mini|Das Victoria-Lyceum in Berlin, 1893 mini|210px|Stadttöchterschule I in Hannover, 1906, zweites Gebäude auf der linken Seite mini|Höhere Töchterschule Wiesbaden, 1912 mini|210px|Freese’scheBezeichnung auf der Karte ist fehlerhaft Höhere Mädchenschule in Lübeck, 1914
Höhere Mädchenschule (auch Höhere Töchterschule oder ähnlich) war eine Bezeichnung für Bildungseinrichtungen für Mädchen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Diese führten jedoch nicht zum Abitur wie die späteren Mädchengymnasien. Dieser Artikel beschreibt vor allem die Geschichte in Deutschland.
Bezeichnungen Als höhere Schulen wurden Schulen bezeichnet, deren Unterricht über den der Elementarschule und Volksschulen hinausging und eine allgemeinere „geistige Bildung“ zum Ziel hatte.Brockhaus Enzyklopädie. 1896/1897, (Artikel Höhere Schulen ?)
Die offizielle Bezeichnung war im 19. Jahrhundert meist Höhere Töchterschule oder Lehr- und Erziehungs-Anstalt. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Sachsen zum Beispiel die Bezeichnungen Höhere Töchterschule, Lehr- und Erziehungs-Anstalt für Töchter höherer Stände, Lehr- und Erziehungs-Anstalt für Töchter gebildeter Stände, Lehr- und Erziehungs-Anstalt für Mädchen, Lyceum, seltener Höhere Mädchenschule, ähnlich auch in anderen deutschsprachigen Territorien.Statistisches Jahrbuch der höheren Schulen und heilpädagogischen Anstalten Deutschlands, Luxemburgs und der Schweiz. 1898, Teil II, S. 74–75. (books.google.de) Königreich Sachsen. Höhere Töchterschulen, siehe auch andere Territorien (besonders Preußen, Teil I) und andere JahrgängeAdreß- und Geschäfts-Handbuch der Königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden für das Jahr 1876. S. 118. books.google.de mit allen Mädchenschulen der Stadt Einige waren mit einem Mädchenpensionat verbunden.
Etwa seit 1875 gab es die fachliche Abstufungen zu Mädchen-Mittelschulen bzw. Mittlere Töchterschulen und Elementar-Töchterschulen, diese Bezeichnungen bezogen sich aber auf das Niveau der Ausbildung, nicht auf die soziale Herkunft der Schülerinnen.Schul-Kalender. 1864/1865, Zweiter Theil, Erste Abtheilung, S. 104–108 (Digitalisat); mit Angaben zu den Mädchenschulen in Berlin
Seit etwa 1920 setzten sich dann vor allem die allgemeinere Bezeichnung Mädchenschule (öffentlich, evangelisch, katholisch, privat) oder konkrete Bezeichnungen wie Elisabethschule durch. Daneben gab es in dieser Zeit auch Mädchengymnasien.
Geschichte mini|Schülerinnen des Geestemünder Lyzeums 1919
Die erste höhere Mädchenschule im deutschsprachigen Raum war das 1698 gegründete Gynaeceum des Bildungsreformers August Hermann Francke in Halle (Saale).Helga Brandes: Frau. In: Werner Schneiders (Hrsg.): Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. München 2000, S. 127. Dieser war von Bildungsbestrebungen in Frankreich beeinflusst, die vor allem eine Bildung für das häusliche Leben vorsahen. Danach wurden weitere Mädchenschulen gegründet, Grundziel blieb aber immer auch eine Bildung zur Unterstützung des Ehemannes, auch als geistige Anregung.Sabine Doff: Weiblichkeit und Bildung. Ideengeschichtliche Grundlage für die Etablierung des höheren Mädchenschulwesens in Deutschland. In: Katharina Rennhak, Virginia Richter (Hrsg.): Zwischen Revolution und Emanzipation. Geschlechterordnungen in Europa um 1800. Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2004, S. 67–81, besonders S. 71, mit sehr kritischen Anmerkungen (PDF)
Die Frauenrechtlerin Helene Lange bemerkte über ihre Zeit in einer höheren Töchterschule um 1860 später
1872 forderten Mitglieder des Deutschen Vereins für höhere Mädchenschulen klarere Vorgaben für Lehrpläne, höhere Ausbildungsanforderungen an die Lehrkräfte, eine klarere Abstufung in höhere, mittlere und Elementar-Mädchenschulen und weitere Verbesserungen von den jeweiligen regionalen Schulbehörden.Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 13. 1905, S. 34–37, hier S. 35, mit Details (Text) Diese wurden in einigen kleineren Territorien wie Baden, Sachsen und Württemberg auch bald umgesetzt, während es in Preußen nur teilweise und mit einigen Jahren Verzögerung erfolgte. Dieses führte auch zu einem Anstieg des fachlichen Niveaus in den einzelnen Fächern, sodass ein Kritiker höherer Mädchenbildung spottete
1887 beklagten Helene Lange und andere in einer Petition an das preußische Abgeordnetenhaus und das Unterrichtsministerium die mangelnde Qualität des Systems der Mädchenschulen und forderten eine stärkere Gleichberechtigung in der Bildung.Helene Lange: Die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung. Begleitschrift zu einer Petition an das preußische Unterrichtsministerium und das preußische Abgeordnetenhaus. Berlin 1887. Seit 1893 entstanden die ersten Mädchengymnasien in deutschen Territorien, die eine Zulassung zu einem Universitätsstudium möglich machten.
1908 wurde endlich ein Gesetz durch das preußische Unterrichtsministerium erlassen, das das Bildungssystem von Mädchenschulen einschließlich der Abschlüsse regelte. Dieses ging auf das Engagement von Helene Lange und dem preußischen Kulturpolitiker Friedrich Althoff, aber auch von zahlreichen anderen Reformern, darunter der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria, zurück.Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Böhlau, Köln 2010, S. 120–129, besonders S. 129, die den besonderen Anteil von Helene Lange betont, gegen die Ansicht von Richard J. Evans
1910 folgte ein ähnliches Bildungsgesetz im Königreich Sachsen. Seit 1919 wurden die Möglichkeiten von höheren Mädchenschulen im Deutschen Reich liberalisiert und erweitert.
Strukturen Bildungsziele Das Hauptziel der Schulen war zunächst vor allem die Vorbereitung der jungen Mädchen auf ihre späteren häuslichen Pflichten als Gattin und Mutter. Die Schulabschlüsse berechtigten in dieser Zeit nicht zu weiterführenden Ausbildungen, der Besuch eines Lehrerinnenseminars war lange Zeit die einzige Möglichkeit einer weiterführenden und berufsqualifizierenden Schulbildung für junge Frauen.
Seit etwa 1890 konnten Schülerinnen aber extern an Jungengymnasien das Abitur ablegen (wenn sie sich die notwendigen zusätzlichen Unterrichtsstoffe, auch in Latein und Griechisch privat angeeignet hatten.) Seit etwa 1893/1900 konnten sie auch die neuen gymnasialen Kurse oder Mädchengymnasien besuchen, die ihnen dann eine Berechtigung für ein Hochschulstudium ermöglichten.
Im frühen 20. Jahrhundert verbesserten sich die Bildungsmöglichkeiten für Mädchen etwas, auch nach 1919.
Träger Die meisten höheren Mädchenschulen wurden privat geführt, meist von Frauen, öfter auch verbunden mit einem Pensionat. Die anerkanntesten waren aber die städtischen höheren Mädchenschulen, außerdem gab es auch konfessionelle evangelische oder katholische Einrichtungen.
Die Schulgelder waren in den einzelnen Schulen verschieden und bestimmten so, ob es mehr wohlhabendere Schülerinnen oder mehr aus den mittleren Schichten gab. In einigen Fällen wurde dieses aber wahrscheinlich von Stiftungen für ärmere Familien bezahlt, wie bei den Jungen auch.
Weitere Rahmenbedingungen mini|Schülerinnen und Lehrkräfte der höheren Töchterschule Feuerbach bei Stuttgart, 1900
Die höheren Mädchenschulen boten eine Lehrdauer oft zwischen sieben bis zehn Jahren an. An den größeren gab es über zehn Lehrer und Lehrerinnen, von denen die meisten eine entsprechende Ausbildung absolviert hatten.Statistisches Jahrbuch der höheren Schulen und heilpädagogischen Anstalten Deutschlands, Luxemburgs und der Schweiz, 1898, Teil 2, S. 74f. mit einigen Angaben; books.google.de L. = Lehrer, Ln. = Lehrerin, Schn. = Schülerin, Sch. = Schulgeld usw., siehe auch andere Jahrgänge und Adressbücher der einzelnen Städte, Teil 2, mit Vereinen und Organisationen Die Klassen waren meist zwischen ein und 25 Schülerinnen groß, in einigen Mädchenschulen gab es in den unteren Jahrgängen auch Jungen. Eine Altersgrenze war die Konfirmation oder Firmung mit etwa 14 Jahren, einige Schulen erklärten, dass sie erst danach Schülerinnen aufnehmen.
Unterrichtsinhalte Allgemeines In den höheren Mädchenschulen wurden die Schülerinnen zunächst vor allem für häusliche Tätigkeiten ausgebildet, wie in Hauswirtschaft und Handarbeiten. Die konkrete Gestaltung des Unterrichts war dabei vielfältig und an keine Vorgaben gebunden. In den meisten höheren Mädchenschulen wurden auch Grundkenntnisse in deutscher Sprache und Grammatik, Rechnen, Schönschreiben, sowie die Fremdsprachen Französisch und Englisch, mitunter auch Kunstgeschichte vermittelt, außerdem musische Angebote wie Malen, Singen. Seit etwa 1870 wurde in einigen auf eine ausgewogene körperliche Ausbildung geachtet, mit Turnunterricht und teilweise Tanzen.
Einzelne Beispiele Eine private Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt in Dresden versprach 1875 Eine harmonisch, Körper und Geist gleich berücksichtigende Erziehung. (...) Verkürzte Lectionsdauer und gute Lehrkräfte ermöglichen die notwendige Zeit für tägliche Turnübungen und Erholung im Freien.Adreß- und Geschäfts-Handbuch der Königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden für das Jahr 1876. S. 118; dort auch weitere höhere Mädchenschulen. (books.google.de)
Eine private höhere Mädchenschule in Ratzeburg warb um 1904 mit einer Erstklassigen Ausbildung in Sprachen, Literatur, Handarbeiten, Malen, Kunstgeschichte, usw. Vollständiger Ausbildung im Haushalt bis zur Selbstständigkeit. (...) Anleitung zu taktvollem Benehmen.Höhere Schulbildung für Mädchen Ratzeburg, mit Annonce der Höheren Mädchenschule mit Töchterpensionat von Emma Spieterhoff, ohne Jahr, zwischen 1903 und 1923; die Kosten für das Pensionat betrugen 600 bzw. 800 Mark (im Vergleich kostete Schulgeld für einige höhere und mittlere Töchterschulen um 1900 teilweise nur etwa 160 Mark) Die Elisabethschule in Dresden bot 1907 Winterkurse für Italienisch, Französisch, Englisch, Verkehrsgeographie und Kolonialgeschichte, Geschichte und Literatur der neuesten Zeit, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, sowie Stenographie, Haushaltsrechnen und Maschinenähen an.Die Gartenlaube. 33/1907, 2. Beilage, S. 3. (linke Spalte); die Kosten für das Pensionalt betrugen auch 800 Mark (books.google.de)
Standardunterrichtsfächer
Spätestens seit etwa 1850 wurden in einigen öffentlichen höheren Mädchenschulen gleiche Fächer wie bei den Jungen unterrichtet, aber mit etwas verminderten Umfang. Seit etwa 1874 gab es dafür in den verschiedenen deutschen Territorien Normpläne, die nur geringfügig voneinander abwichen. Diese umfassten Evangelische bzw. Katholische Religionslehre, Deutsch, Französisch, Englisch, Rechnen und Raumlehre (Geometrie), Geschichte, Geographie, Naturkunde (oder Naturwissenschaft), Schönschreiben, Zeichnen, Singen, Turnen und weibliche Handarbeiten (die aber nur 2 von 20 bzw. 30 Wochenstunden einnahmen).Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 13. 1905, S. 37, Text, Tabelle ganz unten, mit empfohlener Stundentafel für die einzelnen Fächer in PreußenGertrud Bäumer: Das Mädchenschulwesen. In: W. Lexis (Hrsg.): Die höheren Lehranstalten und das Mädchenschulwesen im Deutschen Reich. Berlin 1904, S. 237–426 (Digitalisat); gab für die einzelnen deutsche Territorien jeweils auch die Normfächerpläne anBericht über die städtische mittlere Töchterschule zu Bromberg. 1893, S. 3. archive.org; auch eine städtische mittlere Töchterschule in Bromberg in der preußischen Provinz Posen unterrichtete alle diese Fächer außer Englisch Es fehlten nur die alten Sprachen Latein und Griechisch, sowie meist Physik und Chemie im Vergleich zu den Knabenschulen.