Die Galiziendeutschen waren eine ethnisch deutsche Bevölkerungsgruppe, die spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Galizien, einer historischen Landschaft im heutigen Süden Polens und Westen der Ukraine, lebte. Im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts wurden die im Ostteil von Galizien lebenden Deutschen Ende 1939/Anfang 1940 ins Deutsche Reich umgesiedelt; der Großteil der im Westteil verbliebenen Bevölkerung floh zwischen 1944 und 1945 aus der Region.
Geschichte mini|Galizien im heutigen Europa mini|Galiziendeutsche Sprachinseln, Karte von 1880 mini|Deutsche Siedlungen in Galizien 1913
Erste Ansiedlung im Königreich Polen Um 1750 wurden schlesische Tuchweber durch Fürst Stanisław Poniatowski in Zaleszczyki angesiedelt.
Ansiedlungen seit 1774 mini|Siedlung der Josephinischen Kolonisation in Gołkowice Dolne (Deutsch Golkowitz) mini|Ehemaliger Evangelischer Friedhof in Brusno (Brutzen)
Die österreichische Kaiserin Maria Theresia hat gleich nach der ersten Teilung Polens etwa um 1774 in Lemberg die ersten Handwerker aus dem Deutschen Reich ansiedeln lassen. Nach dem Tode der Kaiserin im Jahre 1780 begann unter Kaiser Joseph II. die eigentliche, nach ihm benannte Kolonisation des Landes.
Mit dem Ansiedlungspatent von 1781 wurden die Bedingungen für die Ansiedlung von Bauern und Handwerkern aus dem Deutschen Reich festgelegt. Das betraf vor allem die Zuteilung des Bodens und die Gewährung einer mehrjährigen Steuerfreiheit. Das Toleranzpatent Josephs II. von 1781 ermöglichte erstmals die Ansiedlung von Andersgläubigen im katholischen Österreich. Daraus erklärt sich der hohe Anteil der evangelischen Christen unter den Ansiedlern in Galizien.
Herkunft der Siedler Somit sind auch viele von protestantischen Flüchtlingen abstammende Menschen nach Etablierung des Edikt von Fontainebleau aus dem Pfälzischen und Badischen Raum nach Galizien gezogen. Unter ihnen waren auch radikal-reformatorische Mennoniten, die in Galizien in mehreren Siedlungen bei Lemberg lebten: anfänglich in drei Siedlungen: Einsiedel (18 Familien), Falkenstein (7 Familien) und Rosenberg (3 Familien). Später entstanden die Siedlungen: Neuhof alias Weissmanówka (1830), Kiernica (1848), Horożanna (1850), Mostki (1854), Wiszenka (1862), Ehrenfeld-Błyszczywody (1864), Trościaniec im Bezirk Jaworów (1870), Dobrowlany (1871), Lipowce (1872), Podusilna (1872). In den Jahren 1880–1883 wanderten 73 mennonitische Familien nach Nordamerika aus. 1909 bildeten die Mennoniten die erste und die einzige mennonitische Gemeinde Lemberg-Kiernica.
Die Werber des Kaisers konzentrierten ihre Bemühungen besonders auf die Pfalz und das Saarland, denn dies war eine Gegend im Deutschen Reich, die durch häufige Kriege mit dem Nachbarn Frankreich besonders verarmt war. Auf diese Weise ist zu erklären, dass die meisten der zwischen 1782 und 1785 in Galizien eingewanderten Bauern und Handwerker die pfälzische Mundart sprachen. Diejenigen Ansiedler, die aus anderen Teilen des Deutschen Reiches kamen, bildeten in der neuen Heimat eine Minderheit und konnten sich in den nachfolgenden Generationen mit ihrer Mundart nicht durchsetzen.
In der Auswanderungsbewegung des 18. Jahrhunderts spielte auch das als Enklave in der Pfalz gelegene, aber zu Vorderösterreich gehörende Oberamt Winnweiler eine besondere Rolle. Viele Galiziendeutsche stammten entweder direkt aus den Dörfern des Oberamtes oder ließen sich – aus anderen Pfälzer Gebieten kommend – zumindest dort anwerben. In diesem Zusammenhang richtete man in Winnweiler um 1781 sogar eine spezielle Anwerbestelle für Galizienauswanderer ein.Zur Auswanderung aus dem Oberamt Winnweiler
Die meisten Pfälzer zogen zunächst rheinaufwärts bis Speyer und dann zwischen Schwarzwald und Odenwald hindurch bis nach Ulm. Von Ulm aus fuhr man auf der Donau in den sogenannten Ulmer Schachteln bis nach Wien. Die Ulmer Schachteln waren ganz billig hergestellte Boote, die nur in einer Richtung donauabwärts fuhren, denn sie wurden am Ende ihrer Reise als Brennholz verkauft.
Von Wien aus ging die Reise auf dem Landwege weiter. Man zog mit Pferdewagen in größeren Gruppen über Brünn, Olmütz, Mährisch Neustadt, Bielitz bis nach Krakau und von dort weiter in die Bestimmungsorte.
Erste Ansiedlungen Aus den Ansiedlungslisten der österreichischen Behörden zwischen 1782 und 1785 geht hervor, dass in diesem Zeitraum 3.216 Familien mit 14.669 Personen nach Galizien zogen. Die Einrichtung der Höfe für die Ansiedler konnte mit diesem Ansturm nicht Schritt halten, so dass ab 1785 die Zahl der Aussiedler beschränkt wurde, denn die in Lagern auf ihre Ansiedlung wartenden Menschen mussten erst auf die Höfe verteilt werden. Dieses dauerte bis 1789 und länger. Aber schon 1790 starb Kaiser Joseph II. und damit endete die sogenannte Josephinische Kolonisation.
Eine zweite Einwanderungswelle unter Kaiser Franz führte weit weniger Menschen nach Galizien.
Ab 1790 begannen sich auch polnische Grundherren für die Aufnahme von Siedlern zu interessieren, denn sie erkannten inzwischen den Nutzen der deutschen und böhmischen Siedler für die Landwirtschaft. So entstand eine größere Zahl von Privatgründungen, die östlich der josephinischen Ansiedlungsgrenze lagen. Siedler wurden ins Land geholt, erhielten gegen eine bestimmte Abgabe Urwald zum Roden und durften das so gewonnene Land als ihr Eigentum landwirtschaftlich nutzen.
1804 wurde eine eigene evangelische Superintendentur für Galizien gebildet.
Einwanderungswelle 1810 Nach 1810 gab es noch eine dritte Einwanderungswelle kleineren Ausmaßes aus dem katholischen Egerland, wodurch unter anderem die Orte Machliniec und Mariahilf entstanden. In der Zeit zwischen 1811 und 1848 siedelten private Grundherren vermehrt Bauern und Waldarbeiter aus Böhmen an.Deutsche Siedlungen in Galizien, auf www.felizienthal.de, Zugriff am 26. November 2020 Böhmische Siedler zogen etwa nach Smosche (), Klymez und Tucholka.Abschnitt Böhmen, auf , Zugriff am 26. November 2020 Nach einer Pest- oder Cholera-Epidemie in der Gegend um Smosche warb der dortige Grundherr Karl Scheiff um 1835 neue Siedler aus Westböhmen an.Abschnitt Böhmen, auf , Zugriff am 26. November 2020 Er gründete dazu drei neue Dörfer, die er nach sich selbst und seinen Familienmitgliedern in „Karlsdorf“ (gegründet 1838), „Annaberg“ (nach seiner Ehefrau Anna, gegründet 1835) und „Felizienthal“ (nach seinem Sohn Felix, ebenfalls gegründet 1835) benannte.Zur Geschichte der Gemeinden Felizienthal, Annaberg und Karlsdorf siehe www.felizienthal-forschung.de, Zugriff am 26. November 2020.
Auswanderungen nach Amerika Ende des 19. Jahrhunderts Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wanderten insgesamt etwa 27.000 Galiziendeutsche nach Amerika aus. Dadurch verschwanden deutsche Siedlungen, in anderen Orten gerieten die Deutschen durch den Zuzug von Ukrainern und Polen in die Minderheit. Deutsche Schulen und Kirchen mussten geschlossen werden. Dazu siedelten weitere Galiziendeutsche auf Anwerbung der preußischen Regierung nach Westpreußen und Posen aus.
Im Jahr 1900 gab es rund 80.000 deutsche Christen in Galizien. Der Rest der Angaben über deutschsprachige Bewohner in der Volkszählung (über 212.000) waren generell die jiddischsprachigen Juden (Jiddisch galt in Österreich-Ungarn als deutscher Dialekt und seine Sprecher wurden nach etablierter Nationalpolitik als Deutsche gezählt) mit der Ausnahme des westlichsten Galiziens,Grzegorz Smólski: Kolonie i stosunki niemieckie w Galicyi, 1910, S. 6 (polnisch) besonders Biała Krakowska, wo die Juden tatsächlich oft Hochdeutsch sprachen.
Um dieser Abwanderung entgegenzutreten, gründete Pfarrer Theodor Zöckler 1907 gemeinsam mit evangelischen und katholischen Deutschen den Bund der christlichen Deutschen in Galizien. Der Deutsche Volksrat für Galizien sollte die Interessen gegenüber den österreichischen Behörden vertreten.Theodor Zöckler Kulturportal West-Ost 1914 war der Bund der christlichen Deutschen in Galizien in 108 Ortsgruppen aktiv.Deutsche Siedlungen in Galizien 1913, Lemberg, Verlag des Bundes der christlichen Deutschen in Galizien; Kartogr. Anstalt G. Freytag & Berndt;
Zwischenkriegspolen Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns im Jahr 1918 verloren die rund 60.000 verbliebenen Galiziendeutschen ihren Status als privilegierte Staatsbürger und bildeten fortan eine stark verstreute, konfessionell gespaltene Minderheit in einem weitgehend katholisch-polnisch und ukrainisch dominierten Umfeld. Osmikon – Forschungsportal zu Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa, abgerufen am 20. Juli 2026.
1920 fiel Galizien an die neu gegründete Polnische Republik. Zunehmend geriet die galiziendeutsche Bevölkerung unter den Druck der polnischen Behörden, die eine restriktive Polonisierungspolitik verfolgten. 1923 wurde der Bund der christlichen Deutschen in Galizien verboten. Die systematische Schließung deutscher Schulen, Universitäten, Theater und Kirchen drängte die deutsche Sprache und Kultur aus dem öffentlichen Raum. Verschärft wurde diese Entwicklung durch den Zuzug von Polen und Ukrainern, wodurch die verbliebenen Galiziendeutschen in ihren angestammten Siedlungen immer mehr in die Minderheit gerieten.Radikale Maßnahmen zur Polonisierung der Deutschen Minderheit in Polen Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen für Wissenschaft und Forschung, abgerufen am 20. Juli 2026.
Die Evangelische Kirche Augsburgischen und Helvetischen Bekenntnisses in Kleinpolen (auch bekannt als Evangelische Kirche Galiziens) fungierte in Zwischenkriegspolen als zentrales Rückgrat der Galiziendeutschen. Sie unterhielt ein eigenes Netz aus Privatschulen und bildete Lehrer aus, um deutschsprachigen Unterricht zu gewährleisten. Da weltliche und politische deutsche Organisationen von den polnischen Behörden verboten wurden, blieb diese Kirche die einzig erlaubte Institution für legale Zusammenkünfte. Angeführt von Theodor Zöckler verteidigte die Kirchenleitung die Rechte der deutschen Minderheit gegenüber der polnischen Regierung in Warschau. Ein Herzstück dieser Arbeit waren die Zöcklerschen Anstalten in Stanislau. Mit ihren Waisenhäusern, Altenheimen, Krankenhäusern und Handwerkerschulen sicherten sie unmittelbar die Existenz verarmter deutscher Familien.Erasmus Zöckler: Ihr sollt leben! Theodor Zöckler: Gründer des einst größten Hilfswerks im Osten Europas. Gustav-Adolf-Werk, 2011, S. 21 f.Viktor Kauder: Das Deutschtum in Polen. Band 2. Das Deutschtum in Galizien/Kleinpolen. Verlag von S. Hirzel, 1937. Pomorska Biblioteka Cyfrowa, abgerufen am 20. Juli 2026.
Umsiedlung der Deutschen aus Ostgalizien 1939/40 mini|Deutsches Propagandaplakat zur Herkunft deutschstämmiger Umsiedler im Warthegau und Westgalizien (ca. 1940) mini|Deutscher Umsiedler aus Ostgalizien, rechts Heinrich Himmler, bei Przemyśl (1940).
Nach der deutschen Besetzung Westpolens und der sowjetischen Besetzung Ostpolens wurde Ostgalizien am 4. Oktober 1939 in die Ukraine eingliedert und der größte Teil Westgaliziens am 26. Oktober 1939 unter deutscher Verwaltung Bestandteil des Generalgouvernements. Im Dezember 1939 und Januar 1940 folgte auf Grundlage des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags die Umsiedlung der „Volksdeutschen“ aus Ostgalizien und Wolhynien.
Bereits im September 1939, als Ostgalizien von der Sowjetunion besetzt wurde und die Zwangskollektivierung auch hier begann, flohen viele Deutsche, denen es möglich war, nach Westgalizien. Nachdem der deutsch-sowjetische Umsiedlungsvertrag bekannt wurde, rüsteten sich auch im entferntesten Karpatendorf die deutschen Bewohner zum Aufbruch. Die Umsiedlung erfolgte mit Unterstützung der sowjetischen Behörden, die etwa 80 % der deutschen Umsiedler in Eisenbahnzügen bis zur deutsch-sowjetischen Demarkationslinie verbrachten. Die Restlichen verließen zu Fuß, Pferd oder mit anderen Transportmitteln ihre Heimat.