Fremdenfeindlichkeit oder Xenophobie ( „Furcht vor dem Fremden“, von xénos „fremd“, „Fremder“, und phobía „Flucht, Furcht, Schrecken“, auch Fremdenhass) bezeichnet die Ablehnung von Menschen in einem Land oder einer Region, die einen anderen nationalen, ethnischen oder kulturellen Hintergrund haben. Begründet wird die Ablehnung mit sozialen, religiösen, ökonomischen, kulturellen oder sprachlichen Unterschieden. In diesen Unterschieden wird eine Bedrohung gesehen.
Fremdenfeindlichkeit kann zusammen mit Nationalismus, Rassismus oder Regionalismus auftreten. Aufgrund einer fremdenfeindlichen Einstellung kann es zu Ungleichbehandlung, Benachteiligung und Aggressivität gegenüber Fremden kommen. Die Fremdenfeindlichkeit wird eingeteilt in Haltungen, Einstellungen und Aktionen.Die Zeit: Das Lexikon in 20 Bänden. Zeitverlag, 5. Band, Hamburg 2005, ISBN 3-411-17565-6, S. 146. Nicht nur Ausländer sind Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. Der Begriff Ausländerfeindlichkeit wird deswegen seltener benutzt.Corinna Kleinert: Fremdenfeindlichkeit: Einstellungen junger Deutscher zu Migranten. VS Verlag, 2004, ISBN 3-531-14202-X, S. 82.
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Begriffsgeschichte Der Begriff XenophobieVgl. hierzu auch Rudolf Sponsel: Analyse des ideologischen Kampfbegriffs „xenophob“. Internet-Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie. Abgerufen am 12. Juni 2020. wurde 1901 im Französischen in Anatole France’ Roman Monsieur Bergeret à Paris verwendet und 1906 in Albert Dauzats französischem Wörterbuch Nouveau Larousse illustré als Stichwort aufgenommen. In Verbindung mit der Dreyfus-Affäre bezeichnete der Schriftsteller die antisemitischen Demagogen als misoxènes, xénophobes, xénoctones et xénophages.Xénophobe. In: La Base Historique du Vocabulaire Français (BHVF).
Erklärungsmodelle Evolutionsbiologisches Erklärungsmodell Evolutionsbiologisch gibt es den Ansatz, Xenophobie als übriggebliebenen Schutzmechanismus aus früheren Lebensrealitäten zu beschreiben. Menschliche Gesellschaften, Stämme und Dörfer beanspruchten, wie bereits ihre tierischen Vorläufer (z. B. Schimpansen), Territorien, um sich die darin enthaltenen überlebensnotwendigen Ressourcen zu sichern. Sie strebten bei Ressourcenknappheit danach, diese Territorien auf Kosten anderer Gesellschaften zu erweitern. Umgekehrt versuchten sie die eigenen Territorien zu schützen und Vorstöße fremder Gruppen abzuwehren. Aus diesem Konkurrenzkampf entwickelte sich das Misstrauen gegenüber den „Fremden“, also die Fremdenfeindlichkeit.Bert Hölldobler: Die Angst vor dem Fremden: Die evolutionsbiologischen Wurzeln der Xenophobie. In: Tele-Akademie SWR 3, 11. Mai 2003. Andere Modelle erklären Xenophobie als Folge des Ekelempfindens, das einst evolutionär zur Abwehr von Krankheitsrisiken entstand.
Psychologisches Erklärungsmodell Entwicklungspsychologisch ist der Begriff „Xenophobie“ vor allem durch eine latente Scheu oder Furcht der Kleinkinder vor Ungewohntem oder Fremdem (Fremdeln) abgestützt. Sie wird in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich sozial ausgeformt, in Deutschland zum Beispiel mit dem Begriff „Schwarzer Mann“. Entsprechend kann sie später im Leben – individualpsychologisch betrachtet – vertieft, ideologisiert oder (bei sich selbst oder anderen) bekämpft werden. Wissenschaftliche Nachweise darüber, dass sie völlig „abgelegt“ werden kann, existieren nicht.Fremdenreaktion in Dorsch - Lexikon der Psychologie
Menschen mit starker sozialer Dominanzorientierung (SDO) neigen eher zu Fremdenfeindlichkeit und fordern darüber hinaus eine weitgehende Assimilation von Zuwanderern. In der klinischen Psychologie gilt krankhaft übersteigerte Xenophobie als eine Form der Angststörung.Die Angst vor dem Fremden schlummert in jedem. Welt Online, 8. Oktober 2015; Interview mit Borwin Bandelow von Franziska Höhnl
Sozialpsychologische Erklärungsmodelle In der Sozialpsychologie werden diskriminierende Verhaltensweisen mit dem Begriff der Xenophobie unter Interaktions- und gruppenbezogenen Aspekten betrachtet. Sozialpsychologisch gesehen wird mit der Feindseligkeit gegenüber „Fremden“ ein negativ konnotiertes Fremdbild geschaffen, um ein überlegenes Selbstbild zu erzeugen. Dabei geht es in erster Linie um als homogen konstruierte kollektive und nicht um individuelle Identitätskonstruktionen. An den Prozessen der Konstruktion von Bildern über vermeintlich „Fremde“ oder „Andere“ sind wissenschaftliche, mediale, politische und andere Akteure der Gesellschaft beteiligt.
Als Erklärungsmodell für das Auftreten von Fremdenfeindlichkeit schuf Nora Räthzel den Terminus „Rebellierende Selbstunterwerfung“. Darunter versteht die deutsche Sozialwissenschaftlerin ein Phänomen, bei dem Widerstand gegen soziale Ausgrenzung nicht gegen dessen Verursacher selbst gerichtet wird. Das Bild des Sündenbocks wird einem unbeteiligten Dritten in seiner Form des Anderen, des Fremden, angehängt. Diese Ersatzhandlung diene letztlich der eigenen Unterwerfung unter die Zustände, die man zu bekämpfen suche.Annita Kalpaka, Nora Räthzel (Hrsg.): Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Dreisam Verlag, Köln 1994, ISBN 3-89607-022-3.
Sozioökonomische Erklärungsmodelle Wie Joseph Henrich im Anschluss an Adam Smith und Montesquieu und anhand ethnologischer Studien aufgewiesen hat, geht Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft in dem Maße zurück, in dem diese von der Marktwirtschaft durchdrungen wird. Henrich erklärt dies damit, dass es sich in einer Marktwirtschaft lohnt, sich auch mit Unbekannten gut zu stellen, da diese potenzielle Kunden oder Geschäftspartner sind. In einer Welt ohne Märkte dagegen überlebt nur, wer gute persönliche Beziehungen hat. Eine wichtige Rolle wird ferner dem Interesse an der Bewahrung bestimmter, an die Abstammung geknüpfter Privilegien beim Zugang zu wohlfahrtsstaatlichen Leistungen zugemessen, die über ethnische Typisierungen und Kategorisierungen legitimiert werden.
Nach Pierre Bourdieu steigt mit der Komplexität der Gesellschaft die Möglichkeit, Xenophobie zu verringern. Ob ein langsamer oder schneller sozialer Wandel xenophobe Reaktionen begünstigt, ist jedoch offen. So hat die Tendenz zur Globalisierung in zahlreichen Ländern zur Zunahme fremdenfeindlicher Gewalt geführt. Die Auflösung soziokultureller Milieus und traditioneller Bindungen führt zu Handlungsunsicherheit, Gewissheitssuche und fremdenfeindlicher Gewalt.Wilhelm Heitmeyer: Das Desintegrations-Theorem : ein Erklärungsansatz zu fremdenfeindlich motivierter, rechtsextremistischer Gewalt und zur Lähmung gesellschaftlicher Institutionen, in: W. Heitmeyer (Hrsg.): Das Gewalt-Dilemma, Frankfurt am Main 1994, S. 46.
Kulturalistische Erklärungsmodelle Für das kulturalisierende Erklärungsmodell ist alles soziale Handeln kulturell überformt, d. h. kollektive Distanz und Feindseligkeit kann eine langfristig erworbene Grundstimmung (Mentalität) einer Gesellschaft sein. So wird behauptet, dass sogenannte „Stammesgesellschaften“, aber auch ländliche Gesellschaften mit Grundbesitzerstrukturen, deren Traditionen stark auf fixierten Regeln beruhen, Neubürgern gegenüber eher zurückhaltend bis ablehnend eingestellt seien. Vielfach werden dieselben Gesellschaften jedoch als ausgesprochen gastfreundlich dargestellt; handeltreibende Kulturen (wie das antike Griechenland – vgl. Homer, Herodot oder Aischylos) gelten in diesen Konstruktionen als eher vorurteilsarm.
Wie die Beispiele von Aischylos’ Tragödie Die Perser oder von Herodots Historien zeigen, war jedoch in der Antike das maßstabsetzende und abgrenzende Kriterium für das Eigene und das Fremde die Religion und vielfach auch die Sprache, die die Haltung gegenüber „Fremden“ (barbaros) bestimmte. Jeder, der außerhalb der eigenen Polis lebte, gehörte nicht zur Rechtsgemeinschaft und durfte getötet werden, wenn er nicht Gastrecht genoss.Dagmar Stutzinger: Das Eigene und das Fremde: Antike. In: Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. 2. Auflage, Stuttgart 2008, S. 459 f. In diesem antiken Kontext erscheint eine Definition von Xenophobie als Fremdenhass unsinnig.Ulrike Riemer, Peter Riemer (Hrsg.): Xenophobie - Philoxenie: Vom Umgang mit Fremden in der Antike (=Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge, Band 7). Franz Steiner Verlag 2005.
Legitimierende Erklärungsmodelle Der Begriff Xenophobie wird auf unterschiedliche Weise gelegentlich dazu benutzt, um Rassismus und Diskriminierung als zwingendes Resultat biologischer oder ökonomischer Gegebenheiten zu legitimieren: Beispiele für biologisierende Erklärungsmodelle: Tierarten verteidigen das eigene „Territorium“ gegen Eindringlinge. Inwieweit es sich bei Xenophobie des Menschen um biologische Determinanten, durch Sozialisation erworbenes Verhalten beziehungsweise in engem Rahmen freie Entscheidungen handelt, ist umstritten. Was im konkreten Fall als „fremd“ wahrgenommen (und abgelehnt) wird, hängt nachweislich in erster Linie von historisch-kulturellen Faktoren ab. Beispiele für ökonomische Erklärungsmodelle: Fremdenfeindlichkeit tritt vermehrt in Ländern auf, in denen die Arbeitslosenzahl steigt. Das heißt, je höher der Arbeitslosenanteil einer Bevölkerung, desto höher der Anteil fremdenfeindlicher Tendenzen. Diese These wird durch zahlreiche empirische Studien belegt und gilt als wissenschaftlich verifiziert (valide) im Sinne einer intersubjektiven Überprüfbarkeit.
Der Ethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt deutet die Abwehr des Fremden beziehungsweise als fremd Empfundenen sowie die sich historisch unterschiedlich darstellende Abgrenzung von Gruppen als anthropologisches Erfordernis zur Aufrechterhaltung einer stabilisierenden Gruppennorm.Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Biologie des menschlichen Verhaltens – Grundriß der Humanethologie. Blank Media, Vierkirchen 2004, ISBN 3-937501-01-0, S. 409 ff. und 443. Normen machten „das Verhalten voraussehbar, tragen Ordnung in die Gemeinschaft und vermitteln damit Sicherheit“.Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Biologie des menschlichen Verhaltens – Grundriß der Humanethologie. Blank Media, Vierkirchen 2004, ISBN 3-937501-01-0, S. 409. Eibesfeldt verweist auf die prägende Funktion kultureller Normen:
Gemeinsam ist diesen Erklärungsmodellen, dass geschichtliche und gesellschaftliche Konstruktionsprozesse für Selbst- und Fremdbilder nicht untersucht werden, sondern als quasi natürliche Gegebenheiten akzeptiert werden.
Auswirkungen
Es wird angenommen, dass Erfahrungen rassistischer Ausgrenzungen (Alltagsrassismus) zum Entstehen psychischer Erkrankungen beitragen können und dass soziale Unterstützung und Solidarisierung dem entgegenwirken können. Eine EU-Studie kam zum Schluss, dass Ausgrenzung und Diskriminierung zur Entstehung von Gewalt beitragen.
Laut einer Studie von 1994 stellt Rassismus in Deutschland die Hauptursache psychosomatischer Krankheiten bei Migranten, Flüchtlingen und ihren Kindern dar.
Verbreitung fremdenfeindlicher Einstellungen
EU In der European Values Study wurde EU-weit der Anteil der lokalen Bevölkerung ermittelt, der angibt, keine Immigranten oder ausländischen Arbeitskräfte als Nachbarn zu wollen. Von 257 erhobenen Regionen war im deutschen Regierungsbezirk Oberpfalz in Bayern mit 51 % dieser Anteil EU-weit am dritthöchsten, im österreichischen Bundesland Kärnten mit 55 % am höchsten (EU-Durchschnitt 15,4 %).
Deutschland