Harry Glaß (* 11. Oktober 1930 in Klingenthal/Sa.; † 14. Dezember 1997 in Rodewisch) war ein deutscher Skispringer. Er gewann mit Bronze im Skispringen bei den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina d’Ampezzo die erste olympische Medaille für die DDR. Neben Helmut Recknagel und Werner Lesser gehörte er zu den ersten drei Skispringern der DDR, die in der Weltspitze mitsprangen.
Leben Der Sohn eines Schuhmachers wuchs zunächst im vogtländischen Klingenthal auf. Nach der Scheidung seiner Eltern ging Glaß noch als Jugendlicher, wohl noch während des Zweiten Weltkrieges, mit seinem Vater nach Wasserburg am Inn. Als dieser dort tödlich verunglückte, kehrte Glaß 1946 in seine Heimat, die nun in der sowjetischen Besatzungszone lag, zurück. Dort erlernte er von 1946 bis 1950 in Klingenthal ebenfalls den Beruf des Schuhmachers.Freie Presse vom 5. Februar 2016 Seite Sport Ab 1950 war er als Hauer im Uranabbau der SDAG Wismut, ab 1954 als Schießmeister tätig. Zunächst Fußballspieler, begann er ab 1952 parallel mit dem Skisprungtraining bei der damaligen BSG Wismut Klingenthal. Später absolvierte er ein Sportfachstudium.
1956 wurde Glaß mit der Übernahme in den SC Dynamo Klingenthal Angehöriger der Deutschen Grenzpolizei, die damals dem Ministerium des Inneren unterstand. Beim Ausscheiden aus der DGP trug er den Rang eines Oberleutnants. Als Mitarbeiter des SC Dynamo gehörte er der Deutschen Volkspolizei an, sein letzter Dienstgrad war Major.
Der ehemalige Skispringer Henry Glaß ist weder verwandt noch verschwägert mit ihm.
Sportkarriere Erste Anfänge Glaß konnte bereits im Winter 1952 einen ersten Erfolg feiern. Bei den Sächsischen Wintersportmeisterschaften gewann er auf der Altenberger Schanze des Friedens mit einer Weite von 48,5 Metern hinter Landesmeister Herbert Leonhardt und dem Zweitplatzierten Siegmund Leonhardt im Spezialsprunglauf die Bronzemedaille.Neue Zeit. 22. Januar 1952, S. 6. Bei den III. Wintersportmeisterschaften der DDR, die Ende Januar/Anfang Februar 1952 in Oberhof stattfanden, reichte es für Glaß noch nicht für einen Podestplatz. Allerdings konnte er in der Folge zwei Vergleichsspringen der sogenannten DDR-Kernmannschaft in MühlleithenNeue Zeit. 12. März 1952, S. 6. und SchierkeBerliner Zeitung. 1. April 1952, S. 4. gewinnen. Mitglieder dieser Kernmannschaft waren unter anderem Werner Lesser, Herbert Queck und der noch aktive Hans Renner. Eine erste größere Bewährungsprobe bestand Glaß 1953 bei den 35. deutschen Nordischen Skimeisterschaften, bei denen erstmals eine Delegation mit DDR-Sportlern teilnahm. Auf der Murgtalschanze erreichte der Klingenthaler als bester DDR-Vertreter einen 5. Platz.Neue Zeit. 11. Februar 1953, S. 5. Bei den kurz darauf folgenden DDR-Meisterschaften, die für die Spezialspringer in Oberwiesenthal stattfanden, verpasste Glaß jedoch erneut eine Medaille. Dadurch wurde er nicht für die Akademischen Winterspiele nominiert, bei denen Werner Lesser, Kurt Meinel und Siegmund Leonhardt die DDR im Skispringen vertraten.Neue Zeit. 26. Februar 1953, S. 5. Dennoch gehörte Glaß weiterhin der DDR-Kernmannschaft an und wurde nach guten Auftaktleistungen zu Beginn des Jahres 1954 in das Aufgebot für die Nordische Ski-WM im schwedischen Falun, bei der erstmals DDR-Athleten an den Start gehen durften, nominiert. Im Aufgebot wurde er offiziell noch als Athlet der SV Wismut geführt.Neues Deutschland. 4. Februar 1954, S. 8. Glaß gewann zum Beispiel das Neujahrsspringen 1954 in Oberhof.Neues Deutschland. 3. Januar 1954, S. 8. Erwähnenswert ist sein Sprungstil mit angelegten Armen, der im Spitzensport damals sein Alleinstellungsmerkmal und bis Ende der 1960er Jahre ungewöhnlich war. Bei der Weltmeisterschaft erreichte Glaß im Spezialsprunglauf allerdings nur einen 64. Platz von 69 Teilnehmern, da er nach einem guten ersten Durchgang beim zweiten Sprung in den Schnee griff. Insgesamt war das Abschneiden der DDR-Spezialspringer mit einem 49. Platz für Franz Renner und einem 53. Platz für Werner Lesser als weiteren Vertretern eher enttäuschend. Eine Woche nach der WM gewann Glaß jedoch bei den DDR-Meisterschaften im Skispringen in Oberhof seinen ersten DDR-Meistertitel.Neue Zeit. 2. März 1954, S. 5. Nach der Enttäuschung bei den Nordischen und Alpinen Weltmeisterschaften in Schweden beschloss der Deutsche Sportausschuss im Sommer 1954, Schwerpunkte im Wintersport einzurichten. Dies ging einher mit der Gründung von Sportclubs, die ab Herbst 1954 gegründet wurden. Die Sportvereinigung Aufbau gründete den SC Aufbau Magdeburg mit dem Schwerpunkt Wintersport in Klingenthal. Kurze Zeit später, spätestens im Januar 1955 wurde dieser Wintersportschwerpunkt eigenständig unter dem Namen SC Aufbau Klingenthal in der Presse geführt. Auch Harry Glaß wechselte zu diesem Sportclub, wo die Sportler neben ordentlichen Trainingsbedingungen auch eine monatliche Entlohnung bekamen. Zudem wurde der vom aktiven Skispringen zurückgetretene Hans Renner zum Cheftrainer der Spezialspringer ernannt und trainierte damit bei internationalen Vergleichen die Spitzenspringer der DDR, zu denen natürlich neben Werner Lesser auch Harry Glaß gehörte.
Erste Erfolge In der darauffolgenden Saison 1955 konnte Glaß seinen DDR-Meistertitel verteidigen. Hinter ihm kam dabei der aufstrebende, erst 17-jährige Helmut Recknagel, der in Zella-Mehlis von Hans Renner persönlich trainiert wurde, auf den zweiten Platz.Berliner Zeitung. 8. Februar 1955, S. 4. Das erste richtige Achtungszeichen nach der verpatzten WM setzte Glaß bei der Oberstdorfer Skiflugwoche Ende Februar 1955. In einem internationalen Spitzenfeld, das der finnische Vierschanzentourneesieger Hemmo Silvennoinen gewann, belegte er in der Gesamtwertung den fünften Platz.Neue Zeit. 1. März 1955, S. 5. Nachdem die DDR-Springer bei den vorolympischen Wettkämpfen in Cortina noch nicht am Start waren, war die Einladung zur Skiflugwoche der erste Auftritt der DDR-Springer im westlichen Ausland. Werner Lesser bestätigte das gute Abschneiden der Renner-Schützlinge mit Platz 10 der Gesamtwertung. Lediglich Youngster Recknagel fiel noch etwas ab. Generell wurden den DDR-Springern unter dem Trainer Hans Renner in der Saison 1955 enorme Fortschritte bescheinigt. Dies wurde auch von der DDR-Regierung gewürdigt. Im Oktober 1955 erhielten Harry Glaß und Werner Lesser den Titel Meister des Sports.Neues Deutschland. 2. Oktober 1955, S. 8.
Olympisches Edelmetall Die folgende Saison 1955/56 hatte ihren Höhepunkt mit den Olympischen Winterspielen im Februar 1956 im italienischen Cortina d’Ampezzo. Klar war, dass erstmals DDR-Sportler in einer gesamtdeutschen Mannschaft an den Spielen teilnehmen konnten. Allerdings entschieden über die Zusammensetzung des Olympiakaders innerdeutsche Ausscheidungswettkämpfe. Für das Skispringen waren dabei ein Springen in Oberhof am 28. Dezember 1955 sowie die ersten drei Springen der Vierschanzentournee 1955/56 vorgesehen. Dies bedeutet zugleich die erste Teilnahme von Springern aus der DDR an diesem Wettbewerb. In Oberhof wurde Glaß Zweiter hinter Max Bolkart.Neues Deutschland. 29. Dezember 1955, S. 8. Bei der Vierschanzentournee jedoch, nunmehr mit der Weltspitze in Konkurrenz, überraschte Glaß die Fachwelt. Einem dritten Platz zum Auftakt in Oberstdorf folgten zwei zweite Plätze in Garmisch und Innsbruck. Damit führte er nach drei Springen der Tournee die Gesamtwertung an. In der innerdeutschen Rangliste lag er vor Max Bolkart ebenso vorn. Weil man aber vor Olympia noch trainieren wollte, reiste der noch in Innsbruck nominierte Olympiakader ab und nahm so am Springen in Bischofshofen nicht teil. Glaß blieb somit ein Gesamtsieg in der später so prestigeträchtigen Vierschanzentournee verwehrt. Nach Innsbruck reiste die gesamtdeutsche Springerauswahl zum Olympiaort nach Cortina, wo am 8. Januar 1956 der Campari-Cup stattfand. In Abwesenheit der sowjetischen, finnischen und norwegischen Athleten gewann Glaß auf der damals weltweit modernsten Sprungschanze, der erst am 8. Dezember 1955 neu eingeweihten Trampolina Italia, dieses Springen.Berliner Zeitung. 10. Januar S. 4. Damit war er vor den Olympischen Spielen der leistungsstärkste deutsche Skispringer.
Am 20. Januar 1956 reiste Glaß mit Teamkamerad Werner Lesser und Trainer Hans Renner aus Berlin ab. Anders als z. B. die Skilangläufer aus der DDR, die am darauffolgenden Samstag, den 21. Januar in Cortina eintrafen, trainierten die Skispringer noch im schweizerischen Andermatt.Passauer Neue Presse. 24. Januar 1956, S. 7. Beim ersten Training auf der Olympiaschanze zeigte Glaß mit einer Weite von 84 m, das er neben den Finnen durchaus zum erweiterten Favoritenkreis zu zählen war.Passauer Neue Presse. 28. Januar 1956, S. 7.
Das Skispringen fand am letzten Tag der Spiele, am 5. Februar 1956, statt. Nach den Trainingsleistungen vor Ort wurden Glaß, Werner Lesser, Max Bolkart und Josef Kneisl für den Wettkampf nominiert. Speziell um die Personalie Werner Lesser hatte es dabei im Vorfeld viele Diskussionen gegeben, denn der Thüringer war trotz seiner starken Ergebnisse ursprünglich nur als Ersatzmann nominiert. Durch eine Verletzung des vorgesehenen Sepp Weilers, aber auch Lessers Trainingsleistungen wurde der Thüringer letztlich für den Wettkampf nominiert. Harry Glaß sorgte nach dem ersten Durchgang mit der Führung durch einen Sprung von 83,5 m für eine faustdicke Überraschung. Mit 118,5 Punkten lag er einen halben Punkt vor dem Finnen Aulis Kallakorpi und dessen Landsmann Antti Hyvärinen, der wie Max Bolkart mit 115 Punkten den dritten Platz belegte. Allerdings konnte Glaß diese Position im zweiten Durchgang nicht halten. Dem bis dahin eher nicht als Titelfavorit gesehenen Hyvärinen gelang ein stilistisch sauberer Sprung von 84 m, der mit der Tageshöchstpunktzahl von 119,5 bewertet wurde. Glaß wollte nicht stürzen und sprang 80,5 m, für die er 113,5 Punkte erhielt. Der direkt nach ihm springende Kallakorpi sprang genauso weit, erhielt aber mit 114,5 Punkten einen Punkt mehr als Glaß. Damit schoben sich die beiden Finnen noch vor den Klingenthaler, wenngleich Glaß auf den Silberrang nur einen halben Punkt Abstand hatte.Passauer Neue Presse. 6. Februar 1956, S. 5. Dennoch hatte Harry Glaß Historisches erreicht. Mit der Bronzemedaille im Skispringen gewann er die erste Olympiamedaille für einen deutschen Skispringer und zugleich für einen Sportler aus der DDR. Max Bolkart mit Platz vier und Werner Lesser mit Platz acht rundeten das gute deutsche Ergebnis ab, lediglich Josef Kneisl mit Platz 26 blieb hinter den Erwartungen zurück.
Nach den Olympischen Spielen bestritt Glaß zunächst noch ein Springen im schweizerischen St. Moritz, welches er ebenfalls gewann. Anschließend fand sich ein Teil der Springerelite in der Tschechoslowakei ein, wo bei einer Sprungwoche auf drei Schanzen gesprungen wurde. Glaß belegte dabei in Vysoké nad Jizerou den 2. und in Špindlerův Mlýn den 3. Platz. Mit dabei war auch immer Mannschaftskamerad Werner Lesser, der das Springen in Vysoke nad Jizerou gewinnen konnte. Erst am 13. Februar 1956, also gut eine Woche nach dem Springen in Cortina, betrat Glaß wieder heimatlichen Boden. Bei einem Empfang auf dem damaligen Klingenthaler Stalinplatz vor 4.000 Zuschauern erhielt Glaß unter anderem ein Fernsehgerät und einen Schmalfilmprojekor als Sachprämie für seinen Erfolg.Berliner Zeitung. 15. Februar 1956, S. 5.