mini|Luftbild von Osten, 1945 Der Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 war der schwerste von mehreren Luftangriffen auf Würzburg in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Der Angriff fand zwischen 21 und 22 Uhr statt und dauerte 20 Minuten und wurde durch das RAF Bomber Command des Vereinigten Königreichs ausgeführt. Bei dem Angriff wurden etwa 3600 bis 4000 Menschen getötet und die historische Altstadt wurde zu 90 Prozent zerstört. Zwei Wochen später begann die Schlacht um Würzburg, die mit der Einnahme der Stadt durch die US-Armee endete.

Vorgeschichte Mit der Casablanca-Direktive vom 21. Januar 1943 wurde eine gemeinsame aufeinander abgestimmte Bomberoffensive britischer und US-amerikanischer Luftstreitkräfte beschlossen. Dabei übernahm die 8. US-Luftflotte der USAAF die systematische Zerstörung von Infrastruktur und strategischen Schlüsselindustrien, vor allem jedoch der Treibstoffherstellung und -versorgung in Deutschland durch Tagesangriffe. Das britische Bomber Command koordinierte Nachtangriffe auf Deutschland, da die Royal Air Force ihre Bomberverbände nicht durch Begleitjäger schützen konnte.

Der vom britischen Ministry of Economic Warfare (MEW) erstellte sogenannte Bomber-Baedeker klassifizierte Würzburg als Stadt von geringer Bedeutung für die deutsche Rüstungsindustrie. Dementsprechend wurden hier die Zielcodechiffren „GH 646“ für ein Eisenbahnzentrum geringer Wichtigkeit und „GH 5566“ für Transportanlagen verwendet.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Würzburg bombardiert werden würde, war angesichts dieser Einschätzung relativ gering, da sich Flächenbombardements nicht zur Ausschaltung von Verkehrs- und Transporteinrichtungen eigneten. Andererseits war der RAF durch die Area Bombing Directive bereits 1942 die negative Beeinflussung der Moral der Zivilbevölkerung mit Brandbomben vorgegeben worden („incendiary attacks“).RAF: Sprengbomben für Industrieziele, Brandbomben für Städte

Bis Ende 1944 waren die Großstädte Deutschlands schon weitgehend zerstört, den alliierten Bomberflotten gingen schlichtweg „die Ziele aus“. Von einer auf den 22. November 1944 datierten Liste von sogenannten Füllzielen für allgemeine Flächenangriffe wurden sieben Zielstädte gestrichen und zusammen mit drei weiteren Städten auf eine spezielle Liste für die von Churchill, der 1909 Würzburg besucht hatte und sich ins Goldene Buch als „President of the Board of Trades“ eingetragen hatte,Peter Weidisch: Würzburg im »Dritten Reich«. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. Band 2, 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 1288, Anm. 417. geforderten Flächenbombardements in Mittel- und Ostdeutschland gesetzt. Auf der allgemeinen Flächenangriffszielliste befanden sich damit nur noch sechs Städte. Das Combined Strategic Target Committee (Zielauswahlgremium) setzte daher elf neue Zielstädte auf eine neue Liste mit Datum vom 8. Februar 1945. Man orientierte sich dabei u. a. an einer älteren Liste vom 23. Januar 1945 für potentielle Flächenangriffsziele. Auf dieser Liste war zum ersten Mal der Name Würzburg aufgetaucht. Von dieser älteren Liste wurde Würzburg an 10. Stelle in die neu ergänzte Liste für filler targets vom 8. Februar 1945 aufgenommen. Der Stellvertreter von Arthur Harris, Oberbefehlshaber des Bomber Command, war Air Vice-Marshal Robert Saundby, der als begeisterter Angler alle für Flächenbombardements geeigneten deutschen Städte mit einem Fish code versah.Fish code names. (PDF; 292 kB) britisches Original. Deutsche Übersetzung (PDF; 214 kB) bunkermuseum.de (Bunkermuseum Emden); abgerufen am 12. März 2023 Würzburg erhielt als eine von 94 Städten die Bezeichnung Bleak (Ukelei).

Städte ohne militärische Bedeutung wurden auf die Liste mit Zielen 1. und später 2. Ordnung für den Einsatz von Brandbomben gesetzt, wenn sie leicht zerstörbar und sehr feuergefährdet waren. Auf Grund von Brandplänen wurden mittelalterliche Stadtzentren bevorzugt.

Würzburg erlebte seinen ersten kleineren Bombenangriff im Februar 1942 (Nähe Südbahnhof). In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 1944 stürzte ein angeschossener Lancaster-Bomber in die Innenstadt,Roland Flade: Zukunft, die aus Trümmern wuchs (1944–1960), S. 24 ff, Mainpost-Verlag 2009. – Auf dem Rückflug aus Schweinfurt stürzte ein RAF-Bomber mit kanadischen Besatzungsmitgliedern nach Abschuss auf die Grombühler Josefschule, Steinheilstraße. Alle Besatzungsmitglieder kamen in den Trümmern ums Leben („all KIA“). Gefrierendes Löschwasser am Josephsplatz. am 21. Juli 1944 „verirrten“ sich acht amerikanische B17-Bomber nach Würzburg (32 Tote und 77 VerletztePeter Weidisch (2007), S. 275. - abgerufen am 17. Mai 2023). Weitere Angriffe aus der Luft fanden am 5. Dezember 1944 und am 13. Januar 1945 statt.Peter Weidisch (2007), S. 275. Im Jahr 1945 erfolgten gemäß alliierten Unterlagen weitere Luftangriffe am: 4./5. Februar – RAF – zwei De Havilland DH.98 Mosquito (Löwenbrücke und Grombühl)Flade S. 49f: Test der brit. Navigationsgeräte, zwei Luftminenabwürfe, Löwenbrücke 20 Tote, Grombühl 10 Tote. – Eine dritte Maschine des 105. Squadrons (Typ B.XVI Bomber, Ser. Nummer ) stürzte beim Anflug aufgrund techn. Probleme bereits in Belgien ab. 5./6. Februar – RAF – sechs De Havilland Mosquito (Innenstadt)u. a. Häfnergasse und Marienkapelle 12./13. Februar – RAF – vier De Havilland Mosquito (??)Es ist wahrscheinlich, daß dieser Angriff auf Würzburg wetter- oder abwehrbedingt nie stattgefunden hatte. Die RAF-Einsatzplanung für Würzburg existierte, die Augenzeugen- und Schadensberichte aus Würzburg fehlen. – mainpost.de: 19./20. Februar – RAF – drei o.m. De Havilland Mosquito (Innenstadt, über 100 Tote)Flade, S. 55: Luftminenabwürfe, u. a. Kürschnerhof, Neumünster und Dom, Juliusspital, Bürgerspital. 112 TotePeter Weidisch (2007), S. 274 (Schäden im Bereich der Juliuspromenade beim Echterhaus). 23. Februar – USAAF – 37 B17-Bomber (Hauptbahnhof und Bahnanlagen, Grombühl, über 170 Tote)Flade S. 56: 250 Sprengbomben, 178 Tote 3./4. März – RAF – 42 De Havilland Mosquito (gesamtes Stadtgebiet, 86 Tote)Flade S. 59: Luftminenabwürfe, 86 Tote 22. März – USAAF – acht B24-Bomber (Bahnanlagen)

Bis März 1945 lebte die Bevölkerung Würzburgs noch weitgehend in der Illusion, von einem Großangriff verschont zu bleiben, da die Stadt einerseits viele Krankenhäuser, andererseits keine nennenswerte kriegswichtige Industrie hatte. Der Würzburger Kampfkommandant Generalmajor Karl Bornemann hatte gemäß seinem Nachfolger Richard Wolf nur unzureichende Vorbereitungen zur Verteidigung der Stadt getroffen.Ulrich Wagner: Die Eroberung Würzburgs im April 1945. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2 (I: Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Bauernkriegs. 2001, ISBN 3-8062-1465-4; II: Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814. 2004, ISBN 3-8062-1477-8; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9), Theiss, Stuttgart 2001–2007, Band III (2007), S. 294–314 und 1290–1292; hier: S. 298–300. Der Hauptbahnhof und das Bahngelände waren als Eisenbahnknotenpunkt am 23. Februar 1945 durch einen gezielten amerikanischen Bombenangriff erheblich beschädigt worden.

Aber bereits nach dem dritten kleineren Angriff vom 5. Februar 1945, der sechs ToteMartin Droschke: In Würzburg […]. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 5. Februar. forderte, ließ Gauleiter Otto Hellmuth als Reichsverteidigungskommissar in der Mainfränkischen Zeitung, dem amtlichen Organ der NSDAP und der Staats- und Gemeindebehörden, eine deutliche Warnung im Stil einer von Ohnmacht geprägten NS-Propaganda verkünden: „Der hasserfüllte Feind ist hemmungslos in seinem Vernichtungswillen. Sein Luftterror macht weder Halt vor Frauen und Kindern noch vor alten Kulturstätten. Mehr denn je ist es unsere Pflicht, für den Ernstfall das Menschenmögliche vorzubereiten. Wir haben keinerlei Grund mehr anzunehmen, dass die Luftpiraten Würzburg verschonen.“

Am 6. April 1945 berichtete das Würzburger Diözesanblatt detailliert über alle Schäden an den über die Stadt verteilten Kirchen- und Klostereinrichtungen.Würzburger Diözesanblatt. 3a, 1945, S. 19–26.

Hauptangriff Beim RAF Bomber Command in High Wycombe westlich von London war inzwischen die Entscheidung gefallen, aufgrund der vorausgesagten günstigen Witterungsverhältnisse am 16. März 1945 das bis dahin noch relativ unzerstörte Würzburg als filler target für einen Flächenangriff auszuwählen. Die von vielen Fachwerkbauten bestimmte Bausubstanz und die räumliche Enge der Altstadt versprachen die Auslösung eines Feuersturms. Beauftragt mit diesem Angriff wurde die No. 5 Bomber Group, die auch beim schwersten Angriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945 entscheidend beteiligt war. Das kleine Würzburg wurde zu einem noch höheren Anteil zerstört als Dresden.

Am 16. März 1945 starteten ab 17:00 Uhr über 500 Bomber der No. 1, No. 5 und No. 8 Bomber Group von ihren Flugplätzen zu einem Sammelpunkt westlich von London und formierten sich zum Flug auf die Angriffsziele Würzburg und Nürnberg. Der Bomberstrom bewegte sich zur Täuschung der deutschen Luftabwehr auf einer gewundenen Route über die Mündung der Somme, Reims und die Vogesen auf seine Ziele zu. Der Rhein wurde südlich von Rastatt überquert. Über dem Reichsgebiet stiegen die Maschinen auf die zur Bombardierung vorgesehenen Höhen zwischen 2.400 und 3.700 m. Gegen 21:00 Uhr überflogen die für Würzburg bestimmten 225 Lancaster-Bomber und 11 Mosquito-Bomber der No. 5 Bomber Group den Raum Lauffen am Neckar und steuerten von Süden kommend ihr Ziel an.

In Würzburg wurde gegen 19:00 Uhr öffentliche Luftwarnung (Kleinalarm) und gegen 20:00 Uhr Voralarm ausgelöst. Aufgrund einer Meldung des Funk-Horchdienstes in Limburg an der Lahn an die Befehlsstelle des mainfränkischen Gauleiters wurde für die Würzburger Bevölkerung um 21:07 Uhr Vollalarm gegeben.

Als Angriffszeit H (Hour) war für Würzburg 21:35 Uhr festgelegt worden. Die Zeit über dem Zielgebiet – d. h. über der gesamten Innenstadt – wurde mit H + 7 min. = 21:42 Uhr vorgegeben. Dem ging um 21:25 Uhr ein ca. 10-minütiger Zeitraum zur Markierung des Zielgebietes durch die Pathfinder Force voraus. Hierzu wurde das Stadtgebiet mit grünen Leuchtbomben markiert. Die Ausleuchtung dieses abgesteckten Zielgebietes erfolgte durch Leuchtbomben an kleinen Fallschirmen (flares), von der deutschen Bevölkerung auch als Christbäume bezeichnet. Als Markierungspunkt für die einfliegenden Bomber wurden die Sportplätze an der Mergentheimer Straße in Höhe des Judenbühlweges bestimmt. Dieser Punkt wurde um 21:28 Uhr mit roten Zielmarkierungsbomben kenntlich gemacht. Die zum Schluss der Markierungsphase abgeworfenen gelben Leuchtbomben bedeuteten die Bestätigung dieser Markierung. Die Bombardierung erfolgte sodann mit Zeitverzögerung in Sektoren (sector bombing). Hierzu mussten die mit Spreng- und Brandbomben bestückten Lancaster-Bomber den roten Markierungspunkt überfliegen, eine speziell für jedes Flugzeug zugewiesene Flughöhe und Flugbahn einnehmen und ihre Bombenlast zeitversetzt auslösen. Das abgesteckte Zielgebiet wurde also fächerförmig überflogen, und die unterschiedlichen Bomben-Auslösezeiten bewirkten eine flächendeckende Wirkung. Überwacht wurde der detailliert geplante Ablauf vom sogenannten master bomber. (Bei einer Marschgeschwindigkeit von 350 km/h hat ein Bomber in weniger als einer Minute das gesamte Zielgebiet überflogen.)

miniatur|Luftmine HC 4000 LB (1780 kg) miniatur|Eine Lancaster wirft 1945 während eines Tagangriffs zuerst eine 2 t-Luftmine (links) und dann gebündelt 1,8 kg-Stabbrandbomben (rechts) ab. miniatur|Britische Stabbrandbombe INC 4 lb (1,8 kg) und Überreste vom 16. März 1945