mini|Christian Weber, 1934 Christian Ludwig Weber (* 25. August 1883 in Polsingen; † in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1945 wohl auf der Schwäbischen Alb bzw. irgendwo zwischen Ulm und Heilbronn)Persönliche Aufzeichnungen Jakob Grimmingers aus seinem Nachlass abgedruckt in Eric Kaden, Arthur Meyer (Hrsg.): Der Kornett der Blutfahne – Die Erinnerungen von Jakob Grimminger. Winkelried-Verlag, Dresden 2012, ISBN 978-3-944060-07-1, S. 124.Eidesstattliche Versicherung Dr. Emil Ketterers vom 30. Januar 1947. war ein deutscher Politiker (NSDAP) und SS-Angehöriger. Zwischen 1933 und 1945 war er der am stärksten exponierte Kommunalpolitiker Münchens und verfügte über eine Vielzahl an Ämtern: Ab 1936 war er Mitglied des Reichstags, Präsident des Kreistags von Oberbayern, Leiter des Amtes für den 8./9. November und SS-Brigadeführer. Als einer der wenigen Duzfreunde Hitlers verstand er es, eigene Interessen und auch die der Stadt München zu verfolgen. Durch Machtmissbrauch, Korruption und Arisierungen häufte Weber ein immenses Vermögen an. Nach außen gab er sich den Anschein des seriösen Geschäftsmannes; laut Visitenkarte bezeichnete er sich als Kaufmann. Darüber hinaus war er ein wichtiger Funktionär im Pferdesport. Er war Gründer des Braunen Bands von Deutschland, der SS-Hauptreitschule München-Riem und des Deutschen Jagdmuseums. Weber verstand es, München neben Berlin zum bedeutendsten Pferdesportzentrum Deutschlands zu machen. Sein Ende bzw. weiteres Schicksal verliert sich im Mai 1945 und kann archivalisch bis heute nicht restlos geklärt werden. Durch ein Spruchkammerverfahren wurde er zum „Hauptschuldigen“ deklariert.
Frühe Jahre
Kindheit und Jugend Christian Weber wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er war das vierte von fünf Kindern, die Mutter hatte zudem ein weiteres voreheliches Kind. Beide Eltern waren evangelisch und stammten nicht aus der Gegend. Der Vater erhielt eine Anstellung im Gut von Schloss Polsingen, das damals Teil eines von Wilhelm Löhe gegründeten Heimes für geistig und körperlich behinderte Jugendliche war. Später wurde Christian Webers Vater Briefträger, zunehmend mit einem Alkoholproblem. Nach sieben Jahren Volksschule erhielt Weber eine Ausbildung als Bereiter im Polsinger Schlossgut und arbeitete dort danach als Jungknecht. Während seiner Lehrjahre fiel er durch rasche Auffassungsgabe und außergewöhnliches Talent im Umgang mit Pferden auf. Den Militärdienst absolvierte Weber vom 5. Oktober 1901 bis zum 28. September 1904 beim 1. Chevaulegers-Regiment Eskadron „Jäger zu Pferd, III A.C.“ in Nürnberg.
Berufliche Entwicklung Nach dem Wehrdienst erhielt Weber bei seinem ehemaligen Schwadronchef Baron Egloffstein eine Anstellung in dessen Schloss Pilsach. 1905 begann Weber in Zusammenarbeit mit zwei jüdischen Pferdehändlern auf selbstständiger Basis mit Pferden zu handeln. Gemeinsam mit ihnen brachte er den Pferdehandel in der Oberpfalz durch Ankauf von Pferden aus Belgien und Böhmen in Schwung. Im Spätherbst 1912 wechselte er nach München, wo er in der Pferdehandlung Göbl, in einem Fiakerbetrieb, eine Anstellung gefunden hatte. Weber widmete sich fortan hauptsächlich dem Pferdehandel. Im Einwohnermelderegister der Stadt München wurde er seit 13. Mai 1913 mit Wohn- und Geschäftsräumen in der Fürstenstraße 6 geführt. Häufige Reisen ins Ausland und das Stadtleben formten ihn zusehends.
Teilnahme am Ersten Weltkrieg Seit 1906 war Weber dem 8. Feldartillerie-Regiment in Nürnberg als Reservist zugeteilt. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Weber am 6. August 1914 eingezogen. Er diente im gesamten Verlauf des Krieges bei der bayerischen Fußartillerie an der Westfront. Dort brachte er seine Kenntnisse über Pferdegespanne unter anderem beim Transport von Geschützlafetten ein. Weber bekam für seinen Einsatz das Eiserne Kreuz II. Klasse, das bayerische Militärverdienstkreuz mit Schwertern und die Militärverdienstauszeichnung. Am 3. Januar 1919 wurde er im Rang eines Sergeanten aus dem Heer entlassen.Thomas Martin: Aspekte der politischen Biographie eines lokalen NS-Funktionärs. Der Fall Christian Weber. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 57, 1994, S. 437 ff.
Während der Weimarer Republik Kampf gegen die Weimarer Republik und beruflicher Neubeginn
1919 wurde Christian Weber Mitglied im Freikorps Epp und im Freikorps Oberland, wo er an der blutigen Zerschlagung der Münchner Rätebewegung und bei Kämpfen gegen die Räterepublik in Treuchtlingen und Ingolstadt teilnahm. Um sich finanziell über Wasser zu halten, wurde er in München Schwarzhändler; seine Gewerbeanmeldung lautete auf „Pferdehändler“. Im Wirtshaus „Straubinger Hof“ nahe dem Münchner Viktualienmarkt nahm er sich ein Zimmer. Nach einem Zerwürfnis mit der Wirtsfamilie wechselte Weber in die nahegelegene Gaststätte „Blauer Bock“, die von Johann Schreiber, einem seiner Kriegskameraden, geführt wurde. Weil sich der Pferdehandel als schwindendes Geschäft erwies, motorisierte Weber seinen Betrieb mit „Kraftdroschken“. Vor der Gaststätte betrieb er zusammen mit dem Wirt eine Tankstelle namens „Blau Bock Tank“, später bemächtigte er sich ihrer.
Webers Rolle beim Aufbau der NSDAP Christian Weber war frühes Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), die am 24. Februar 1920 in NSDAP umbenannt wurde. „Nach eigenen Berichten und den Angaben in Parteiakten [war] Weber seit dem 20. Februar 1920 Anhänger der Partei.“Thomas von Berg (S. 15)
Weber gehörte zum engen Gefolge Hitlers, der zum Aushängeschild der Partei avancierte. 1921 meldete Weber sein Gewerbe als selbstständiger Pferdehändler ab, war in der Folge einer der wenigen hauptberuflichen Angestellten der NSDAPStadtAM Bestand Meldebögen und übernahm fortan die Organisation der Partei.StadtAM Bürgermeister und Rat 1611, Auszug aus dem Handbuch „Der Deutsche Reichstag 1936“ So forcierte er zusammen mit Max Wutz die entscheidende Mitgliederversammlung der NSDAP, bei der Hitler am 29. Juli 1921 im Münchner Hofbräuhaus zum ersten Vorsitzenden der Partei ernannt wurde.
Bereits zu Beginn der Kampfzeit stellte Weber seinen Pkw Hitler zur Verfügung. Er gehörte als eines der ersten Mitglieder zur „Schutztruppe“ der Partei, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, Hitler bei Parteiveranstaltungen zu schützen, und dabei nicht vor Gewaltanwendung zurückschreckte. Die tatkräftigen Mitglieder des „Führerschutzes“ genossen Hitlers persönliches Vertrauen und bildeten innerhalb der NSDAP eine auf ihn eingeschworene Gemeinschaft. Weber war „einer von nur vier Duzfreunden Hitlers innerhalb der NSDAP“.Sven Felix Kellerhoff: Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder, Stuttgart 2017.
Während der Parteikrise von 1921, aus der Hitler gestärkt als unangefochtener Führer der NSDAP hervorging, zählte Christian Weber zu seinen eifrigsten Verbündeten. Der Ausbau der Parteiorganisation machte im November 1921 die Einrichtung einer größeren Geschäftsstelle in der Corneliusstraße 12 in München notwendig. Neben dem Geschäftsführer Max Amann war Weber als eine „Art zweiter Geschäftsführer“Thomas von Berg (S. 20) tätig und gehörte zu den zehn hauptamtlich beschäftigten Angestellten der Partei. Bis zum Hitlerputsch im November 1923 blieb Weber Mitglied der Parteileitung. „Hitler setzte Weber vor allem für organisatorische Aufgaben ein.“Thomas von Berg (S. 19) Unter Weber entstanden die ersten Münchner Ortsgruppen der NSDAP, mit „Sprechabenden“, die meist von ihm geleitet wurden. Weber organisierte auch die größeren Parteiveranstaltungen, z. B. im Circus Krone. Ab 1921 baute Weber im Münchner Umland die ersten auswärtigen NSDAP-Ortsgruppen (Freising, Pfaffenhofen, Starnberg, Bad Tölz, Tegernsee, Rottach, Rosenheim und Partenkirchen) auf. Mittlerweile unterhielt Christian Weber eine Lastwagenkolonne, die er für den Transport der SA-Trupps zu den auswärtigen Versammlungen zur Verfügung (und der Partei in Rechnung) stellte. Auch hier leitete Weber die Versammlungen und war dabei mitunter als „Saalordner“ tätig, was ihm bei anschließenden Schlägereien ungezählte Anzeigen wegen schwerer Körperverletzung einbrachte. Die handgreiflichen Auseinandersetzungen wurden als „Säuberungen der Hallen von den Marxisten“Völkischer Beobachter vom 25. August 1933 bezeichnet. Besonders gewalttätige Umtriebe geschahen bei den ersten Versammlungen in Ingolstadt und Eichstätt. In Eichstätt dehnte sich die „Aktion“ sogar auf die ganze Stadt aus. Beim sogenannten Marsch auf Coburg war Weber Organisator. Der Völkische Beobachter vom 25. August 1933 sprach anlässlich Webers 50. Geburtstag von einer „ersten gewonnenen Schlacht“ als dessen „besonderen Verdienst“.
Von 1921 bis 1923 war Weber Mitglied der SA und Führer eines Sturmtrupps. Ab Herbst 1921 war er Führer der SA-Motorstaffel und Leiter des Fuhrparks der Parteileitung. Von Mai bis November 1923 war er Leiter der Transportabteilung im Stab des Oberkommandos der SA und Mitglied im sogenannten Stoßtrupp Adolf Hitler.
Christian Weber schreckte nicht vor gewalttätigen Konflikten zurück. Auch Verfahren wegen Trunkenheit, „unsittlichen Handlungen“, Verleumdungen, Bedrohung mit Waffen und rüdes Auftreten gegen Juden sind belegt. Seine Körperfülle – er wog zwei Zentner – mag alleine schon abschreckend gewirkt haben. Laut einem Bericht des Völkischen Beobachters vom 25. August 1933 soll Weber „bis 1925 […] wegen seiner Tätigkeit für die NSDAP in 152 Fällen vor Gericht“ gestanden haben. Nur ein Bruchteil seiner Straftaten wurde aktenkundig, wie etwa beim Überfall auf den jüdischen Vizepräsidenten der Münchner Handelskammer, Kommerzienrat Siegmund Fraenkel. Häufig verstand es Weber, sich dem Nachweis seiner Straftaten zu entziehen, wie etwa beim Mordanschlag gegen den sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Erhard Auer, bei dem er sich mit „Einsatz seines Presseausweises aus der Schusslinie der Polizei brachte.“StAM Polizeidirektion 10172
Bis zum Hitlerputsch 1923 galt Weber als Hitlers tatkräftigster Mitarbeiter. Dass Christian Weber 1923 mit ihm zur Feldherrnhalle marschiert sei, beruht jedoch auf einer Verwechslung mit dem Veterinärmediziner Friedrich Weber. Allerdings stellte Weber für den Staatsstreich Lastwagen und LKW, die er teilweise gewaltsam aus dem Fuhrpark der Firma Cenovis entwendet hatte. „Der Diebstahl der Wagen war die einzige Straftat, für die er nach dem Putsch verurteilt wurde.“Thomas von Berg: Korruption und Bereicherung – Politische Biographie des Münchner NSDAP-Vorsitzenden Christian Weber (1883–1945). Weber teilte nicht mit Hitler die Festungshaft in Landsberg. Dafür besuchte er ihn laut Besucherbuch mehrfach. Nach Hitlers Entlassung begleitete Weber ihn auf Reisen in den Norden Deutschlands und in die Reichshauptstadt Berlin. Viele dieser Fahrten waren aufgrund der Gefährdung für Hitler nur nachts möglich.
Weber schreckte selbst vor Hitler nicht zurück. 1925/26 kam es mit ihm zu einer Auseinandersetzung, die vor Gericht endete. Nach mehreren Gerichtsterminen erfolgte schließlich eine „außergerichtliche Einigung.“StAM AG 718 (Christian Weber) Protokoll vom 16. September 1926
Christian Weber wurde, obwohl er weder Student noch Akademiker war, Mitglied der 1923 gegründeten Wehrschaft Palaio-Germania München, einer schlagenden Studentenverbindung, die sich ausschließlich aus Nationalsozialisten rekrutierte.Bernhard Grün: „Wahrhaft, wehrhaft!“. Die Münchener Wehrschaft Palaio-Germania und die Kameradschaft ‚Feldherrnhalle‘ an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Einst und Jetzt Sonderdruck Band 68 (2023), S. 215
Parteikarriere in der Münchner Lokalpolitik