Kardschali (, ), veraltet deutsch Kirdschali, englische Umschrift Kardzhali, ist eine Stadt mit knapp 41.000 Einwohnern im Süden Bulgariens, unfern der griechischen Grenze. Sie ist das Verwaltungszentrum einer Gemeinde und des Verwaltungsbezirkes Kardschali. Während die Oblast überwiegend von türkischen Bulgaren bewohnt wird, leben in der Stadt selbst mehrheitlich slawische Bulgaren.

In der Stadt gibt es ein großes historisches Museum mit 40.000 Exponaten, 179 archäologischen Objekten (davon 19 prähistorische, 122 antike und 37 aus dem Mittelalter), ein musikalisches Theater und ein Puppentheater.

Das heutige Kardschali ist ein regionales Zentrum und somit Nachfolger des einstigen byzantinischen administrativen Zentrums der Region Achridos. Als Zentrum eines Erzbistums verwaltete Achridos den östlichen Teil der Rhodopen sowie das mittlere und untere Becken des Flusses Arda. Wie jüngste archäologische Ausgrabungen zeigen, befand sich das Verwaltungszentrum der Region 15 Kilometer nördlich von Kardschali, in der Nähe von Perperikon. Das Zentrum des Erzbistums Achridos war das Kloster des Heiligen Johannes der Täufer, das sich am rechten Ufer des Flusses Arda befand und innerhalb der Grenzen des modernen Kardschali befestigt war. Mit dem Vorrücken der Osmanen verloren die Festungsanlagen und Verwaltungszentren an Bedeutung, dieses änderte sich mit der eingesetzten Industrialisierung nach den Balkankriegen 1912/13, als die Stadt erneut bulgarisch wurde.Mariya Kiprovska, Machiel Kiel: Artikel Kircaali, In. İslâm Ansiklopedisi, Türkiye Diyanet Vakfı, abgerufen am 16. August 2023

Geographie Lage mini|alternativtext= Blick von der Festung Wischegrad Richtung Kardschali,| Blick von der Festung Wischegrad mit dem Arda Fluss Richtung Kardschali (2011) Kardschali liegt im Herzen des östlichen Rhodopen-Bergmassivs an beiden Ufern des Flusses Arda, ca. 260 km südöstlich von der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Die nächstgelegenen größeren Städte in der Region sind Chaskowo, das etwa 50 km nordwestlich über die Nationalstraße I-5 erreichbar ist und die Verbindung zur Awtomagistrala Trakija bietet, sowie Plowdiw, das etwa 90 km nordöstlich über die II-58 erreichbar ist. Zirka 15 km nördlich von Kardschali entfernt liegt die antike Felsenstadt (auch Perperikon genannt), die seit 1968 zum Denkmal des unbeweglichen Kulturerbes von nationaler Bedeutung erklärt wurde. Der paneuropäischer Verkehrskorridor IX. führt durch Kardschali über den Makaza-Pass und verbindet die Stadt mit dem bulgarisch-griechischen Grenzübergang Makaza–Nymphaia. Über den Grenzübergang ist Kardschali in ca. 70 km über die Aftokinitodromos 23 von der griechischen Stadt Komotini und der Aftokinitodromos 2 (auch Egnatia-Autobahn genannt) entfernt.

Gewässer

Die Stadt liegt am Nord- und Südufer des Flusses Arda und wird im Westen von der Talsperre Kardschali und im Osten von der Talsperre Studen kladenez begrenzt. Bei beiden Talsperren wurden zudem Kraftwerke errichtet. Bei maximaler Kapazität reicht das Wasser der Studen kladenez-Talsperre bis zum Fuß der alten Wesseltschane-Brücke. Die Betonmauer der Talsperre Kardschali befindet sich etwa zwei Kilometer flussaufwärts von dieser Brücke. Die Ufer des durch die Stadt fließenden Flusses wurden durch den 2009 gestellten Wasserspiegel-Stausee begradigt, wodurch ein Umfeld für Wassersport und Freizeitaktivitäten geschaffen wurde. In den 1970er Jahren wurden in der Talsperre Kardschali Steinbeißer ausgesetzt. Vor kurzem wurden Flussbarsche aus dem Owtschariza-Stausee dort ausgesetzt. Bereits vor 30 Jahren wurden dort 45.000 Karpfen ausgesetzt.

Ca. 40 km weiter nördlich befindet sich entlang des gleichnamigen Flusses zudem die Talsperre Borowiza. Die Borowiza ist ein Nebenfluss der Arda und mündet in der Talsperre Kardschali.

Stadtgliederung Die Stadt Kardschali umfasst die Bezirke Borowez, Baikal, Studen Kladenez, Wasroschdenzi, Wesseltschane, Gledka, Gorna Gledka, Zentrum, Ufernahen Zone und Park Arpezos-Nord, Industriezone A, Industriezone B, Ostindustriezone, Industriezone Süd, Friedhof, Park Prostor und Park Gorubso. In unmittelbarer Nähe liegen die Dörfer Prilepzi, Resbarzi, Petlino, Airowo, Opaltschensko, Propast und Sipei.

+ Übersichtskarte Name des Stadtteils 320px|links|Stadtgliederung von Kardschali Borowez Baikal Zentrum Studen Kladenez Wasroschdenzi Prilepzi Wesseltschane Gledka Gorna Gledka Ufernahen Zone und Park Arpezos-Nord Industriezone A Industriezone B Ostindustriezone Industriezone Süd Friedhof Park Prostor Park Gorubso

Geschichte Antike und frühes Mittelalter mini|alternativtext=Die Felsenfestung Perperikon|Teil der Felsenfestung Perperikon Die Stadt wurde schon in der Antike besiedelt. Die ersten Spuren in der mehr als 3000-jährigen Geschichte hinterließen die Thraker, als sie diese Gegend besiedelten. Aus dieser Zeit und nicht weit von Kardschali entfernt steht Perperikon, eine der bedeutendsten Kultstätten der Antike. Auch nach der Christianisierung der Region blieb Perperikon ein wichtiges religiöses Zentrum.

Nach den Thrakern folgten die Hellenen, Perser, Byzantiner, Slawen, Bulgaren, Kreuzritter und Osmanen.

Bulgaren, Byzantiner und Kreuzritter Im Mittelalter wurde Kardschali Zentrum der Provinz Achridos. Im Kloster Sweti Joan Prodrom befand sich das Zentrum einer der größten christlich-orthodoxen Eparchien des Mittelalters. Zur Zeit von Khan Presian I. wurde die Region im Jahr 847 dem Bulgarischen Reich einverleibt. Die Siedlung und Festung Wischegrad (zu Dt. Obere Festung), die bereits während der Römerzeit existierte, wurde ausgebaut und zu einer der Vorläufer des heutigen Kardschali.

Die Festung Wischegrad befindet sich ca. 6 km vom heutigen Stadtzentrum entfernt und bewachte ehemals den Zugang zu einer Abzweigung der Via Militaris von Adrianopel nach Philippopolis in das Innere der Rhodopen entlang des Tals des Flusses Warbiza. Die gut geschützte Zitadelle mit einer Beobachtungs-, Verteidigungs- und Wohnfunktionen wurde möglicherweise vom Gouverneur der mittelalterlichen Region Ahrida genutzt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Ardaflusses wurde zudem die Hilfsburg Moniac errichtet.Zimmert, K. "Der Friede zu Adrianopel (Februar 1190)." , vol. 11, no. 2, 1902, S. 317

Zar Kalojan eroberte die Region 1199 von den Byzantiner für das bulgarische Zarenreich erneut und sie wurde zu einem der Aufmarschgebiete für die Kampagnen der Bulgaren gegen das lateinische Kaiserreich, welches infolge des Vierten Kreuzzugs in Konstantinopel installiert wurde. In der Nähe der Festung Moniac wurde 1206 Heinrich von Flandern zum Lateinischen Kaiser gekrönt.Richard J. Crampton: A Concise History of Bulgaria. Cambridge University Press, Cambridge 2005, ISBN 0-521-85085-1, S. 22–27.

Archäologische Funde belegen, dass im Ort im XII. und in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts ein reges Leben herrschte und dass die Stätte zwei großen Zerstörungen ausgesetzt war. Die erste Zerstörung fand 1207 statt, als Bonifatius I. von Montferrat, der Kreuzritterkönig von Thessaloniki plündernd durch die Region zog und schließlich hier verstarb.Vincenzo de Bartholomaeis: Un Sirventés historique d’Élias Cairel, in: Annales du Midi 16 (1904), S. 468–494

Nach der Ermordung von Zar Kalojan vor den Mauern von Thessaloniki (Oktober 1207) wurde das Gebiet zunächst von seinem Neffen, Despot Alexius Slaw regiert und unter Zar Iwan Assen II. wurde es erneut der bulgarischen Krone unterstellt. Nach dem Tod von Zar Kaliman I. Assen im Jahr 1246 übernahm Byzanz für kurze Zeit die Kontrolle, aber 1254 stürzte Zar Michael II. Assen die Byzantiner. Der Chronist Georgios Akropolites schrieb in diesem Zusammenhang: Die Einwohner, die Bulgaren waren, warfen das Joch der Fremden ab und gingen zu den ihren über, dann kehrten die Römer zurück, unter Zar Konstantin Tich Assen gehörte das Gebiet wieder zu Bulgarien. Die zweite Zerstörung ereignete sich 1341 während des blutigen byzantinischen Bürgerkriegs zwischen Kaiser Johannes V. Palaeologos und Johannes Kantakuzenos, der Anspruch auf den Thron erhob. In diesem Krieg eroberten und zerstörten die auf der Seite von Kantakuzenos kämpfenden osmanischen Söldner von Aydınoğlu Umur Bey Ahridos. 1343 stellte schließlich der bulgarische Zar Iwan Alexander Kontrolle über das Gebiet wieder her. Danach zog der Bischof von Ahridos und die örtliche Verwaltung nach Peritéorion an die Ägäisküste. Im 14. Jahrhundert war der im Volk verehrte Momtschil Wojwoda, der das Gebiet von der Ägäis bis hierher beherrschte, der Beschützer der örtlichen Bevölkerung vor den sich ständig bekriegenden bulgarischen und römischen Monarchen. Sein Name ist auch mit dem ersten Widerstand der Bevölkerung in den Rhodopen gegen die Invasion der aus Kleinasien einfallenden Osmanen verbunden.George Christos Soulis: The Serbs and Byzantium during the Reign of Tsar Stephen Dušan (1331–1355) and his Successors. Dumbarton Oaks Research Library and Collection, Washington D.C. 1984, ISBN 0-88402-137-8, S. 149–150.

Osmanische Zeit 1362 wurde die Region durch die Osmanen endgültig erobert; dabei wurden alle großen Festungen der Region niedergebrannt und zerstört. Während der osmanischen Zeit wurde der Ort, jedoch im Tal, neu aufgebaut und bekam den Namen Kırca ali. Den Überlieferungen zufolge, entstand die neue Siedlung um das Grab von Kırca Ali, einer der Heerführer von Lala Şahin Pascha der hier während einer der früheren Raubzüge der Osmanen fiel. Forschungen haben jedoch ergeben, dass es für diese Überlieferung keinen Beweis gibt und es sich um eine Legende handelt.

Die früheste bekannte osmanische Vermessung der Haskovo Kaza des Chirmen Sandschaks, in dem sich das Gebiet des heutigen Kardschali befindet, ist auf 1465 datiert. In dieser Übersicht werden eine ganze Reihe von Dörfern mit türkischen Namen, die von Muslimen bewohnt wurden, erwähnt. Darunter befindet sich jedoch keine Siedlung mit dem Namen Kırcaali. Der Name Kırcaali ist zum ersten Mal in den osmanischen Steuerunterlagen von 1482 als Kırca datiert. Dabei wird der Tımar Kırca erwähnt, der 41 muslimische Haushalte hatte. Im Register von 1516 wird eine Bevölkerung von 61 muslimischen Haushalte gezählt. Im Jahr 1530 wurde der Name des Dorfes zum ersten Mal als Kırcalı aufgezeichnet, und obwohl in den Jahren danach auch vereinzelt als Kırca Ali geschrieben, setzte sich die erstere Schreibweise durch. Zu dieser Zeit verringerte sich die Zahl der Haushalte im Dorf auf siebenunddreißig. Dennoch stieg die Steuerlast des Dorfes dank der gestiegenen Weizenproduktion und das Dorf konnte sich einen Imam leisten. Der Ort blieb jedoch in den folgenden Jahrhunderten relativ klein, auch wenn das Einkommen um Rinder und Viehzucht erweitert wurde.

Eine weitere Quelle, die Aufschluss über die Bevölkerung der Region Kardschali gibt, ist der erste Salnâ des Vilâyets Edirne aus dem Jahr 1870. Demnach gab es 8320 muslimische Haushalte und 4835 christliche Haushalte in 233 kleinen Dörfern in Haskowo Kaza (Teil des Plowdiw Sandschak); 63 Prozent der Bevölkerung seien muslimisch gewesen. Die Salnâ gibt auch die Gesamtzahl der männlichen Bevölkerung in der Haskowo Kaza an, von den 23.467 Mohammedanern und 18.461 Christen waren somit insgesamt 56 % der Männer muslimisch. Dies ist ein Indiz dafür, wie sich die Bevölkerungszusammensetzung im XVIII. und XIX. Jahrhundert verändert hat. Dennoch blieb Kardschali weitgehend muslimisch geprägt und von dieser Entwicklung unberührt.

Infolge des Russisch-Osmanischen Kriegs (1877–1878) wurde Kardschali am 3. Januar 1878 durch die Truppen des russischen Generalmajors Grigori Fjodorowitsch Tschernosubow besetzt, welche bis zum Berliner Kongress vor Ort blieben. Mit der Bildung der halbautonomen osmanischen Provinz Ostrumelien, als eines der Beschlüsse des Kongresses, blieb Kardschali weiterhin osmanisch.

Erneut bulgarisch