Wolfsmilch (Euphorbia, umgangssprachlich Euphorbien) ist eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae). Sie ist die einzige Gattung in der Untertribus Euphorbiinae. Nach der Gattung Tragant (Astragalus) ist die Gattung die zweitartenreichste Gattung der Blütenpflanzen.
Beschreibung mini|Sonnwend-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia), Illustration: A Blühende Pflanze, B Cyathium mit männlichen Blüten und weiblicher Blüte, eine unreife Frucht tragend, auf gebogenem Pedicel, 1 Cymöser Blütenstand mit Brakteen, 2 Blatt, 3 wie B, 4 Aufgeschnittenes, abgerolltes Involukrum mit Nektardrüsen und Zipfeln der Brakteolen, 5 Frontaler Schnitt durch 3, 6 Unreife männliche Blüten, 7 Horizontaler Schnitt durch die Frucht, 8 Früchte, 9 Samen.
Vegetative Merkmale Euphorbia-Arten bilden einjährige oder ausdauernde, überwiegend krautige Pflanzen oder verholzende Sträucher oder Bäume. Fast die Hälfte der Arten ist xerophytisch und dann häufig deutlich sukkulent, entweder dornig oder unbewehrt. Alle Arten haben einen ätzenden, giftigen Milchsaft, der in der Regel weiß, in seltenen Fällen gelb ist.
Die Wurzeln können faserig, dick und fleischig oder knollig sein. Die Sprossachse (also der Haupttrieb) und meistens auch Seitentriebe der sukkulenten Arten sind dickfleischig.
Die Laubblätter sind gegenständig, wechselständig oder stehen in Wirteln. Bei sukkulenten Arten sind die Blätter häufig sehr klein, schnell hinfällig und nur im Neutrieb erkennbar. Die Nebenblätter sind meistens klein und teils zu Dornen umgewandelt, drüsig oder völlig reduziert.
Blütenstände und Blüten Alle Euphorbia-Arten besitzen eingeschlechtige Blüten. Es gibt sowohl ein- (monözische) als auch zweihäusige (diözische) getrenntgeschlechtige Arten. Die Blüten sind extrem reduziert und bestehen bei der weiblichen Blüte aus dem nackten Fruchtknoten mit dreiteiliger Narbe, bei der männlichen Blüte aus einem einzelnen Staubblatt. Jeweils eine weibliche Blüte und meist fünf Gruppen von männlichen Blüten sind in einer Cyathium genannten Scheinblüte zusammengefasst. Die fehlenden echten Blütenblätter werden durch auffallende Nektardrüsen des Cyathiums, blütenblattartige Anhängsel der Nektardrüsen oder blütenblattartige Hochblätter ersetzt. Bei eher ursprünglichen und nicht sukkulenten Arten sind die Cyathien meist in endständigen, mehrstrahligen Trugdolden angeordnet. Bei stark sukkulenten Arten stehen die Cyathien meist in seitenständigen und stark reduzierten Blütenständen.
Früchte und Samen Die dreilappigen, selten auch zweilappigen Kapselfrüchte verholzen fast immer bis zur Reife und reißen dann explosiv auf (Ballochorie). Die so mehrere Meter weit geschleuderten Samen sind vierkantig, eiförmig oder kugelig und tragen nicht selten ein Caruncula genanntes Anhängsel.
Milchsaft mini|Austretender Milchsaft „Wolfsmilch“ Der Milchsaft von Euphorbien tritt schon bei kleinen Verletzungen aus und gerinnt bei Luftkontakt innerhalb weniger Minuten. Er enthält eine Vielzahl von Di- und Triterpenestern, deren Zusammensetzung sich artspezifisch unterscheidet. Aufgrund dieser Terpenester ist der Milchsaft je nach Art gering bis sehr stark ätzend sowie hautreizend, was insbesondere an den Schleimhäuten (Augen, Nase, Mund) Entzündungen hervorrufen kann, die starke Schmerzen verursachen. Im Tierversuch wurde festgestellt, dass der Terpenester Resiniferatoxin eine 10.000- bis 100.000-fach stärkere Reizwirkung als Capsaicin besitzt. Auch eine tumorfördernde Wirkung der Terpenester wurde beobachtet.
mini|Mandelblättrige Wolfsmilch (Euphorbia amygdaloides) mini|Palisaden-Wolfsmilch (Euphorbia characias): von Hochblättern umgebene Cyathien mini|Damara-Milchbusch (Euphorbia damarana) mini|Esels-Wolfsmilch (Euphorbia esula) mini|Süße Wolfsmilch (Euphorbia dulcis), haarige Früchte mini|Vielfarbige Wolfsmilch (Euphorbia epithymoides) mini|Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris) (dreiteilige Fruchtknoten) mini|Kreuzblättrige Wolfsmilch (Euphorbia lathyris) mini|Euphorbia esculenta mini|Euphorbia meloformis mini|Christusdorn(Euphorbia milii) mini|Blütenstand der sukkulenten Euphorbia millotii aus Madagaskar mini|Walzen-Wolfsmilch(Euphorbia myrsinites) mini|Dreikantige Wolfsmilch(Euphorbia trigona) mini|Weihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima), eine beliebte Zimmerpflanze und in den Tropen in vielen Parks und Gärten mini|Euphorbia sobolifera, mit peitschenförmigen Trieben, ein erst 2019 entdeckter Endemit aus dem brasilianischen Bundesstaat Bahia mini|Blütenstand von Euphorbia yattana mini|Euphorbia yildirimlii mini|Euphorbia zoutpansbergensis
Verbreitung Von den vier Untergattungen der Gattung Wolfsmilch kommt die nominotypische Untergattung Euphorbia subg. Euphorbia weit verbreitet in den Tropen und Subtropen vor; Euphorbia subg. Athymalus kommt in ariden Gebieten auf der Arabischen Halbinsel, in Afrika, auf Madagaskar und auf den Kanarischen Inseln vor; Euphorbia subg. Chamaesyce findet man vor allem auf dem amerikanischen Doppelkontinent mit einem Schwerpunkt im gemäßigten Nordamerika und Euphorbia subg. Esula kommt vor allem im Mittelmeerraum, im Nahen Osten, in Zentralasien und mit weniger Arten im übrigen Europa, Afrika, im Indo-pazifischen Raum und in Amerika vor.
Systematik Taxonomie Der Gattungsname Euphorbia, von Altgriechischen Sprache euphórbion, leitet sich vermutlich von Euphorbos, einem Leibarzt des Königs Juba II., von Mauretanien her.
Der wissenschaftliche Name Euphorbia wurde dieser Gattung durch Linné 1753 zugeordnet. Die Typusart ist Euphorbia antiquorum
Innere Systematik Euphorbia gliedert sich nach Bruyns et al. 2006 in vier Untergattungen:Peter V. Bruyns, Ruvimbo J. Mapaya, Terrence J. Hedderson: A new subgeneric classification for Euphorbia (Euphorbiaceae) in southern Africa based on ITS and psbA-trnH sequence data. In: Taxon. Band 55, Nr. 2, 2006, S. 397–420 (doi:10.2307/25065587). Euphorbia subg. Chamaesyce Ya Yang, Ricarda Riina, Jeffery J. Morawetz, Thomas Haevermans, Xavier Aubriot & Paul E. Berry: Molecular phylogenetics and classification of Euphorbia subgenus Chamaesyce (Euphorbiaceae). In: Taxon. Band 61, Nr. 4, 2012, S. 764–789 (doi:10.1002/tax.614005). – ca. 570 Arten Euphorbia sect. Espinosae Euphorbia sect. Articulofruticosae Euphorbia sect. Cheirolepidium Euphorbia sect. Eremophyton Euphorbia sect. Scatorhizae Euphorbia sect. Denisiae Euphorbia sect. Bosseriae Euphorbia sect. Plagianthae Euphorbia sect. Frondosae Euphorbia sect. Tenellae Euphorbia sect. Gueinziae Euphorbia sect. Crossadenia Euphorbia subsect. Apparicianae Euphorbia subsect. Sarcodes Euphorbia sect. Anisophyllum Euphorbia subsect. Acutae Euphorbia subsect. Hypericifoliae Euphorbia sect. Poinsettia Euphorbia subsect. Lacerae Euphorbia subsect. Erianthae Euphorbia subsect. Exstipulatae Euphorbia subsect. Stormieae Euphorbia sect. Alectoroctonum Euphorbia sect. Hainanensis Xinmin Tian, Qiuyan Wang, Yongfeng Zhou: Euphorbia section Hainanensis (Euphorbiaceae), a new section endemic to the Hainan Island of China from biogeographical, karyological, and phenotypical evidence. In: Frontiers in Plant Science. Band 9, 2018, S. 1–9 (doi:10.3389/fpls.2018.00660).
Euphorbia subg. EuphorbiaBrian L. Dorsey, Thomas Haevermans, Xavier Aubriot, Jeffery J. Morawetz, Ricarda Riina, Victor W. Steinmann, Paul E. Berry: Phylogenetics, morphological evolution, and classification of Euphorbia subgenus Euphorbia. In: Taxon. Band 62, Nr. 2, 2013, S. 291–315 (doi:10.12705/622.1). – ca. 660 Arten Euphorbia sect. Pacificae Euphorbia sect. Tanquahuete Euphorbia sect. Cubanthus Euphorbia subsect. Cubanthus Euphorbia subsect. Moa Euphorbia sect. Lactifluae Euphorbia sect. Mesophyllae Euphorbia sect. Euphorbiastrum Euphorbia sect. Calyculatae Euphorbia sect. Portulacastrum Euphorbia sect. Nummulariopsis Euphorbia sect. Crepidaria Euphorbia sect. Stachydium Euphorbia sect. Brasilienses Euphorbia sect. Pachysanthae Euphorbia sect. Pervilleanae Euphorbia sect. Tirucalli Euphorbia sect. Rubellae Euphorbia sect. Goniostema Euphorbia sect. Deuterocalli Euphorbia sect. Denisophorbia Euphorbia sect. Monadenium Euphorbia sect. Euphorbia
Euphorbia subg. Esula Ricarda Riina Jess A. Peirson, Dmitry V. Geltman, Julián Molero, Božo Frajman, Amirhossein Pahlevani, Laia Barres, Jeffery J. Morawetz, Yasaman Salmaki, Shahin Zarre, Aleksey Kryukov, Peter V. Bruyns, Paul E. Berry: A worldwide molecular phylogeny and classification of the leafy spurges, Euphorbia subgenus Esula (Euphorbiaceae). In: Taxon. Band 62, Nr. 2, 2013, S. 316–342 (doi:10.12705/622.3). – ca. 460 Arten Euphorbia sect. Lathyris Euphorbia sect. Lagascae Euphorbia sect. Holophyllum Euphorbia sect. Helioscopia Euphorbia sect. Myrsiniteae Euphorbia sect. Pithyusa Euphorbia sect. Sclerocyathium Euphorbia sect. Calyptratae Euphorbia sect. Chylogala Euphorbia sect. Szovitsiae Euphorbia sect. Patellares Euphorbia sect. Herpetorrhizae Euphorbia subsect. Aucheriae Euphorbia subsect. Oppositifoliae Euphorbia sect. Guyonianae Euphorbia sect. Pachycladae Euphorbia sect. Biumbellatae Euphorbia sect. Exiguae Euphorbia sect. Aphyllis Euphorbia subsect. Macaronesicae Euphorbia subsect. Africanae Euphorbia sect. Paralias Euphorbia sect. Tithymalus Euphorbia sect. Arvales Euphorbia sect. Esula
Euphorbia subg. Athymalus Jess A. Peirson, Peter V. Bruyns, Ricarda Riina, Jeffery J. Morawetz, Paul E. Berry: A molecular phylogeny and classification of the largely succulent and mainly African Euphorbia subg. Athymalus (Euphorbiaceae). In: Taxon. Band 62, Nr. 6, 2013, S. 1178–1199 (doi:10.12705/626.12). (Syn.: Euphorbia subg. Rhizanthium – ca. 150 Arten Euphorbia sect. Antso Euphorbia sect. Pseudacalypha Euphorbia sect. Lyciopsis Euphorbia sect. Crotonoides Euphorbia sect. Somalica Euphorbia sect. Anthacanthae Euphorbia subsect. Platycephalae Euphorbia subsect. Florispinae Euphorbia ser. Hystrix Euphorbia ser. Meleuphorbia Euphorbia ser. Rhizanthium Euphorbia ser. Treisia Euphorbia subsect. Dactylanthes Euphorbia subsect. Pseudeuphorbium Euphorbia subsect. Medusea
Ausgewählte Arten und ihre Verbreitung Mitteleuropa In Mitteleuropa kommen u. a. folgende Arten vor: Mandelblättrige Wolfsmilch (Euphorbia amygdaloides ) Kanten-Wolfsmilch (Euphorbia angulata ): Sie kommt in Europa von Spanien bis zur Ukraine vor, fehlt aber im Norden und im Westen. Österreichische Wolfsmilch (Euphorbia austriaca ) Krainer Wolfsmilch (Euphorbia carniolica ) Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias ) Süße Wolfsmilch (Euphorbia dulcis ) Vielfarbige Wolfsmilch (Euphorbia epithymoides ) Esels-Wolfsmilch (Euphorbia esula ) Kleine Wolfsmilch (Euphorbia exigua ) Sichelblättrige Wolfsmilch (Euphorbia falcata ) Querfurchige Wolfsmilch (Euphorbia glyptosperma ): Sie kommt ursprünglich in Nordamerika vor und ist in Südamerika und Europa ein Neophyt. In Mitteleuropa wurde sie sehr selten beobachtet; sie kommt in Niederösterreich und kam früher in Basel vor. Sonnwend-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia ) Niederliegende Wolfsmilch (Euphorbia humifusa ): Sie kommt ursprünglich in der Ukraine und in Asien vor. Im übrigen Europa ist sie ein Neophyt. Sie kommt unbeständig oder eingebürgert vor in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, im Elsass und in Südtirol. Kreuzblättrige Wolfsmilch (Euphorbia lathyris ) Glänzende Wolfsmilch (Euphorbia lucida ) Gefleckte Wolfsmilch (Euphorbia maculata ) Weißrand-Wolfsmilch (Euphorbia marginata ) Walzen-Wolfsmilch oder Myrten-Wolfsmilch (Euphorbia myrsinites ) Nickende Wolfsmilch (Euphorbia nutans ): Sie kommt ursprünglich in Nord-, Mittel- und Südamerika vor und ist in Europa, Asien, Neuseeland und in Marokko ein Neophyt. In Mitteleuropa wurde sie beobachtet in Deutschland, der Schweiz, Kärnten, in der Steiermark, und in Südtirol. Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris )