mini|hochkant|Titelblatt der Erstausgabe (1899) mini|Verbannung nach Sibirien (Illustration von Leonid Pasternak, 1899) Auferstehung () ist der dritte Roman von Lew Tolstoi (nach Krieg und Frieden und Anna Karenina). Er erschien zuerst 1899 als Fortsetzung in der Zeitschrift Niwa in einer zensierten Fassung. Erzählt wird die Geschichte eines adligen Gutsherrn, der als Geschworener bei Gericht in einer des Mordes angeklagten Prostituierten ein von ihm acht Jahre zuvor verführtes Mädchen wiedererkennt. Er fühlt sich mitschuldig an ihrem Schicksal und ihrer Verurteilung und folgt ihr nach Sibirien. Mit seiner Thematik der Läuterung durch moralisches Handeln, verbunden mit Gesellschaftskritik, gilt der Roman vielen als das künstlerische Testament Tolstois. Es gab über 25 deutsche Übersetzungen in zahlreichen Ausgaben und zahlreiche Verfilmungen und weitere Bearbeitungen.
Inhalt Überblick Fürst Dmitri Nechljudow ist Geschworener im Prozess gegen die des Mordes angeklagte Prostituierte Katharina Maslowa. Wegen einer Unachtsamkeit in der Protokollabfassung wird sie nicht freigesprochen, sondern zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Nechljudow erkennt in ihr das von ihm vor acht Jahren verführte 16-jährige Mädchen wieder, das anschließend schwanger wurde und den Gutshof seiner Tanten verlassen musste. Jetzt fühlt er sich mitschuldig an ihrem Schicksal. Er bietet ihr an, sie zu heiraten, und bemüht sich um eine Urteilsrevision. Allerdings hat er wegen der Schwerfälligkeit der Gerichtsbürokratie und der oft willkürlichen Entscheidungen der Beamten keinen Erfolg, und so begleitet er den Gefangenentransport nach Sibirien. Auch nach Katharinas Begnadigung und der Umwandlung der Zwangsarbeit in eine Verbannung lehnt sie eine Ehe mit dem Fürsten ab, weil sie spürt, dass dies für ihn eine Pflichterfüllung wäre, und heiratet den politischen Häftling Simonson, der sie liebt.
In die Haupthandlung flocht Tolstoi zahlreiche Nebenhandlungen mit vielen Figuren ein, so dass ein breitgefächertes Gesellschaftsbild entstand. Insgesamt durchzieht den Roman ein Appell an die Menschlichkeit und Nächstenliebe und an die Erkenntnis des „wahren Lebens“ durch Besinnung auf die göttlichen Gebote und die Liebe zu allen Geschöpfen.
Beginn Die Haupthandlung beginnt am 28. April eines Jahres im späten 19. Jahrhunderts vor dem Schwurgericht in Moskau. Der Geschworene Fürst Dmitri Nechljudow ist der Verführer der Angeklagten und Vater ihres verstorbenen Kindes; mit ihm begann ihr sozialer Abstieg. Die Vorgeschichte ist in Rückblicken1. Teil, Kap. 2, 12–18 (Erinnerungen Nechljudows). in die Gerichtsverhandlung1. Teil, Kap. 5–7 (Ankunft des Gerichtspersonals und der Geschworenen) 8 (Eröffnung, Vereidigung der Geschworenen), 9 (Befragung der Angeklagten über ihre Personalien) 10 (Verlesung der Anklage) 11 (Befragung der Angeklagten, ob sie sich schuldig bekennen), 19 (Vernehmung der Zeugen), 20 (Leichenschau- und Obduktion-Bericht), 21 (Plädoyers des Staatsanwalts und der Anwälte), 22 (Resumé des Gerichtspräsidenten), 23 (Beratung und Urteil der Geschworenen), 24 (Urteil). und den Gefängnisaufenthalt MaslowasKap. 37, 39. einbezogen.
Vorgeschichte Katharina Maslowa hat eine schwierige Sozialisation als das einzige von vielen unehelichen Kindern einer leibeigenen Viehmagd (1. Teil, Kap. 2). Dass sie im Gegensatz zu ihren Halbgeschwistern überlebt, verdankt sie dem Zufall, dass sie nach der Geburt im Stall von Sofja Iwanowna, einer der beiden Gutsherrinnen in Panowo, entdeckt und in Pflege genommen wird. Nach dem Tod der Mutter wächst sie im Gutshaus auf und erhält eine doppelte Erziehung: von Sofja die eines gebildeten Fräuleins, von deren Schwester Marja die eines Stubenmädchens. Dieser Unterschied führt bei ihr zu einer Diskrepanz zwischen Lebensanspruch und -wirklichkeit. Die schöne Katjuscha wird viel umworben, lehnt aber einfache Männer ab. Mit 17 lernt sie den Neffen der Herrinnen, den ca. zwei Jahre älteren Dmitri Nechljudow, während seiner Sommerferien auf dem Gut der Tanten kennen (I, 12). Er ist ein idealistischer Student im dritten Semester und verfasst eine Schrift über den Landbesitz. Dazu hat er Herbert Spencers SozialstatikSocial Statics (1851). gelesen, die ihn tief beeindruckt, so dass er das vom Vater geerbte kleine Gut an die Bauern verteilt. Er und Katjuscha verlieben sich bei einem Laufspiel ineinander, aber beide haben noch keine Beziehungserfahrungen und so bleibt ihr Verhältnis kindlich-platonisch. mini|Katjuscha und Matrjana, die alte Dienerin der Tanten, während der Ostermesse in Panowo (Illustration von Leonid Pasternak) Nach einer Unterbrechung von ca. drei Jahren sehen sich die beiden wieder, als Dmitri seine Reise zum Kriegseinsatz bei OdessaVermutlich im Russisch-Türkischen Krieg (1877–1878). für einen kurzen Oster-Besuch bei den Tanten unterbricht (I, 13–18). Er ist nicht mehr der idealistische Philosoph und Sozialreformer, sondern im gesellschaftlich anerkannten Wettbewerb mit seinen Militär-Kameraden im Spiel, Geldausgeben, mit Alkohol und Frauen erfahren und erhält dafür die finanzielle Unterstützung und Bewunderung seiner Mutter. In seiner Kenntnis ihrer sozialen Stellung würde er jetzt nicht mehr mit dem Gedanken spielen, ein Mädchen wie Katjuscha zu heiraten. Aber mit seiner wieder erwachten Verliebtheit reizt ihn der Gedanke, sie zu erobern. Vor dem Hintergrund des Versöhnungsgedankens des Ostererlebnisses und der Diskrepanz zwischen Liebesrausch und schlechtem Gewissen verführt er Katjuscha, trotz ihrer schwachen Abwehrversuche und ihrer dunklen Ahnungen, in der Nacht vor seiner Abfahrt und drängt ihr zum Abschied einen Hundertrubelschein auf. Er entlastet seine Gedanken über seine selbstsüchtige Beendigung der Beziehung mit der Entschuldigung, dass alle adligen Männer dies so machen. Auch sein Vater hatte einen unehelichen Land-Sohn, Mitenka. Im Krieg vergisst er Katjuscha.
Bald darauf entdeckt Katjuscha, dass sie schwanger ist. Sie wartet auf eine Nachricht von Dmitri, doch auf der Rückreise aus dem Kriegsgebiet hat er, wie er den Tanten mitteilt, keine Zeit zu einem Besuch. Sie wandert im Herbstregen zur Bahnstation und erblickt ihn durch die Scheiben seines Waggons fröhlich mit seinen Kameraden lachend und Karten spielend, ohne aus dem Fenster zu schauen. In diesem Augenblick verliert sie ihren Glauben an Gott und die Menschen (I, 37). In ihrer Enttäuschung wird ihr das Leben gleichgültig. Sie vernachlässigt ihre Arbeit und provoziert mehr oder weniger unbewusst, um der Schande zu entkommen, mit frechen Antworten die Gutsherrinnen und diese entlassen das schwangere Mädchen und befreien sich dadurch von einer peinlichen Situation.In den Kap. I, 2 und I, 41 gibt es unterschiedliche Angaben über ihre Entlassung. Sie kommt bei einer Hebamme unter und ihr Kind stirbt in einem Findelhaus. Um sich zu ernähren, muss sie als Dienstmädchen in Haushalten arbeiten, aber sie wechselt häufig die Stellen, weil die Männer sie sexuell bedrängen. Nicht immer kann sie sich der Zudringlichkeiten widersetzen und wird von einem ihrer Arbeitgeber, einem Förster, vergewaltigt. Die Entdeckung der Beziehungen durch die Ehefrauen führt zur Entlassung und zur Suche einer neuen Arbeit. Eine Vermittlerin führt sie durch die Lockung mit schönen Kleidern und leicht verdientem Lohn auf den Weg zur Prostitution, zuerst als Mätresse eines Schriftstellers, der ihre eine Wohnung finanziert, dann sieben Jahre lang als Prostituierte in Karoline Kitajewas Bordell. Hier verläuft ihr Leben mit Körperpflege, Kostümierung, Rauchen, Alkohol und Dienstleistungen im für das Gewerbe typischen Tag-Nacht-Rhythmus. Zwischenzeitlich hofft sie auf eine Rückkehr in die Bürgerlichkeit, als sie mit einem jungen Kommis, der verspricht, sie zu heiraten, eine Beziehung eingeht. Im 8. Jahr ihrer Bordellzeit wird die 26-Jährige verhaftet und sitzt vor dem Gerichtsprozess sechs Monate in Untersuchungshaft. mini|„Imbiss“ bei den Kortschagins Dmitri Nechljudow hat seine Liebschaft mit Katjuscha schon bald vergessen. Nach der Rückkehr aus dem Krieg erfährt er von den Tanten, dass Katharina schwanger das Gut verlassen habe und in die Prostitution abgesunken sei, vermutlich durch das Erbgut ihrer Mutter. Die Gutsherrinnen müssten eigentlich eine Ahnung der Zusammenhänge haben, denn sie hatten schon beim ersten Besuch des Neffen die gegenseitige Neigung bemerkt und seine Mutter darüber informiert. Außerdem achtete beim zweiten Besuch die alte Dienerin Matrjana Pawlowna darauf, dass die beiden nicht allein waren. Obwohl Dmitri terminlich der Vater des Kindes sein könnte, verfolgt er den Gedanken, nach ihm zu forschen, nicht weiter, und die Tanten geben den Erbanlagen Katharinas die Schuld an ihrem Lebenswandel.
Dmitri verlässt nach dem Krieg als Leutnant der Garde den Militärdienst und beschäftigt sich mit Malerei. Als idealistischer Student verteilte er das väterliche kleine Gut an die Bauern. Jetzt ist er Deputierter der Landschaftsversammlung des Krasnoperschen Kreises und finanziert sein luxuriöses Leben mit den Einkünften aus dem von seiner Mutter geerbten Großgrundbesitz. Während die Gesellschaft seine Verlobung mit der jungen Fürstin Marija (Missi), der Tochter des Generals und Gouverneurs Kortschagin, erwartet, zögert er, denn er muss zuvor sein Verhältnis mit Maria Wassiljewna, der Frau des Adelsmarschalls seines Landstandes, auflösen. In dieser Situation trifft er als Geschworener auf die des Mordes angeklagte Prostituierte Maslowa. mini|Katharina Maslowa vor dem Schwurgericht mini|Die Geschworenen
Gerichtsverhandlung Der Gerichtspräsident trägt den Kriminalfall vor: In der Nacht des 17. Januars starb im Gasthaus „Mauritania“ der kurganische Kaufmann Serapont Smeljkow an einer Vergiftung. Ursache war offenbar ein weißes Pulver, angeblich ein Schlafmittel, das Katharina, die den Tag mit ihm in ihrem Zimmer in Kitajews Bordell verbrachte, in der Nacht auf Rat des Kellners in seinen Wein mischte. Von den 3800 Rubel, die sich der Kaufmann von einer Bank auszahlen ließ, fand man später in seinem Koffer noch 312 Rubel. Am folgenden Morgen verkaufte Maslowa der Wirtin Rasanow einen Brillantring, und die Kellnerin Eufemia Botschkow zahlte 1800 Rubel bei der Bank auf ihr Konto ein.
Nach Maslowas Aussage hat ihr Kunde sie beauftragt, aus seinem Koffer im Gasthaus 40 Rubel zu holen, um den Wein in Kitajews Bordell zu bezahlen. Der Kellner Simon Petrow Kartinkin und seine Freundin, die Kellnerin Eufemia Botschkow, seien dabei gewesen und hätten die Geldscheine im Koffer gesehen. Den Ring habe Smeljkow ihr aus Reue geschenkt, weil er sie geschlagen habe, als sie sich aus dem Gelage zurückziehen wollte. Sie habe dem betrunkenen Kaufmann das Schlafmittel gegeben, weil sie müde gewesen sei und seine Unterhaltung beenden wollte.
Kartinkin nimmt ein früheres Geständnis zurück und bestreitet, wie Botschkow, das Geld im Koffer gesehen zu haben. Beide schieben die Schuld am Diebstahl auf Katharina. Die eingezahlte Summe hätten sie in 12 Dienstjahren für eine gemeinsame Zukunft zusammengespart.