mini|Coriolanus von James Caldwell und Gavin Hamilton Coriolanus (engl. The Tragedy of Coriolanus) ist eine Tragödie von William Shakespeare. Das Stück spielt Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Rom und in Antium, der nahegelegenen Hauptstadt der Volsker, und erzählt die Geschichte des römischen Patriziers und Kriegshelden Coriolanus, der sich gegen sein eigenes Volk wendet. Shakespeare hat das Werk vermutlich um 1608 abgeschlossen. Die erste Erwähnung findet sich in dem Eintrag des Stationers’ Register für die First Folio vom 8. November 1623. Die erste bekannte Aufführung war eine Adaption von 1719. Die erste bekannte texttreue Aufführung war eine Produktion von David Garrick vom 11. November 1754 am Drury Lane Theater.

Handlung Handlungsort des Stücks ist das frühe Rom zur Zeit der Einsetzung der Tribunen (Volksvertreter). Die Plebejer empören sich, weil die Patrizier Getreide horten, während das gemeine Volk verhungere. Der Patrizier Menenius schildert ihnen darauf das Gleichnis des Magens, der für den ganzen Körper tätig ist; so sammelten auch die Patrizier Getreide und verteilten es in der ganzen Stadt. Der patrizische General Caius Marcius gibt den Senatsbeschluss bekannt, dass die Plebejer fünf Tribunen wählen dürfen, die ihre Interessen im Staat vertreten. Da verkündet ein Bote, dass der Volksstamm der Volsker gegen Rom in den Krieg treten wolle. Ein Teil des Römerheeres unter Cominius zieht gegen die von Aufidius angeführten Volsker auf das Schlachtfeld, der Rest unter Marcius und Lartius belagert die Volskerstadt Corioli. Im Verlauf der Belagerung wird Marcius allein in der Volskerstadt eingeschlossen, doch kann er das Stadttor öffnen, worauf die Römer Corioli erobern. Der verwundete Marcius eilt nun auf das Schlachtfeld und führt die Römer auch hier zum Sieg – für seine Tapferkeit bei der Stadteroberung erhält er den Namen Coriolanus.

Um Konsul zu werden, tritt der stolze und arrogant wirkende Patrizier Coriolanus nur widerwillig vor das Volk auf Roms Marktplatz, hat aber letztlich Erfolg. Die Tribunen Brutus und Sicinius, die fürchten, dass Coriolanus ihr Amt abschaffen wird, wenn er Konsul wird, überreden die Plebejer, ihre Zustimmung zurückzuziehen. Coriolanus beschimpft daraufhin die Tribunen. Auf dringendes Anraten auch seiner Mutter Volumnia geht er noch einmal auf den Marktplatz, um sich mit den Plebejern zu versöhnen. Doch lässt er sich, von Sicinius provoziert, zu Tiraden gegen die Tribunen und Plebejer hinreißen, die darauf seine Verbannung auf Lebenszeit fordern. Er verlässt Rom freiwillig, nachdem er sich von seiner Frau Virgilia verabschiedet hat.

Coriolanus sucht nun seinen ehemaligen Feind Aufidius auf und verbündet sich mit dem Volskergeneral zum Kampf gegen Rom. Geführt von Coriolanus steht das Volskerheer vor Rom. Vergeblich kommt sein alter Freund Cominius aus der Stadt zu ihm, der sich unbeugsam zeigt. Auch der sprachgewandte Menenius wird fortgeschickt. Da erscheinen überraschend seine Mutter, seine Frau und sein Sohn im Volskerlager. Volumnia kniet vor ihm nieder und bittet ihn um Frieden – darum wissend, dass dies das Ende ihres Sohnes bedeutet. In einer gänzlich unerwarteten Kehrtwendung erklärt sich Coriolanus zum Friedensschluss bereit. In der volskischen Stadt Antium nennt Aufidius daraufhin Coriolanus einen Verräter und Schwächling; wieder lässt sich dieser zu verbalen Attacken hinreißen, worauf die Mitverschworenen des Volskergenerals das Volk gegen den Römer aufhetzen und ihn erstechen.

Literarische Vorlagen und sozio-kulturelle Bezüge mini|Übertragung der Parallelbiographien Plutarchs von Thomas North, 1579 Als Hauptquelle nutzte Shakespeare wie in den anderen Römerdramen Plutarchs Parallelbiographien (um 110 n. Chr.) in der englischen Übersetzung von Sir Thomas North aus dem Jahre 1579; einzig für seine Ausgestaltung der „Fabel von Bauch und Gliedern“ (I,i, 85-152) greift Shakespeare anscheinend zusätzlich auf weitere Versionen dieser Geschichte zurück; allgemein werden hier Anlehnungen an die Darstellung von Livius in Philemon Hollands Übertragung von 1600 und William Camdens Remains of a Greater Work Concerning Britain von 1605 angenommen. In der Fassung Plutarchs wird in der Sage von Coriolanus ebenso wie in anderen Teilen der Parallelbiographien jeweils eine griechische und eine römische Persönlichkeit einander gegenübergestellt; in diesem Fall ist die griechische Entsprechung des Coriolan der athenische Feldherr und Politiker Alkibiades, der sich ebenfalls mit seiner Vaterstadt im Konflikt befand, was Shakespeare wiederum in seiner Tragödie Timon of Athens (um 1607 und 1608) thematisch verarbeitet.Vgl. Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 3. rev. Auflage 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 397. Siehe auch Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare Handbuch. Kröner, 5. rev. Ausgabe, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 516 f. und ebenso Hans-Dieter Gelfert: William Shakespeare in seiner Zeit. C. H. Beck Verlag, München 2014, ISBN 978-3-406-65919-5, S. 377. Siehe ferner Michael Dobson, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, 2. Ausgabe, Oxford 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 241.

In der spezifischen Wortwahl der shakespeareschen Gestaltung der „Fabel vom Bauch“ am Anfang des Dramas sieht Kenneth Muir allerdings in Übereinstimmung mit einem Hinweis von E. A. J. Honigmann neben den Anlehnungen an Plutarch und Livius eher noch stärkere Anklänge an die Fassung in William Averells Werk Meruailos Combat of Contrarieties, das zur Zeit der Spanischen Armada als Warnung gegen Aufruhr veröffentlicht worden war.Vgl. Kenneth Muir: The Sources of Shakespeare's Plays. Methuen & Co., London 1977, S. 238 und 242. Unter Verweis auf die Studien von Andrew Gurr und W. Gorton Zeeveld meint Muir, die im Drama von Menenius vorgetragene Fabel schaffe zudem eine enge Verbindung zu den Hungeraufständen in Mittelengland 1607/1608. Vgl. ebenda, S. 246. Siehe dazu auch Andrew Gurr: William Shakespeare: Coriolanus. Notes, York Press, Longmann Group Limited, Harlow, Essex 1980, Introduction, S. 9. Online zugänglich im Internet Archive . Abgerufen am 8. März 2025. Siehe ebenso W. Gordon Zeeveld: ‘Coriolanus’ and Jacobean Politics. In: The Modern Language Review, Vol. 57, No. 3, 1962, S. 323 und 329 ff. Online zugänglich bei JSTOR doi:10.2307/3721822. Abgerufen am 5. März 2025. Vgl. ferner Roland Lüthi (Hrsg.): William Shakespeare: Coriolanus. Englisch-Deutsche Studienausgabe. Stauffenburg, Tübingen 2001, Kommentar zu I.i, S. 356 f. Lüthi stellt heraus, dass die Fabel, die in verschiedenen Versionen nachgelesen werden konnte, aller Wahrscheinlichkeit nach dem zeitgenössischen Publikum ebenso bekannt gewesen sein dürfte, wie dem ersten Bürger in dem Drama. Shakespeares Verwendung der Fabel enthält allerdings, wie Lüthi betont, seltsame Bezüge, etwa die Senatoren als Magen, statt als Kopf, und ist in gewissen Hinsicht unpassend, wenn nicht sogar zynisch, da Menenius vom Verteilen spricht, obwohl Horten und Wucher als Anschuldigung im Raum stehen. Dieter Mehl sieht darüber hinaus angesichts der Hungersnot der Plebejer in dem Einsatz der Fabel durch Menenius „ein Stück geschickter politischer Manipulation“ sowie einen unmissverständlichen „Zynismus der Beschwichtigung“. Siehe Dieter Mehl: Die Tragödien Shakespeares – Eine Einführung. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1983, S. 219. Vgl. auch E. A. J. Honigmann: Shakespeare: Seven Tragedies - The Dramatist's Manipulation of Response, Macmillan, London et al. 1980, Kapitel 10: The Clarity of ‘Coriolanus’, S. 170–191, hier S. 178 ff. Online zugänglich im Internet Archive . Abgerufen am 10. März 2025.

Nach Erkenntnissen der modernen Geschichtsforschung hat Gnaeus Marcius Coriolanus nie tatsächlich gelebt, sondern von Anfang an lediglich als Sagen- oder Legendenfigur existiert, deren Ursprünge in einer Familienlegende des römischen Geschlechts der Marcier liegen. Die sagenhafte Figur des Coriolanus ist seit der Antike grundverschieden charakterisiert worden: Zum einen wurde er als Held gesehen, der die höchsten Tugenden des alten Rom verkörperte und in dessen Schicksal sich der Undank des Vaterlandes seinem Retter gegenüber äußerte; zum anderen wurde er als überheblicher Verächter und schließlich Verräter seines eigenen Volkes dargestellt.

Offensichtlich war für Shakespeare vor allem der Kontrast zu Marc Anton interessant, dessen Schicksal er um die gleiche Zeit ebenfalls im Rückgriff auf Plutarchs Werk in eine dramatische Form brachte. Die auf der elisabethanischen Bühne zu der Zeit noch unbekannten Ereignisse aus der Frühzeit Roms mit ihren Kriegshelden und den aufrührerischen Volksmassen boten theatralisch mehr Raum als die vorangegangenen Römerdramen. Im Hinblick auf die Thematik, die Struktur und den Stil ist Coriolanus zudem eng mit der teilweise gleichermaßen auf Plutarch zurückgreifenden satirischen Tragödie Timon verwandt, die Shakespeare jedoch nicht vollständig ausgearbeitet hat.

Plutarchs Vorlage für Shakespeares Coriolanus liefert in den Grundzügen neben dem Ablauf des Geschehens bereits den Charakterzwiespalt der Titelfigur, dessen Kardinaltugenden des Mutes und der Tapferkeit (virtus) und der Frömmigkeit (pietas) im Widerstreit mit seiner cholerischen Maßlosigkeit stehen. Außerdem nutzt Shakespeare die Vorlage Plutarchs in der Übertragung von Thomas North mit nur geringen Veränderungen auch für die klimaktische Szene seiner Tragödie, in der Volumnia als Bittstellerin Roms den Zorn ihres zu Unrecht von seiner Vaterstadt verbannten Sohnes abwendet. Gleichermaßen lehnt sich sein Blankvers in zahlreichen Passagen eng an die ausdrucksvolle Prosa von North an.

Trotz dieser Übereinstimmungen wandelt Shakespeare seinen dramatischen Stoff unverkennbar um und proportioniert ihn neu. Er rafft die politischen Vorgänge, die mit Coriolanus’ Schicksal verknüpft sind, richtet sie ganz auf seinen Protagonisten hin aus und macht sie damit überschaubarer und dramatisch wirkungsvoller. Das Geschehen in seinem Drama gliedert er in zwei Handlungsbögen und stellt als Wendepunkt die Kandidatur Coriolanus’ und seine Niederlage bei der Konsulwahl heraus.Vgl. Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare Handbuch. Kröner, 5. rev. Ausgabe, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 516 ff.