mini|hochkant=1.2|Das Stopfpräparat im 19. Jahrhundert (spätestens 1883). Bildpostkarte von Emil Nicola-Karlen
Barry (* 1800 auf dem Grossen Sankt Bernhard; † 1814 in Bern) war ein berühmter Rettungshund. Sein Präparat ist ein bekanntes Ausstellungsstück des Naturhistorischen Museums Bern.
Allgemeines
Er wurde von den Chorherren des Hospizes auf dem Grossen St. Bernhard eingesetzt und soll über vierzig Personen das Leben gerettet haben. 1812 wurde er auf Wunsch des Priors nach Bern gebracht und starb dort 1814 den Alterstod. Nach seinem Tode wurde er präpariert und im Naturhistorischen Museum Bern ausgestellt, damit „dieser treue Hund, der so vieler Menschen Leben rettete, nach seinem Tod nicht so bald vergessen sein wird.“ Die damals gewählte demutsvolle Haltung symbolisierte stete Hilfsbereitschaft.Hans Räber: Enzyklopädie der Rassehunde. Band 1. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-440-14303-2, S. 33, ().
Die Hunde zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren keine Bernhardiner im heutigen Sinne, sondern Mischlinge aus der Umgebung des Hospizes. Barry wog zu Lebzeiten vermutlich zwischen 40 und 50 kg und hatte eine Widerristhöhe von etwa 54 cm. Heutige Bernhardiner dagegen wiegen oft mehr als 100 kg und haben eine Widerristhöhe zwischen 70 und 90 cm.Thomas Stephens: Wieso Barry einen grösseren Kopf erhielt. swissinfo.ch, 10. Juli 2014; abgerufen am 18. April 2016. Das erste Präparat von 1814 hielt nur kurz. Eine von Fotografien bekannte Neuaufstellung stammt von Hans Caspar Rohrdorf (1773–1843), der ab 1826 «Preparator» im damaligen Museum für Naturgeschichte Helvetiens war. Die ersten beiden Fassungen enthielten den HundeschädelHans Räber: Enzyklopädie der Rassehunde. Band 1. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-440-14303-2, S. 29, ()., sowie zumindest Teile des verlorenen restlichen Skeletts: bei den damals üblichen Stopfpräparaten wurde der Körper durch Umwickeln der Knochen modelliert. Bei der 1922 beschlossenen dritten Aufstellung wurde die dermoplastische Methode angewandt: Der Körper ist nun ein Gipsmodell, dem das konservierte Fell übergezogen ist. Präparator Georg Ruprecht (1887–1968) gab nicht nur Barrys demutsvolle Haltung auf, sondern näherte auch dessen Aussehen an das der neu entstandenen Bernhardinerrasse an: Der Kopf wurde vergrössert und die Läufe verlängert.Marc Nussbaumer: Barry vom Grossen St. Bernhard. Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, Bern 2000, ISBN 3-908152-02-X, Kapitel: Wie hat Barry wirklich ausgesehen?, S. 56–71. Das Präparat ist bis heute Teil der Sammlung der Albert-Heim-Stiftung. Es stand lange in einer Vitrine am Eingang des Naturhistorischen Museums Bern. Seit 2014 ist ihm eine eigene Dauerausstellung gewidmet, in der neben zahlreichen anderen Exponaten auch der originale Schädel zu sehen ist. Das Fässchen ist zwar nicht historisch, gilt aber mittlerweile als Erkennungszeichen eines Bernhardinerhundes. Aus diesem Grund wurde es in der Präsentation beibehalten, nicht jedoch ohne darauf hinzuweisen, dass es sich bei diesem Markenzeichen um eine „Erfolgsgeschichte frühen Marketings“ handeltDora Strahm: Barry. Der legendäre Bernhardinerhund. 2., erweiterte Auflage. Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, Bern 2014, ISBN 978-3-907088-34-0 (Ausstellungsbroschüre; barry.museum (PDF) [PDF; 3,4 MB; abgerufen am 20. April 2016]). (siehe auch den Abschnitt Hintergrund, Legenden).
Hintergrund, Legenden mini|hochkant|Denkmal auf dem Hundefriedhof von Asnières-sur-Seine
Die Erzählung, dass Barry nach seiner 40. Lebensrettung vom 41. Menschen getötet wurde, wie auch auf seinem Denkmal im Cimetière des Chiens zu lesen steht (), ist unzutreffend. Tatsächlich verbrachte er seine letzten zwei Lebensjahre in Bern. Erfunden ist wohl ebenfalls, dass er stets ein Fässchen (Fläschchen) mit Alkohol zur Labung von Verschütteten um den Hals trug oder gar ein verunglücktes Kind dazu brachte, auf seinen Rücken zu klettern.Thomas Burmeister: Das Schnapsfass der Bernhardiner ist eine Legende. Welt Online, 7. Juni 2014; abgerufen am 17. April 2016. Gesichert ist dagegen, dass er und die anderen Hunde des Hospizes einheimische Bergführer (Marroniers) begleiteten, die im Auftrag der Chorherren täglich die Wege zum Hospiz abgingen. Sie erleichterten den Marroniers das Auffinden und Begehen der oftmals verschneiten Wege und wiesen auch unter widrigen Umständen den Weg zurück. Darüber hinaus zeigten sie mit ihrem Gebell erschöpfte oder verunglückte Reisende an. Einige Hunde waren gewohnt, gelegentlich kleine Packsättel mit Lebensmitteln zu tragen. Ein Geistlicher des Hospizes sagte im Jahr 1956: „Was aber das Rumfässchen betrifft, so haben die Hunde zu keiner Zeit eines getragen“. Der Knabenritt, also das Tragen eines Kindes auf dem Rücken, ist ein literarisches Motiv, das bereits vor der Geburt Barrys existierte. Selbst ein heutiger Bernhardiner wäre zu einer derartigen Leistung, wie in der Legende beschrieben, weder körperlich noch geistig in der Lage. Über den Tod Barrys, der von einem napoleonischen Soldaten für einen Wolf gehalten und erstochen worden sein soll, merkt Dora Strahm, Kuratorin der Ausstellung an, dass dem zum Helden erklärten Rettungshund hier eben ein ebenso heldenhafter Tod angedichtet worden sei. Historisch daran sei nur, dass napoleonische Soldaten den Pass überquerten und es zu dieser Zeit auch Wölfe gab.
mini|hochkant|Le chien de l’hospice. Gemälde von Pierre-Auguste Vafflard (um 1810)
Im Jahr 1840 erwähnte der Theologe und Professor für Philosophie und Naturkunde Peter Scheitlin bereits die wichtigsten Motive der Barry-Legende, abgesehen vom gewaltsamen Tod:
Name Der Name Barry könnte von Bäri herstammen, der Bezeichnung für Hofhunde mit dunkler Färbung. Eine andere Möglichkeit ist ein Bezug auf die Stadt Bari, wo sich die Grabstätte des heiligen Nikolaus befindet, dem Schutzpatron des Hospizgründers Bernhard von Menthon. Friedrich Meisner, ein Mitglied des Museumskomitees, verwendete bereits 1816 die heutige englische Schreibung mit „Y“, verbreiteter waren damals allerdings Bari, Barri oder auch Baril.Marc Nussbaumer: Barry vom Grossen St. Bernhard. Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, Bern 2000, ISBN 3-908152-02-X, S. 45–46. Nach dem Tod Barrys wurde der Name unter den Hospizhunden immer wieder neu vergeben.Marc Nussbaumer: Barry vom Grossen St. Bernhard. Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, Bern 2000, ISBN 3-908152-02-X, Fussnote zu S. 44.
Rezeption Im Hundefriedhof von Asnières-sur-Seine bei Paris wurde für Barry 1899 ein Denkmal errichtet.Marc Nussbaumer: Barry vom Grossen St. Bernhard. Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, Bern 2000, ISBN 3-908152-02-X, S. 46.
In Annette von Droste-Hülshoffs Werk Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard trägt im Zweiten Gesang ein Rettungshund namens Barry ein halb erfrorenes Kind.Reinhold Schneider (Hrsg.): Annette von Droste-Hülshoff, Gesammelte Werke. Vollmer, München / Wiesbaden [1981; ersterschienen 1839], ISBN 3-87876-308-5, S. 600–681: Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard. Kapitel 3, Zweiter Gesang;
Lawinenverschüttetensuchgeräte werden noch heute hin und wieder als Barryvox bezeichnet; ein Hersteller verwendet dies ausserdem als Marke.
Verfilmungen Die Barry-Geschichte wurde filmisch bearbeitet: 1949 unter dem Titel Barry (Barry – Der Held von St. Bernhard) in Frankreich 1977 unter dem Titel Barry of the Great St. Bernard (Barry, der Bernhardiner) von den Walt Disney Studios 2026 als Schweizer Kinderfilm Mein Freund Barry, der am 19. März 2026 in die deutschen Kinos kam.Eintrag. Allscreens.de, Kinostart-Datenbank.
Anmerkungen
Literatur Friedrich Siegmund Voigt: Naturgeschichte der drei Reiche. 7. Band: Allgemeine Zoologie. Spezielle Zoologie. Säugetiere. E. Schweizerbarth, Stuttgart 1835, S. 297 (kurze Darstellung der Geschichte Barrys); Marc Nussbaumer: Barry vom Grossen St. Bernhard. Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, Bern 2000, ISBN 3-908152-02-X. Thomas Bolli: Risikomanagement als Schweizer Kulturgut. In: Tages-Anzeiger. 11. April 2006, S. 10: Abschnitt Vom Barry zum Barryvox;
Weblinks
Barry – Der legendäre Bernhardinerhund. Dauerausstellung. Naturhistorisches Museum Bern Fondation Barry (französisch, deutsch, italienisch, englisch)
Benedikt Meyer: Barry, der Bernhardiner. In: Blog des Schweizerischen Nationalmuseums, 8. Juli 2019.
Einzelnachweise
Kategorie:Individueller Haushund Kategorie:Geschichte (Kanton Wallis) Kategorie:Geschichte (Bern)