mini|Friedrich Grimm

Friedrich Wilhelm Johannes Grimm (* 17. Juni 1888 in Düsseldorf; † 16. Mai 1959 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher antisemitischer und nationalsozialistischer Politiker, Jurist, Publizist und Propagandaredner. Er bekämpfte den Friedensvertrag von Versailles, verteidigte Fememörder, unterstützte den Aufstieg und die Verbrechen von Nationalsozialisten und bekämpfte Widerstandskämpfer und NS-Gegner wie David Frankfurter, Herschel Grynszpan oder Berthold Jacob. Außerdem war er ein bedeutender Exponent der nationalsozialistischen Frankreichpolitik.

Nach 1945 machte er mit der Verharmlosung von NS-Verbrechen, der Verteidigung beziehungsweise Beteiligung an der Verteidigung von NS-Verbrechern sowie diverser Vorschläge für eine Generalamnestie von NS-Tätern von sich reden. Beim Naumann-Kreis (dem Versuch ehemaliger NS-Funktionäre, die FDP Nordrhein-Westfalen zu unterwandern) wirkte er als Impulsgeber. Zu späteren Akteuren des Naumann-Kreises wie Ernst Achenbach, Werner Best, Wolfgang Diewerge, Herbert Lucht oder Hans Fritzsche bestanden Verbindungen aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Im Kaiserreich Grimm, der Sohn eines Eisenbahnlandmessers, absolvierte 1907 am Burggymnasium in Essen das Abitur und studierte Rechtswissenschaften an der französischsprachigenGrimm: Mit offenem Visier. 1961, S. 10. Universität in Genf, ein Semester an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und ein Semester an der Philipps-Universität in Marburg. Er beendete sein Studium an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, wo er 1910 mit einer Arbeit über die Schuldausschließung bei Minderjährigen promovierte.

Grimm war 1912 als Gerichtsreferendar einem Sonderdezernat für Streiksachen bei der Staatsanwaltschaft Essen zugeteilt. 1914 wurde er Sozius der Kanzlei von Adolf Kempkes in Essen, der nach 1918 Generalsekretär der Deutschen Volkspartei wurde.Völlig kritikloser Artikel: Grimm: Mit offenem Visier. 1961, S. 10 und 37. Wegen eines Augenleidens fungierte Grimm im Ersten Weltkrieg als Soldat in der Etappe. Zunächst wurde er als Dolmetscher und Briefzensor bei Kriegsgefangenen eingesetzt,Grimm: Mit offenem Visier. 1961, S. 14. Später wurde er mit der Verteidigung von Franzosen und Belgiern vor deutschen Militärgerichten im besetzten Belgien betraut.Grimm: Politische Justiz. 1953, S. 24.

In der Weimarer Republik 1921 habilitierte er sich bei Rudolf His und Paul Krückmann in Münster mit einer völkerrechtlichen Arbeit über den seit Anfang 1920 in Kraft getretenen Versailler Friedensvertrag.Lieselotte Steveling: Juristen in Münster – ein Beitrag zur Geschichte der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster/Westf. LIT Verlag Berlin-Hamburg-Münster 1999, S. 182, books.google.de Beide Professoren waren für ihre Kriegsbegeisterung und ihre antifranzösische Haltung bekannt.Lieselotte Steveling: Juristen in Münster – ein Beitrag zur Geschichte der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster/Westf. LIT Verlag Berlin-Hamburg-Münster 1999 books.google.de Genau wie Grimm lehnten sie den Vertrag von Versailles ab und betrieben seine Revision.

Nach seiner Habilitation wirkte Grimm ab 1922 als Privatdozent an der Universität in Münster. Seine Antrittsvorlesung behandelte das Thema „Handeln aus Vaterlandsliebe als Schuldaussschließungsgrund im Lichte des französischen Rechts.“. Die Idee, dass aus patriotischen Gründen handelnde Täter durch dieses Motiv entlastet werden würden, war in den folgenden Jahren ein Leitgedanke vieler Vertretungen von wegen politisch motivierten Gewalttaten Angeklagten aus dem nationalen Lager, die Grimm übernahm.Laut einer Selbstangabe Grimms in einer Gerichtsrede von 1929, wiedergegeben bei Der Heines-Prozess, 1929, S. 80. 1927 wurde er in Münster außerordentlicher Professor für Internationales Recht. Und von 1923 bis 1933 war Grimm Mitherausgeber der Deutschen Juristen-Zeitung (DJZ).anwaltsgeschichte.de Grimm gab als Beruf selbstständiger Rechtsanwalt an.

Grimm tat sich während der Weimarer Republik vor allem als erfolgreicher Rechtsanwalt in zahlreichen politischen Prozessen hervor, in denen Täter aus nationalistischen oder republikfeindlichen Kreisen angeklagt waren, unter anderem im Stettiner Fememordprozess.Otto Kirchheimer: Politische Justiz. Frankfurt am Main 1985, S. 162. Seine Tätigkeit als Anwalt war von einer großen Zahl propagandistischer Publikationen begleitet.(siehe Rubrik Werke in diesem Artikel)

Gegen den Versailler Vertrag und seine Folgen Direkt nach der Niederlage Deutschlands verteidigte Grimm den saarländischen Industriellen Robert Röchling (Völklinger Hütte), der noch 1918 verhaftet und wegen Kriegsverbrechens vor ein französisches Militärtribunal gestellt worden war.Grimm: Mit offenem Visier. 1961, S. 31–36. Röchling wurde vorgeworfen, als Beauftragter des Kriegsministeriums im besetzten Frankreich Rohstoffe und Maschinen beschlagnahmt und für seine Werke eingesetzt zu haben. Grimm war erfolgreich, denn die Freiheitsstrafe von zehn Jahren für Röchling wurde ausgesetzt und Röchling nach 22 Monaten Untersuchungshaft freigesprochen.

Später trat Grimm in zahlreichen Prozessen vor den gemischten Schiedsgerichten des Versailler Vertrages in Paris, Brüssel, Rom und Bukarest auf. Dabei vertrat er auch Firmen der Großindustrie. Vor dem deutsch-rumänischen Schiedsgericht vertrat Grimm den Industriellen und Politiker der Deutschen Volkspartei Hugo Stinnes bei Patentstreitigkeiten.Grimm: Mit offenem Visier. 1961, S. 42. Stinnes galt seit Anfang der 1920er Jahre allgemein als das Sprachrohr der deutschen Wirtschaft und vertrat diese u. a. bei Reparationsverhandlungen. Grimm war deswegen ständig auf Reisen in die Hauptstädte Europas.

Weitere Gerichtsverfahren waren die Folge der Ruhrbesetzung durch Frankreich 1923 aufgrund der unzureichenden Erfüllung von Reparationsverpflichtungen durch Deutschland. Grimm verteidigte in französischen Kriegsgerichtsverfahren Prominente wie Fritz Thyssen, Gustav Krupp und den Duisburger Oberbürgermeister Karl Jarres.

Bekannt wurde Grimm durch seine Verteidigertätigkeit in Prozessen gegen nationalistische Gruppierungen. Er verteidigte Freikorpskämpfer wie Paul Goerges und den in Deutschland als „Märtyrer“ angesehenen Albert Leo Schlageter. Beide hatten unabhängig voneinander in ähnlicher Weise versucht, Bahnlinien zu sprengen, um Handlungen der französischen Besatzer zu stören. Trotz Grimms Einsatz wurden sie zum Tode verurteilt. Erfolgreicher verteidigte er vor einem belgischen Kriegsgericht in Aachen den 18-jährigen Grafen Keller und seine Freunde, die in der Gegend von Neuss, mit aus einer Reichswehrkaserne stammendem Sprengstoffbundesarchiv.de beladen, gefasst wurden.Anwalts Kriminalmagazin 1931 Heft 3 abgedruckt in Verein Anwaltsgeschichte E.V in www.anwaltsgeschichte.de anwaltsgeschichte.de Deren Todesstrafe wurde in Gefängnisstrafen umgewandelt. Besonders aus den Prozessen mit und in Frankreich ergaben sich für Grimm später sehr nützliche Kontakte zu hohen französischen Politikern und Beamten.

Die Revision des Versailler Vertrages bildete einen ersten publizistischen Schwerpunkt seiner Arbeit, den er sein Leben lang weiterverfolgte.Deutsche Reichstag, Wahlperiode nach d. 30. Jan. 1933, Bd.: 1938, Berlin 1938 / Verhandlungen des Reichstags, Stenographische Berichte (1919–1939), Digitale Bibliothek der Bayerischen Staatsbibliothek Den Titel eines Ehrensenators der Universität Marburg erhielt er 1927, weil er sich „tapfer und unentwegt für die Interessen seines Vaterlandes in schwerster Bedrängnis eingesetzt hat“, womit sein Kampf gegen die Ergebnisse von Versailles gemeint sein dürfte.Archivalie Uni Marburg Best. 305a Nr. 48 und uni-marburg.de

Hilfe für Fememörder und rechtsextreme Attentäter mini|Edmund Heines in SA-Uniform (1922)

Grimm war auch bei der Bekämpfung des linksrheinischen Separatismus engagiert. Mordtaten gegen zum Teil von Frankreich unterstützte Separatisten hieß er gut, so die Ermordung von Mitgliedern der separatistischen Pfälzer Regierung in Speyer am 9. Januar 1924 im Auftrag der bayerischen Staatsregierung. Die Pfalz gehörte damals zu Bayern. Grimm lieferte den Attentätern nachträglich einen Rechtfertigungsgrund, der ihre Tat als Staatsnothilfe legitimierte.graeberspindler.de Seinen Ruf in republikfeindlichen und nationalsozialistischen Kreisen baute er mit der Verteidigung von „Fememördern“ wie dem nationalsozialistischen Politiker, SA-Führer und Mörder Edmund Heines oder dem nationalsozialistischen Politiker, Führer der Schwarzen Reichswehr und Mörder Paul Schulz, genannt „Feme-Schulz“, aus, mit dem er befreundet war.Senfft 1988, S. 139f. Grimm verteidigte auch den Fememörder Richard Eckermann, dessen Freispruch damit begründet wurde, dass Eckermanns Mord im Auftrag einer Einheit der Schwarzen Reichswehr ein Notwehrakt für den Staat gewesen sei und deshalb unbestraft bliebe.Senfft 1988, S. 140, zu Eckermann und der Tat siehe auch Sozialdemokratischer Pressedienst vom 28. September 1929 (PDF; 3,1 MB) Über seine Verteidigung von Republikgegnern und Nationalsozialisten hielt Grimm auch öffentliche Vorträge, die sehr guten Anklang fanden und in Buchform erschienen. Verleger des Buches „Oberleutnant Schulz. Femeprozesse und Schwarze Reichswehr“ von 1929 war der völkisch-nationalsozialistische Verlagsbesitzer Julius Friedrich Lehmann. Die Vorträge, Broschüren und Denkschriften waren Teil einer Kampagne zur Amnestierung der Fememörder, die im Oktober 1930 zur Niederschlagung der noch laufenden Verfahren und zur Freilassung der noch inhaftierten Täter führte.Bernhard Sauer: Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik. Metropol-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936411-06-9, S. 281–287. Eine Amnestie war erst nach dem Wahlerfolg der NSDAP 1930 möglich geworden. Die 107 Reichstagsabgeordneten der NSDAP sicherten die hierzu notwendige Zweidrittelmehrheit.Senfft 1988, S. 141. Nach der Machtergreifung wandte sich Grimm am 16. Mai 1933 an den damaligen Staatssekretär Roland Freisler und regte eine Entschädigung der Fememörder an. Freisler hatte diese zuvor zu „Helden der Nation“ erklärt.

Die Verteidigung von Fememördern hatte Grimm schon vor 1933 in Kontakt mit ranghohen NSDAP-Funktionären wie Walter Buch, Wilhelm Frick, Franz Xaver Ritter von Epp gebracht. Diese drei nannte er nach 1945 Männer mit „gemäßigten, vernünftigen Anschauungen“.Grimm: Mit offenem Visier. 1961, S. 116f. Bereits während der französischen Besetzung der Pfalz hatte Grimm mit der NSDAP Absprachen über deren Propaganda getroffen, um in einem Prozess eine bessere Position zu haben.Grimm: Mit offenem Visier. 1961, S. 103.

In der Zeit des Nationalsozialismus mini|Adolf Hitler und NS-Führung beim Hitler-Gruß, Reichstagssitzung am 19. Juli 1940 zum Ende des Frankreichfeldzuges (NS-Pressefoto)

Grimms Antisemitismus Der Antisemitismus war ein herausragendes Element in Grimms politischer Haltung, die er auf Grund seiner politikberatenden Funktion nicht nur propagandistisch kundtat, sondern auch durch Beteiligung an Repressionen und Verfolgung praktizierte. Sein Antisemitismus setzt dabei nicht erst 1933 ein.

Anfang 1929 unterzeichnete er einen Aufruf des von Alfred Rosenberg gegründeten antisemitischen Kampfbundes für deutsche Kultur, der das Ziel vertrat „das deutsche Volk über die Zusammenhänge zwischen Rasse, Kunst und Wissenschaft, sittlichen und willenhaften Werten aufzuklären.“ Unter den Mitunterzeichnern finden sich mehrere antisemitische Propagandisten etwa Eva Chamberlain, Franz von Epp, Gustaf Kossinna, Julius Friedrich Lehmann, Alfred Rosenberg, Paul Schultze-Naumburg oder Winifred Wagner.Thomas Neumann (Hrsg.): Quellen zur Geschichte Thüringens. Kultur in Thüringen 1919–1949. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen 1998, ISBN 3-931426-23-8, S. 132 thueringen.de (PDF; 1,1 MB)