Die zeitgenössische Kenntnis vom Holocaust wurde ab den 1990er Jahren ein besonderes Forschungsthema der Zeitgeschichte. Nach übereinstimmender Einschätzung der neueren Forschung stellt die vielfach vorgebrachte Aussage der Deutschen in der Nachkriegszeit, man habe vom Holocaust nichts gewusst, eine Schutzbehauptung dar. Tatsächlich war der massenhafte Mord an den Juden Europas ein offenes Geheimnis, das man durchaus hätte kennen können. Stattdessen hätten viele aber gezielt weggeschaut.
Vorkriegszeit (erste Anzeichen der Verfolgung) mini|Häftlingsentlassung 1933 im KZ Oranienburg Das größte Machtinstrument des NS-Regimes war das – sofort nach Machtübergabe 1933 errichtete – Konzentrationslagersystem. Die „wilden“ KZ der SA bestanden nicht lange. An vielen Orten des Deutschen Reichs sah die Bevölkerung, dass es Entlassungen zahlreicher Häftlinge gab.
Die KZ der SS bestanden über Jahre hinweg. Die SS kontrollierte die Häftlingspost. Viele der NS-Lager lagen nahe bei Ortschaften, so dass deren Einwohner gewisse Einblicke in die Abläufe eines KZ bekamen. Die Aufschrift an den Eingangstoren vieler KZ: „Arbeit macht frei“ suggerierte die Möglichkeit von Entlassungen aus einem KZ. In den Anfangsjahren gab es, aus Propaganda- und Beschwichtigungszwecken, im KZ Dachau einen „Tag der offenen Tür“. Das „Vorzeigelager“ sollte als Potemkinsches Dorf einen möglichst positiven Eindruck vermitteln. Einige Reichsdeutsche durften anfangs zeitweise die KZ der SS betreten, etwa als Warenlieferanten. In späteren Jahren waren die KZ streng abgeschirmt.
Bereits in den frühen Anfangsjahren der KZ behandelte die SS jüdische Häftlinge deutlich schlechter als die restlichen KZ-Insassen.Jane Caplan, Nikolaus Wachsmann (Hrsg.): Concentration Camps in Nazi Germany: The New Histories. Routledge, 2010, S. 25.
Die Enteignung („Arisierung“) jüdischen Besitzes machte viele Deutsche und später auch Österreicher zu direkten oder indirekten Nutznießern eines Teilschrittes auf dem Weg zum Holocaust. Die Frage, was mit den enteigneten und nun vielfach nicht mehr ausreisefähigen Juden geschehen sollte, drängte sich besonders seit den Novemberpogromen 1938 allgemein auf. Darauf reagierten die NS-Zeitungen mit verstärkter antisemitischer Propaganda, um weitere Schritte wie die Errichtung von Ghettos und Lagern im Osten vorzubereiten.
Kurt Scharf, später Landesbischof von Berlin-Brandenburg, beschrieb die Anfänge der Judenverfolgung:
Kenntnis von Vernichtungsstätten (industrialisierte Vergasung und Einäscherung) Der Massenmord an Millionen Juden blieb den meisten Reichsdeutschen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verborgen und war auch für diejenigen, die über Auslandssender oder Erfahrungsberichte von Soldaten davon gehört hatten, meist unvorstellbar. Ereignisse wie die Wannseekonferenz oder der Korherr-Bericht unterlagen als „Geheime Reichssachen“ der höchsten Geheimhaltungsstufe. Ein damaliges Gesamtwissen über Ausmaß und Durchführung des Holocaust nehmen Historiker daher nicht an.
Opferwissen Berichte von geflohenen Häftlingen Vereinzelt gelang es Häftlingen, aus Vernichtungslagern zu fliehen und Informationen weiterzuleiten. Im April 1943 gelang Witold Pilecki die Flucht aus Auschwitz-Birkenau; seine Berichte wurden an Widerstandsbewegungen und Regierungen geleitet (Pilecki-Berichte). Rudolf Vrba und Alfréd Wetzler flohen im April 1944 und informierten anschließend über das Vernichtungslager und über die Vorbereitungen zur Ermordung der Juden aus Ungarn (Vrba-Wetzler-Bericht). Auch Jan Karski informierte ab 1942, nachdem er – getarnt als Trawniki-Mann – zum Augenzeugen von industrialisierten Vernichtungsstätten geworden war (im Juli 1943 Treffen mit Roosevelt). In Nachkriegsprozessen wurden einige dieser Berichte zu amtlichen Dokumenten der Alliierten (Auschwitz-Protokolle).
Berichte von Holocaustüberlebenden Holocaustüberlebende berichteten in der Nachkriegszeit, dass die unmittelbar betroffenen Opfer ihr bevorstehendes Schicksal nicht ahnten oder den Gerüchten über industrialisierte Vernichtungsfabriken keinen Glauben schenken wollten:
Konrad Löw schrieb dazu 2007 in der FAZ:
Löw warf Historikern wie Peter Longerich, Saul Friedländer, Ian Kershaw u. a. vor, solche Aussagen jüdischer Quellen in ihren Untersuchungen zum Thema zu übergehen.
In seiner Rede vor dem Bundestag im Januar 2012 berichtete der Holocaustüberlebende Marcel Reich-Ranicki über die bevorstehende „Umsiedlung“ des Warschauer Ghettos, dass die Warschauer Juden im Sommer 1942 nicht wussten, was bevorstand, nämlich die Deportation nach Treblinka:
Am 19. April 1943 begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Am selben Tag kam es in Belgien zum Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz. Robert Maistriau, einer der Teilnehmer der Aktion, berichtete später darüber:
Zum Lüneburger Auschwitzprozess im Jahr 2015, in dem es um die sogenannte Ungarn-Aktion vom Sommer 1944 ging, wurden über 60 Nebenkläger zugelassen. Sowohl der Angeklagte Oskar Gröning als auch Nebenkläger berichteten, die Selektionen in Birkenau seien ruhig abgelaufen, da die ankommenden Deportierten „völlig ahnungslos“ gewesen seien.Alexandra Kraft: Wie Irene Weiss die Hölle von Auschwitz erlebte. Fotos von Häftlingen, die ahnungslos und ruhig vor der Gaskammer warten; Artikel auf stern.de zum Lüneburger Auschwitzprozess vom 7. Mai 2015 Auch auf Fotos des im Jahr 1980 veröffentlichten Auschwitz-Albums ist zu sehen, wie die ungarischen Deportierten arglos vor einer Gaskammer warteten.
Deutsches Reich Täterwissen Für hochrangige NSDAP-Funktionäre und Mitarbeiter der NS-Behörden wurde die Absicht zur Judenvernichtung ab Herbst 1941 fast unverhüllt ausgesprochen. Spätestens seit der Wannseekonferenz im Januar 1942 waren die oberen Ebenen der Ministerien und NS-Behörden in die Planungen zur Deportation von Millionen Juden in Arbeits- und Vernichtungslager eingeweiht. Dass „Endlösung“ Vernichtung bedeutete, war den Konferenzteilnehmern bewusst, wie der Konferenzplaner und Protokollant, „Judenreferent“ Adolf Eichmann 1961 in seinem Prozess in Israel aussagte. In der zweiten seiner „Posener Reden“ sagte Heinrich Himmler zu den versammelten Gau- und Reichsleitern am 6. Oktober 1943:
Der Judenreferent im Auswärtigen Amt, Franz Rademacher, schrieb der Personalabteilung in seiner Dienstreisenabrechnung: „Art des Dienstgeschäfts: Liquidation von Juden in Belgrad“. Aufgrund derartiger Belege urteilte die Unabhängige Historikerkommission – Auswärtiges Amt 2010, das Auswärtige Amt sei Wegbereiter der „Endlösung“ sowie aktiver Unterstützer der Judendeportation und sogar der Judenvernichtung gewesen: „Die Mitwisser im Amt waren auch Mittäter.“Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Karl Blessing, München 2010, S. 15 f.
Beobachterwissen Lokführer von Deportationszügen und andere Bahnbedienstete kamen in unmittelbare Nähe der industrialisierten Vernichtungsstätten.
Das Erfurter Unternehmen Topf und Söhne, ursprünglich Ofenbauer, war an der Konstruktion, Inbetriebnahme und Wartung von Verbrennungsöfen sowie der Entlüftungsanlage von Gaskammern in Birkenau beteiligt. Mehrere namentlich bekannte Mitarbeiter hielten sich tagelang in Auschwitz auf. Dabei sahen sie Baupläne und montierten die Entlüftungsanlage sowie die Krematoriumsöfen.Annegret Schüle: Technik ohne Moral, Geschäft ohne Verantwortung. In: Irmtrud Wojak und Susanne Meinl (Hrsg.): Im Labyrinth der Schuld. Frankfurt 2003, ISBN 3-593-37373-4, S. 199–229.
Informationspolitik NS-Presseberichte Gleichzeitig erzeugte die NS-Informationspolitik mit allgemeinen Andeutungen in Zeitungs- und Wochenschauberichten, die auf organisierte Judenvernichtung schließen ließen, bewusst eine Art Mitwisserschaft der Deutschen. So sprach Adolf Hitler in reichsweit ausgestrahlten Reden offen von der „Vernichtung“ der Juden, die er schon am 30. Januar 1939 für den Fall eines neuen Weltkriegs „prophezeit“ hatte. Darauf kam er bis 1943 öfter – 1942 allein fünfmal – in wortgleicher Formulierung zurück: Von den Juden, die ihn für seine „Prophezeiung“ früher verlacht hätten, würden viele inzwischen nicht mehr lachen; bald, so Hitler, werde keiner mehr von ihnen lachen. Auch die deutsche Presse erwähnte diese Reden oft. Dass Hitler damit die laufende Vernichtung der Juden meinte, verstanden laut Saul Friedländer viele Zuhörer, deren Tagebucheinträge die Reden vermerkten: darunter der Osnabrücker Bischof Hermann Wilhelm Berning, dem der Vollzug von Hitlers Vernichtungsabsicht im Februar 1942 klar war.Christian Semler, Stefan Reinicke: Die Juden waren der ideale Feind. In: taz, 10. November 2006; Interview mit Saul Friedländer. Joseph Goebbels sprach beispielsweise am 1. Dezember 1941 vor Diplomaten, Wehrmachtsoffizieren, Journalisten, Industriellen und Mitgliedern der Deutschen Akademie davon, dass das „Weltjudentum“ den Weltkrieg begonnen und ausgeweitet habe, nun aber „einen allmählichen Vernichtungsprozeß“ erlebe. Auch Robert Ley, Leiter der Deutschen Arbeitsfront, äußerte in einer im Rundfunk ausgestrahlten Rede im Mai 1942 vor deutschen und niederländischen Arbeitern in Amsterdam: „Der Jude ist die große Gefahr der Menschheit. Und wenn es uns nicht gelingt, ihn auszurotten, dann haben wir den Krieg verloren.“Jeffrey Herf: Drei Gesichter des Antisemitismus: rechts, links und islamistisch. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2025, S. 48, 57
In einem von dem Gauschulungsleiter Wilhelm Löbsack verfassten Artikel in der NSDAP-Tageszeitung Danziger Vorposten vom 13. Mai 1944 hieß es, das Judentum habe „weitere schwere Einbußen … zu verzeichnen,“ es seien „Kerngebiete jüdischer Zusammenballung“ in Polen und nun Ungarn „neutralisiert“ und „fünf Millionen Juden ausgeschaltet“ worden.Frank Bajohr, Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. München 2006, S. 58.
Mündliche Berichte Seit der auf den Überfall auf Polen folgenden ersten Urlaubswelle für Wehrmachtssoldaten im Winter 1939/40 sickerten immer mehr Einzelheiten über die Vorgänge in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten durch. An Massenerschießungen beteiligte Deutsche berichteten ihren Verwandten in Briefen oder beim Heimaturlaub davon. In Verbindung mit den Pressemeldungen ergab die „Flüsterpropaganda“ dann allmählich immer genauere Vorstellungen davon, was mit Juden „im Osten“ geschah. Die im Oktober 1941 begonnenen Deportationen aus den deutschen Großstädten vollzogen sich öffentlich auf Versammlungsplätzen und Bahnhöfen und waren vielfach von großen Mengen Schaulustiger begleitet.Generaldirektion der staatlichen Archive Bayerns (Hrsg.): Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941–1943. München 2003, ISBN 3-921635-77-2, S. 106 ff. und Fotos Auch die Einrichtung von Ghettos und großen Lagern wurde in Deutschland öffentlich bekannt gegeben. Ihr Zweck wurde jedoch für die meisten Deutschen mit der typischen NS-Tarnsprache bemäntelt und verschleiert. Die Transporte dorthin wurden als „Umsiedelung“ oder „Evakuierung“ ausgegeben und waren von einer intensiven Hetzpropaganda begleitet. Deutsche Juden wurden dabei als „Volksfeinde“, Verbrecher oder Verbündete der Kriegsgegner beschrieben, die entsprechend keine „Vorzugsbehandlung“ verdient hätten. Dass mit Begriffen wie „Umsiedlung“ Massenexekutionen gemeint waren, war etwa in der westfälischen Stadt Minden vielen Einwohnern seit Ende 1941 bekannt. So schrieb Ruth Andreas-Friedrich am 2. Dezember 1942 in ihr Tagebuch: