mini|hochkant|Horace Walpole von Joshua Reynolds Serendipität oder Serendipity (zu ), gelegentlich auch Serendipitätsprinzip oder Serendipity-Prinzip, bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und positiv überraschende Entdeckung erweist. Serendipität betont eine über einen Zufallsfund hinausgehende intelligente Schlussfolgerung bzw. Findigkeit in Form einer Bereitschaft, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. Den Begriff prägte Horace Walpole nach dem persischen Märchen Die drei Prinzen von Serendip für die glücklichen Umstände einer unerwarteten Entdeckung in seiner Bibliothek im Jahr 1754.Brief vom 28. Januar 1754 an H. Mann, aus

Im Deutschen werden sowohl die englische Form „Serendipity“ als auch die eingedeutschte Variante „Serendipität“ verwendet. Korpusanalysen (u. a. DWDS, Google Books Ngram, s. u.) zeigen die parallele Verwendung beider Begriffe mit zunehmender Verbreitung der eingedeutschten Form seit den 2000er Jahren. „Serendipität“ ist im Duden verzeichnet und wird insbesondere in deutschsprachigen Kontexten verwendet, während „Serendipity“ vor allem in international und wissenschaftlich geprägten Diskursen weiterhin verbreitet ist.

Definition Robert K. Merton beschrieb das Serendipitätsmuster ("serendipity pattern") für die Soziologie der Wissenschaften in seinem Buch Social Theory and Social Structure. Er verallgemeinert die Erfahrung, dass der Anlass für die Entwicklung einer neuen Theorie oder die Erweiterung einer bestehenden die Beobachtung eines unerwarteten, ungewöhnlichen und fundamentalen Befundes ist. Die abweichende Beobachtung ist unvorhergesehen. Eine Untersuchung, die auf die Prüfung einer Hypothese abzielt, ergibt ein zufälliges Nebenprodukt. Eine unerwartete Wahrnehmung bezieht sich auf Theorien, die zu Beginn der Untersuchung nicht Teil der Fragestellung waren. Die Beobachtung ist anormal und überraschend, weil sie entweder mit der vorherrschenden Theorie oder mit anderen feststehenden Fakten unvereinbar zu sein scheint. Die scheinbare Unstimmigkeit erweckt die Neugier, sie regt dazu an, den Daten einen Sinn zu geben und in einen breiteren Wissensrahmen einzupassen. Die beobachtete Tatsache muss fundamental sein, d. h. sie muss Schlussfolgerungen zulassen, die sich auf eine verallgemeinerte Theorie beziehen. Dies setzt einen für Theorien sensibilisierten Beobachter voraus, um das Allgemeine im Besonderen zu erkennen.Merton, R. K. (1968). Social theory and social structure. New York: The Free Press (3. Auflage) zit. nach

Der Mediziner und Wissenschaftshistoriker Pek van Andel (1944–2017) versteht Serendipität als zunächst unbeabsichtigten Fund, oft nebenbei oder zufällig („unsought finding“). Der Finder suchte etwas anderes, entdeckte aber etwas, das er vorher nicht im Blick hat. Die Beobachtung muss unvorhergesehen, anormal und strategisch sein (d. h. sie lässt Schlüsse zu, die über das Zufällige hinausgehe). Entscheidend sei dann die Abduktion (das Bilden einer erklärenden Hypothese), im Gegensatz zu Deduktion und Induktion. Er unterscheidet drei Formen von Abduktion: überkodiert (man wählt die plausibelste aus mehreren möglichen passenden Hypothesen), unterkodiert (viele mögliche Erklärungen muss man durch Erfahrung, Intuition oder Experimente eingrenzen) oder kreativ (oder mühsam; Es gibt keine passende Hypothese, man muss eine völlig neue Erklärung finden). Er unterteilt serendipitöse Entdeckungen in vier große Bereiche, jeweils mit typischen Beispielen: Wissenschaft, Technologie, Kunst und „Alltag“ (auch Wirtschaft, unerwartete Produktideen)

Serendipität als „aktives Glück“, als Zusammenspiel von Zufall und menschlichem Handeln wird von Christian Busch als entscheidend für den Erfolg angesehen. Es geht nicht um „blindes Glück“, z. B. wenn man in eine wohlhabende Familie hineingeboren wird, sondern um die aktive Nutzung von sich ungeplant auftuenden Chancen.Christian Busch: Wie wir den Zufall auf unsere Seite bringen. In: Journal des Verbandes Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte Nr. 3, Juni 2024 S. 47, via yumpu.com Busch nennt drei Bedingungen, damit Serendipity entstehen kann:

Handlungsfähigkeit: Die Fähigkeit, unerwartete Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen. Überraschung: Das Auftreten eines ungeplanten Ereignisses oder einer ungeplanten Entdeckung. Nutzen: Die Schaffung von sinnvollen Ergebnissen aus dem Unerwarteten.

Nach Busch gibt es auch andere Definitionen, die meisten davon verstehen das Phänomen aber als Zusammenspiel von Zufall und menschlichem Handeln. Es geht darum, zu sehen, was andere nicht sehen, zufällige Beobachtungen bewusst wahrzunehmen und sie in Möglichkeiten zu verwandeln.

Dass Serendipität ein Prozess ist, bei dem jeder Bereich im Leben gefördert werden kann, begründet Busch so: Der Auslöser (etwas Unerwartetes oder Ungewöhnliches) wird mit etwas anderem assoziativ verknüpft, der potentielle Wert wird erkannt. Entscheidend ist, dass das Ergebnis (Erkenntnis, Innovation, neue Art etwas zu tun oder Lösung für ein Problem) nicht das ist, was man erwartet hat. Ein zufälliges Ereignis sei wichtig – die Person muss in der Lage sein, die Zufallsfunde zu verstehen und etwas aus ihnen zu machen. Dabei ist auch Ausdauer nötig, weil es Hemmnisse auf diesem Weg geben kann. Merton stellte auch Überlegungen an, wie die Häufigkeit von Zufallsfunden bewusst zu erhöhen ist, ob z. B. bestimmte soziokognitive Mikromilieus die Wahrscheinlichkeit von wissenschaftlichen Entdeckungen anheben können. Centers for Advanced Studies, in denen Gelehrte unterschiedlichster Disziplinen für einen bestimmten Zeitraum zusammen arbeiten und leben, können ein solches Umfeld bieten, das leicht Serendipity-Effekte hervorbringt.

Ein Bonmot gibt wieder, was Serendipität ausdrückt: „Es ist, als würde man in einen Heuhaufen springen, um die berühmte Nadel zu finden, und mit der Tochter (oder dem Sohn) des Bauern herauskriechen.“ Es geht um die Fähigkeit, wichtige Zusammenhänge zu entdecken, auch wenn man nicht direkt danach gesucht hatte. Oft ist hiermit ein gescheiterter Plan verbunden, der durch etwas Ungeplantes andere positive Resultate abwirft. Dabei betont der von Louis Pasteur geprägte Satz „Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist.“ die Empfänglichkeit durch aktive Mitwirkung.

Abgrenzung

Ein Zufallsfund entsteht in verschiedensten Bereichen, z. B. in der Wissenschaft, wenn bei der Durchführung einer Studie, eines Experiments oder einer Untersuchung etwas entdeckt wird, das außerhalb der ursprünglichen Fragestellung oder Zielsetzung liegt. Die weiter gefasste Redewendung vom glücklichen Zufall ist ähnlich, aber ebenfalls nicht identisch mit Serendipität, die eine darüber hinausgehende intelligente Schlussfolgerung oder Findigkeit betont: man muss bereit sein, den Zufall zu erkennen und ihn dann zu nutzen. Zufall ist ein einzelner Moment, das Serendipitätsprinzip benötigt eine mehrstufige Entwicklung. Die Definition eines Zufallsfundes ähnelt der ersten Phase des Merton’schen Serendipitätsmusters, der sich weitere Schritte anschließen müssen, wenn es sich vollständig entwickeln soll.

Der Begriff Serendipität ist polysemisch: es könne ebenso gut ein Phänomen, eine Erfahrung, eine Fähigkeit, ein Fund, eine Wirkung, eine Inzidenz oder eine Gelegenheit sein.zit. nach A. Wyart und N. Fait: Le hasard peut-il bien faire les choses? In: OpenEdition Journals. (franz.): „la sérendipité peut aussi bien être un phénomène, une expérience, une capacité, une trouvaille, un effet, une incidence, une opportunité“

Verwandte Begriffe

Der Schriftsteller William Boyd prägte in seinem 1998 erschienenen Roman Armadillo den Begriff Zemblanity als Gegenbegriff zu Serendipity: die Fähigkeit, „unglückliche, unglückbringende und erwartete Entdeckungen absichtlich zu machen“. Boyd stellte dabei dem warmen und üppigen Serendip ein nördliches, karges und eisiges „Zembla“ gegenüber. Der Name wird mit Nowaja Semlja (historisch auch Nova Zembla), einem russischen Archipel im Nordpolarmeer, in Verbindung gebracht. Als mögliche literarische Zwischenquelle gilt außerdem das fiktive Zembla in Vladimir Nabokovs Roman Fahles Feuer. Nowaja Semlja wurde später auch als sowjetisches Kernwaffentestgelände bekannt. Zemblanity bezeichnet damit nicht einfach einen unglücklichen Zufall, sondern ein erwartbares negatives Ergebnis, das durch das eigene Vorgehen hervorgebracht wird.

Bahramdipity leitet sich von Bahram Gur ab, der als herrischer König in Die drei Prinzen von Serendip auftritt. Toby J. Sommer führte den Begriff für die Unterdrückung einer serendipitären Entdeckung ein; unterdrückte und unveröffentlichte Entdeckungen bezeichnete er als nulltiples. Sommer verwendete die Erzählung damit als Bild für die Behinderung wissenschaftlicher Erkenntnis und untersuchte insbesondere Bedingungen, unter denen neue Forschungsergebnisse unterdrückt werden.

Begriffsgeschichte Englischer Sprachraum Erstmals verwendete der britische Autor Horace Walpole, 4. Earl of Orford (1717–1797), den Begriff in einem Brief vom 28. Januar 1754 an seinen in Florenz lebenden Freund Horace Mann und sprach 'von einem unvermuteten glücklichen Fund eines bestimmten Wappens in einem alten Buch'. Dieses Phänomen nannte er in Anlehnung an ein Märchen „Serendipity“, weil auch dort drei Prinzen durch Zufälle und Gewitztheit Dinge entdeckten, die sie nicht gesucht hatten.

Das Märchen „Drei Prinzen aus Serendip“ des persischen Dichters Amir Khusrau (1253–1325) tauchte in Europa erstmals im 16. Jahrhundert in Übersetzungen auf. Christoforo Armeno verfasste 1557 eine italienische Fassung Peregrinaggio di tre giovani figliuoli del Re di Serendippo, die unter dem Namen The Peregrination of Three Young Sons of the King of Serendip von Mark van Roode ins Englische übersetzt wurde. Serendip bzw. ist dabei eine alte, von arabischen Händlern geprägte Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka, und hat ihre Wurzeln im alten Sanskrit-Namen der Insel Simhaladvipa. Drei Prinzen wurden vom König zwecks Vorbereitung auf ihr Amt auf Wanderschaft geschickt, wo sie viele unerwartete Entdeckungen machten. Sie verbanden einzelne Beobachtungen, die sie nicht aktiv angestellt hatten, zu sinnvollen Schlussfolgerungen. Es existieren weitere Nacherzählungen, wie z. B. die von Richard Boyle.

mini|hochkant|Edward Solly Eine wichtige Rolle spielte die "Wiederentdeckung" des Begriffes durch Edward Solly. Er veröffentlichte 1841 in der Zeitschrift Notes and Queries einen kurzen Beitrag. Darin zitiert Solly aus Walpoles Brief und erklärt das Wort neu für seine Zeitgenossen. Er schreibt sinngemäß: „Ich habe in einem Brief Walpoles an Horace Mann einen bemerkenswerten Ausdruck gefunden – Serendipity. Walpole erklärt, dass er damit die Gabe meint, durch Zufall und Scharfsinn Dinge zu entdecken, nach denen man nicht gesucht hat. Es ist ein treffliches Wort, das wir vielleicht wieder aufgreifen sollten.“ Solly war der erste, der Walpoles Neologismus nach fast 90 Jahren wieder öffentlich machte und ihn in einem allgemeineren sprachlichen Kontext stellte. Das war eine Voraussetzung, dass es in Wörterbücher und wissenschaftliche Diskurse Eingang fand.Edward Solly: „Serendipity“, in: Notes and Queries, 1841, vgl. Robert K. Merton & Elinor Barber: The Travels and Adventures of Serendipity, Princeton University Press, 2004