miniatur|Edwin Redslob, 1929 Edwin Redslob (* 22. September 1884 in Weimar; † 24. Januar 1973 in West-Berlin) war ein deutscher Kunsthistoriker, Kulturpolitiker, Publizist und Universitätsrektor.Christian Welzbacher: Edwin Redslob. Biografie eines unverbesserlichen Idealisten. Matthes & Seitz, Berlin 2009, ISBN 978-3-88221-734-6. Von 1920 bis 1933 war er Reichskunstwart. Leben Von Weimar nach Berlin mini|Goethes Garten in Weimar. In Redslobs Heimatstadt Weimar wurde die Erinnerung an die Zeit Goethes lebendig gehalten. Landschafterlebnis und die Erfahrung von Bildung als höchstem Gut prägten Redslobs Jugend. Er wurde ein genauer Kenner Goethes, verfasste mehrere Werke über ihn und legte im Verlauf vieler Jahre eine umfangreiche Goethe- und Klassik-Sammlung an. (Foto: 2006)

miniatur|Verfassungsfeier am 11. August 1932 vor dem Reichstag. Redslob gestaltete als Reichskunstwart ab 1922 die Verfassungstage als Freudenfeste der Republik. Gleichzeitig mit der Zeremonie im Plenarsaal fand auf dem Königsplatz vor dem Reichstag bei geöffneten Türen, die Einheit von Regierung und Volk symbolisierend und fühlbar machend, ein Volksfest statt. Das Generalthema war: Bekenntnis zur Republik durch Kultur.

Im Kaiserreich Seine Kindheit und Jugend verbrachte Edwin Redslob in Weimar. Als Sohn von Ernst Redslob, eines Schulleiters und Gymnasialprofessors für Latein, Geschichte und Deutsch, kam er hier bereits früh mit der künstlerischen Avantgarde in Berührung. Noch als Schüler lernte er in Weimar den expressionistischen Maler Christian Rohlfs und den Jugendstil-Architekten Henry van de Velde kennen. Ab 1903 studierte er Kunst- und Literaturwissenschaften in Weimar und Heidelberg, 1906 promovierte er mit einer Arbeit über die fränkischen Epitaphien des 14. und 15. Jahrhunderts bei Henry Thode in Heidelberg. Nach einem Praktikum am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg war er ab 1909 am Suermondt-Museum in Aachen tätig und trat dem Sonderbund Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler bei. 1909 heiratete er Charlotte Hardtmuth. Durch seine engen Kontakte zur Avantgarde gelang ihm der Aufbau einer Sammlung mit Werken von August Macke, Heinrich Nauen, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und anderen Malern der Künstlergruppe Brücke, die alle in den Ausstellungen des Sonderbundes zwischen 1910 und 1912 in Düsseldorf und Köln hervorgetreten waren.

miniatur|Ernst Ludwig Kirchner: Elisabethufer in Berlin (1912). (Zeitweilig im Besitz von Redslob.) Redslob sammelte Werke des Expressionismus und organisierte Ausstellungen. Während des Ersten Weltkriegs besuchte er Kirchner im Sanatorium in Davos. Eine Besprechung des Bildes durch Redslob in einer Zeitschrift führte zum Zerwürfnis. Bei einem Besuch 1926 im Reichstag in Berlin stellte Redslob Kirchner dem Reichskanzler Hans Luther vor. 1937 wurden 32 Bilder Kirchners in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt, nachdem seine Arbeiten vorher aus den Museen entfernt und beschlagnahmt worden waren. 1938 starb Kirchner durch Selbstmord.

1911 ging Redslob nach Bremen und wurde stellvertretender Direktor des dortigen Kunstgewerbemuseums. Ein Jahr später bewarb er sich erfolgreich als Direktor des Erfurter Museums und wurde damit der jüngste Museumsdirektor, den es jemals in Deutschland gegeben hatte. Dort blieb er sieben Jahre. 1914 wurde seine erste Tochter Ottilie geboren, 1918 seine Tochter Sybille.

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik Bei Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 meldete er sich freiwillig zum Wehrdienst, wurde jedoch wegen einer Fußverletzung zurückgewiesen. Nachdem er trotzdem einige Zeit bei einer von seinem Vater geleiteten Versorgungseinheit Munitionstransporte in der Gegend von Metz unterstützt hatte, erkrankte er ernsthaft und musste längere Zeit zu einer Kur in die Schweiz. In seinem Kurort St. Moritz schrieb er ein expressionistisches Theaterstück mit dem Titel „Die neue Stadt“, in dem es um den Kampf rivalisierender Stände in einer von einem Bischof beherrschten mittelalterlichen Domstadt geht, der von einem christlichen Kreuzritter nach einem Pestausbruch beendet wird. Ein von Alfred Hanf illustrierter Pressendruck des Werks wurde 1937 als „entartet“ aus dem Erfurter Museum für Kunst und Heimatgeschichte beschlagnahmt und vernichtet.Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin

Erst nach über zwei Jahren hatte Redslob die Krankheit, die zunächst als Leukämie diagnostiziert worden war, überwunden und kehrte 1917 zum Erfurter Museum zurück. Als sich nach Kriegsende im November 1918 in Erfurt eine politisch-avantgardistische Künstlergruppe mit dem Namen Jung-Erfurt bildete, unterstützte sie Redslob mit einer Ausstellung und veröffentlichte sein Theaterstück unter ihrem Zeichen. In einer Flugblattreihe Das neue Thüringen bündelte Redslob Bestrebungen, die eine Überwindung der mitteldeutschen Kleinstaaterei anstrebten, und entwickelte die Idee einer „thüringischen Kulturnation“. Eine parteipolitische Bindung lehnte er jedoch ab. Als es in der Folge in Erfurt zu einer Kampagne gegen ihn kam, wurde ein beruflicher Wechsel erforderlich. Von 1919 bis 1920 leitete er die Staatsgalerie Stuttgart.Gerhard Lemmens (Vorw.): Haus Wylerberg. Ein Landhaus des Expressionismus von Otto Bartning. Architektur und Kulturelles Leben 1920–1966. Nijmeegs Museum ‘Commanderie van Sint-Jan’, 1988, S. 23. Am 1. September 1920 wurde Redslob zum Generaldirektor aller württembergischen Museen und zum Reichskunstwart ernannt, der in der Zeit der Weimarer Republik für die künstlerische Formgebung des Reichs, d. h. für alle staatlichen Kunst- und Kulturfragen des Deutschen Reiches, zuständig war. Dazu gehörten Entscheidungen über staatliche Symbole wie Staatswappen, Münzen, Geldscheine, Briefmarken, Fahnen und Auszeichnungen, etwa den Adlerschild des Deutschen Reiches. Zu seinem Amt gehörte auch die Organisation von Ausstellungen und Staatsfeiern, so z. B. die künstlerische Gestaltung der Verfassungstage und der Trauerfeier für den 1922 ermordeten Außenminister Rathenau im Reichstag. „Der Sarg Rathenaus stand auf einem Podest unter einem Baldachin im Plenarsaal des Reichstages und wurde am Ende der Feier zu den Klängen des Trauermarsches aus Wagners 'Götterdämmerung' hinausgetragen.“ – ein Musik-Ritual, das die NS-Propaganda übernahm. Als Organisationsprinzip für seine Arbeit wählte er „Werkräte“, Expertengremien, die für einzelne Entscheidungen einberufen werden sollten. In Zusammenarbeit mit Künstlern der Moderne entwickelte er eine symbolische Formensprache für die neue Republik, die allen Bürgern die Möglichkeit bieten sollte, sich mit diesen Symbolen zu identifizieren. Redslob entwickelte einen routinierten Umgang mit der Öffentlichkeit und der Presse, hielt Reden vor Ausschüssen, im Reichstag und im Rundfunk. 1922 nahm er an der Eröffnung der Ersten Russischen Kunstausstellung in Berlin teil.G.G. L. (d. i. Gertrud Alexander): Die Erste Russische Kunstausstel-lung. In: Die Rote Fahne, 17. Oktober 1922, Abendausgabe, S. 3

Als die Stelle des Reichskunstwarts 1924 im Zuge von Einsparungsmaßnahmen entfallen sollte, erreichte Redslob ihre Weiterführung, allerdings nur noch als „Zwei-Mann-Betrieb“. Hilfreich war vermutlich sein weitreichendes Netz von Beziehungen, das er auch in der Deutschen Gesellschaft 1914 pflegte, einem Bündnis von Intellektuellen, Reformbürgern und Adligen, welches Politik hinter den Kulissen betrieb. Im „Flaggenstreit“ ging es um die Frage, ob als Reichsflagge Schwarz-Rot-Gold, die Flagge der liberalen Republik, oder Schwarz-Weiß-Rot, die Farben des Kaiserreichs, gewählt werden sollte. Redslob entwarf einen Kompromissvorschlag: Ein großes schwarzes Eisernes Kreuz auf einem rot-goldenen Hintergrund, der ihm in den Medien weitgehende Ablehnung einbrachte.

1929 unterstützte er die nie ausgeführten Pläne Martin Mächlers für eine Nord-Süd-Achse in Berlin vom Platz der Republik über den Kemperplatz zum heutigen Park am Gleisdreieck. Sie sollte ein republikanisches Gegenstück zur bestehenden monarchischen Ost-West-Achse bilden, die vom Berliner Schloss über den Boulevard Unter den Linden und die Charlottenburger Chaussee (heute Straße des 17. Juni) verläuft.

Zum Goethejahr 1932 produzierte er im staatlichen Auftrag ein Buch zu Goethes Leben und Werk und einen Film zur Vorführung in Kinos und Schulen mit dem Titel „Goethe lebt...!“, zu dem er selber das Drehbuch schrieb: Der Geist von Weimar wurde als ideelle Grundlage der republikanischen Ordnung beschworen.

Die Zeit des Nationalsozialismus Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten und ihrer Bündnispartner wurde Redslob am 1. März 1933 von Reichsinnenminister Frick, der ein erklärter Gegner moderner Kunst war, in den bezahlten Ruhestand versetzt.Max Bloch: Neueste Geschichte: C. Welzbacher: Edwin Redslob. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-88221-734-6. Er erhielt nur noch kleinere öffentliche Aufträge. Bis 1945 widmete Redslob sich der Forschung, arbeitete als Übersetzer und Schriftsteller.Rudolf Vierhaus: Deutsche Biographische Enzyklopädie (Bd. 8), K. G. Sauer, München 2007, S. 235, ISBN 978-3-598-25038-5. 1935 veröffentlichte er einen autobiographischen Roman über seine Jugend in Weimar: Ein Jahrhundert verklingt und 1937 eine Fortsetzung: Dianens Heimkehr. Beide Bücher blieben weitgehend unbeachtet. Redslob baute seine Sammlung von Büchern und sonstigen Zeugnissen der klassischen Zeit Weimars (1750–1850), der Zeit Goethes und Schillers, weiter aus und betrieb privat Kunsthandel. Dadurch entsprach die Einrichtung seines eigenen Hauses immer mehr dem hundert Jahre früher gültigen Stil. In dieser Zeit entstand auch sein Buch Des Reiches Straße, welches anhand einer vorgestellten Reise entlang der Via Regia, von Frankfurt über Leipzig nach Berlin, deutsche Kulturgeschichte entlang der Route erzählt und in mehreren Auflagen ab 1940 bei Reclam erschien. Das Buch wurde 1942 vom „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ in die Jahresschau des deutschen Schrifttums aufgenommen und dadurch als besonders wertvoll ausgezeichnet. Ebenfalls ein Publikumserfolg wurde 1940 ein Buch mit ähnlichem Thema wie Des Reiches Straße: Die Welt vor hundert Jahren. Aufgrund eines Rückenleidens musste er aus gesundheitlichen Gründen nicht am Zweiten Weltkrieg teilnehmen, meldete sich jedoch freiwillig zum „Heimatdienst für die Front“. 1939 bewarb er sich dann erfolgreich als ziviler Mitarbeiter einer wöchentlichen bebilderten Wandzeitung der Luftwaffe mit Namen Bilder der Woche, die seiner Arbeit das Prädikat „kriegswichtig“ einbrachte. 1943 genehmigte das Reichsinnenministerium die lebenslange Fortzahlung von Redslobs Ruhebezügen, die zunächst bis 1943 begrenzt waren. Ab 1941 war Redslob als Berater für die Verlage Reclam und Stalling tätig, 1942 schloss er mit Reclam einen Vertrag über eine Goethe-Biographie ab.

Von Berlin nach Europa Neubeginn in Berlin Das Kriegsende erlebte Redslob mit seiner Frau in seinem Haus in Neubabelsberg bei Potsdam. Wenige Wochen später beteiligte er sich an einer der ersten Ausstellungen im Nachkriegs-Berlin, bei der der Galerist Gerd Rosen Bilder der Klassischen Moderne und auch solche der ab 1936 verbotenen Expressionisten ausstellte.Edwin Redslob: Bekenntnis zu Berlin. Stapp Verlag, Berlin 1964 Wenig später zeigte er auch eigene Sammlerstücke in dem 1946 neu eröffneten Haus am Waldsee und berichtete in Zeitungsartikeln über die Ausstellungen.