mini|Die Fassade der Cappella Colleoni, links anschließend das Nordportal der Kirche Santa Maria Maggiore mini|Reiterstandbild B. Colleonis von Andrea del Verrocchio in Venedig Die Cappella Colleoni in der Altstadt von Bergamo ist eine von dem Condottiere Bartolomeo Colleoni 1471 in Auftrag gegebene Grabkapelle. Die aufwändig gestaltete Kapelle ist ein herausragendes Zeugnis der lombardischen Architektur des 15. Jahrhunderts. In ihr befinden sich die Grabmäler des Söldnerführers Colleoni (1400–1475) und seiner 1470 mit zwölf Jahren verstorbenen Tochter Medea.

Geschichte Auftraggeber mini|Piero del Pollaiuolo, Porträt des Galeazzo Maria Sforza, 1471, Uffizien Der Condottiere Bartolomeo Colleoni war Capitano Generale der Republik Venedig. Der aus dem niederen Bergamasker Adel stammende Colleoni hatte im Verlauf seines Lebens durch Eroberung, Ankauf und Schenkung Landbesitz erworben, doch seine politische Macht hing von seiner condotta, dem Söldnervertrag mit Venedig, ab. Colleonis Zeitgenosse Francesco Sforza hatte es vom Condottiere zum Herzog von Mailand gebracht. Ihn als Vorbild vor Augen, bemühte sich Colleoni zeitlebens, der Abhängigkeit vom Söldnertum zu entkommen und eine eigene Herrscherlinie zu etablieren. Nach dem Tod Francesco Sforzas 1466 hoffte Colleoni die politischen Unruhen ausnutzen zu können, um das Herzogtum Mailand an sich zu reißen. Doch das erwartete Machtvakuum blieb aus, da Galeazzo Maria Sforza, der Sohn Francescos, das Herzogtum übernehmen konnte. Darum und aufgrund der Rivalitäten zwischen Colleonis Dienstherrin Venedig und dem Herzogtum Mailand standen Colleoni und Galeazzo Maria Sforza in starker Konkurrenz zueinander.

1470 starb Colleonis erstgeborene und Lieblingstochter Medea, 1471 seine Frau Tisbe Martinengo-Colleoni. Dies bedeutete für Colleoni das Aussterben seines Geschlechtes in männlicher Linie, da er acht Töchter und keine männlichen Nachkommen hatte.

Motivation Für das Verständnis frühneuzeitlicher Memorialkultur ist der Begriff der memoria von zentraler Bedeutung. Die Pflege der memoria oblag in erster Linie der Familie. Colleoni war es nicht gelungen, eine eigene Dynastie zu gründen, sodass er die Pflege seiner memoria in Gefahr sah. Zudem war es Colleoni seit dem Frieden von Lodi verwehrt, auf dem Schlachtfeld aktiv zu werden und so seinen Ruhm zu mehren. Eigene Initiativen und der Versuch, aus dem Dienst Venedigs auszuscheiden, schlugen fehl. Dies erklärt die verstärkten Bemühungen Colleonis um repräsentative und kommemorative Patronage in seinen letzten Lebensjahren, wie aus einem 1469 geschlossenen Vertrag des damals 74-Jährigen über die Zusammenarbeit von drei Bildhauern an seinem Grabmal (nicht der Grabkapelle!) hervorgeht.

In den letzten Jahrzehnten vor Colleonis Tod spitzte sich der Konflikt mit Galeazzo Maria Sforza zu: Mailänder Truppen überfielen und plünderten 1469 Colleonis Herrschersitz Malpaga, zwei versuchte Giftanschläge, die Infiltration von Colleonis Hof durch Spione sowie Versuche, Colleonis Vertraute zu korrumpieren und sein Heer abzuwerben, gehen auf die Rechnung des Mailänder Herzogs. 1471 ging der 27-jährige Sforza sogar so weit, den Condottiere Colleoni zu einem „Duell“ aufzufordern, einer Entscheidungsschlacht beider Heerführer in Begleitung von je 1000 Soldaten. Beim Sieg Colleonis hätte dieser die Stadt Imola seinem Territorium hinzufügen können, im Falle einer Niederlage hätte der Mailänder Herzog 100.000 Dukaten und den Leichnam Colleonis erhalten, den er im Mailänder Dom bestattet hätte. Dort hatte Francesco Sforza nach seiner Machtübernahme die Arbeiten an dem Grabmonument seines ehemaligen Kontrahenten Niccolò Piccinino abbrechen lassen und ihn damit sowohl eines Orts des Gedenkens als auch der postumen Ehrung beraubt. Eine gleiche damnatio memoriae beabsichtigte auch Galeazzo Sforza, denn Colleoni sollte in einem schlichten Grab neben Piccinino beigesetzt werden, nicht als Ort des Andenkens an den Verstorbenen, sondern als Demonstration der Überlegenheit der Sforza-Dynastie bei gleichzeitiger Schmähung des Condottiere. Zu dem Duell ist es nie gekommen, da Papst Paul II., besorgt um das instabile Machtverhältnis in Norditalien, den Kontrahenten mit der Exkommunikation drohte.

1471, im Jahr der Duell-Forderung, verfügte Galeazzo Maria Sforza den Bau seiner Grabkapelle. Im Jahr darauf setzte Colleoni ein neues Testament auf, in dem er Titel, Wappen, Namen und Insignien seinen Enkeln vererbte und ebenfalls den Bau einer Grabkapelle verfügte. Der Maßstabssprung vom Grabmal zur Grabkapelle ist also auch als Reaktion auf das Projekt des Mailänder Herzogs zu verstehen. Die Konkurrenten trugen den Konflikt, den sie nicht mehr bewaffnet führen konnten, nun auf dem Gebiet der Kunstpatronage aus.

Wahl des Architekten mini|Giovanni Antonio Amadeo Die künstlerische Konzeption der Kapelle lag in den Händen des lombardischen Architekten und Bildhauers Giovanni Antonio Amadeo. Colleoni hatte Amadeo schon 1471 mit der Gestaltung des Grabes seiner Tochter Medea betraut. Doch die Wahl des zum Zeitpunkt des Auftrags nur 24 Jahre alten Amadeo ist ungewöhnlich, zumal er keine Lehrlinge und wenig Erfahrung mitbrachte – und das bei einer so wichtigen Aufgabe wie einem Mausoleum.

Amadeo war ein aufstrebender junger Künstler, der durch seine Ausbildung in der Solari-Werkstatt an allen größeren Bauaufgaben in der Lombardei mitgewirkt hatte. Er arbeitete unter anderem an der Fassade des Kartäuserklosters in Pavia, dem Prestigeprojekt der Mailänder Herzöge, welches von den Visconti initiiert, dann von den Sforza übernommen worden war. Antonio Amadeo kannte also wie wenige andere die Bild- und Architektursprache der Rivalen Colleonis. Zudem arbeitete Amadeo künstlerisch innovativ, wenn er die in der Solari-Werkstatt gelernte Lokaltradition der lombardischen Gotik mit der Rezeption klassischer Architektur und Skulptur verband. Der Wetteifer mit Galeazzo Sforza trug wohl mit zur Wahl Antonio Amadeos bei. Indem Colleoni ihn für seine Bauaufgabe verpflichtete, hoffte er, seinem Rivalen einen der vielversprechendsten Künstler zu entziehen. So wundert es nicht, dass Galeazzo Sforza versuchte Amadeo zurückzugewinnen, indem er ihn mit prestigeträchtigen Aufträgen bedachte: 1474 wurde Antonio Amadeo die Leitung des Fassadenprojekts in der Kartause in Pavia übertragen, im Folgejahr ein Altarprojekt im Mailänder Dom. Das Tauziehen um die Arbeit des Künstlers endete mit einem Sieg der Mailänder Seite, der dazu führte, dass die Kapelle zum Zeitpunkt von Colleonis Tod nicht fertig gestellt war.Zum Tauziehen um Amadeo siehe

Wenn von Amadeo als dem Architekten der Kapelle gesprochen wird, so sollte man nicht vergessen, dass ein solch komplexes Werk nicht das Werk eines Einzelnen sein kann. Amadeo war wahrscheinlich für die Gesamtkonzeption der Kapellenarchitektur und der Bildprogramme zuständig und hatte die Bauaufsicht inne. Für die Gebäudestruktur dürften die Moroni-Brüder, zwei venezianische Ingenieure, die Verantwortung getragen habe. Auch das Bildprogramm dürfte nicht von Amadeo allein stammen, üblicherweise wurde es im Zusammenspiel von Künstlern, Auftraggebern und humanistisch gebildeten Beratern entworfen.vgl.

Das Testament Colleonis Der Bau der Kapelle war 1471 im Testament Colleonis verfügt und bald darauf begonnen worden. Colleoni setzte im Jahr seines Todes, 1475, ein neues Testament auf, das zwei Tage vor seinem Tod noch durch ein Kodizill erweitert wurde. Neben der Regelung des materiellen und territorialen Erbes setzte Colleoni darin fest, dass die von ihm noch zu Lebzeiten gegründete Stiftung, der Luogo Pio, für die Fertigstellung und dann für die Liturgie in der Grabkapelle zuständig sei.Jeanette Kohl referiert die Dokumente, die im Archiv des Luogo Pio unter den Namen Luogo pii institutio, 1603, Testamentum und Codicillum aufbewahrt werden, siehe Auf diese Weise hoffte Colleoni sicherzustellen, dass seine memoria auch nach dem Ableben seiner Erben gepflegt würde. Die Eigenständigkeit in Finanzierung und Ritus drückt sich architektonisch darin aus, dass die Kapelle baulich nicht in Santa Maria Maggiore eingegliedert ist, sondern sich als autonomer Baukörper neben sie gesellt.

Quellen Die kunsthistorische Forschung zur Kapelle kann auf umfangreiches Quellenmaterial zurückgreifen. Die Briefe des sogenannten Anonimo della Croce, dem Mailänder Spion auf Malpaga, die Galeazzo Maria Sforza minutiös über die Ereignisse am Hof Colleonis unterrichten, geben Hinweise auf den Beginn und die Frühphase des Kapellenbaus.Die Briefe des Anonimo und anderer Spione finden sich in Teilen bei Bortolo Belotti, La Vita di Bartolomeo Colleoni, Bergamo 1923, S. 417ff. Die umfangreichste Sammlung an Dokumenten zur Kapelle ist bei Angelo Meli, Bartolomeo Colleoni nel suo mausoleo. V centenario della fondazione della Pietà, Istituto Bartolomeo Colleoni, Bergamo 1966, S. 202–387 abgedruckt. Anhand von Dokumenten lässt sich die häufige Abwesenheit des Architekten und Bildhauers Amadeo nachweisen.Die Bewegungen Amadeos sind dokumentiert in Richard V. Schofield, Janice Shell, Grazioso Sironi, Giovanni Antonio Amadeo / I documenti, Como 1989. Siehe im Index unter dem Stichpunkt „Viaggi“ (S. 619) und „Bergamo Cappella Colleoni“ (S. 621). Das Testament von 1472 gibt Auskunft über Finanzierung und die liturgischen Verpflichtungen in der Kapelle nach Colleonis Tod. Die Baugeschichte, besonders für die Zeit nach Colleonis Tod, ist durch den Briefwechsel zwischen den Vorstehern des Luogo Pio und den venezianischen Nachlassverwaltern nachvollziehbar, sie dokumentieren den Baufortschritt und das Ringen um Zuständigkeiten.Aufbewahrt im Archiv des Luogo Pio, in Teilen abgedruckt in JoAnn Gitlin Bernstein, Il restauro della Cappella Colleoni. Primi ritrovamenti, in: Arte Lombarda, 92/93 (1990), Appendix. Die Rechnungsbücher des Luogo Pio sind aufschlussreich hinsichtlich der Daten und Kosten der Umgestaltungen und Reparaturen.

Die Bestimmungen für die Begräbnisfeier geben uns Hinweise auf die Größe und die Ausstattung der Prozession, mit der Colleoni 1475 zu Grabe getragen wurde.Aufbewahrt in: Archivio di Stato, Brescia, Territoriale B.2. Bartolomeo Colleoni, f 983. Abgedruckt in Jeanette Kohl, Fama und Virtus. Bartolomeo Colleonis Grabkapelle, Berlin 2004, S. 245–246. Ebenfalls aufschlussreich sind die Grabreden, die neben den Inschriften in der Kapelle und am Grab selbst, einige Hinweise auf mögliche Topoi der Selbstdarstellung geben, die im Bildprogramm der Kapelle behandelt werden,Jeanette Kohl, Fama und Virtus. Bartolomeo Colleonis Grabkapelle, Berlin 2004, Kap. VII.2 behandelt die Grabreden Michele Alberto Carraras und Gulielmo Pajellos. Die Reden selbst sind abgedruckt ebd., Appendix C. ebenso die Lebensbeschreibungen Colleonis.Pietro Spino, Historia della vita et fatti dell’eccellentissimo Capitano di guerra Bertolomeo Coglioni, Venedig 1569; Antonio Cornazzano, Vita di Bartolomeo Colleoni, hg. v. Giuliana Crevatin, Rom 1990.

Baugeschichte Wahl des Ortes mini|Blick von der heutigen Piazza Vecchia (ehem. Platea Nova) nach Süden auf den Palazzo della Ragione. Durch die Bögen der Loggia kann man die Colleoni-Kapelle erkennen. Die Kapelle liegt an der Nordseite der Kirche Santa Maria Maggiore, auf der heutigen Piazza del Duomo und somit im politischen und religiösen Zentrum Bergamos. Die Wahl des Ortes lässt sich aus ihrem bauzeitlichen urbanen Kontext begründen. Der Platz ist umgeben von Santa Maria Maggiore, der Bürgerkirche Bergamos, im Süden, dem Bischofspalast im Westen, der Kathedrale Sant’Alessandro Martire im Osten, und dem Palazzo della Ragione, dem Rathaus, im Norden. Durch die Loggia des Palazzo della Ragione ist die Piazza del Duomo (damals Platea parva S. Vincenti) mit der Piazza Vecchia (damals Platea Nova) verbunden. Colleoni wollte seine Grablege im absoluten Zentrum Bergamos wissen, dort wo kirchliche und weltliche Macht, apostolische und kommunale Repräsentation um ein Ensemble aus zwei Plätzen vereint sind.