mini|320px|Gedenkstein der Guðrún am Helgafell (Helgafellssveit) auf Snæfellsnes Die Laxdæla saga, die Saga von den Bewohnern des Laxárdalr ('Lachsflusstal'), ist ein literarisches Werk des 13. Jahrhunderts. Sie steht gleichberechtigt neben anderen großen Sagas wie der Njáls saga, der Grettis saga oder der Egils saga, und bildet einen Höhepunkt der isländischen Erzählkunst des Mittelalters. Sie ist die erste Familienchronik, die bewusst zu einem literarischen Werk ausgearbeitet ist. Die Laxdæla saga gehört zu den längsten und komplexesten Isländersagas. Sie thematisiert Ereignisse, die zwei der einflussreichsten Familien am Hvammsfjörður im 9. Jahrhundert bis ins 11. Jahrhundert betreffen und die sich über sieben Generationen erstrecken.
Entstehung und Verfasser Die Laxdæla saga wurde sehr wahrscheinlich zwischen 1230 und 1250 verfasst, bezieht sich aber auf eine sehr viel frühere Zeit, denn die Genealogien der Saga reichen nur bis ins 11. Jahrhundert. Die Saga schließt die für die isländische Geschichte so bedeutende Christianisierung (um 999 oder 1000) ein.
Als Quelle für die Komposition seiner Saga benutzte der Autor sehr wahrscheinlich die mündliche Überlieferung. Das Material für seine Genealogien entlehnte er der Landnámabók. Die Sicht auf die isländische Gesellschaft ähnelt der in der Íslendingabók.Sørensen 2001 S. 79. Die in der Saga geschilderten Ereignisse liegen bis zu 300 Jahre zurück und sollen sich in Westisland (im Westviertel) zugetragen haben, im Gebiet des Breiðafjörður und des Borgarfjörður, insbesondere in der Umgebung von Hjarðarholt und Helgafell.
Der Autor der Laxdæla saga ist unbekannt. Er muss aber ein viel belesener, gebildeter Mann gewesen sein, der in seiner Saga geschickt die Stilmittel der kirchlichen Literatur seiner Zeit einsetzte. Er war wahrscheinlich ein Geistlicher, der sich aber auch von den mittelalterlichen Ritterromanen inspirieren ließ, die seit dem 13. Jahrhundert zunehmend ins Isländische übersetzt wurden.
Stilistische Mittel In seiner Saga verwendet der Autor eine auktoriale Erzählsituation: er ist gleichzeitig Erzähler (Auctor), Schöpfer und Erfinder seiner Geschichte, ein allwissender Erzähler, der selbst nicht an der Handlung teilnimmt. So weiß er immer genau, was seinen Protagonisten zustößt, gleichgültig zu welcher Zeit und an welchem Ort. Er kommentiert das Geschehene und mischt sich in die Ereignisse ein. Seine Sicht auf den Handlungsablauf bleibt dabei äußerlich, ein Perspektivenwechsel – innere Befindlichkeit, äußere Realität – findet nicht statt. Er berichtet unpersönlich, ohne je selbst aktiv das Wort zu ergreifen. Erkennbar ist der auktoriale Erzähler auch am durchdachten Textaufbau einer Isländersaga. Wirklichkeitsnähe und naturalistische Lebendigkeit charakterisieren die Laxdæla saga, wie andere Sagas der gleichen Gattung.
Die inneren Prozesse seiner Protagonisten artikuliert der Autor in knappen, aber sehr präzisen Dialogen. Die Personen der Saga porträtiert er deutlich in ihren hervorragenden Eigenschaften, Fähigkeiten und Kompetenzen, Stärken und Schwächen. Er macht sie durch Kleidung, Aussehen und Auftreten lebendig und als Persönlichkeiten für seine Leser wahrnehmbar. Seine persönliche Einstellung und Meinung hinsichtlich Handlung, Kommunikation und Qualität der Beziehungen seiner Protagonisten verbirgt er geschickt hinter dem Urteil der Allgemeinheit, meist enthält er sich subjektiver Stellungnahme und Kommentar.
Die narrative Wirklichkeitsaussage der Laxdæla saga spiegelt dem Leser eine echte Realität vor, in der die Erzählsituation durch Zeit und Ort festgelegt ist. In seinem kulturspezifischen historischen Bewusstsein verfasst der Autor seine Saga so, als ob er sie selbst erlebt hätte und nur im Zusammenhang mit ihm selbst gesehen werden kann.
Die Laxdæla saga ist eine charakteristische Isländersaga. Der Autor gliedert sie, vielleicht der Poetik des Aristoteles folgend, in drei Abschnitte: den Prolog, eine chronikartige Einführung, der die beteiligten isländischen Familien einführt und ihre genealogischen Beziehungen klärt; den Hauptteil, der um das Leben der Guðrún Ósvífrsdóttir kreist; den Epilog, der sich in der Märchenwelt der völlig fiktionalen Ritterromane verliert (Riddarasögur).
Die Nebenschauplätze schmückt der Autor mit höfischen Erzählungen, so dass die Personen der Saga in die der isländischen Gesellschaft fern liegende höfische Kultur mit ihren Idealen entrückt werden. Exemplarisch vertreten ist diese Kultur durch den norwegischen Königshof, den die Protagonisten der Saga in jeder Generation aufsuchen, und wo sie durch den jeweils regierenden König ehrenvoll empfangen werden. Besonders auffällig gestaltet der Autor dieses Element im Aussehen, in der Ausstrahlung und den männlichen Tugenden von Kjartan Ólafsson páiÓlafr pá = Olaf der Pfau. Das ist nicht pejorativ gemeint, wie heute, also geckenhaft, sondern anerkennend als ungewöhnlich schöner Mann., Bolli Þorleiksson sowie Bolli Bollason, deren Ritterlichkeit imponiert. Auch zwei wichtige Frauen sind dem höfischen Ideal nachempfunden: Guðrún Ósvifrsdóttir und Hrefna Ásgeirsdóttir, mit kontrastierenden Persönlichkeiten: Guðrún, so schön und leidenschaftlich wie rücksichtslos, und Hrefna, gefühlvoll und sensibel, die, anders als ihre Gegenspielerin Guðrún, ihren Schmerz über den Verlust von Kjartan nicht in Handlung umsetzen kann und deshalb an ihrem Leid zerbricht, während Guðrún durch ihren Schmerz hart und kompromisslos wird. Kleidung, Lebensweise und Dialogführung der Hauptpersonen der Saga erinnern ebenfalls an die späteren Riddarasögur.
Synopsis mini|Blick über Laxárdalur nach Höskuldsstaðir. Die Laxdæla saga fokussiert auf die Nachkommenschaft des Ketill flatnefr, eines einflussreichen Hersen aus Raumsdalr in Westnorwegen, der mit seiner Tochter Unnr djúpúðga und anderen Verwandten vor den Macht- und Territorialansprüchen von König Haraldr hárfagra (Schönhaar) nach Schottland flieht. Seine Söhne, die von den unbegrenzten Siedlungsmöglichkeiten auf Island gehört haben, segeln dorthin. Nach dem Tod ihres Vaters zieht Unnr auf die Orkneys und Färöer weiter, und von dort schließlich auch nach Island in den Breiðafjörður, wo sie sich in Hvammr ansiedelt. Dort verheiratet sie ihre Enkelin Þorgerðr mit einem gewissen Kollr und gibt ihr als Mitgift Land im Laxárdalr. Ihr beider Sohn ist Höskuldur. Nachdem Unnr ihre Gefolgsleute versorgt und ihren Enkel Ólafr feilan verheiratet hat, stirbt sie. Kollr stirbt bald nach ihr, und Höskuldr übernimmt den elterlichen Hof und nennt ihn Höskuldsstaðir. Höskulds Mutter Þorgerðr reist nach Norwegen zu ihren Verwandten, wo sie den reichen Lehnsmann Herjólfr heiratet. Ihr gemeinsamer Sohn ist Hrútr. Nach Herjólfrs Tod kehrt sie zu Höskuldr nach Island zurück und bleibt bis zu ihrem Tod dort. Höskuldr übernimmt nach Þorgerðs Tod auch das Erbe seines Halbbruders Hrútr. Höskuldr heiratet Jórunn Bjarnardóttir und hat mit ihr vier Kinder: Þorleikr, Bárðr, Hallgerðr und Þuríðr.
Höskuldr, der ein mächtiger und einflussreicher Mann geworden war, verspricht seinen Nachbarn Unterstützung gegen den Unruhestifter Víga-Hrappr, fährt aber dann nach Norwegen um Bauholz einzukaufen. In Norwegen erwirbt er auch die stumme Sklavin Melkorka von einem russischen Kaufmann. Nach der Rückkehr nach Island wird Ólafr pái geboren, Höskulds Sohn von Melkorka, die sich als irische Prinzessin, Tochter des Irenkönigs Mýrkjartan, zu erkennen gibt.
Der erste ernsthafte Konflikt zwischen den Nachkommen des Ketill flatnefr entzündet sich zwischen den Halbbrüdern Höskuldr und Hrútr um das gemeinsame Erbe. Höskulds Besitzstreben verletzt die Rechte Hrúts. Hrútr, der lange bei seinen Verwandten in Norwegen lebte, kommt schließlich auch nach Island, und fordert von Höskuldr sein Muttererbe, das dieser ihm aber verweigert. Nach Jahren geduldigen Wartens stiehlt Hrútr mit einer Schar angeworbener Männer einen Teil von Höskulds Vieh und tötet bei einer Auseinandersetzung einige der Knechte Höskulds, die dem Vieh nachjagen, um es zurückzugewinnen. Auf den Rat seiner Frau Jórunn vergleicht sich Höskuldr mit seinem Halbbruder Hrútr; der Streit zwischen beiden wird beigelegt. Höskulds Kinder werden erwachsen, und Melkorka sendet Ólafr pái zu ihrem Vater nach Irland. Ólafr beschließt allerdings vorher nach Norwegen, zu König Harald Graumantel, zu reisen, um sich am Hof vorzustellen. Nach Island zurückgekehrt heiratet er Þorgerðr Egilsdóttir, die Tochter des Skalden Egill Skallagrímsson. Sie haben fünf Kinder: Þuríðr, Kjartan, Halldórr, Steinþórr, Bergþóra und Þorbjörg.
Die Eskalation des Konflikts zwischen den beiden Brüdern wird durch die problematische Beziehung zwischen Þorleikr, Höskulds Sohn, und seinem Onkel Hrútr weiter angeheizt. Hrútr siedelt einen seiner Freigelassenen auf Höskulds Land an. Þorleikr erschlägt den Mann und nimmt das Land selbst in Besitz. Ungefähr zur selben Zeit wird Bolli geboren, Þorleiks Sohn und Höskulds Enkel. Aber schon kurz darauf stirbt Höskuldr, der seinen Besitz seinem Sohn Ólafr pái hinterlässt, Sohn der Melkorka und Halbbruder Þorleiks. Dieser ist über seines Vaters Entscheidung erzürnt, und überwirft sich mit Ólafr. Um sich mit seinem Halbbruder Þorleikr zu versöhnen, übernimmt er die Erziehung von Bolli, wodurch er sich Þorleikr sozial unterordnet. Kjartan, der Sohn von Ólafr und Þorgerðr, wird geboren, und Bolli und Kjartan wachsen als Ziehbrüder gemeinsam in Ólafrs Haus auf. mini|Hjarðarholt, der Wohnsitz erst Ólafur páis, dann seines Sohnes Kjartan. Ólafr kauft sich auf einem Handelsschiff ein und reist erneut nach Norwegen, wo er Geirmundr trifft und diesen gezwungenermaßen mit zurück nach Island nimmt. Geirmundr wirbt um Ólafs Tochter Þuríðr, die er schließlich gegen Ólafrs Willen, aber mit Unterstützung ihrer Mutter Þorgerðr heiratet. Aber schon nach drei Jahren verlässt Geirmundr seine Frau Þuríðr und segelt zurück nach Norwegen. Eine Windstille im Breiðafjörður verzögert die Abreise Geirmunds, so dass es Þuríðr gelingt, ihm sein Schwert Fótbítr, seinen wertvollsten Besitz, zu stehlen. Geirmundr belegt dieses Schwert mit einem schrecklichen Fluch: Es soll den Mann aus ihrem Geschlecht töten, dessen Tod die Familie am meisten schmerzt. Dieses Schwert schenkt Þuríðr Bolli, dem Pflegesohn Ólafrs. Nachdem Ólafr den Ochsen Harri geschlachtet hat, erscheint ihm eine Frau im Traum und weissagt ihm den Tod seines Sohnes Kjartan, als Buße für den Tod ihres Sohnes Harri.
Nun wendet sich der Autor dem Geschlecht der Laugarmenn zu und führt Guðrún in die Handlung ein, die in der Folge von bedeutungsschweren Träumen heimgesucht wird. Ein Freund ihres Vaters Ósvífr, der weise Gestr Oddleifsson, deutet Guðrúns Träume als ihre vier zukünftigen Hochzeiten. Etwas später sieht er Kjartan und Bolli in einer Gruppe anderer Jugendlicher und weissagt, dass Bolli seinen Ziehbruder Kjartan erschlagen wird. mini|Laugar, der Wohnsitz Bollis. Daneben das Tal Sælingsdalur, an dessen Ende ein Hof gleichen Namens liegt, wo Guðrún geboren wurde. Guðrúns erste Heirat mit Þorvaldr Halldórsson endet sehr schnell mit der von ihr selbst provozierten Scheidung. Darauf heiratet sie Þórðr Ingunnarson, der sich von seiner Frau Auðr getrennt hat. Auðr, aus Wut und Enttäuschung, verübt einen Mordanschlag auf Þórðr, der aber misslingt. Wenig später ertrinkt Þórðr in einem Sturm, den der Zauberer Kotkell heraufbeschwor. Daraufhin vertreibt Gestr Kotkell und seine Söhne, aber Þorleikr Höskuldsson siedelt ihn auf seinem Land wieder an, wofür ihm Kotkell einige wertvolle Pferde überlassen muss, die Þorleikr begehrt.