Das mechanistische Weltbild (auch: Mechanizismus, Mechanistik, mechanistische Weltanschauung oder Mechanismus) bezeichnet eine philosophische Position oder Anschauung über die Natur, die ihre Bedeutung erst mit Beginn der neuzeitlichen Naturwissenschaften erhalten hat, allem voran seit Beginn der Klassischen Mechanik.Repräsentative Bezeichnungen geben häufig die Titel der Schriften zur Mechanistik selbst her; siehe dazu etwa die Titelauswahl im Weblink R. Müller hier (abgerufen am 4. Januar 2024). Vereinzelt findet man auch die Bezeichnung ‚mechanische Philosophie‘; siehe dazu die Literatur hier. Mehrdeutig sind die Begriffe Mechanismus und ‚mechanische Anschauung‘, die ebenso technische oder physikalische Fachgebiete umfassen können (z. B. Mechanische Spannung, oder Mechanisches Stellwerk). Im allgemeinen Sinn, hier verstanden als gemeinsame Schnittmenge verschiedener Definitionen, umfasst das mechanistische Weltbild die Vorstellung, dass alle Vorgänge in der Natur durch mechanische Bewegungsgesetze über die sichtbare Materie, d. h. durch eindeutige, externe Kraftwirkung auf materielle Körper, bestimmt sind.«[D]er Mechanismusbegriff [wird] inhaltlich durch die Prinzipien der physikalischen Mechanik und ihrer historischen Entwicklung bestimmt» (G. Schiemann (1997), hier in der Literatur, S. 24). Der Mechanismus ‹in einem weiteren Sinne› spezialisiert (nach ebd., S. 21) die Art der Beziehung zwischen Materie und Bewegung hingegen nicht.Die Kennzeichnung in E. Dijksterhuis (1983), hier in der Literatur, S. 553 f., entspricht dieser Erklärung, wenn «„mechanistisch“ als „mit Hilfe der Begriffe der Mechanik“» umschrieben wird, «wobei dann, solange es sich um die klassische Physik handelt, Mechanik als die Lehre der Bewegung materieller Körper nach dem Newtonschen System aufgefasst werden» müsse; betont also die ‹mathematische Behandlung› der Natur: «daß ihre fundamentalen Begriffe [d. i. die der klassischen Mechanik] mathematische Begriffe sind, daß sie selbst eine Mathematik ist».P. Feyerabend, Naturphilosophie (Abschnitt Mechanizismus, S. 214–223). In: A. Diemer, I. Frenzel, Philosophie. (Fischer-Lexikon). Frankfurt am Main, Hamburg 1958; nimmt eine wertende Definition an und verortet seine Hauptausprägung in das 18. und 19. Jahrhundert: «In diesem Weltbild, das sich bald allgemein durchsetzt, sind die Gravitations- und alle andern Kräfte als physikalische Prinzipien akzeptiert. Der Mechanizismus ist im 19. Jh. das Glaubensbekenntnis nicht nur der Physiker […], sondern vor allem auch der Biologen.»K. Gloy (1995), hier in der Literatur, S. 553 f., behandelt das mechanistische Weltbild ausgehend vom Kraft-Begriff der Technik. Die Wandlung zur umfassenden Technisierung der Natur in der neuzeitlichen Naturwissenschaft bringt das ‹mechanistische Welt- und Naturbild› mit sich, in welcher als ein zentrales Merkmal «die These von der Identifikation der Natur mit einem maschinellen Artefakt» enthalten ist. Nach neuzeitlichem Naturverständnis ist aber die Mechanik bestimmende Gesetzgebung nicht nur diejenige der technischen Maschinen, sondern aller Naturvorgänge überhaupt: «Mit der Entwicklung der machina-mundi-Vorstellung [d. i. einer Weltmaschine] ging die Ausarbeitung einer neuen Kräftetheorie einher, die zum kausal-mechanischen Weltbild führte.» Die Charakterisierung in diesem Artikel folgt mehrheitlich der umfassenden Kennzeichnung nach Gloy.
Weitergehende philosophische Auseinandersetzungen um das mechanistische Weltbild betreffen Spezialisierungen dieser allgemeinen Kennzeichnung „Bestimmung durch mechanische Gesetze“. Versteht man unter Mechanistik eine vollständige Bestimmung, so ist das Weltbild deterministisch und dasjenige Feld der physikalischen Größen, von denen hierbei gesprochen wird, gilt als abgeschlossen.Siehe dazu W. Heisenberg, Der Begriff der „abgeschlossenen Theorie“ in der modernen Naturwissenschaft. Dialectica Bd. 2 (3‐4) S. 331–336 (1948); sowie K. Gloy (1995) hier in der Literatur, S. 553. Wird zudem die Materie systematisch durch die mechanischen Gesetze der Atome bestimmt, so ist der Mechanizismus eine speziell materietheoretische Auffassung und fällt mit der philosophischen Position des Materialismus zusammen.In diesem Sinne, «dass mehr die Physik und Chemie, oder die Biologie bestimmend sein kann» und somit eine «Entsprechung zur physikalischen Mechanik» vorherrsche, wurde auch die Bezeichnung ‹mechanistische Materialismus› eingeführt: so in A. Diemer, Materialismus (Abschnitt Der klassische Materialismus, S. 177–178). In: A. Diemer, I. Frenzel, Philosophie. (Fischer-Lexikon). Frankfurt am Main, Hamburg 1958. Von dieser Spezialisierung aus wird der Mechanizismus zu einer Gegenposition des Vitalismus: Demnach wird die Existenz geistiger Entitäten in der Wirklichkeit ausgeschlossen und vollständig auf leblose Materie reduziert.In diesem Sinn wird Mechanistik oft in Debatten zur Reduktion und Emergenz von Eigenschaften verstanden. Siehe etwa S. 177 von P. Hoyningen-Huene, Reduktion und Emergenz (Kap. 8 in Wissenschaftstheorie – ein Studienbuch. Hrsg. v. A. Bartels, M. Stöckler. (mentis) Paderborn 2007)So charakterisiert bereits O. Bütschli (1901), hier in der Literatur, S. 7 f., mit dem Begriff ‚Mechanismus‘ die ‹mechanistische Auffassung der Lebenserscheinungen›: und zwar als die «Rückführung auf die Geschehensweisen der anorganischen Natur».
Geschichte
Das mechanistische Weltbild entstand in der frühen Neuzeit, breitete sich in sämtliche gesellschaftlichen, kulturellen und geistigen Lebensbereiche aus (Natur, Mensch, Gesellschaft, Staat, Seelenleben) und wurde schließlich zum Paradigma wissenschaftlicher Rationalität überhaupt. Legitimation für die Entwicklung waren nicht zuletzt gewisse Bibelaussagen wie die von der Gottebenbildlichkeit des Menschen , des , die theologisch begründete Herrschaft des Menschen über die Natur, der zufolge der Mensch Verfügungsgewalt über die Natur hat. Der Mensch als „maître et possesseur de la nature“ (Herr und Besitzer der Natur) wird zum Leitbild der neuzeitlichen Weltsicht.René Descartes: Discours de la Méthode, 1637
Zeitlich ordnet man das mechanistische Weltbild dem 16.–19. Jahrhundert zu.
Die Welt als Maschine (Uhrenvergleich) Die Vorstellung von der „machina mundi“, der Weltmaschine, war über die Chalcidius-Übersetzung des platonischen Timaios (um 400 n. Chr.) ins Mittelalter gekommen, hatte damals aber noch organismische Bedeutung im Sinn eines „lebendigen, organischen Weltganzen“.Siehe K. Gloy (1995), hier in der Literatur, S. 166, daraus auch die Wortlaute. Im Spätmittelalter erfuhr der Begriff eine Bedeutungsverschiebung hin zur Vorstellung von der unbelebten, toten Maschine, im weiteren Verlauf auch negativ zur geist- und seelenlos klappernden und ratternden Maschine.
Bei der Charakteristik der Welt als Maschine spielt insbesondere eine bestimmte „Maschine“ eine Rolle, und zwar die Uhr. Dabei wird die Welt mit einer Uhr verglichen, Gott erscheint als der allmächtige Uhrmacher. Ein früher Beleg für den Uhrenvergleich findet sich bei Nikolaus v. Oresme (14. Jahrhundert): „Denn würde einer nicht, wenn er eine Uhr herstellte, dafür sorgen, dass alle Bewegungen und Kreisläufe aufeinander abgestimmt sind? Um wie viel mehr ist das von jenem Architekten anzunehmen, von dem es heißt, er habe alles nach Maß, Zahl und Gewicht geschaffen“.K. Gloy (1995), hier in der Literatur, S. 167, daraus das Zitat. Eine Briefstelle bei Kepler (1605): „Mein Ziel ist es zu zeigen, dass die himmlische Maschine nicht eine Art göttliches Lebewesen ist, sondern gleichsam ein Uhrwerk …“K. Gloy (1995), hier in der Literatur, S. 166: Brief an Herwart von Hohenburg vom 10. Februar 1605. dokumentiert, dass der Bedeutungswandel des Maschinenbegriffs von der organischen Bedeutung (Lebewesen) zur unbelebten Bedeutung als technisches Uhrwerk vollzogen ist.
Bei Descartes (Meditationes de prima philosophia, 1641) wird die Maschinenvorstellung auf den menschlichen Körper übertragen und zum Wunderwerk der „Räderuhr“ in Beziehung gesetzt: „Ja, ebenso wie eine … Uhr, so steht es auch mit dem menschlichen Körper, wenn ich ihn als eine Art Maschine betrachte, die aus Knochen, Nerven, Muskeln, Adern, Blut und Haut … eingerichtet und zusammengesetzt ist …“.Gloy, S. 167, hier in der Literatur. dort wird dieser Wortlaut aus Descartes’ Meditationes de prima philosophia (1641), dort aus der deutschen Ausgabe, von A. Buchenau herausgegeben, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. 3. Aufl. (Meiner) Hamburg 1992, S. 151. Descartes entwickelt eine ganz neuartige Sicht auf den menschlichen (und tierischen) Körper im Sinn einer selbständig funktionierenden Maschine (mechanistische Physiologie). Diese Auffassung spiegelt sich in dem späteren berühmten Buchtitel von La Mettrie L’homme machine (Der Mensch – eine Maschine) (1748). Da zu jener späteren Zeit die maschinelle Produktion aufkam, trat das Bild vom Zahnrad neben das Bild der Uhr, zum Zeichen für einen Mechanismus, bei dem ein Zahnrädchen ins andere greift.
Ihren prägnantesten Ausdruck fand die Uhrenvorstellung in den Großuhren, z. B. am Dom von Münster und am Dom von Straßburg. Sie zeigen nicht nur die Stunden an, sondern auch kalendarische Angaben zu Tag, Monat, Jahr, den Stand der Planeten, verbunden mit einem Glockenspiel und einem Reigen aus Kaiser, Fürst, Edelmann, Bürger. Sie sind damit ein Sinnbild der kosmischen Ordnung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade die Uhr, die Ordnung, Gliederung, Geregeltheit verkörpert, mit der ebenfalls geordneten, gegliederten und geregelten Welt verglichen wurde.K. Gloy (1995), hier in der Literatur, S. 168.
Auf Thomas Hobbes geht die Mechanisierung des Staatswesens zurück, indem er den Maschinenbegriff mitsamt der mechanistischen Methode auf Gesellschaft und Staat übertrug (Leviathan, 1651).K. Gloy (1995), hier in der Literatur, S. 171. Der Naturzustand erscheint bei Hobbes als schlecht, weil sich die Menschen auf Grund von Macht- und Gewinnstreben, Ehrgeiz und Eigennutz gegenseitig vernichten (homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf). Um dieser Konsequenz zu entgehen, schließen sich die Menschen in dem künstlichen Gebilde eines Staats zusammen, wobei alle Macht einem Souverän übertragen wird. Gemäß dieser Konzeption wird der Staat in das Bild einer überdimensionierten Maschine gekleidet, der Souverän übernimmt die Funktion eines Technikers, der diesen „Maschinenstaat“ kontrolliert.
Im 18./19. Jahrhundert schließlich wird die Maschinenvorstellung auf das Seelenleben übertragen (Mechanisierung des Seelenlebens).K. Gloy (1995), hier in der Literatur, S. 171. Beispiele hierfür sind aus der Frühzeit David Hume A Treatise of Human Nature (1738), aus der Spätzeit J.F. Herbarts mentale Physik Psychologie als Wissenschaft (1824/25). Das gesamte Seelenleben wird hier nach mechanistischen Regeln erklärt.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte der amerikanische Ingenieur und Unternehmer F. W. Taylor (1856–1915) eine Theorie zur Betriebsführung.Dieser Abschnitt nach Sebastian Stein: Probleme der Softwareentwicklung. 2004, Online: https://emergenz.hpfsc.de/ (Zugriffsdatum 24. Januar 2014). Der sogenannte Taylorismus sieht genaue Arbeitsbeschreibungen und Zeitvorgaben (Einsatz der Stoppuhr) für die Verrichtung von Arbeitstätigkeiten vor. Die Vorstellung der Uhr taucht hier in der bezeichnenden Abart der Stoppuhr zur Bemessung von Vorgangszeiten wieder auf. Der Mensch wird in diesem Arbeitssystem zu einem „Zahnrad“ in einer riesigen Fertigungsmaschine. Fällt das Zahnrad aus, kann es problemlos durch einen anderen Menschen ersetzt werden. Mit der Entwicklung von Taylor drang die Maschinenvorstellung in die Organisationsform der Zusammenarbeit in der Arbeitswelt ein.
Aufstieg der Mechanik