Rolândia, amtlich , ist eine brasilianische Gemeinde im Bundesstaat Paraná.

Die Einwohner werden „Rolandenser“ () genannt. Es hat 71.670 Einwohner (2022). Die Fläche beträgt rund 459 km²; die Bevölkerungsdichte liegt bei 126 Personen pro km². Sie ist Zentrum der Metropolregion Londrina () mit rund 1,1 Millionen Einwohnern.

Die Gründung von Rolândia Ursprünglich für deutsche Landlose vorgesehen, kauften der deutsche Tropenlandwirt Oswald Nixdorf (1902–1981) und Hermann von Freeden im Auftrag der Berliner GWS (Gesellschaft für Wirtschaftliche Studien in Übersee) 1932 fruchtbaren Urwald von der britischen Siedlungsgesellschaft Paraná Plantations Ltd.Die Paraná Plantations Ltd. war die Muttergesellschaft der vor Ort im Staate Paraná unter der Leitung von Arthur Thomas arbeitenden Cia. de Terras Norte do Paraná. Auf deren Gebiet wurden noch weitere Siedlungen gegründet: Porto Novo (RS), Heimtal (SC), Terra Nova (PR). (Maria Luiza Tucci Carneiro: Weltbürger, S. 180) und gründeten für 400 deutsche Familien die Siedlung „Roland“ oder brasilianisiert: „Rolândia“, die bald zum Ziel von Erich Koch-Weser und anderen Flüchtlingen vor dem Nationalsozialismus wurde, ab 1935 auch vieler Juden. Diesen überwiegend gutbürgerlichen Hintergrund vieler Emigranten aus Deutschland beschreibt auch Max Hermann Maier: Eine etwas andere Aufschlüsselung der deutschen Emigranten stammt von Geert Koch-Weser, dem Sohn von Erich Koch-Weser. Er hat die Zusammensetzung der 400 Siedler wie folgt aufgeschlüsselt: „Nach Rolândia kamen ca. 400 deutsche Familien. Darunter waren 80 jüdische Familien, von denen zehn von Hitler als Volljuden bezeichnet wurden, zehn politisch aktive und 45, die zum Katholizismus konvertiert waren.“Geert Koch-Weser, zitiert nach: Maria Luiza Tucci: Weltbürger. Brasilien und die Flüchtlinge des Nationalsozialismus, 1933 - 1948, S. 181

Nach 1933 stellte Rolândia eine bedeutende deutschsprachige Siedlung in Südamerika dar. Dass das möglich wurde, beruhte auf einigen geschickt eingefädelten Dreiecksgeschäften: Direkt profitiert von diesem Dreiecksgeschäft, an dessen Abwicklung auch das Hamburger Bankhaus Warburg beteiligt gewesen sein sollMaria Luiza Tucci Carneiro: Weltbürger, S. 180, haben 145 Personen.Maria Luiza Tucci Carneiro: Weltbürger. Brasilien und die Flüchtlinge des Nationalsozialismus, 1933 - 1948, S. 182 Koch-Weser erinnerte aber daran, was zusätzlich noch notwendig war, damit aus der Urwaldkolonie ein sicherer Hafen für die vielen Flüchtlinge werden konnte:

Der lange Schatten der NSDAP Obwohl der größte Teil der deutschen Siedler Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich waren, gab es doch Versuche, aus Rolândia eine Art ‚deutsche Mustersiedlung‘ zu machen. Auch Oswald Nixdorf wird eine Nähe zur NSDAP nachgesagt. Die lokale NSDAP-Leitung in Curitiba „imaginierte Rolândia als künftige arische Siedlung. Der liberale Koloniegründer Oswald Nixdorf war dem politischen Druck aus Deutschland gewichen. Denn die Siedlungsgesellschaft, die Rolândia gegründet hatte, wurde gleichgeschaltet. Nixdorf trat der Partei bei und ließ die Hakenkreuzflagge hissen. Der Siedler Erich Becker, so wurde berichtet, habe dann vor ihr ausgespuckt und »armes verlogenes Deutschland« geflucht, als er daran vorüberging. Konsequenzen hatte dies für die jüdische Bevölkerung zum Glück keine.“Ursula Prutsch, Enrique Rodrigues-Moura: Brasilien. Eine Kulturgeschichte. transcript Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8376-2391-8, S. 151.

1935 wurde in Rolândia eine deutsche Schule errichtet. Dass dies für die Nazis eine bedeutende Sache war, macht ein Bild deutlich, das auf einer heute noch die Nazis verherrlichenden Website zu sehen ist: Es zeigt eine sehr große Freiluftbühne, die reich mit Hakenkreuzen geschmückt ist. Den drei oder vier Rednern auf der Tribüne lauscht eine Menge, die angesichts des noch jungen Rolândias beeindruckt. Das Bild legt nahe, dass die Nazis auch in Rolândia über eine nicht geringe Zahl von Sympathisanten verfügt haben müssen.. ACHTUNG: Dies ist eine naziverherrlichende Seite, aber sie enthält viel Material über die nationalsozialistischen Aktivitäten in Brasilien, einschließlich vieler historischer Aufnahmen.

Diese Schule bereitete auch noch in anderer Weise Probleme, wie Max Hermann Maier berichtet: „Da die deutsche Nazi-Regierung der damaligen deutschen Schule in Rolândia Zuschüsse gewährte, hat sie verlangt, daß die Schule an Feiertagen außer den brasilianischen Flaggen auch die deutsche Nationalflagge mit dem Hakenkreuz zeige. Auch dadurch wurden Verstimmungen hervorgerufen.“Max Hermann Maier schreibt in seinem Buch Ein Frankfurter Rechtsanwalt wird Kaffeepflanzer ..., S. 50.

Ernsthaft in Rolândia Fuß zu fassen, ist den Nationalsozialisten aber nicht gelungenMax Hermann Maier schreibt in seinem Buch Ein Frankfurter Rechtsanwalt wird Kaffeepflanzer ..., S. 50, dass dies auch ein Verdienst der britischen Landgesellschaft gewesen sei, die in ihrem Gebiet die Verwirklichung von Nazi-Zielen verworfen und unmöglich gemacht habe., wenngleich es innerhalb der Siedlung doch gewisse Ausgrenzungen gab: „Die deutsche Siedlung begann zu wachsen: Geteilt durch einen Fluss, mit überwiegend jüdischen Siedlern auf der einen Seite; auf der anderen Seite deutsche Siedler, die aus Südbrasilien gekommen waren, viele von ihnen Nazis.“Flucht in den Dschungel Bei Koch-Weser hört sich das versöhnlicher an: „Es gab einzelne Sympathisanten, aber keine Gruppe aktiver Nazis. Die Siedlung war sehr unabhängig und auch gerade von jüdischen oder katholischen Emigranten geprägt.“taz-Interview vom 14. März 2010 mit Caio Koch-Weser. Möglicherweise ist dieser Blick aber auch der Rolle des eigenen Großvaters geschuldet, über den Gerrit Dworok schreibt: „In den politischen Grabenkämpfen, die innerhalb der deutschen Siedlergemeinschaft geführt wurden, verhielt sich Koch-Weser nach Möglichkeiten neutral. Bezüglich der Auseinandersetzung zwischen nationalsozialistisch gesinnten und anti-nationalsozialistischen Siedlern vertrat er die pragmatische Auffassung, dass Politik die wirtschaftliche und strukturelle Entwicklung Rolândias nicht behindern dürfe. Besonders in dieser Hinsicht war er eine Integrationsfigur für das Wohl der Kolonie, als deren ‚prominentester Bewohner‘ er galt. Er wurde ‚sowohl unter den Gegnern des Nazi-Regimes als auch unter denen, die dem Regime politisch und ideologisch nahestanden‘ als Autorität anerkannt und nutzte diese Stellung ganz bewusst, um zwischen den ‚Konfliktparteien zu vermitteln‘ sowie die Interessen der deutschen Siedler nach dem Kriegseintritt Brasiliens auf Seiten der Anti-Hitler-Koalition zu wahren.“Gerrit Dworok: Erich Koch-Weser (1875-1944) - ein liberaler Patriot.

Doch auch in anderen Quellen wird der Rolle der Nationalsozialisten in Rolândia eher wenig Bedeutung beigemessen: „Die Zahl der organisierten Nationalsozialisten überschritt auch in den 30er-Jahren nie die Einstelligkeit, als die damaligen Reichsfahnen bei jeder Gelegenheit in Rolândia zu sehen waren. Dennoch waren die Spannungen nicht zu übersehen, die 1936 schließlich zur Ablösung Nixdorfs als Siedlungsleiter führten.“Bremer Spuren in Brasiliens Dschungel Peter Mainka geht ebenfalls davon aus, dass es nur eine „NSDAP-Ortsgruppe mit acht Mitgliedern gegeben hat“.https://web.archive.org/web/20121218054531/http://www.presse.uni-wuerzburg.de/publikationen/blick3/blick/mainka/

1943, mit Verleihung der Stadtrechte, wurde aus Rolândia zwangsweise „Caviuna“. 1947 erhielt die Stadt den Namen „Rolândia“ zurück. Website der Stadtpräfektur vom 7. Juni 2009. Abgerufen am 14. September 2014 (portugiesisch). Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges diente auch Rolândia entkommenen Funktionsträgern des NS-Systems vorübergehend als Unterschlupf (→ Rattenlinien). Koch-Weser geht allerdings davon aus, dass Rolândia „auch nach dem Krieg - anders als Paraguay - nicht der Ort [war], an den viele Nazi-Flüchtlinge kamen, allenfalls einzelne“. Den gab es dafür ganz in der Nähe: „Ab 1942 wurde in der Nähe eine weitere Kolonie gegründet. Bekannt als El Dorado, hatte sie ein schlossartiges Gebäude in der Mitte, umgeben von Wachtürmen, Stacheldraht und Dschungel. Ein sicherer Hafen für die Nazi-Elite.“

Rolândias Pioniere und deren Nachfahren Geert Koch-WeserKoch-Weser, Geert, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Saur, München 1980, S. 376. (* 1905), Sohn von Erich Koch-Weser, Agrarexperte und ausgebildeter Landwirt. Er hatte ein agrarwissenschaftliches Studium mit der Promotion bei Professor Friedrich Aereboe abgeschlossen.Dieter Marc Schneider: Johannes Schauff (1902 - 1990), S. 82 Er ist der Vater von: Caio Koch-Weser (* 1944), brasilianisch-deutscher Finanzexperte