mini|Frankfurter Küche von 1926 Die Frankfurter Küche wurde 1926 im Rahmen des Projekts Neues Frankfurt von Ernst May initiiert und von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen. Sie gilt als der Urtyp der modernen Einbauküche., abgerufen am 8. Juli 2016Typisch Frankfurt, abgerufen am 28. Februar 2020

Die Frankfurter Küche sollte sich auf die Funktion der Essenszubereitung beschränken und so praktisch-rational wie ein industrieller Arbeitsplatz gestaltet sein: Alle wichtigen Dinge sollten mit einem Handgriff erreichbar sein und mit einer Vielzahl von Gerätschaften die Arbeitsgänge verkürzt werden. Daher war die Küche sehr kompakt gehalten. Dies und die Möglichkeit, sie relativ preisgünstig in Serie herzustellen, kam den Erfordernissen von Mays groß angelegtem Wohnungsbauprogramm entgegen. Gleichzeitig stand die Frankfurter Küche für einen hohen Designanspruch.

Vorgeschichte Mittels Vorträgen versuchten die Küchenspezialisten Otto und Anni Haarer die Vorzüge moderner Küchen zu vermitteln und für ihre „Wirtschaftliche Küche“ zu werben:

Um 1925 wurde Ernst May auf die beiden aufmerksam und gewann sie für sein Siedlungsprojekt.Christos Vittoratos: Frankfurter Küche, in „Die Frankfurter Küche“, S. 146. Frankfurt 2020 Er konnte insbesondere mit dem Auftragsvolumen von 10–20.000 Küchen locken und übertrug die Betreuung seiner Mitarbeiterin Margarethe Schütte-Lihotzky. Im Herbst 1926 lieferte der Hersteller Haarer bereits die ersten Küchen nach Frankfurt.

Die Grundlage der Frankfurter Küche war der Taylorismus, dessen Ziel die Optimierung von Arbeitsabläufen ist. Christine Frederick übertrug dieses System bereits 1912 auf die Arbeitsabläufe in der häuslichen Umgebung, insbesondere der Küche, und veröffentlichte sie ein Jahr später auch als Buch. Mittels Stoppuhr wurden alle auszuführenden Handgriffe gemessen und die Dauer eines Arbeitsganges bestimmt und optimiert. mini|Hängeschränke mit Schiebetüren (Ernst-May-Haus)

Es war Margarete Schütte-Lihotzky, die als Architektin diesen Gedanken der Arbeitsoptimierung in der Zeitschrift Das neue Frankfurt nach außen kommunizierte:

Später schrieb sie, dass sie durch das Einküchenhaus für ihr neues Konzept motiviert wurde: „Da die Rationalisierung des Großhaushaltes noch schwierig zu sein scheint, konzentrieren wir uns auf die Mechanisierung der Einzelküche.“

Die Küche ist konsequent als Arbeitsplatz für eine Person konzipiert, eine in größeren Haushalten durchaus noch übliche Hilfskraft (Hausmädchen) wurde in der Grundversion der Küche explizit ausgeschlossen.

Bereits 1923 wurde im Musterhaus Am Horn (Weimar) ein Entwurf von Georg Muche (Bauhaus) realisiert, dem ähnliche Konzepte zu Grunde lagen.

Gestaltung mini|Kombinierter Elektro-Kohleherd von Prometheus: drei Elektroplatten und ein Backofen mit Ober- und Unterhitze (rechts) sowie einer Kohlenschublade mit darüberliegender Wärmeschublade und -platte (links) Bis in die 1920er Jahre waren Einzelmöbel in Küchen üblich, welche die Bewohner in die im Zweifelsfall unpassende Küche hätten mitnehmen müssen. Mitunter gab es sogar Wohnungen ohne Küchen, oder Wohnküchen. Schon damals war eine Küche eine teure Anschaffung, so dass man sich durch die Bereitstellung Vorteile für den Bewohner versprach.Gerd Selle: Design im Alltag: vom Thonetstuhl zum Mikrochip. 2007, S. 69 ff.

Die Küchen waren für ganze Gebäude einheitliche Maßanfertigungen. Es sollte die gesamte Funktionalität einer „großen“ Küche auf minimalem Raum (Typ 1: 1,9 m × 3,4 m) konzentriert werden, ohne dabei die Effizienz der Raumminimierung unterzuordnen. Die einzelnen Arbeitszentren waren so angeordnet, dass unnötige Bewegungen und Handgriffe vermieden wurden.

Die Küche war formal einfach gestaltet. Holzteile waren an den Fronten blaugrün gestrichen. Dies hatte den Zweck, Fliegen fernzuhalten. Darüber hinaus wurden insbesondere von den großen Versionen (Typ 2 und 3) auch Küchen in anderen Farben realisiert.

Die waagerechten Arbeitsflächen bestanden aus einem Holzkorpus, mit einseitiger (oben) Linoleumbeschichtung und Abschlussleiste vorne.Peter Noever: Die Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky. Ernst & Sohn, 1992, S. 12 f.

Die Arbeitsplatte vor dem Fenster war in vielfacher Hinsicht besonders: Zum einen war sie aus Naturholz, zum anderen war sie so niedrig montiert, dass man sitzend an ihr arbeiten konnte. Zur schnellen Beseitigung von Abfällen aus dem Arbeitsbereich fand sich rechts in der Platte eine rechteckige Aussparung mit einer darunter montierten, überdimensional langen, emaillierten Schütte als „Zwischenabfall“. Die freie Vorderkante ohne Leiste ermöglichte das Befestigen von Küchengeräten (Mayonnaisenbereiter, Dosenöffner, Passiergerät etc.). Durch die Position dieses Sonderarbeitsbereichs rechtwinklig neben der Spüle konnten sowohl die Geräte als auch die Platte unverzüglich gesäubert werden, ohne dass etwas zu Boden fiel.

Zum Spülen wurde das Geschirr rechts neben dem Doppelbecken abgestellt. Im rechten Becken wurde das Geschirr eingeweicht, von Schmutz befreit und dann im linken Becken klargespült. Flaches Geschirr (Teller, Deckel, Brettchen) konnten dann links in den entsprechenden Ständer über dem Abtropfbecken zum Trocknen gestellt werden. Töpfe und andere sperrige Gegenstände wurden direkt auf dem Abtropfbecken gelagert. Das Abtrocknen sollte vollständig durch ein Abtropfen ersetzt werden.

mini|hochkant|Elektroherd aus einer Frankfurter Küche: drei Elektroplatten und ein Backofen mit Ober- und Unterhitze Küchengeräte im eigentlichen Sinne waren in der Frankfurter Küche nicht integriert. Es wurde vielmehr ein Arbeitsraum geschaffen, in den nach Geschmack und vor allem nach Geldbeutel Geräte aufgestellt und benutzt werden konnten. Der Elektroherd wurde vom Unternehmen Prometheus aus Frankfurt (nicht zu verwechseln mit anderen Unternehmen ähnlicher Firma) geliefert. Nachdem sich viele Hausfrauen über die hohen Kosten des Elektrokochens beschwert hatten, wurden auch ein kombinierter Kohle- und Elektroherd (siehe Abbildung) und eine Kochkiste von Prometheus angeboten. Vereinzelt kamen auch andere Fabrikate zum Einsatz.

Auf die gerade aufkommenden Eisschränke bzw. auf den Platz dafür wurde bewusst verzichtet.

Zur Kostenreduktion wurde die Standardvariante der Frankfurter Küche als Modulsystem konzipiert, das in großer Auflage in Fabriken hergestellt werden konnte und von den Tischlern nur noch eingebaut werden musste. Die Kosten der Küche wurden auf die Miete aufgeschlagen. Somit beeinflusste die Frankfurter Küche nicht nur durch ihr Design die heutige Einbauküche, sondern auch durch die Standardisierung der Module und die Möglichkeit der industriellen Fertigung.

Unterschiede bestehen zur heutigen Einbauküche hinsichtlich der Materialien: In der Frankfurter Küche wurden verschiedene Hölzer und Metalle eingesetzt; auf damals schon bekannte Ersatzstoffe und Imitate wurde verzichtet. Die heutige Einbauküche wird meistens aus Spanplatten oder MDF gefertigt und mit lackierten oder laminierten Blendoberflächen versehen.

Varianten Die Frankfurter Küche wurde in zwei Versionen produziert: einer kleinen und einer großen. Des Weiteren sind Abweichungen in der Farbgebung bekannt, einerseits aufgrund von Produktionsschwankungen (trotz angeblicher Betreuung durch die Designerin), andererseits vermutlich auf Wunsch, so dass es etwa auch orangefarbene und graue Exemplare gegeben hat. Erhaltene Möbelstücke weisen eine Verfärbung ins Grüne und ein Dunkeln auf. In Eigenregie fertigten die Bewohner über dem Schrank mit den Schiebetüren Schränke, so dass hier eine Individualisierung stattfand.

Während der Produktion gab es einige Veränderungen in der Standardküche. Das separate Möbel mit den 18 charakteristischen Schütten wurde zugunsten von 12 Schütten in dem hohen Schrank aufgegeben. Eine Ursache könnte eine Kritik der R.F.G. gewesen sein. Dort wurde bemängelt, dass 12 statt 18 Schütten genügten und dass diese bisher aufgrund der Höhe zu leicht für Kleinkinder zugänglich seien.Sonja Steiner-Welz: 400 Jahre MA. 2. Auflage, Band 8, S. 416. Küchen in öffentlichen Einrichtungen und Villen wurden hingegen, wenn auch unter Verwendung einiger Standardteile, stets individuell gefertigt.

Eine weitere Änderung betrifft die Schütten selbst, die in zwei Versionen existieren. Die erste trägt die Markierung „Haarer Frankfurt A.M“ und hat eingeschlagene Bezeichnungen der Befüllung, die zweite die Markierung „Haarer Hanau A.M“ und aufgenietete Schildchen in einer Mulde. Ob Letztere auch an der Küche oder nur danach produziert wurden, ist unbelegt. Anders als die Küche selbst sind sie noch gelegentlich in Internetauktionen anzutreffen.

Fertigung In großem Stil zum Einsatz kam die Frankfurter Küche im Rahmen des hochgesteckten Frankfurter Wohnungsbauprogramms, das zwischen 1926 und 1932 unter der Leitung von Ernst May eine Vielzahl von Siedlungen schuf (Neues Frankfurt). Da sie einerseits Arbeitsersparnis brachte und anderseits durch das geringere Bauvolumen die Baukosten gesenkt werden konnten, musste in dieser Zeit jede neue Gemeindewohnung mit einer solchen Küche ausgestattet werden – insgesamt etwa 10.000 der 15.000 May-Wohnungen in Frankfurt am Main, aber auch eine geringe Anzahl von Privatküchen in Eigenheimen. Die Herstellungskosten pro Küche betrugen zu Beginn ca. 500 Mark. Dank der hohen Stückzahlen und der Fließbandarbeit in den beauftragten Holzwerkstätten betrugen die Stückkosten in der Großsiedlung Westhausen lediglich noch 238,50 Mark,Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 1. August 2010, Seite V11. Die Mutter aller Einbauküchen und Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Juli 2010, Seite 34: Eine Zeitreise ins Neue Frankfurt allerdings handelte es sich nur noch um eine vereinfachte Sparausführung.

Bedeutung Bezeichnung Der Name „Frankfurter Küche“ wurde gewählt, um den Entwurf und das Produkt gegenüber Erzeugnissen aus anderen Städten abzugrenzen. Wenngleich es Varianten und Weiterentwicklungen gab, entschied man sich bewusst für den Singular, stellvertretend für eine gestalterische Haltung, welche alle Küchen aus Frankfurt teilen. Auch der auch damals berühmte Frankfurter Schrank, ein Möbel aus der Barockzeit, ist im Singular gehalten.

Zeitgenössische Resonanz mini|Aluminiumschütten(Hersteller: Gebrüder Haarer, Frankfurt und Hanau) mini|2. Anordnung der Aluminium-Schütten im Küchenschrank (Ernst-May-Haus)