mehr stationiert gewesen sein (auch die offenkundig letzten in Altengrabow nicht mehr). So äußerte sich jedenfalls der letzte Chef der GSSD, Matwei Prokopjewitsch Burlakow, gegenüber dem damaligen deutschen Inspekteur des Heeres Jörg Schönbohm.Märkische Allgemeine, 19. April 2012, S. 3.

Im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrages, der den Weg zur deutschen Wiedervereinigung 1990 ebnete, wurde der Abzug der sowjetischen Truppen bis zum 31. Dezember 1994 vereinbart.

Abzug mini|Abzug von sowjetischen Waffen und Gerät über den Hafen in Rostock, 1991

Der Abzug war die in der Militärgeschichte größte Truppenverlegung zu Friedenszeiten. In Folgeverhandlungen wurde der Termin auf den 31. August 1994 vorverlegt. Als Gegenleistung verpflichtete sich Deutschland, der Sowjetunion bzw. der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten rund 15 Milliarden Deutsche Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund  Milliarden Euro) zur Deckung der Kosten für die Rückführung, für Umschulungsmaßnahmen der Soldaten und für den Aufbau von Wohnungen zu zahlen. Trotz der Schwierigkeiten, die sich aus der Auflösung der Sowjetunion im gleichen Zeitraum ergaben, wurde der Abzug planmäßig und fristgemäß bis Ende August 1994 vollzogen. Abgezogen wurden sechs russische Armeen und weitere Truppenverbände.Horst Beutler: Landschaft in neuer Bestimmung – Russische Truppenübungsplätze. Findling Verlag, 2000, ISBN 978-3-933603-11-1. Der Rücktransport der Truppen und des Materials verlief vor allem auf dem Seeweg über den Hafen Rostock und den Fährhafen Sassnitz sowie per Bahn durch Polen.